12. Oktober 2017

Danke, ich bin schon schmöll! – Impulse für Sprachspielereien

Kategorien: Bücher,Lyrisches Handwerk — Tags: , — Michaela Didyk

Lexika gehören durchaus zum poetischen Handwerkszeug, vor allem wenn sie zu Sprachspielereien einladen. Gastautor Günter Ott stellt einen lehrreich-amüsanten Kurs durch deutsche Sprach-Kuriositäten vor.
Mit diesem Artikel startet eine Blogserie, die Ihnen in lockerer Abfolge für Ihr Dichten interessante Bücher vorstellt. Neu erschienene oder auch ältere, wie bei diesem Beispiel eines meiner Lieblingsbücher im Regal.

Holzdruckstock-Buchstaben als Sinnbild für Sprachspielereien

© andrewatla | sxc.hu

Fundgrube für Kuriositäten und Sprachspielereien

Manchmal fällt man in eine Grube, aus der man gar nicht mehr so schnell herauswill. Zu viele Entdeckungen nehmen einen gefangen, zu viele Kuriositäten garantieren einen lehrreich-amüsanten Aufenthalt. Eine solche Fundgrube ist „Das sonderbare Lexikon der deutschen Sprache“.  Als Verfasser zeichnet CUS. Unter diesem Pseudonym schreibt der Autor für renommierte Blätter und Zeitschriften. Zuletzt legte er das Buch „Der Coup, die Kuh, das Q“ vor.

Diesmal, in seinem Lexikon der besonderen Art, geht er systematischer an die Sprache heran, führt den Duden als Autorität im Hintergrund, schreitet alphabetisch voran von A wie Abrakadabra bis Z wie zusammengesetzte Wörter. Dem Autor kommt zugute, dass die Sprache sich in weiten Teilen der Logik ebenso verweigert, wie sie dem Regelwerk der Rechtschreibkommission heftigen Widerstand entgegengesetzt hat.

Ein spielerischer Sprachkurs für Nuancen

Man kann im CUS-Opus viel über Grammatik und Wortkunde lernen. Dies wird aber nie zum papiertrockenen Lehrgang, sondern ist ein spielerischer Kurs, der Sinn für Nuancen weckt, das Auge auf verblüffende Ausnahmen lenkt, in denen die Würze der Sprache liegt.

So fragt der Autor: „Die Feuerwehr bekämpft das Feuer – und wen bekämpft die Bundeswehr?“ In Itzehoe und Soest wird oe als langes o gesprochen, in Oboe und Buchloe aber wie o-e. Maulwurf klingt nach Maul, leitet sich aber vom mittelhochdeutschen molt (Erde) ab. Der Rosenmontag hat nichts mit Rosen zu tun, sondern kommt von rasen, heißt also der rasende Montag. In herrlich steckt der Herr, aber in dämlich nicht die Dame.

Es ist kein Ende der Beispiele, kein Wunder bei einem angenommenen Schatz von 300.000 bis 500.000 deutschen Wörtern. Pro Jahr kommen etwa 1000 neue dudenreife Wörter hinzu. Längst nicht alle werden alt, andere sind dabei, ihres hohen Alters wegen auszuscheiden – wie äugeln, Ehegespons, Hagestolz, knorke und Mürbigkeit. Das Wort „Kreativität“, das heute wie eine Billigmünze im Mund geführt wird, kannte weder der Duden von 1930 noch der von 1968. 1966, schreibt CUS, wurde es als veraltet eingestuft, 1978 als bildungssprachlich. Erst seit 1980 bescheinigt der Duden ihm normalen Wortstatus – ein Lehrbeispiel des unwägbaren Sprachwandels.

