Vom Gedicht zur Lecture Performance | Ein Gespräch mit Sonja Schierbaum

Porträtfoto Sonja Schierbaum Foto: Carmen Oberst

Sonja Schierbaum | Foto: Carmen Oberst

Poetisches Denken als Schnittstelle von Dichtung und Philosophie

„ich habe heute mittag mein denken gesehen“. Mit dieser Beobachtung beginnt die Selbstreflexion des lyrischen Ich in einem Gedicht Monika Rincks. Wie sehr die Gegenwartslyrik dabei auf Philosophie und Wissenschaft baut, zeigt Christian Metz in seinem Buch „Poetisch Denken“. Wir besitzen riesige Archive und Datenbanken. Aber erst, wenn wir Fundstücke aus diesen Wissensarchiven in Versuch und Irrtum anders kombinieren, werden sie wieder zu beweglicher Information. In diesem Experimentierfeld – auch lyrischer Texte – schüttelt es unser Denken durcheinander und „Unbegriffenes“ kommt in den Blick.

Sonja Schierbaum ist Philosophin und Autorin, die sich mit verschiedenen Wegen des Denkens auseinandersetzt. Sie studierte Philosophie, Ethnologie sowie Kunstgeschichte in Hamburg und wurde 2012 in Philosophie promoviert. Seitdem lehrt sie an verschiedenen Universitäten (Humboldt-Universität Berlin, dann Universität Hamburg) und hält auf internationalen Konferenzen Vorträge und Workshops. Derzeit leitet sie die Emmy Noether Gruppe „Praktische Gründe vor Kant (1720-1780)“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Neben zahlreicher Fachliteratur veröffentlichte Sonja Schierbaum das Theaterstück „Das Gespenst der Archivarin“, ihre Gedichte sind in Anthologien und Zeitschriften („Torso“) erschienen. In ihren „Lecture Performances“ verbindet die Autorin philosophische Fragestellungen mit Multimedia-Installationen und Debattierkunst.

 

Zufall

das Messer ritzt
eine Karte ins Brett

so wachsen die Linien

auf der
den Dingen des täglichen Gebrauchs
abgewandten Seite

der Hand

wer meint, sie zu lesen
glaubt auch nicht an den
Zufall
………- – etwa der Sterne wegen?
(du lachst)

gib acht,
wenn du ihnen das
Brot schneidest

gib acht

© Sonja Schierbaum

 

„Ich denke, also bin ich“ –

Selbstbezug und Selbstwissen – dieses Thema gehört zu Deinen Forschungsschwerpunkten. Was reizt Dich, auf mittelalterliche oder noch ältere Denker zurückzugehen? Also auf Positionen vor Descartes’ berühmten „Cogito, ergo sum.“ (Ich denke, also bin ich)? 


Wenn Du fragst, warum zu Positionen vor Descartes zurückgehen, scheint darin etwas Ungewohntes zu liegen. Wie kann man zu etwas zurückgehen, das vor einem Bruch liegt und sich mit dem Alten, dem Mittelalter beschäftigen? Mit etwas vor dem, was wir gemeinhin als den Beginn der Moderne und des modernen Subjekts betrachten?

Aber das ist nur eine Geschichte, die von der Geschichte der Philosophie erzählt wird. Und die Geschichte eines Bruchs erzählt sich nun einmal besser und findet mehr Zuhörer als die einer Kontinuität, die weniger dramatisch ist. Tatsächlich existiert nämlich eine der „cogito, ergo sum“ ähnliche Figur schon Jahrhunderte früher bei Augustin, dem Kirchenvater, mit dem Descartes durch sein Studium bei den Jesuiten vertraut war.

– schon Jahrhunderte früher erörtert –

Augustin bietet den Skeptikern, die an allem zweifeln wollen, auch am Boden unter ihren Füßen, einen Grund, den sie nicht leugnen können. Sonst würden sie sich selbst widersprechen – so wie wenn einer auf die Frage, „Ist da jemand?“ lauthals ruft: „Nein!“.

Ich kann zwar an allem zweifeln, was ich sehe, und fragen, ist das, was da in der Dämmerung auf der Wiese steht, tatsächlich ein Pferd oder doch nur ein Baum? Aber ich kann nicht daran zweifeln, dass ich etwas sehe. Oder präziser, dass da etwas oder vielmehr jemand ist, der etwas sieht oder auch nur zu sehen glaubt: nämlich ich selbst.

