„Das Alphabet des Denkens“ – oder wie Wörter wirken

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Dass Sprach- und Hirnforschung kurzweilig und vor allem verständlich sein kann, beweist das „Alphabet des Denkens“ von Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen.
Günter Ott bespricht als Gastautor das Buch. Erfahren Sie an so manchem Beispiel, wie und warum Wörter wirken.

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Wörter wirken, das zeigt das Alphabet des Denkens - bunte Buchstaben im Raum kreisend angeordnet

Visuelle Vorstellungen beim Klang von Wörtern

Stellen Sie sich ein gezacktes Gebilde vor und daneben ein anderes mit runden Ausstülpungen. Wenn Sie nun diese beiden Darstellungen mit einem Fantasienamen versehen sollten: Welche würden Sie als „Kiki“, welche als „Bouba“ bezeichnen?

Die große Mehrheit, so der Test eines Neurowissenschaftlers, entschied, die rundliche Figur solle „Bouba“, die zackige „Kiki“ heißen. Warum? Weil „Bouba“ weicher klingt als das schrill-harte „Kiki“. Dieses Experiment zeigt, dass mit dem Klang von Wörtern visuelle Vorstellungen verbunden sind.

Das ist nicht so überraschend. Man sehe nur auf die Poesie und ihre Lautmalereien (und Synästhesien). Oder zitiere Christian Morgenstern: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen.“

Wie steht es um die Wörter? Spielen sie ein doppeltes Spiel mit uns? Eines, das wir zu beherrschen glauben, und eines, das „unter der Hand“ mitläuft? Wir wissen (im besten Fall), was wir sagen, aber wir wissen längst nicht immer, warum und wie wir dies tun.

Dem Alphabet des Denkens auf der Spur

Wie wirken also Wörter? Welche Macht haben sie über uns? Was verraten sie über unser Denken? Solche grundlegenden, spannenden Fragen verhandelt das aufsehenerregende Buch „Das Alphabet des Denkens“ der beiden Zeit-Autorinnen Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen.

Sie haben sich durch neuere und neueste Untersuchungen von Sprach- und Hirnforschern gearbeitet und die Ergebnisse kurzweilig und verständlich komprimiert – zudem mit dem nötigen Abstand zweier Wissenschafts-Redakteurinnen. Sie teilen eine Fülle von Erstaunlichem über Sprache und Denken mit, wissen aber auch um vorläufige, nicht ausreichend gestützte Testergebnisse, kurz: um die noch ungelösten Rätsel der Wissenschaft.

Nach der Lektüre weiß der Leser besser, was ihm von der Zunge und was ihm in Ohr und Gehirn geht.

Laute und Wörter setzen emotionale Schwingungen in Gang. Das macht sich nicht zuletzt die Werbung zunutze. Wohlklingende Namen können die Vorliebe für ein Produkt steigern. Versuchspersonen schätzten eine Seife als milder ein, wenn sie „Iseck“ und nicht „Oseck“ hieß. Ein Bier namens „Teyag“ stellten sie sich heller vor als eines mit dem Namen „Teyog“.

Nicht ohne – die Kraftausdrücke

Besonders emotionale Wörter sind Kraftausdrücke. Was sind die letzten Worte von Menschen, die ahnen, dass sie in einem abstürzenden Flugzeug sitzen? Nicht selten, so übermitteln es Aufzeichnungen von Flugschreibern, stoßen sie in ihrer ausweglosen Verzweiflung Schimpfwörter aus: „Was für einen Scheiß haben die gemacht?“ „Das war’s Leute! Fuck!“ Oder einfach: „Fuckkkkkk!“

Warum fluchen Deutsche anders? Schreit der Engländer „fuck“, schimpft der Deutsche „scheiße“. Dem Sexuellen steht das Exkrementelle gegenüber – allerdings nicht durchgängig. Man höre auf die Jugendlichen: „Fick dich!“, „Wichser“. Schimpfwörter, so wurde gemessen, können gegen Schmerzen helfen. Sie lösen Stress aus und steigern die Leistungsfähigkeit.