Geköpfte Wörter, Nullwörter oder die Steinlaus, die (keine) Steine frisst

Ob selbiger eines Tages die fehlende Mitte zu füllen vermag? Was liegt zwischen hungrig und satt? Was ist einer, wenn er weder dick noch dünn ist? Hungrig verhält sich zu satt wie durstig zu … was? Zu dieser Frage wurden schon etliche Wettbewerbe ausgeschrieben, mit unbefriedigendem Ergebnis. Die Satire-Zeitschrift pardon schlug schmöll vor: Danke, ich bin schon schmöll! Die Dudenredaktion lancierte das Wort sitt (analog zu satt), doch es setzte sich so wenig durch wie schmöll (oder gestillt).

Was ist das häufigste deutsche Wort, der häufigste Buchstabe, der bekannteste deutsche Satz? Was sind geköpfte Wörter, was Nullwörter, was Phantomwörter wie zum Beispiel die Steinlaus, die Steine frisst, bis sie satt (aber noch nicht schmöll) ist? CUS, der nach eigener Aussage seit nunmehr 20 Jahren die gängigen Wörterbücher rauf- und runterstudiert, weiß Antwort.

Achttausender-Wörter in Höhe mal Länge und juristische „Sprachspielereien“

Ihm fiel auch auf, dass die meisten Namen von Spirituosen maskulin sind, desgleichen alle Achttausender, vorausgesetzt, man sagt, wie üblich, der Annapurna und der Shisha Pangma. Einem Achttausender in der Horizontale gleicht das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, kurz RkReÜAÜG. Da halten wir uns doch besser an den sprachverliebten jungen Brecht, welcher der Sphinx seines Mondscheinnachtskahnfahrtentraumwahnsinns den Gruß entbot.

Einen Ausbund an Abschreckung stellt bekanntlich die Rechtssprache dar. CUS schlägt das Bürgerliche Gesetzbuch auf: „Tritt der Wille, in fremdem Namen zu handeln, nicht erkennbar hervor, so kommt der Mangel des Willens, im eigenen Namen zu handeln, nicht in Betracht.“ Alles klar?

Günter Ott war Kulturchef der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet auch weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.

 

Voll Sprachspielereien sind die Gedichte Carla Capellmanns. Entdecken Sie, wie die Lyrikerin Wörter zerschneidet, anreichert, punktiert und dadurch oszillieren lässt:

 


30. September 2017

Baustein 5: Lyrischer Klang im Spiel mit den Buchstaben

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk
Lyrischer Klang Lautgedicht Reim Foto Noten haengen in einem Baum Unternehmen Lyrik Fotolia-35782432

© queidea | Fotolia

Die suggestive Melodie der Vokale und Konsonanten

Da die Ohren von Natur aus auf Empfang eingestellt sind, können Sie mit der Melodie und Klangfarbe Ihres Gedichts „Zauber“ wirken.

Singet leise, leise, leise,
singt ein flüsternd Wiegenlied,
[…]
Singt ein Lied so süß gelinde,
wie die Quellen auf den Kieseln,
wie die Bienen um die Linde
summen, murmeln, flüstern, rieseln. (1)

Clemens Brentano, 1778–1842

Vor allem die Dichter der Romantik sind Klangkünstler. In Clemens Brentanos Versen finden Sie hohe und weiche Vokale, die sich erst in den letzten Zeilen zum U verdunkeln. Ebenso zart wirken die Konsonanten, wenn sie den Flüsterton und das Rieseln der Quelle aufnehmen. Es sind beruhigende Zeilen; in den kleinen Satzeinheiten mit Wiederholung übertragen sie Ruhe und Geborgenheit .

