Baustein 8: Auf Klangspuren unterwegs

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Schreibimpulse,Themen der Lyrik — Tags: , — Michaela Didyk

mit Klangspuren im Gedicht Stimmungen erzeugen: Bunte Illustration mit Musikinstrumenten Depositphotos_10533907

© ElaKwasniewski | depositphotos

Im Gedicht Stimmungen erzeugen

Die Filmmusik macht es vor. Sie steigert die Spannung, lässt uns mit den Akteuren bangen oder rührt uns, manchmal sogar zu Tränen. Töne und Rhythmen beeinflussen uns, auch wenn wir sie nur unbewusst wahrnehmen. Ihre subtile Wirkung erfahren wir ebenso durch die Beschallung in Kaufhäusern; ja wir setzen diese Strategie sogar selbst ein: sprechen schneller, erhöhen die Stimme, geben ihr besonderen Nachdruck oder ein bestimmtes Timbre, um Gefühle zu wecken und unser Ziel zu erreichen. Was hindert uns also daran, auch in unseren Gedichten auf Klang zu bauen!

Beachten Sie die Wirkung einzelner Laute

Mit den Buchstaben und Lauten als kleinste Spracheinheit haben wir bereits den Generalschlüssel für einen suggestiven Klang in der Hand.
Beobachten Sie, mit welchen Ausrufen – o, ach, ui, wow – Sie spontan reagieren; wie es Ihnen vor Schreck die Sprache verschlägt, Sie vor den Kopf gestoßen zu stottern beginnen oder vor Begeisterung einen Redeschwall loslassen. So erweitern Sie im Alltag Ihr Sprachbewusstsein. Doch aufgepasst! Es geht nicht um Lautmalerei „Klingkling, bumbum und tschingdada“ (Detlev von Liliencron) oder um Weh-Klagen in Ihrem Gedicht. Solcher Einsatz bräuchte in unserer Zeit wohl eine gute Portion Ironie.

Singen Sie zum Beispiel einzelne Vokale und Konsonanten, zischen, brummen oder seufzen Sie. Spüren Sie, wo der Ton im Körper Resonanz erzeugt und welche Gefühle die Laute auslösen. Auf dieser Basis können Sie auch im Gedicht Stimmungen hervorrufen und Ihre Aussage mit Hilfe des Klangs auf allen Gestaltungsebenen bekräftigen.

Friedrich Schiller macht es vor

Zwei Strophen aus Friedrich Schillers „Der Taucher“ zeigen: O und U häufen sich und ziehen in die Tiefe, während E und I den Aufstieg begleiten. Derart werden Angst, Erleichterung und Freude durch den Klang untermauert.

Aus: Der Taucher

[…]
Und stille wird’s über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
„Hochherziger Jüngling, fahre wohl!“
Und hohler und hohler hört man’s heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

[…]

Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sich’s schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ist’s, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

[…]

Friedrich Schiller, 1759–1805

Wirken Sie auf den Atemfluss ein

Vom hohen I bis zum tiefen U können Sie Ihren Klangzauber entfalten, Diphthonge, also Doppelvokale wie ei oder eu, und Konsonanten inbegriffen. Doch Sie zielen nicht nur auf Wirkung durch den Ton, sondern beziehen auch den Atem Ihrer Leser/innen ein. Wie in der Musik arbeiten Sie mit Pausen und Tempo. Ob Sie Wörter mit Doppellauten, mit kurzen oder langen Vokalen wählen, ein- oder mehrsilbige Wörter gebrauchen: All dies bereichert das Klangspektrum mit dem Sie Ihr Publikum auf der unbewussten Ebene erreichen.

Verzweifelt

Droben schmettert ein greller Stein
Nacht grant Glas
Die Zeiten stehn
Ich
Steine.
Weit
Glast
Du!

August Stramm, 1874–1915

In Stramms Gedicht untermalen Wortfetzen, abgebrochene Sätze und isoliert stehende Wörter die Verzweiflung. Beim Lesen der Kurzzeilen stockt der Atemfluss. Pausen entstehen, machen die Vereinsamung des lyrischen Ichs erfahrbar.