Die Gewissheit stellt sich also auf einer höheren Ebene ein. Das ist der Schachzug Augustins, mit dem er die Gewissheit verschiebt – und zwar von der Ebene der Inhalte oder Gegenstände (wie Pferd und Wiese) hin auf die Ebene des Nachdenkens über diese.

– doch aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet

Bei Augustin geht es um die Gewissheit, mit der es erst möglich wird, in ein Verhältnis zur Welt zu treten. Es geht darum, eine Verankerung in der Wirklichkeit zu haben, die sogar noch vor der Wirklichkeit liegt, nämlich in Gott. Die Selbsterkenntnis ist bei Augustin eine Form der Gotteserkenntnis: Weil der Mensch Gottes Ebenbild ist, erkennt er, wenn er sich selbst erkennt, immer auch Gott.

Descartes hingegen braucht die Gewissheit, um die Möglichkeit der Wissenschaft darauf zu gründen. Gott spielt bei ihm durchaus noch eine Rolle. Denn ohne ihn kann Descartes den Zweifel an der Möglichkeit empirischen Wissens – was, wenn uns unsere Sinne täuschen? – nicht beseitigen: Der gütige Gott ist sein Garant, dass uns unsere Sinne den Zugang zur Wirklichkeit ermöglichen.

Es lohnt sich also, sich die alten Texte aus dem Mittelalter noch einmal genauer anzusehen, um die Frage zu beantworten, warum Philosophen eine Frage wie die nach der Selbsterkenntnis gestellt haben. Auch wenn sich vielleicht die Grundfragen der Philosophie über die Jahrhunderte wenig ändern, so können sich doch die Gründe, warum man sie stellt, radikal wandeln. Das ist aus meiner Sicht das Interessante an der Geschichte der Philosophie.

 

Die Lecture Performance als alternative Form philosophischer Vermittlung

© Sonja Schierbaum & Sascha Lemke: „Moment der Monaden“, Einstellungsraum Dezember 2017 | Interaktive Installation

 

Du suchst nach alternativen Formen philosophischer Vermittlung, um den Diskurs aus der akademischen Ecke zu holen. So organisierst Du Veranstaltungen, in denen philosophische Fragen im öffentlichen Raum nicht nur debattiert, sondern vor allem in neuen künstlerischen Formaten vorgestellt werden. „Moment der Monaden“ ist ein Beispiel, wie Du ästhetische  Mittel einsetzt. Wie wirken sich TonBildInstallation oder Theateraufführung bei solchen experimentellen „Lecture Performances“ aus? Was geschieht mit der Philosophie, wenn Du sie zur „performativen Philosophie“ machst?

Mit künstlerischen und theatralen Methoden wird die Vermittlung von philosophischen Theorien, Konzepten oder Thesen sehr viel unterhaltsamer. Vor allem wird die ganze Angelegenheit auch sehr viel anschaulicher und lebendiger. Es wird dabei eine sinnliche Erfahrung möglich – ähnlich wie das Hören einer Fuge von Bach nicht nur eine geistige, sondern zugleich eine sinnliche und körperliche Erfahrung bedeutet.

Ich will nun nicht sagen, dass das Lesen als fundamentale Form des Philosophierens und der Vermittlung von Philosophie überflüssig ist. Aber was passiert in der Regel bei der Lektüre eines philosophischen Textes? Die körperliche oder sinnliche Erfahrung ist, wenn man sich überhaupt einer solchen bewusst ist, eher unangenehm: Müdigkeit kommt auf, die Augen brennen, Rücken und Nacken verspannen sich, während man sich müht, nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Geist den Gedanken des Philosophen zu folgen.

Welche Reichweite hat aber diese Form der „performativen Philosophie“? Ergeben sich neue Ansätze und Möglichkeiten, wenn man mit Ton und Bild, Installation oder auch Rollenspiel arbeitet? Lassen sich neue Formate entwickeln? Das sind zentrale Fragen, die mich beschäftigen und zwar nicht nur, inwieweit es die Vermittlung philosophischer Gehalte betrifft. Die Frage zielt auf den Kern an sich, ob man nämlich auf diese Weise tatsächlich auch das Geschäft der Philosophie „betreiben“ kann.