Auch Rainer Maria Rilke ist ein Meister des Klangs:

Da drin: das träge Treten ihrer Tatzen
macht eine Stille, die dich fast verwirrt;
und wie dann plötzlich eine von den Katzen
den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,
[…] (2)

Rainer Maria Rilke, 1875–1926

Hier fallen zum betonten I und A die Alliterationen auf, die mehrfachen Wortanlaute auf D und T, die beim Lesen sofort einen Sog ausüben.
Es lohnt sich, die Laute herauszufinden, die Stimmungen erzeugen und wiedergeben. Auch wenn einschlägige Untersuchungen vorliegen – beginnen Sie bei sich selbst! Wie hört sich ein Jubelschrei an, wie reagieren Sie auf eine Überraschung? Meist sind Sie von ah, oh bis ui bei einzelnen Lauten angelangt. Mit ihnen halten Sie den Zauberschlüssel für Klang und Gefühl in der Hand.

Buchstaben auf dem Prüfstand

„Die Buchstaben sind bereit, durcheinandergewürfelt zu werden.“ (3) Die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada, die auch auf Deutsch schreibt, vermittelt in ihren Sprachreflexionen oft erstaunliche Einsichten.
Vielleicht geht es Ihnen bei dem einen oder anderen folgenden Lautgedicht ähnlich wie ihr: „Wenn ich deutsch spreche, komme ich mir manchmal vor wie eine Komponistin, die in einem Wald steht und versucht, die Musik der Vögel zu hören, zu notieren und nachzuahmen.“ (4)
Machen Sie die Probe aufs Exempel und versuchen Sie, dem „buchstabierdialog“ Ernst Jandls zu folgen:

: S.T.S.T.S.T.S.T.E.

: H.B.
K.N.E.
Z.

[…] (5)

Ernst Jandl, 1925–2000

Dass der zunächst Gefragte keine Zeit hat, hören Sie in diesem Zwiegespräch nur, wenn Sie die Zeilen laut lesen und sich so Vokalanklänge zwischen die Konsonanten schleichen.
1956 begann Jandl seine Experimente, in denen er Worte in Silben und Buchstaben zerlegte. Sein sprachspielerischer Ansatz wurde in den 1960ern zur Provokation, da er scheinbar mit Unsinn aufwartete. Zu Jandls großen Leistungen gehört jedoch, dass er die Sprache bis in kleinste Einheiten bewusst macht. (6)

Kurt Bartsch vereinheitlicht Konsonanten und setzt F gleichwertig für V und W. Im so nur „angenäherten“ Wortklang verfremdet sich die Aussage: Der Weltuntergang verliert an Pathos und bleibt doch eindringlich. Zudem schieben sich Worte ein, die ihren alltäglichen Sinn beibehalten: fiese könnte über wiese hinaus Hintergründe für den Weltzustand andeuten oder zusammen mit der Anfangszeile sogar ein Aufruf sein:

fom fleck feg
fald und fiese
feltuntergang
[…] (7)

Kurt Bartsch, 1937–2010

Nonsens oder Sprachaufbruch im Lautgedicht

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts stimmte Christian Morgenstern das Große Lalula an. Die Dadaisten, einer davon Hugo Ball, luden ebenfalls zum „Klang-Happening“ ein. Nonsens-Dichtung lautete das ablehnende Urteil.

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
[…] (8)

Christian Morgenstern, 1871–1914

Morgensterns Lautgedicht war jedoch ein Abgesang auf eine hehre Verskunst, die sich im Pathos verlor. Hugo Ball dagegen wollte das Wort aus seinem Bedeutungskorsett befreien und in reiner Klanggestalt zur Wirkung bringen. Dadurch würden die Lesenden selbst zu Sprachmagiern, da sie mit dem Aussprechen des „Wortes“ bereits beeinflusst würden. Unterschiedliche Schrifttypen sollten die Lautstärke, Tonhöhe oder Stimmung optisch vermitteln.

Lautgedicht Karawane von Hugo Ball in verschiedenen Schrifttypen für unterschiedlichen Klang , teils Reim Reim (9)

  Hugo Ball, 1886–1927

Im Zertrümmern der herkömmlichen Worte und in der Neukombination der Buchstaben ergeben sich fremde Sprachen. Möchten Sie nicht mit einer Geheimsprache aus Kindertagen mithalten? Lassen Sie die Buchstaben purzeln! Mit seinem Gedicht in Bi-Sprache lädt Joachim Ringelnatz dazu ein:

Ibich habibebi dibich,
Lobittebi, sobi liebib.

