7. Oktober 2014

Das Fenster zum Hof – ein Lichtfang? Sophie Paulchen stellt das Monatsgedicht

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

  Sophie Paulchen setzt bei den Monatsgedichten die Metapher Fenster zum Hof |Thema+Foto Das Licht in der Landschaft - Morgengrauen mit erstem Lichtstreif

© Ryan McGuire | gratisography

Eine Sache des Standpunkts oder das reflektierte Licht

„Das Licht in der Landschaft“ lautete das Ausschreibungsmotto für das Oktobergedicht.  Dass gerade ein Fenster zum Hof vielleicht solchen Lichtblick nach außen freigibt, verändert die Perspektive. Mit „(k)einraumlicht“ zielt Sophie Paulchen auf einen inneren Vorstellungsraum. Das neue Monatsgedicht im Oktober reflektiert Licht und relativiert es zugleich.

(k)einraumlicht
.
nicht die größe der zelle
(die kann man sich weit denken)
nicht die kahlen wände
(die kann man bekleben)

auch das schmale bett nicht
(ist es doch eigentlich gedoppelt nur sieht man es nicht)
das einfache essen in einfachen schalen
nicht
(aus jeder zutat ein gang aus jedem gang ein abend)
die gespräche (essenz eines zwischenuns)

das warten die reue schuld monotonie stupiderie
(hinter allem ein irgendwas)

allein das fenster zum hof der streifen himmel
wird nie licht
(du weißt
das auf der insel zwischen den wellen lag)
.
© Sophie Paulchen

Das Licht nahe am Abgrund

Stefan Monhardt wählte als Juror dieser zehnten Projektrunde das Monatsgedicht für Oktober aus. Der in Berlin lebende Autor und Übersetzer – der Schwerpunkt seines literarischen Schaffens liegt auf Lyrik und Essays, darunter auch Beiträge für das Politische Feuilleton des Deutschlandradio – begründet seine Entscheidung für „(k)einraumlicht“ so:

Die Urteilsbegründung von Stefan Monhardt

Negation und Aussparung sind mächtige und damit auch verführerische Instrumente. Welcher vollständige Satz könnte je so viel sagen wie ein an der entscheidenden Stelle abgebrochener Satz? Welcher Grund könnte sich mit einem Abgrund vergleichen?

Schon in seinem Titel setzt das Gedicht „(k)einraumlicht“ etwas – um es zugleich durchzustreichen. Das bescheidene Inventar eines eingeschränkten Raums, einer „zelle“: „die kahlen wände“, „das schmale bett“, „das einfache essen in einfachen schalen“. All das – „nicht“. Der Satz bleibt unvollständig. All diese sichtbaren Beschränkungen sind anscheinend nicht das Entscheidende. Sie können durch das Unsichtbare, das Mögliche und Vorgestellte zumindest neutralisiert werden: Die enge Zelle kann man sich weit denken, die kahlen Wände lassen sich bekleben, aus den Bestandteilen des einfachen Essens formt die Phantasie eine Folge von Gängen. Doch mehr als ein neutrales Grau ist dadurch nicht möglich, es bleiben „das warten die reue schuld monotonie stupiderie“.

Doch wenn all das es nicht ist – was ist dann das Entscheidende? Die letzte Strophe beginnt so, als würde sie die Auflösung geben: „allein das fenster zum hof der streifen himmel“. Einzig das also ist es? Aber der nächste Vers setzt überraschend fort mit einer weiteren Negation – allein das Fenster, der Zugang zum Licht und zum Draußen, wird selbst „nie licht“.

Das Fenster zum Hof als Zugang zu einem Erinnerungsraum

Nun geschieht etwas Erstaunliches. In den letzten beiden eingeklammerten Versen des Gedichts wird plötzlich ein „du“ angesprochen. Dem Leser wird vielleicht erst an dieser Stelle klar, daß im gesamten Text ein „ich“ konsequent ausgespart war: Es entstand nur als der Rand der benannten und imaginierten Gegenstände, als Grenze zwischen Konkretem und Gedachtem. Lediglich in einem flüchtigen „zwischenuns“ tauchte für einen Moment eine Relation zwischen einer ‚ersten’ und einer ‚zweiten’ Person auf.

Jetzt wirft dieses unsichtbare Ich durch das Fenster zum Hof einem unerreichbaren Du in einem anderen Raum und einer anderen Zeit einen Faden zu. Es sind der Raum und die Zeit einer miteinander geteilten Erinnerung. Nur die Genauigkeit dieser Erinnerung – „du weißt“ – verbürgt noch eine einstige Gemeinsamkeit. Das Fenster zum Hof, der Streifen Himmel wird nie „licht“ – jenes Licht, das einst „auf der insel zwischen den wellen lag“. Die rettende Erinnerung wird zu einem Abgrund, der die Gegenwart verschlingt.