 

„Ich dichte, also denke ich“ (Max Bense)

In der Einleitung taucht der Begriff des Wissensarchivs schon auf. Dabei denke ich auch an Dein Theaterstück „Das Gespenst der Archivarin“, in dem Du Wissen und Freiheit in Bezug setzt. Von Max Bense stammt die Abwandlung „Ich dichte, also denke ich.“ Überlappen sich philosophische Performance und poetisches Denken? Oder anders gefragt: Wann bist Du mehr in der Rolle der Philosophin, wann in der der Autorin? Wobei ich hier gleich noch nachhake, da Du auch Lyrik schreibst: „Performance Lecture“, Theaterstück, Gedicht – wann wählst Du welche Spielart?

Tatsächlich fühle ich mich bei Lecture Performances eher als Autorin mit philosophischem Fachwissen denn als Philosophin, die an einer Universität das entsprechende Studium absolviert hat. Und das gilt eigentlich bei allen Formen und Formaten, die philosophische – oder allgemeiner gefasst – theoretische Inhalte vermitteln. Insofern suche ich nach einer philosophisch-poetischen Verbindung, bei der die ideale Textform die Unterhaltung nicht außer acht lässt.

Wahrscheinlich ist es ein gradueller Unterschied und abhängig von der Situation, welche Spielart in Frage kommt. Lyrik bedeutet für mich „Essenz“. Sie enthält den Kern, der als Ausgangspunkt für andere Formate dienen kann. Man könnte sie sogar als eine Art „Brühwürfel“ sehen, aus dem man weitere Themen und Formen entstehen lässt, die auch in die Prosa oder das Theaterstück übergehen. Um bei Vergleichen zu bleiben: Die Kunst der Fuge würde ein Thema ausbauen und immer noch in einer strengen Ordnung halten, während die französische Suite das tänzerische Moment schon stärker hervorkehrt.

 

Denken als Dialog mit sich selbst

Vom „dichterischen Denken“ spricht auch Hannah Arendt, zu der Du ebenfalls eine Multimedia-Lecture Performance zusammen mit dem Hamburger Komponisten Sascha Lemke veranstaltet hast. Arendt sieht die Metapher als Bindeglied zwischen Denken und Dichten und schreibt dazu in ihrem Denktagebuch: „[…] in der Philosophie nennt man Begriff, was in der Dichtung Metapher heißt. Das Denken schöpft aus dem Sichtbaren seine Begriffe, um das Unsichtbare zu bezeichnen.“ Ist das Vertrauen in die Sprache, das Hannah Arendt noch zum Ausdruck bringt, für unsere Generation längst verloren?

Ich weiß nicht, ob Arendt mit ihrer These über das Verhältnis der Analogie – den Platz, den der Begriff in der Philosophie spielt, nimmt in der Dichtung die Metapher ein – tatsächlich auch ein „Vertrauen in die Sprache“ zum Ausdruck bringt oder bringen will. Vielleicht haben wir nach Arendt vielmehr keine Wahl, als lediglich die Sprache zu gebrauchen, wenn wir überhaupt denken wollen.

Arendt geht noch einen Schritt weiter. Denn nach ihr ist jedes Denken überhaupt nur möglich mittels der Sprache, jedes Denken ist sprachlich. Wenn man denkt, so Arendt, dann spricht man, und zwar mit sich selbst, wie mit einer anderen Person. Diese funktionale Aufspaltung im Denken in zwei Dialogpartner zeichnet Arendts Modell des Denkens aus.

Dass wir vielleicht keine andere Wahl haben, als die Sprache zu benutzen, wenn wir denken wollen, nachdenken über uns und die Welt, heißt jedoch weder, dass wir der Sprache blind vertrauen müssen, noch, dass wir ihr ausgeliefert sind. Zum Glück ist es uns möglich, zu reflektieren und eine gesunde Distanz zu schaffen, auch zu uns selbst.

Auch wenn wir keine Wahl haben, ob wir die Sprache gebrauchen wollen oder nicht, so haben wir doch eine Wahl, wie wir diese gebrauchen wollen.

 

Vielen Dank für unser intensives Gespräch, mit dem Du auch die Neugier auf die „performative Philosophie“ geweckt hast!

 

Folgende Artikel könnten Sie ebenfalls interessieren:

 

 


Lyrik-Baustein 10: Dem Leser auf der Spur

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: , — Michaela Didyk

 leser im blick des autors Foto bunte handgezeichnete Pfeile in verschiedener Richtung

human_306 | Depositphotos

Schreiben – für wen?