[…] (10)

Joachim Ringelnatz, 1883-1934

 Jeder Reim belebt den Klang – doch nutzen Sie Vielfalt!

Allem Sprachaufbruch steht der Reim als konventionelle Gegenkraft gegenüber. So scheint es, beachtet man nur den herkömmlichen Endreim. Doch Reime sind vielfältig und bieten mehr als bloßen Zierrat am Versschluss.
Anfangsreim, Schlagreim, Binnenreim, Mittenreim, unreiner Reim, Halbreim, Assonanz sind Reimformen (11), die durch den Rap wieder stärker ins Rampenlicht gerückt sind.

Häng deine Hoffnung an ein Plastikschwein made in Taiwan,
häng deine Hoffnung an ein Pflasterstein und andern Kleinkram.
Zur Show gibt es Kitsch,
zum Popstar das Image,
[…]
Dran glauben!
Kram kaufen!
[…] (12)

Bas Böttcher, *1974

Wenn Sie über das Gedicht hinweg Reimworte einstreuen, wirken sie wie ein Echo. Beim Lesen fällt eine Klangspur auf, die durch das Gedicht führt.
Setzen Sie regelmäßig den Endreim, verlagern Sie dagegen den Schwerpunkt auf die Schlussworte. Achten Sie deshalb darauf, vor allem die sinntragenden Worte im Klang zu verketten.
Der Reimklang bringt übermächtig alles, auch Widersprüche, in eine harmonische Ordnung und wirkt dadurch in unserer Zeit oft überholt. Da die deutsche Sprache zudem für Reime wenig geeignet ist, kommen „verbrauchte“ Reimpaare hinzu. Bas Böttcher hält allerdings ein Rezept dagegen bereit und frischt mit Fremdwort Kitsch/Image und Umgangssprache Dran/Kram auf.

  • Quellenangaben:

(1) Singet leise, leise, leise. Brentano, Clemens: Gedichte, Reclam 1995, S. 85
(2) Die Fensterrose. Rilke, Rainer Maria. In: Sprachspeicher (Hg. Thomas Kling), DuMont 2001, S. 212
(3) Tawada, Yoko: Sprachpolizei und Spielpolyglotte. Konkursbuch 2007, S. 28
(4) Dieselbe: Verwandlungen. Konkursbuch 1998, S. 22
(5) buchstabierdialog. Jandl, Ernst: Sprechblasen, Reclam 1979, S. 58
(6) Ernst Jandls Lesungen sind im Archiv seiner Website zu sehen und hören
(7) felt futsch. Bartsch, Kurt. In: Poetische Sprachspiele (Hg. Klaus Peter Dencker), Reclam 2002, S. 318
(8) Das große Lalula. Morgenstern, Christian: In: Echtermeyer. Deutsche Gedichte. (Hg. Elisabeth K. Paefgen, Peter Geist), 20. Auflage, Cornelsen 2010, S. 502
(9) Karawane. Ball, Hugo: Ebd. S. 616.  Zu hören auf lyrikline mit Christian Bök
(10) Gedicht in Bi-Sprache. Ringelnatz, Joachim. Ebd. S. 125
(11) wortwuchs.net/reimformen
(12) Dran glauben. Böttcher, Bas: Neonomade, Voland & Quist 2009, S. 08. Vom Autor auf lyrikline gesprochen

Dieser Artikel erschien leicht variiert zunächst in der Federwelt (Nr. 117 April/Mai 2016)

.

