Die Spielart der Liebe – in der Dichtung immer aktuell: Lyrik-Baustein 11

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Liebesgedichte und Liebeskonzept, als Liebesmotiv und Sinnbild im Foto ein gruenes Herz aus Grashalm auf Holz-Unterlage gebogen|Fotolia

© Marina Lohrbach | Fotolia

Liebesgedichte – durch die Jahrhunderte hindurch lebendig

Welche Liebesgedichte fallen Ihnen spontan ein? Vielleicht Salomos Hohelied mit seinen erotischen Versen? Denken Sie an Sappho und ihre sehnsuchtsvolle Klage? Oder an die von Petrarca besungene Laura, unnahbar in ihrer Idealisierung? Himmelsmacht, Leidenschaft und sexuelles Begehren, romantische Innigkeit und Treueschwur: Die Liebe hat auch im Gedicht zahlreiche Gesichter. Nicht zu vergessen ihre Schattenseiten: Trennung, Herzschmerz, ungestilltes Verlangen.

Du bist mîn, ich bin dîn [1], so beginnt ein Fünfzeiler aus dem 12. Jahrhundert. Er galt lange Zeit als eines der ältesten Liebesgedichte in deutscher Sprache. Das ursprüngliche Bild des verlorenen Schlüssels, der das geliebte Du auf Lebenszeit als Schatz im Herzen einschließt, inspiriert noch heute Dichter, wenn auch unter anderen Vorzeichen:

Ehepaar

in seiner Brust
Käfig in dem sie liegt
in seiner Hand
der Schlüssel
in ihrer Brust
Glastresor in dem er steht
in seinem Kopf
der Code

Bernd Jaeger, *1948 [2]

Im Naturbild getarnt

Die Liebesdichtung macht den größten Anteil an der deutschsprachigen Lyrik aus. Nicht selten verschwimmen dabei die Grenzen zum Naturgedicht, dessen poetische Bilder – seien es Jahreszeit, Landschaft oder Sternenhimmel – einer (über)mächtigen Liebeserfahrung weiten Raum geben. Sie veranschaulichen nicht nur, wie es um die Innenwelt des lyrischen Ich bestellt ist, sondern tarnen häufig auch die sexuelle Anspielung. Goethes Heidenröslein ist dafür ein Beispiel: […]Und der wilde Knabe brach/ ’s Röslein auf der Heiden. […]. [3]

Eduard Mörikes lyrischer Sprecher bekundet ebenfalls sein Verlangen mit dem Hinweis auf die weibliche Körperlandschaft: meiner Liebe Thal [4]. Symbol, Metapher und Allegorie begründen in den Texten eine zweite Sinnschicht, ohne dass das Naturbild außer Kraft gesetzt wird.

„Zwei Segel“ als Liebesmotiv

Conrad Ferdinand Meyer feilte lange an seinen Gedichten, so auch an Zwei Segel. Zwölf Jahre liegen zwischen den ersten Entwürfen und der Endfassung von 1882. Nach weiteren zehn Jahren, erst 1892 veröffentlichte Meyer diese Version in seiner Gedichtsammlung unter der Rubrik Liebe.

Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Conrad Ferdinand Meyer, 1825-1898 [5]

Durch kunstvolle Gestaltung zur Mehrdeutigkeit

Die Segel sind Sinnbild tiefer menschlicher Verbundenheit. Das Schlusswort Gesell – als eine Art Anagramm zu Segel – besiegelt diese Sicht, die der Dichter in den drei Strophen kunstvoll entwickelt. [6]

  • Die vier Anfangszeilen geben den Blick auf eine Idylle frei. Die beiden parallel gebauten Verspaare sind im Kreuzreim mit abwechselnd weiblichem und männlichem Ausklang verflochten. Während in Zeile eins und drei die hellen e-Laute überwiegen, verdunkelt das u Vers zwei und vier.
  • In der Mittelstrophe kommt Bewegung auf: Fünf w-Alliterationen verschmelzen die Zeilen im Klang. Zugleich wird aus den beiden parallel gesetzten Ausrufen in Strophe eins ein Vergleichssatz, der das konkrete Bild der vom Wind gewölbten Segel zur seelischen Empfindung und Erregung steigert. Mit diesem Bild als Liebesmotiv öffnet sich eine zweite Sinnebene.
  • Die Verben in Strophe drei zeigen – in Form der Personifikation – menschliche Handlungen an. Wiederum in zwei parallelen Einheiten führt der Bedingungssatz zum harmonischen Austausch des einen mit dem andern, pointiert im abschließenden Wandel von Segel zu Gesell.