Ein Psychologe forderte Probanden auf, ihre Hände in eiskaltes Wasser zu tauchen – was sehr bald wehtut. Die Testpersonen durften entweder laut schimpfen oder harmloses Zeug reden. Haben sie geflucht, hielten sie es im Schnitt 40 Sekunden länger im Eiswasser aus als die andere Gruppe.

Der „sprachliche Fingerabdruck“

Die renommierten Experten (die im Buch alle ausgewiesen sind) nehmen längst nicht mehr nur das große Ganze unter die Lupe, sondern etwa die Menge der in einem Text verwendeten Artikel, Personalpronomen, Konjunktionen. In Teilen vermögen sie, daraus so etwas wie einen „sprachlichen Fingerabdruck“ zu erstellen – was sogleich Detektive und Geheimdienste aufhorchen lässt.

Sagt jemand häufiger „ich“ und „mein“ als „du“, „er“, „wir“, „sie“? Die Tonbandaufnahmen zum Watergate-Skandal (die geheime Abhöraktion gegen das Hauptquartier der US-Demokraten) ergaben, wie der amtierende Präsident Nixon immer stärker unter Druck kam, wie sich seine sprachliche Dominanz minderte und am Ende statt des vorher viel beschworenen „wir“ nur noch „ich“ übrig blieb.

Der (manipulativen) Politiker-Sprache ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie der „Heilkraft der Worte“. Im Übrigen bietet die Wissenschaft genügend Belege für die Horizonterweiterung durch Zweisprachigkeit. Dazu eine Psychologin: „Einwandererkinder werden oft gedrängt, ihre Herkunftssprache aufzugeben. Das ist aus mehreren Gründen ein Fehler. Es ist ein Verlust für die Familien, und es ist eine Vergeudung von Chancen.“

Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen: „Das Alphabet des Denkens. Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt“ [Amazon-Link zum Buch]

Günter Ott leitete das Feuilleton der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.


Danke, ich bin schon schmöll! – Impulse für Sprachspielereien

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Lexika gehören durchaus zum poetischen Handwerkszeug, vor allem wenn sie zu Sprachspielereien einladen. Gastautor Günter Ott stellt einen lehrreich-amüsanten Kurs durch deutsche Sprach-Kuriositäten vor.
Mit diesem Artikel startet eine Blogserie, die Ihnen in lockerer Abfolge für Ihr Dichten interessante Bücher vorstellt. Neu erschienene oder auch ältere, wie bei diesem Beispiel eines meiner Lieblingsbücher im Regal.

Holzdruckstock-Buchstaben als Sinnbild für Sprachspielereien

© andrewatla | sxc.hu

Fundgrube für Kuriositäten und Sprachspielereien

Manchmal fällt man in eine Grube, aus der man gar nicht mehr so schnell herauswill. Zu viele Entdeckungen nehmen einen gefangen, zu viele Kuriositäten garantieren einen lehrreich-amüsanten Aufenthalt. Eine solche Fundgrube ist „Das sonderbare Lexikon der deutschen Sprache[Amazon-Link].  Als Verfasser zeichnet CUS. Unter diesem Pseudonym schreibt der Autor für renommierte Blätter und Zeitschriften. Zuletzt legte er das Buch „Der Coup, die Kuh, das Q[Amazon-Link] vor.

Diesmal, in seinem Lexikon der besonderen Art, geht er systematischer an die Sprache heran, führt den Duden als Autorität im Hintergrund, schreitet alphabetisch voran von A wie Abrakadabra bis Z wie zusammengesetzte Wörter. Dem Autor kommt zugute, dass die Sprache sich in weiten Teilen der Logik ebenso verweigert, wie sie dem Regelwerk der Rechtschreibkommission heftigen Widerstand entgegengesetzt hat.