Einen Überblick, was ein gelungenes Gedicht ausmacht, finden Sie  hier:


13. September 2017

Spoken Word & Poetry Slam – reloaded

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Spoken Word & Poetry Slam — Tags: — Michaela Didyk

Poetry Slam & Spoken Word Foto Scheinwerfer vor grauer Wand Unternehmen Lyrik Blog Fotolia_14290694

© lapandr | Fotolia

Buchstaben und Wörter in Aktion

Auch diese zweite Überschrift könnte den folgenden Text gut auf den Nenner bringen. Zum Baustein Wörter als lyrischer Werkstoff kommt nun nämlich die Performance. Bühne frei also für Spoken Word / das gesprochene Wort im Poetry Slam. Und Applaus für die Protagonistin Nora Gomringer sowie ihre Kollegen Bas Böttcher und Philipp Scharrenberg. Alle drei haben in den folgenden Videos Buchstaben und Wörter zu ihrem Thema gemacht und mit Leben gefüllt.

Reloaded kann sich ebenso auf die Wiederaufname meines alten Blogbeitrags beziehen. Denn 2010 postete ich bereits Philpp Scharrenbergs Darbietung „Vom Verb“ zusammen mit Hinweisen auf einschlägige Veranstaltungen. Diese sind zwar inzwischen längst passé, doch Scharrenbergs Auftritt ist immer noch und wieder aktuell. So steht das Video in neuem und erweitertem Umfeld. Auch mit der Ergänzung, dass sich der Slammer 2016 zum zweiten Mal den deutschen Meistertitel holte und damit seinen ersten Champion-Erfolg 2009 auffrischte.

Bevor es mit „Scharri“, wie sich der Slam-Poet in frühen Jahren nannte, gleich weitergeht, noch ein paar Sätze generell zum Spoken Word & Poetry Slam:

Die Spoken Word-Bewegung

Spoken Word reiht sich als Genre in die mündliche Literatur-Tradition ein. Man versteht darunter eine darstellende Kunst, bei der die Lyrik vor dem Publikum zum gesprochenen Wort wird. Sprachspiel, Intonation und Körperbewegung sind wichtig. Musik kann wie bei Hip-Hop und Jazz Poetry den Vortrag ergänzen. Beim Poetry Slam, der am meisten verbreiteten Form des Spoken Word, fehlt sie.

Wie läuft ein Poetry Slam ab?

Im Dichterwettstreit kann ein/e jede/r selbstverfasste Texte vorlesen, sie auswendig  oder aus dem Stegreif vortragen. Das Publikum wertet mit entsprechender Beifallstärke oder mit Punkten. Die Slammer sind einem Zeitlimit unterworfen. Requistiten und Gesang sind verboten. Die Slambühne ist eine reine Sprechbühne, der Text allein soll – nur durch Mimik und Gestik unterstützt – seine Wirkung entfalten.

Philipp Scharrenberg oder das Verb hat seinen Auftritt

„Poetry, Geschichten, Raps & Reime“ versammelt Philipp Scharrenberg in seinem derzeitigen Solo „Germanistik ist heilbar“. Er muss es wissen. Denn spätestens seit 2006, als er den Poetry Slam für sich entdeckte, richtet Scharrenberg sein einstiges Studienfach nach eigener Vorstellung aus. Mit Erfolg – wie nicht nur seine mehrfachen Auszeichnungen auf der Slam-Bühne zeigen. Er ist auch  Deutscher Kabarettmeister der Saison 2013/2014.

Wie sich das Lesen von Gedichten zur lebendigen Lyrik auf der Bühne wandelt, führt Philipp Scharrenberg mit seiner Darbietung des Earlkönig vor. Von der Rezitation des Goethe-Gedichts über eine Rap-Version zur Spoken Word-Fassung wird schnell anschaulich und hörbar, worin die Unterschiede liegen. Diese und andere Performances können Sie auf der Website des „Kampfdichters“ aufrufen. Den zum Thema Wort und Werkstoff passenden Videobeitrag sehen Sie gleich unten. Viel Vergnügen bei dieser überraschenden Perspektive auf das Verb.