Nun habe ich etwas getan, was ich eigentlich gar nicht mag: Ich habe ein Gedicht ‚nachbuchstabiert’ und es damit dauernd vereindeutigt und vereinnahmt. Was ich zeigen wollte, ist nur dies: „(k)einraumlicht“ ist kein selbstverliebtes Spiel mit verführerischen sprachlichen Instrumenten. Es behauptet keinen Abgrund, sondern reißt einen Abgrund auf.

„no excuses“ – Sophie Paulchen hat das tägliche Schreiben im Blick

„meinzeit“ nennt Sophie Paulchen den Raum für ihr Schreiben und hält sich – ob beim #earlypoem, vor allem bei #frapalymo – konstant daran. Was sich hinter diesen beiden Begriffen versteckt, erklärt die Dichterin gleich selbst. Zuvor kommen aber nochmals viele Glückwünsche für Dich, liebe Sophie! Viel Erfolg – auch im November beim bald wieder anstehenden #frapalymo.

als gewünscht noch mit wahrheitsgemäß enddreißigerin blogge ich informatives, gedichte und prosastücke, twittere jeden morgen ein #earlypoem sowie weitere verdichtete texte. im november 2011 habe ich „frau paulchens lyrik monat“ (oder kurz #frapalymo) im web initiiert und dabei zu „30 tagen, 30 gedichte, no excuses“ aufgerufen. seit dem ersten gehversuch schreitet der #frapalymo mit zunehmender resonanz und wachsender mitdichterschaft voran – zuletzt im mai 2014 mit rund zwanzig dichtern und mehr als 500 gedichten in 30 tagen. eine tolle erfahrung und ein nichtmehrmissenwollen.

eine eigenständige publikation oder ein abdruck in einer literaturzeitschrift ist bislang nicht erfolgt. eine „fragmentpublikation“ befindet sich jedoch in arbeit und sucht mit mir den anderen weg. neben der lyrik konzentriere ich mich auf mein ausstellungskonzept und auf kurzprosa. schreiben ist für mich vor allem der versuch, das „zwischen“ zu erforschen und ihm raum zu geben.

www.paulchenbloggt.de | auf Twitter: @FrauPaulchen

Hier finden Sie weitere Monatsgedichte:


9. September 2014

Lyrische Flaschenpost – „ungewiss Wünschbares“ von Katja Vogel

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Monatsgedicht im September - Lyrische Flaschenpost - Foto Flasche in weißem Dünensand

© drubig-photo | Fotolia

Eine lyrische Flaschenpost, deren Botschaft die Suche nach sich selbst beinhaltet

Das Aufkommen der Flaschenpost ist im vergangenen Monat deutlich gestiegen :-) Ob wirklich alle Botschaften aus den Weltmeeren ins Netz gingen oder an den Strand gespült wurden, bleibt zwar fraglich. Doch die – dem Thema für das Monatsgedicht im September entsprechende – lyrische Flaschenpost gelangte ans Ziel. Katja Vogels Gedicht war dabei und ist Favorit dieser Runde.

Liebe Katja Vogel, herzlichen Glückwunsch zum Monatsgedicht im September! Ich freue mich sehr!

ungewiss Wünschbares
.
… wenn ich ankäme, einmal, vielleicht mit dem Duft der Mandelblüte,

oder: mich in den verlässlichen Stelzen,
dem dichten Geflecht der Mangroven verhakte,

oder: das Schweben der dicht gedrängten Quallen störte,
dort im Yachthafen der Förde, wenn ich gläsern wie sie,
dem Gewässer lichte Struktur gäbe,

oder: klirrend gegen Eisschollen triebe, einmal vielleicht,
und den Tangduft atmete, den Fischgeruch des Sandes
oder den Atem eines betrunkenen Geliebten
der See, vielleicht käme ich an, einmal, verfinge
unter Pfahlbauten, die pazifische Landstriche säumen,

oder: schleuderte ein Sturm mich an die Küste eines
unbegangenen Landes, im Unzugänglichen geschützt, vielleicht,
dass es das noch gibt am letzten Zipfel eines Kontinents,
auslaufend in bizarren Gebirgen,

oder: spiegelte ich Lichter einer Hafenstadt, gesäumt von Brigg,
Frachtkahn, Mackerboot, hin schaukelnd zwischen Dalben,

angenippt von Fischmäulern dort oder anderswo, vielleicht einmal, käme ich an …
.
© Katja Vogel

Katja Vogels Monatsgedicht im September – eine unbestimmte „Reise als Metapher des Lebens“

Die Auswahl für das Monatsgedicht im September traf die Autorin, Redakteurin und Herausgeberin Francisca Ricinski. Sie besorgte u.a. die im Sommer erschienene 43. Ausgabe des „Dichtungsring“ und ist auch für Heft 44 und den dazugehörigen Literaturwettbewerb mitverantwortlich, dessen Jury sie angehörte.