Vom Liebesmotiv zum Liebeskonzept

Sowohl Bernd Jaeger als auch Conrad Ferdinand Meyer rücken die Beziehung zweier Menschen (Stichwort: ‚enger‘ Liebesbegriff) [7] ins Zentrum. Beide orientieren sich in ihrer Bildsprache an realistischen Gegebenheiten und verzichten auf ein lyrisches Ich, das Einblick in sein aufgewühltes Seelenleben gewährt.

Während Jaeger jedoch eine gescheiterte, auf Symbiose und Besitzanspruch reduzierte Partnerschaft vermittelt, zeichnet Meyer gut hundert Jahre früher eine harmonische Ehe, die auf das stille Glück vertraut und sich „in die Ordnungsvorstellungen des Bürgertums im 19. Jahrhundert einfügt.“ [8] Das gegensätzliche Liebeskonzept, das der einengenden Beziehung hier, der innigen Verbundenheit da zugrunde liegt, gibt über den individuellen Gestaltungswillen des Dichters hinaus auch Auskunft über den jeweiligen Zeitgeist.

Liebe im imaginären Raum

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

Else Lasker-Schüler, 1869-1945 [9]

Das Liebesgedicht von Else Lasker-Schüler reflektiert eine tiefe Seelenbindung, die allerdings nur in einen wirklichkeitsfernen Raum bestehen kann. Die Liebe wird wie in den Vorstellungen der Romantiker zur universalen Kraft, die die irdische Realität übersteigt. (Stichwort: ‚weiter‘ Liebesbegriff) [10].

  • Die Anrede an das Du setzt mit einem Zitat aus dem Hohelied ein (Zeile eins). Die Seelen als liebende Teile kommen sich in jeder Strophe näher.
  • Gleichzeitig mit dem anwachsenden und bunter werdenden Teppich nehmen neue Wortbildungen zu: Sie erwecken den Eindruck sich verdichtender Seelenfäden. Auch Lasker-Schüler dreht das Titelwort: Wird so aus dem Tibetteppich ein mystischer Raum (Teppichtibet), der den Liebenden ein höheres Sein schenkt?
  • Die direkte Frage an den Geliebten ist Höhepunkt und zugleich Gefährdung, die sich im vorletzten Vers durch den auffälligen Zeilensprung und die Assonanz ankündigt: Der Wunsch nach körperlicher Berührung zerstört die Utopie einer mystischen Seelenverbindung.

Die Frage nach der Liebe neu gefasst

Wie steht es um die moderne und zeitgenössische Liebesdichtung? Veränderte Geschlechterrollen, die Entfremdung in Massengesellschaft, Technik und Digitalisierung mischen sich ins Liebesrepertoire. Neuronengewitter oder Endorphine sorgen für ungewohnte Motive.

Fragmentierung und Liebesverlust entsprechen dem lyrischen Ich. Eine im romantischen Geist erfüllte Liebe ist passé. Doch anstatt darüber Klagen anzustimmen, fordert Monika Rinck zur Überprüfung alter Liebeskonzepte auf: ich will nichts von dem was ich schon kenne! Folgen Sie ihrem Aufruf:

gefühle an fenstern

supplementäre sehnsucht findet dann statt
wenn sehnsucht dasjenige hinzufügt
was auch der erfüllung, so es sie gäbe, fehlte.
wie abends am fenster im durchmischten licht
das unbekannte mit dem absoluten sich knüpft
und die ferne sich auflöst ins weite. ich rufe:
ich will nichts von dem was ich schon kenne!
ansonsten gibt es kalte einsamkeiten
so wie es in pariser restaurants kaltes huhn gibt.