Spoken Word von A bis Z: Nora Gomringer spricht das „Ursprungsalphabet“

Auch Nora Gomringer stellt in ihren Auftritten ihre Sprachartistik unter Beweis. Von 2001 bis 2006 war die Lyrikerin im Slam aktiv. 2011 wurde sie  mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet, weil sie der Slam Poetry als „einer neuen Form des Dichtens“ in Deutschland zur Popularität verholfen habe.

Im folgenden Video stellt Nora Gomringer sich mit ihrem „Ursprungsalphabet“  vor: „Ich bin / Ariadne, die dem Faden, dem roten, wollenen folgt“. Einen freien Hörbuch-Download mit dieser Präsentation von A bis Z gibt es bei Vorleser.net. Auf der Website der Lyrikerin warten weitere eindrucksvolle Projekte und Clips auf Sie.

2011 widmete die Schweizer Literaturzeitschrift Orte ein Heft Nora und ihrem Vater Eugen Gomringer. In einem der Artikel blickt die Tochter auf das Haus ihrer Kindheit zurück und kommt auf die Bedeutung der Wörter darin zu sprechen:

Das Haus meines Vaters ist die Adresse seiner Wörter […] Und in diesem Haus war auch Platz für meine ersten Wörter, die ersten Schriften, die Texte meiner Mutter, ihre Vorlesungen, denen ich am Badewannenrand lauschte. Das Gretchen Sackmaier, die Märchenwesen Becksteins, der Grimms, Friedrich Rückert und Heinrich Heine und die Erzählungen über eine weit ausgestreute Familie, die wir sind in vielen Häusern.

Häuser, die uns dienen als Erinnerungsspeicher mit der menschlichen Speichereinheit Sprache.

Bas Böttcher und die Logik der Doppelwörter

Bas Böttcher war in den 1990er Jahren Mitbegründer der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. 1997 gewann er die ersten deutschen Meisterschaften. Inzwischen tourt(e) er hoch anerkannt mit seinen Texten rund um die  Welt. Böttchers Erfindung der Textbox wurde im Pariser Centre Pompidou und der Neuen Nationalgalerie in Berlin ausgestellt. Sie war auf der Buchmesse in Peking zu erleben. Auf kleinstem Raum und trotz lauter Kulisse können Performances stattfinden, indem das Publikum mit Kopfhörern ausgestattet der/dem Vortragenden lauscht.

Die Wirkung der Gedichte ist bei solcher Abschirmung von der Außenwelt intensiv und steigert den von Böttcher gewünschten Effekt.  Denn die Präsentation macht für den Dichter erst Lyrik aus: „Gedanken werden poetisch durch Klang und Rhythmus vermittelt.“ Das zeigt der Slam-Poet auch mit seinen Doppelwörtern, deren Zusammensetzung er im Hin und Her der Worte aufdeckt.

Auch hier lädt natürlich Bas Böttchers Website zu weiteren Entdeckungen ein. Mit seinen Poetry Clips gibt er der Lyrik ein neues Format. Denn während Buch und CD der Performance nur anteilig gerecht werden, können die kurzen Filmsequenzen auch die Mimik und Körperbewegung einfangen. Bestes Beispiel, um damit gleich zu punkten: der Poetry Clip Dot Matrix.

Zum zwanzigsten Jubiläum der deutschsprachigen Poetry-Slam-Bewegung erschien 2014 die von Bas Böttcher und Julian Heun besorgte Textsammlung Die Poetry-Slam-Fibel: 20 Jahre Werkstatt der Sprache. 55 Autorinnen und Autoren stellen in 86 Texten die Sprache als ihren Werkstoff ins Rampenlicht. Dieses Thema ist wohl für alle Lyriker/innen relevant und von Gewinn.

[Die erste Fassung des Beitrags von 2010 wurde aktualisiert und erweitert.]