Sind Sie auf der richtigen Spur? Haben Sie beim Dichten Ihre Leser/innen im Blick? Ist es eher die vage Vorstellung von Menschen, die Sie berühren, denen Sie Erfahrungen und Beobachtungen vermitteln möchten? Oder denken Sie an konkrete Personen, wenn Sie neue Verse schmieden –, womöglich gerade frisch verliebt oder, um Ihre Gedichte in der Schreibgruppe zu diskutieren?

Meistens geht es wohl zunächst um das Schreiben an sich, wenn Sie Ihrem Impuls folgen und eine Idee zu Papier bringen. Das Publikum bleibt Randerscheinung. Der Gedanke an Leser, so ein häufiges Argument, bremse den Schwung und verhindere den Flow.

Als „Doppelgänger“ unterwegs

Dabei zielen Gedichte immer auf ein Du. Selbst wenn Sie nur für sich schreiben. In diesem Fall sind Sie, spitzfindig ausgedrückt, Ihr eigener Rezipient. Die Lyrikerin Hilde Domin spricht bei solcher Eigenlektüre sogar vom „Doppelgänger“. (1)

Während Sie nämlich in einem fremden Gedicht den Sinn ergründen und sich ihm assoziierend annähern, kennen Sie als AutorIn Ihren Text samt Entstehungsprozess. Sie blicken auf bereits Geschaffenes zurück und gehen folglich auf Distanz. Sie analysieren und überprüfen.

„[Der Autor] hat gesagt, was er zu sagen hatte […]. Falls ihm aber das Gedicht fern genug rückt […], so kann ihn […] das Sprachliche daran interessieren. Also das ganz konkrete und einmalige Geflecht von Sinn und Wort: wie er es oder wie es sich verflochten hat.“ (2)

„Autor und Leser als Zwillinge“

Dass Sie sich Publikum wünschen, gehört zum Dichten dazu. Nur – wie finden Sie Ihre Adressatinnen? Die Bedeutung des Lesers, der Leserin für ein Gedicht anzuschauen, kann Sie einen Schritt weiterbringen. Denn Ihr Text ist genau der Treffpunkt für die Begegnung:

Mein Gedicht sagt Dir,
was Ich weiß,
es fragt Dich,
was Du weißt. (3)

Ernst Meister (1911–1979)

In ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesung definiert Hilde Domin den Leser als „Mit-Autor“ (4): Denn Gedichte befreien sich nach der Fertigstellung von ihren Urheberinnen und stehen, auch über Jahrhunderte hinweg, zur Lektüre bereit. Sobald Sie einen (fremden) Text lesen und mit Ihren Erfahrungen füllen, werden Sie Mit-Gestalter/in. Sie frischen das Gedicht auf und halten es am Leben. „Autor und Leser als Zwillinge“ (5) – treffender als mit der Definition Virginia Woolfs, die Domin aufgreift, lässt sich das enge Verhältnis nicht ins Bild setzen.

Die im Gedicht angesprochene Person

Die Rolle des lyrischen Sprechers, und wie Sie bereits mit der Aussage eines Ichs beim Lesen zur Identifikation einladen, war Thema des neunten Bausteins. Was aber geschieht, wenn die Pronomina du oder ihr ausdrücklich genannt sind?

Sobald eine fiktive Person angesprochen wird oder das lyrische Ich sich im Selbstgespräch duzt, richtet sich jede lyrische Anrede zugleich an den konkreten Leser. Oder spitzen Sie etwa nicht die Ohren, wenn Clemens Brentano sein Gedicht mit der Aufforderung beginnt: Hör, es klagt die Flöte wieder? Oder wenn bei Bertolt Brecht An die Nachgeborenen eine Mahnung ergeht: Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut / In der wir untergegangen sind / Gedenkt (6)? Mit einer ironisch höflichen Frage zieht Gottfried Benn seine Rezipient/innen ins Gedicht: Meinen Sie Zürich zum Beispiel […]? (7)

Die Anrede gestalten und Einfluss nehmen

Ähnlich wie beim lyrischen Ich können Sie das Pronomen als starkes Subjekt du, abgeschwächtes Objekt dich / dir setzen oder auf das besitzanzeigende Pronomen dein zurückgreifen.