Monika Rinck, *1969 [11]

Anmerkungen:

[1] Anonym: Du bist mîn, ich bin dîn. In: Deutsche Literatur des Mittelalters. Ausstellungskatalog Bayerische Staatsbibliothek. München 2003. S. 34 f.
[2] Jaeger, Bernd: Ehepaar. In: Gnüg, Hiltrud (Hg.): Nichts ist versprochen. Reclam 2003. S. 122
[3] Goethe, Johann Wolfgang: Heidenröschen. In: Wunderlich, Heinke (Hg.): Diese Rose pflück ich dir. Reclam 2001. S. 37
[4] Mörike, Eduard: Zu viel. In: Mayer, Georg Marianus: Eduard Mörike – der „aufgelegte Schweinigel“ […]. Gregor M. Mayer 1989. S. 300
[5 ] Meyer, Conrad Ferdinand: Zwei Segel. In: Conrady, Karl Otto (Hg.): Der neue Conrady. Das Buch deutscher Gedichte. Artemis & Winkler 2008. S. 501

[6] Vgl. Ott, Günter: Die Liebe kommt in Fahrt. In: Augsburger Allgemeine vom 01.10.2013 und
Binneberg, Kurt: Liebeslyrik. Klett 2007. S. 51 ff.
[7] Ebenda S. 7
[8] Ebenda S. 58
[9] Lasker-Schüler, Else: Ein alter Tibetteppich. In: Die Gedichte 1902-1943. Suhrkamp 1997. S. 164
[10] Binneberg, Kurt: Liebeslyrik. S. 7
[11] Rinck, Monika: gefühle an fenstern. In: Verzückte Distanzen. Gedichte. Zu Klampen 2013. S. 27

Dieser Artikel ist unter dem Titel „Mit der Liebe durch die Jahrhunderte“ in der „Federwelt“ (Nr. 141 April / Mai 2020) erschienen.

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Johann Wolfgang Goethe – Der Dichter und die Frauen, der Tragödie zweiter Teil

Von Günter Ott

Johann-Wolfgang-Goethe-mit-Friederike-Brion-auf-lauschiger-Bank-in Sesenheim-nach-Dichtung-und-Wahrheit-

Johann Wolfgang Goethe und Friederike Brion beim Stelldichein auf der Bank „Friederikens Ruhe“
(Ausschnitt) – Wikimedia CC BY 2.0 Fondo Antiguo de la Biblioteca de la Universidad de Sevilla

Der junge Goethe – von Friederike Brion hingerissen

Im Oktober 1770 reitet Johann Wolfgang Goethe mit seinem Studienfreund Friedrich Leopold Weyland erstmals von Straßburg nach Sesenheim, zu Pferd eine Strecke von rund sechs Stunden. Weyland wusste um den gastlichen Pfarrhof dort, um den protestantischen Landpfarrer und seine Lieben. Der junge Jurastudent Goethe, wie sein Tischgenosse Weyland Possen und Maskeraden nicht abgeneigt, führt sich in Sesenheim inkognito ein – als ärmlicher Theologe, verkleidet, das Haar umfrisiert. Und dann kommt sie: Friederike Brion. Goethe ist von ihrer Anmut hingerissen: „… da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf“. Als der Dichter sich später zu erkennen gibt, sagt Friederike: „Garstiger Mensch, wie erschrecken Sie mich!“

So könnte es gewesen sein. So hat womöglich eine intensive Beziehung begonnen. Sie zog huldigende Briefe nach sich, mehr noch: Sie setzte um- stürzende Gedichte mit einem neuen Seelenton, einem alle Rokokotändelei lassenden Naturerleben, einer himmelhoch fliegenden Liebeskraft in Gang.