Francisca Ricinski begründet ihre Favoritenentscheidung

Ungewiss Wünschbares. Noch nichts vollzogen, alles im Konjunktiv. Die Unschärfe beginnt schon im Titel. Nichts wird genau gesagt, kein Hinweis auf irgendeine Jahres- und Tageszeit oder auf den Ausgangsort dieser breiten, melancholischen Tempi einer Rhapsodie, auf das vorher Geschehene und vor allem auf die Person. Als handelte es sich um die Fortsetzung einer Reise, und zwar in dem Augenblick, als das Wünschbare – auch wenn immer noch ungewiss – sich doch etwas deutlicher übersetzen lässt. Die Reise als Metapher des Lebens …

Die sinnbildliche Suchreise nach dem Selbst

Die Sehnsucht nach Veränderung und vielfacher Verwandlung scheint sie zu überfahren (wenigstens hier besteht kein Zweifel, dass eine sie ihre Träume und Wünsche in die Welt schickt). Stets unschlüssig, daher fortwährend, tauscht sie mental ihren statischen Sitz im Leben gegen abgeschiedene, fernste Naturecken, wo winziges oder großes, elementares Leben pulsiert. Ob die Sprechende sich selbst als unscheinbare, lichtbringende Flaschenpost sieht, die auf den Weltmeeren und Flüssen kreuzt, oder nur ihre Botschaft, alles wird diffus und keineswegs programmatisch gehalten, als wenn sich Sender und Sendung – Subjekt und Objekt – nicht mehr abgrenzen ließen. In solcher absichtlichen Ambiguität bzw. Ambivalenz liegt der eigentliche Reiz dieser lyrischen Komposition. Aus einem eindringlichen Verlangen heraus, sich neu zu entdecken und zu positionieren, „endlich anzukommen“ tritt sie diese sinnbildliche Suchreise nach ihrem Selbst und ihrer Bestimmung an, nicht ohne Hoffnung auf Geborgenheit und wohltuende Berührungen, und letztlich auf eine andere Daseinsform und Vereinigung mit der umgebenden Materie.

Die Rolle des abbrechenden Oder

Vor unserem inneren Auge rotieren wie in einem kindlichen Kaleidoskop wunderbare Farben und Formen. Aber genau so schnell lösen sie sich auf, durch das launige Wirken eines einzigen Wortes: Oder. Mal beschleunigt diese Konjunktion das Tempo des Gedichts, mal verlangsamt sie es, je nach Stimmung und Wunsch. Anderenorts verweilt die Wanderin noch kürzer, wechselt die Richtung oder lässt sich von neuen Strömungen ihrer Fantasie und Empfindsamkeit führen.

Wie eine Sandmalerin geht sie dann mit ihrer Hand darüber und löscht Stationen und Bilder aus, als fürchte sie sich vor zu viel Schönheit oder vor dem, was sich dahinter verbergen könnte. Einmal, vielleicht mit dem Duft der Mandelblüte [ankommend] und … dort oder anderswo, vielleicht einmal, käme ich an … Die letzte Zeile ist nicht zufällig die längste. Der Leser trifft quasi auf die gleichen Wörter wie im ersten Vers, nur in einer anderen Disposition oder Form, und das reicht schon, um eine leichte Nuancenverschiebung festzustellen: Anfangs noch das Präludium einer versprechenden Reise, am Ende die Ahnung des Unerfüllbaren.

Wahrnehmungsebenen wirken ineinander

Das abbrechende Oder taucht (ähnlich wie bei Wolfgang Borchert in Laternentraum) wiederholt auf, jede vorangegangene Aussage in Frage stellend, aber dieser effektvolle Spontaneitätseindruck täuscht. Das Gedicht hat eine durchdachte Struktur und vor allem komplexe Mischklänge, die unterschiedliche Wahrnehmungsebenen zugleich zum Schwingen bringen.