In der Mehrzahl ihr dient die Anrede auch dazu, die Zugehörigkeit oder Abgrenzung zu einer Gruppe auszudrücken. Dasselbe gilt übrigens für wir. Gerade wenn Sie politische und gesellschaftskritische Gedichte verfassen, können Sie mit einer solchen Nuancierung die Dringlichkeit der Ansprache variieren und Ihre Leser/innen beeinflussen.

So wendet sich Bertolt Brecht im Beispiel oben an die Nachgeborenen – das Gedicht entstand zwischen 1934 und 1938 –, um zugleich seine Zeitgenossen zum rechtzeitigen Handeln gegen den Nationalsozialismus aufzurufen.

Im Gedicht Wolfgang Hilbigs, das 1979 in der DDR nicht erscheinen durfte, ist dagegen die Abgrenzung offensichtlich, mit der das lyrische Ich seinen Widerstand behauptet.

ihr habt mir ein haus gebaut
laßt mich ein andres anfangen.

[…]

sagtet ihr man soll allein gehn
würd ich gehn
mit euch. (8)

Wolfgang Hilbig (1941–2007)

Der entscheidende Brückenschlag

Eine Einladung, Ihre Gedichte zu lesen und mit eigenen Erfahrungen zu verknüpfen, sprechen Sie durch die Art Ihrer Gestaltung generell aus. Die Anrede an ein lyrisches Du, Sie oder Ihr macht diese Aufforderung umso deutlicher.

Doch Ihre Leidenschaft zu dichten und Ihre Wortkunst allein reichen noch nicht aus, damit Sie Publikum für sich gewinnen. Als dritte Zutat benötigen Sie Orientierung: Wem wollen Sie in Ihrem Gedicht begegnen? Welche Menschen, welche Lesergruppe wollen Sie erreichen? Brauchen Sie ein Publikum für politische Gedichte? Für Sinnsprüche oder Liebeslyrik? Setzen Sie auf Rap-Begeisterte oder auf Lesehungrige, die ihr Ohr an klassischen Texten geschult haben?

Der Weg zu einem realen Gegenüber

Auch wenn Sie beim Schreiben Stoff zu einer poetischen Aussage verfremden, ist mit Abschluss des Textes eine Brücke nötig, die zu einem realen Gegenüber hinführt. Das heißt nicht, dass Sie nach dem Geschmack des Marktes schreiben. Es bedeutet vielmehr, dass Sie sich selbst klar werden, wen Sie mit Ihren Gedichten und der Art des Schreibens ansprechen.

Noch einmal: Welche Leserin, welchen Leser wünschen Sie sich im Idealfall? Eine Checkliste, wie Sie Informationen dazu gewinnen, fkönnen Sie auch mit einem Klick auf das Bild hrunterladen.

Download Checkliste "Dem Leser auf der Spur"

Anmerkungen

(1) Domin, Hilde (Hg.): Doppelinterpretationen. Fischer Taschenbuch 1976, S. 43
(2) Ebenda; S. 39
(3) Meister, Ernst: Mein Gedicht sagt Dir. In: Völker, Ludwig: Theorie der Lyrik. Reclam 1986, S. 120
(4) Domin, Hilde: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen 1987/1988, Fischer Taschenbuch 1993, S. 47 ff.
(5) Ebenda
(6) Brecht, Bertolt: An die Nachgeborenen. In: Gesammelte Werke, Bd. 9, Gedichte 2, Hg. Elisabeth Hauptmann, Suhrkamp 1967, S. 722 ff.
(7) Benn, Gottfried: Reisen. In: Gesammelte Werke, Bd. 1, Hg. Dieter Wellershoff, dtv 1975, S. 327
(8) Hilbig, Wolfgang: ihr habt mir ein haus gebaut. In: abwesenheit. Fischer Taschenbuch 1979, S. 8

Dieser Artikel ist leicht variiert bereits in der „Federwelt“ (Nr. 129 April /  Mai 2018) erschienen.


  • Den Anfang der zehnteiligen Federwelt-Serie „Dichten lernen“ finden Sie mit Baustein 1 im Blog der Autorenwelt; auch Baustein 4 können Sie dort aufrufen.
  • Die weiteren Teile lesen Sie hier im Unternehmen Lyrik Blog unter dem Stichwort Lyrisches Handwerk. Oderr starten Sie in aufsteigender Reihe mit Lyrik-Baustein 2. Am Ende eines Artikels führt Sie ein Link jeweils zum nächsten Kapitel.