Willkomm(en) und Abschied – das Drama einer kurzen Liebe

Über die Intimität jener folgenreichen Begegnung kann nur spekuliert werden. Verblüffend ist das frühe Ende. Diese Liebe endete im Sommer 1771 so abrupt, wie sie im Herbst 1770 verheißungsvoll begonnen hatte. Johann Wolfgang Goethe und die drei Jahre jüngere Friederike, das heißt nichts anderes als „Willkomm und Abschied“.

Unter diesen (in der Überlieferung wechselnden) Titel eines der berühmtesten Gedichte der Sesenheimer Lieder hat der Literaturwissenschaftler Helmut Koopmann sein Buch [Amazon-Partnerlink] gestellt. Die losstürmenden Verse imaginieren den nächtlichen Ritt zur Geliebten: „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde / Und fort! wild, wie ein Held zur Schlacht …“. Sie sprechen alsbald, gedrängt in eine Zeile, von „Wonne“ und von „Schmerz“.

Koopmann hat schon einmal in seinem Band „Goethe und Frau von Stein“ [Amazon-Partnerlink] die Geschichte einer Goethe-Liebe im lebendigen Strich nachgezeichnet  Das Muster von Liebe und Verrat bricht immer wieder auf im Leben und Schreiben des Dichters.

Die Zeit in Sesenheim – Briefe und Jugenderinnerungen dienen als Quelle der Spurensuche

Koopmann stützt seine biografische Goethe-Erkundung, die freilich vom Erlebniskern Sesenheim aus vielfältig und gründlich auf das lyrische und dramatische Werk ausstrahlt, vor allem auf Briefe Goethes und auf dessen Konfession „Dichtung und Wahrheit“. Das sind natürlich keine Dokumente, sondern Stilisierungen, Überhöhungen, Selbstrechtfertigungen, eben auch inszenierte Rollenspiele.

Wie war es nun wirklich mit Goethe und Friederike? Das bleibt weithin Spekulation. Entsprechend muss Koopmann vieles infrage stellen und offen lassen. Und doch gelingt ihm aus souveräner Quellennähe ein sehr anschauliches, flüssig geschriebenes, ergiebiges Buch, zumal für Goethianer fern germanistischer Fachkreise.

Das Buch geht über Sesenheim weit hinaus. Es zielt auf die Dauerspannung zwischen Liebhaber und Poeten. Johann Wolfgang Goethe rettete vieles von dem, was ihn beflügelte und was ihn quälte, ins Werk. Er brachte sich dadurch ein Stück weit selbst vor der Wirklichkeit in Sicherheit. Bei allem Gefühls- und Sprachüberschwang – „Wie herrlich leuchtet / Mir die Natur!“ – sind, so Koopmann, die Sesenheimer Lieder keine Erlebnislyrik, sondern Sprachspiele rund um Natur, Gefühl und Empfindung, – motiviert unter anderem durch Johann Gottfried Herder.

Ein von Widersprüchen und Selbstzweifeln geplagter Dichter

Goethe tritt bei all seinem „Kaltsinn“ keineswegs als der souveräne Regisseur seiner Liebschaften auf. Er erscheint vielmehr als widersprüchlicher, leidender, ja selbstquälerischer Mann, den zumal hinsichtlich seines dichterischen Vermögens Selbstzweifel plagen. Das beginnt längst vor Sesenheim. Koopmann setzt ein mit dem „Vorspiel in Leipzig“, Goethes erster schmerzlicher Liebeserfahrung mit der Leipziger Gastwirtstochter Anna Katharina Schönkopf.

Das Thema des Liebesverrats zieht Kreise – vom jungen Goethe bis zu den Figuren des Weislingen im „Götz“, bis zu Clavigo und ins „Faust“-Drama. Koopmann endet seine Spurensuche bei Friederike. Sie habe, so ihre Schwester Sophie, im Jahr 1813 „abgelebt, ohne zu altern“. Ihr hatte sich übrigens – nach Johann Wolfgang Goethe – ein neuer Liebhaber und Dichter angedient, der selbst zur literarischen Figur werden sollte: Jakob Michael Reinhold Lenz.

Günter Ott leitete das Feuilleton der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.

 

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