Im Schreiben „sehend werden“ – Katja Vogel gibt Auskunft über sich und ihr literarisches Schaffen

Die Zeilen Katja Vogels ergänzen nicht nur Francisca Ricinskis Textanalyse und Urteilsbegründung, sondern sie lassen Gedicht, die Deutung der Jurorin und die eigene Sicht der Autorin zu einem „Dreiklang“ werden:

Geboren wurde ich 1972 in Heitersheim, Baden-Württemberg. Nach Studien- und Ausbildungsjahren in Freiburg, Berlin, Heidelberg und Ludwigsburg lebe ich in Freiburg im Breisgau, wo ich als Fachkraft in der ambulanten Pflege tätig bin.
.
Bisher liegen Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften vor (Der Dreischneuss, Dichtungsring). Im August 2014 wurde mir ein mehrmonatiges Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg für ein Prosa-Projekt zuerkannt. „In der Darstellung von zerfransenden Entwürfen soll nach einer (möglicherweise fragwürdig gewordenen) Würde gesucht werden. Im Namenlosen, in einsamen Augenblicken des Verschwindens ist sie aufzuspüren – bedroht, geleugnet, preisgegeben oder auf unscheinbare Weise behauptet – als unzerstörbarer Nukleus der Existenz.“ [Aus dem Exposé]
.
Das ist letztlich der Grund, der mich zum Schreiben veranlasst – sei es Prosa oder Gedicht: wissend, in einer zerbrechlichen Welt zerbrechliche Geschichte mit-leben zu müssen, verletzbar, vorläufig, aber auch stark und voller – zum Teil verborgener – Würde und Geheimnis. Dem möchte ich sprachlich Ausdruck verleihen. Schreiben heißt für mich: sehend werden.

 


10. August 2014

Ein „Dinggedicht“ ist im August Favorit

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Dinggedicht als Thema beim Projekt Monatsgedichte Blick suf ein buntes Kettenkarussell

© ctr | freeimages

Marlies Blauth gewinnt mit ihrem besonderen Dinggedicht atomkraftwerk beim Projekt Monatsgedichte

Rainer Maria Rilkes Dinggedicht „Das Karussell“ gehört zu den bekannten Beispielen dieser lyrischen Gattung. Doch hat ein Dinggedicht in unserer Zeit noch Bestand? Richard Mayr, Juror für das Monatsgedicht im August, geht dieser Frage nach. Er spricht Marlies Blauths  moderner Version den Lorbeerkranz zu. Mit „atomkraftwerk“ hat die Künstlerin und Lyrikerin dem Dinggedicht eine neue Ausrichtung gegeben.

atomkraftwerk
.
.
überall
streift dich dieser schatten
aus beton.
nein –
der reißt nie
sagt man.
aber hinter den zäunen
der eingemauerte gott
ist alt geworden.
an manchen tagen
regiert er mit zitternder hand.
.
.
© Marlies Blauth

Richard Mayr, Kulturredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung – als Literaturkritiker auch selbst Autor – kommt zu folgendem Urteil:

„Eine technisch geprägte Ding-Welt“ – Richard Mayrs Urteilsbegründung

Dinggedichte gehören zu einer schwierigen, vielleicht auch aussterbenden lyrischen Form. Die Dinge sprechen zu uns heutigen anders, als noch vor 100 oder vor 200 Jahren, als sie Lyriker inspirierten. Unsere Ding-Welt ist technisch geprägt, in ihr verbirgt sich der Ingenieursgeist. Diesen Geist lyrisch zu bergen, dort mit Worten hinabzureichen, fällt den Dichtern, fällt der Dichtung schwer. Je moderner die Technik wird, desto rätselhafter, desto verborgener, desto spezieller ist sie. Unsere Ding-Welt will sich der Sprache entziehen.

Die Technik als Thema im Dinggedicht

Genau dort müssten moderne Ding-Gedichte die Sprache hintragen. Eines der eingereichten Ding-Gedichte geht diesen Weg. Es stellt ein Groß-Ding, ein Symbol-Ding in den Mittelpunkt. Es ist „atomkraftwerk“ betitelt. Der Weg, der nun beschritten wird, führt nicht ins technische Innenleben hinein, sondern daran vorbei. Ein „Schatten aus Beton“ versperrt den Blick. Damit steht das Atomkraftwerk auch sinnbildlich für die meisten unserer technischen Gerätschaften. Und das wache, betrachtende Auge wird beschwichtigt und gleichzeitig ermutigt. Der Schatten reißt nicht. Dort, wo die Gefahr verortet wird, muss es nicht hinblicken. Alles ist in Ordnung. Und dann springt das Gedicht. Sagt es doch, was hinter dem Schatten aus Beton, hinter den Zäunen eingesperrt ist. Ein eingemauerter Gott, der alt geworden ist. Und wir stellen uns diesen Gott nicht freundlich vor. Welcher Gott freut sich schon, wenn er anstelle eines Tempels in einer Bunker-ähnlichen Anlage verwahrt wird.