Ein spielerischer Sprachkurs für Nuancen

Man kann im CUS-Opus viel über Grammatik und Wortkunde lernen. Dies wird aber nie zum papiertrockenen Lehrgang, sondern ist ein spielerischer Kurs, der Sinn für Nuancen weckt, das Auge auf verblüffende Ausnahmen lenkt, in denen die Würze der Sprache liegt.

So fragt der Autor: „Die Feuerwehr bekämpft das Feuer – und wen bekämpft die Bundeswehr?“ In Itzehoe und Soest wird oe als langes o gesprochen, in Oboe und Buchloe aber wie o-e. Maulwurf klingt nach Maul, leitet sich aber vom mittelhochdeutschen molt (Erde) ab. Der Rosenmontag hat nichts mit Rosen zu tun, sondern kommt von rasen, heißt also der rasende Montag. In herrlich steckt der Herr, aber in dämlich nicht die Dame.

Es ist kein Ende der Beispiele, kein Wunder bei einem angenommenen Schatz von 300.000 bis 500.000 deutschen Wörtern. Pro Jahr kommen etwa 1000 neue dudenreife Wörter hinzu. Längst nicht alle werden alt, andere sind dabei, ihres hohen Alters wegen auszuscheiden – wie äugeln, Ehegespons, Hagestolz, knorke und Mürbigkeit. Das Wort „Kreativität“, das heute wie eine Billigmünze im Mund geführt wird, kannte weder der Duden von 1930 noch der von 1968. 1966, schreibt CUS, wurde es als veraltet eingestuft, 1978 als bildungssprachlich. Erst seit 1980 bescheinigt der Duden ihm normalen Wortstatus – ein Lehrbeispiel des unwägbaren Sprachwandels.

Geköpfte Wörter, Nullwörter oder die Steinlaus, die (keine) Steine frisst

Ob selbiger eines Tages die fehlende Mitte zu füllen vermag? Was liegt zwischen hungrig und satt? Was ist einer, wenn er weder dick noch dünn ist? Hungrig verhält sich zu satt wie durstig zu … was? Zu dieser Frage wurden schon etliche Wettbewerbe ausgeschrieben, mit unbefriedigendem Ergebnis. Die Satire-Zeitschrift pardon schlug schmöll vor: Danke, ich bin schon schmöll! Die Dudenredaktion lancierte das Wort sitt (analog zu satt), doch es setzte sich so wenig durch wie schmöll (oder gestillt).

Was ist das häufigste deutsche Wort, der häufigste Buchstabe, der bekannteste deutsche Satz? Was sind geköpfte Wörter, was Nullwörter, was Phantomwörter wie zum Beispiel die Steinlaus, die Steine frisst, bis sie satt (aber noch nicht schmöll) ist? CUS, der nach eigener Aussage seit nunmehr 20 Jahren die gängigen Wörterbücher rauf- und runterstudiert, weiß Antwort.

Achttausender-Wörter in Höhe mal Länge und juristische „Sprachspielereien“

Ihm fiel auch auf, dass die meisten Namen von Spirituosen maskulin sind, desgleichen alle Achttausender, vorausgesetzt, man sagt, wie üblich, der Annapurna und der Shisha Pangma. Einem Achttausender in der Horizontale gleicht das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, kurz RkReÜAÜG. Da halten wir uns doch besser an den sprachverliebten jungen Brecht, welcher der Sphinx seines Mondscheinnachtskahnfahrtentraumwahnsinns den Gruß entbot.

Einen Ausbund an Abschreckung stellt bekanntlich die Rechtssprache dar. CUS schlägt das Bürgerliche Gesetzbuch auf: „Tritt der Wille, in fremdem Namen zu handeln, nicht erkennbar hervor, so kommt der Mangel des Willens, im eigenen Namen zu handeln, nicht in Betracht.“ Alles klar?

Günter Ott war Kulturchef der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet auch weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.

 

Voll Sprachspielereien sind die Gedichte Carla Capellmanns. Entdecken Sie, wie die Lyrikerin Wörter zerschneidet, anreichert, punktiert und dadurch oszillieren lässt: