Johann Wolfgang Goethe – Der Dichter und die Frauen, der Tragödie zweiter Teil

Von Günter Ott

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Johann Wolfgang Goethe und Friederike Brion beim Stelldichein auf der Bank „Friederikens Ruhe“
(Ausschnitt) – Wikimedia CC BY 2.0 Fondo Antiguo de la Biblioteca de la Universidad de Sevilla

Der junge Goethe – von Friederike Brion hingerissen

Im Oktober 1770 reitet Johann Wolfgang Goethe mit seinem Studienfreund Friedrich Leopold Weyland erstmals von Straßburg nach Sesenheim, zu Pferd eine Strecke von rund sechs Stunden. Weyland wusste um den gastlichen Pfarrhof dort, um den protestantischen Landpfarrer und seine Lieben. Der junge Jurastudent Goethe, wie sein Tischgenosse Weyland Possen und Maskeraden nicht abgeneigt, führt sich in Sesenheim inkognito ein – als ärmlicher Theologe, verkleidet, das Haar umfrisiert. Und dann kommt sie: Friederike Brion. Goethe ist von ihrer Anmut hingerissen: „… da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf“. Als der Dichter sich später zu erkennen gibt, sagt Friederike: „Garstiger Mensch, wie erschrecken Sie mich!“

So könnte es gewesen sein. So hat womöglich eine intensive Beziehung begonnen. Sie zog huldigende Briefe nach sich, mehr noch: Sie setzte um- stürzende Gedichte mit einem neuen Seelenton, einem alle Rokokotändelei lassenden Naturerleben, einer himmelhoch fliegenden Liebeskraft in Gang.

Willkomm(en) und Abschied – das Drama einer kurzen Liebe

Über die Intimität jener folgenreichen Begegnung kann nur spekuliert werden. Verblüffend ist das frühe Ende. Diese Liebe endete im Sommer 1771 so abrupt, wie sie im Herbst 1770 verheißungsvoll begonnen hatte. Johann Wolfgang Goethe und die drei Jahre jüngere Friederike, das heißt nichts anderes als „Willkomm und Abschied“.

Unter diesen (in der Überlieferung wechselnden) Titel eines der berühmtesten Gedichte der Sesenheimer Lieder hat der Literaturwissenschaftler Helmut Koopmann sein Buch [Amazon-Partnerlink] gestellt. Die losstürmenden Verse imaginieren den nächtlichen Ritt zur Geliebten: „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde / Und fort! wild, wie ein Held zur Schlacht …“. Sie sprechen alsbald, gedrängt in eine Zeile, von „Wonne“ und von „Schmerz“.

Koopmann hat schon einmal in seinem Band „Goethe und Frau von Stein“ [Amazon-Partnerlink] die Geschichte einer Goethe-Liebe im lebendigen Strich nachgezeichnet  Das Muster von Liebe und Verrat bricht immer wieder auf im Leben und Schreiben des Dichters.

Die Zeit in Sesenheim – Briefe und Jugenderinnerungen dienen als Quelle der Spurensuche

Koopmann stützt seine biografische Goethe-Erkundung, die freilich vom Erlebniskern Sesenheim aus vielfältig und gründlich auf das lyrische und dramatische Werk ausstrahlt, vor allem auf Briefe Goethes und auf dessen Konfession „Dichtung und Wahrheit“. Das sind natürlich keine Dokumente, sondern Stilisierungen, Überhöhungen, Selbstrechtfertigungen, eben auch inszenierte Rollenspiele.

Wie war es nun wirklich mit Goethe und Friederike? Das bleibt weithin Spekulation. Entsprechend muss Koopmann vieles infrage stellen und offen lassen. Und doch gelingt ihm aus souveräner Quellennähe ein sehr anschauliches, flüssig geschriebenes, ergiebiges Buch, zumal für Goethianer fern germanistischer Fachkreise.

Das Buch geht über Sesenheim weit hinaus. Es zielt auf die Dauerspannung zwischen Liebhaber und Poeten. Johann Wolfgang Goethe rettete vieles von dem, was ihn beflügelte und was ihn quälte, ins Werk. Er brachte sich dadurch ein Stück weit selbst vor der Wirklichkeit in Sicherheit. Bei allem Gefühls- und Sprachüberschwang – „Wie herrlich leuchtet / Mir die Natur!“ – sind, so Koopmann, die Sesenheimer Lieder keine Erlebnislyrik, sondern Sprachspiele rund um Natur, Gefühl und Empfindung, – motiviert unter anderem durch Johann Gottfried Herder.

Ein von Widersprüchen und Selbstzweifeln geplagter Dichter

Goethe tritt bei all seinem „Kaltsinn“ keineswegs als der souveräne Regisseur seiner Liebschaften auf. Er erscheint vielmehr als widersprüchlicher, leidender, ja selbstquälerischer Mann, den zumal hinsichtlich seines dichterischen Vermögens Selbstzweifel plagen. Das beginnt längst vor Sesenheim. Koopmann setzt ein mit dem „Vorspiel in Leipzig“, Goethes erster schmerzlicher Liebeserfahrung mit der Leipziger Gastwirtstochter Anna Katharina Schönkopf.

Das Thema des Liebesverrats zieht Kreise – vom jungen Goethe bis zu den Figuren des Weislingen im „Götz“, bis zu Clavigo und ins „Faust“-Drama. Koopmann endet seine Spurensuche bei Friederike. Sie habe, so ihre Schwester Sophie, im Jahr 1813 „abgelebt, ohne zu altern“. Ihr hatte sich übrigens – nach Johann Wolfgang Goethe – ein neuer Liebhaber und Dichter angedient, der selbst zur literarischen Figur werden sollte: Jakob Michael Reinhold Lenz.

Günter Ott leitete das Feuilleton der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.

 

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