Das Dinggedicht als Experiment

Die Technik bekommt an dieser Stelle göttliche Kräfte zugesprochen. Es ist der stärkste Moment des Gedichts. Ein Gedanke bricht ein, der nicht abwegig ist. Die moderne Technik ist weit in göttliche Sphären eingedrungen. Sie ist dafür da, die großen Menschheitsprobleme qua Fortschritt zu lösen.
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So weit die Ahnung in diesem Gedicht trug, die letzten beiden Verse trüben den Eindruck. Dunkelheit fällt nun dorthin, wo davor Klarheit war. Der eingemauerte Gott soll einer sein, der an manchen Tagen mit zitternder Hand regiert. Ist er böse? Vernichtet er dann die Menschen? Schickt er seine Becquerel-Einheiten dann aus? Wofür steht dann dieser Gott? Nur Ahnungen bleiben und eben der Eindruck, dass dieses Ding-Gedicht im Trüben endet.
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Trotzdem: Es war derjenige Versuch, den fernsten Ort der technischen Ding-Welt aufzusuchen. Deshalb gebührt ihm der Lorbeer.

In mehreren Künsten zuhause – Marlies Blauths „Zusammenschau“ und Vita

Die Siegerin beim Thema „Dinggedicht“ ist schon bei einem Monatsgedicht früherer Serie vertreten. Ihr Beitrag zu den „Nachtgedanken“ im Dezember 2011 hatte ein Schattenthema anderer Art behandelt. – Zum neuen Gewinn, Marlies, herzliche Glückwünsche!
Vita und Statement der Lyrikerin zeigen, dass Marlies Blauth nicht nur in der Wortkunst zuhause ist und ihre Impulse aus allen Sparten künstlerischen Schaffens empfängt:

Marlies Blauth (*1957 in Dortmund) studierte bei Anna Oppermann, Wil Sensen und Bazon Brock an der Universität Wuppertal (1981 Staatsexamen Kunst/ Biologie; 1988 Diplom Kommunikationsdesign), einige Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Rainer K. Wick (Forschungsschwerpunkt: Bauhaus), bis 2011 Lehrbeauftragte für Grundlagen der Gestaltung und Freie Grafik
Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, Themenbereiche Mensch – Natur – Metamorphosen / Zeit – Spiritualität
Seit 2006 literarische Beiträge in Anthologien und Zeitschriften, u. a. in verschiedenen Jahrgängen der Versnetze (Hrsg. Axel Kutsch), mehrere regionale Auszeichnungen (z. B. Dorstener Lyrikpreis 2013)

Nachtrag: 2015 erschien der Lyrikband zarte takte tröpfelt die zeit (Nordpark Verlag, Wuppertal), 2017 Dornröschenhaus (Athena-Verlag, Oberhausen). Inzwischen ist Marlies Blauth auch Mitglied bei der GEDOK (Bildende Kunst und Literatur).

Nicht nur in der Kunst, auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit verankert

„Mein Vater war Musiker, ich wuchs mit täglichen Klängen auf, und die Berührung mit lyrischen Texten war selbstverständlich. Beeinflusst hat mich andererseits auch das Leben in einer Region, die sich damals durch Bergbau und Stahlproduktion definierte, deren Kultur, inmitten von so rauen wie herzensguten Menschen, immer am Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit festhielt. Mein interdisziplinär-künstlerisches Empfinden und Denken wurde mir gleichsam in die Wiege gelegt, weil ich Synästhetikerin bin; später wurde es innerhalb meines Studiums verfeinert und vertieft. Visuelle und verbale Äußerungen sind in meiner Arbeit vielfach verbunden; ich finde es immer wieder reizvoll, mit bekannten, ja alltäglichen Mitteln neue Zusammenhänge zu schaffen und auf diese Weise zu ent-decken. Dass ein Gedicht die Worte, die wir sprechen, auf seine unnachahmliche Weise nuanciert, erstaunt und begeistert mich ständig.“
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Unter KUNST | Marlies Blauth, dem Blog der Lyrikerin und Künstlerin, finden Sie zahlreiche Bilder und weitere Texte.