Mit Tempo außer Atem bringen

Mit den Mitteln der Alliteration, des Zeilensprungs (Enjambements) und ineinandergreifender Sätze (Apokoinu) beschleunigt dagegen Ulla Hahn den Sprachfluss. Über alle Bildlichkeit hinaus vermittelt die Dichterin auch auf der Klangebene das Gefühl von Vehemenz und Rage. Denn die mit Tempo geladene Textpassage bringt Leserin und Leser „außer Atem“ und erzeugt so eine angespannte Hektik.

Aus: Im Märzen

[…]
hack der Krähe ein Auge

aus Amsel Drossel Fink und Star
dreh ich den Hals um dem Krokus
köpf ich die Knospen ich schmeiß
dir mit Veilchen die Fenster

ein jeder sehe wie
[…] (1)

Ulla Hahn, *1945

Im Rhythmus den Herzschlag erinnern

Im Zusammenspiel von Satz und Zeile werfen Sie Ihre Melodie in größeren Bögen aufs Blatt. Ist sie stockend oder auf Harmonie angelegt? Klingen Ihre Verse monoton oder machen kurze Einschübe und Gliedsätze sie lebendig – wie bei Peter Hacks?

Beeilt euch, ihr Stunden, die Liebste will kommen.
Was trödelt, was schleppt ihr, was tut ihr euch schwer?
Herunter da, Sonne, und Abschied genommen.
Verstehst du nicht, Tag, man verlangt dich nicht mehr.
[…] (2)

Peter Hacks, 1928–2003

Takt und Rhythmus kommen hinzu. Als Grundeinheit gilt der Herzschlag. So haben Sie es auch über das Metrum – ob in regelmäßiger oder durchbrochener Hebung und Senkung – in der Hand, Ihre Leser/innen zu lenken und womöglich aus dem Takt zu bringen. Auch so erzeugen Sie im Gedicht Stimmungen!

Hebungsprall – Störmanöver mit System

Für das Distichon ist ein solches Störmanöver obligatorisch. Während der erste Vers, der Hexameter, eine Frage aufwirft oder eine Ansicht zur Diskussion stellt, wird bei der Antwort in der zweiten Zeile, dem Pentameter, das reguläre Versmaß ausgesetzt: In der Zeilenmitte folgen zwei Hebungen unmittelbar aufeinander. Dieser Hebungsprall wie bei „sehr, sieht“ spitzt mit dem „Doppelschlag“ die Antwort zu.

Was schadet

Ist ein Irrtum wohl schädlich? Nicht immer, aber das Irren
immer ists schädlich, wie sehr, sieht man am Ende des Wegs.

Johann Wolfgang Goethe, 1749-1832 | Ebenso Friedrich Schiller zugeschrieben. Unter seinem Namen ist in der Bibliothek deutscher Klassiker der „Xenien-Komplex“ als Gemeinschaftswerk beider Dichter veröffentlicht.

„Gedichte, mögen sie im ersten Hören oder Lesen noch so hermetisch wirken, sind Geschöpfe der Empathie.“ (3) Mit Klangmotiven schaffen Sie über Zeile und Strophe hinweg rhythmische Einheiten. Echoräume entstehen, indem Sie Worte wiederholen oder nuancieren und vor allem – die Möglichkeiten des Reims und der Assonanz ausreizen, wie es Sabine Techel vorführt: „der/er/der, -welt/quält, -wulst/Mut, wenn/denn/Wenn, beschieden/schmieden, kommt/bekommt“.
Im Gedicht Stimmungen anzulegen, ist leichter als gedacht: Setzen Sie auf den Klang, damit Ihr Gedicht über die Lektüre hinaus in Ihren Leser/innen nachhallt.

Papenfuß zugeeignet

Viel öfter als die Warenwelt der
Hüftwulst einen Dichter quält, wenn er
denn in die Jahre kommt. Wenn ihm jedoch der
Mut beschieden, den Reim von „Kohlrabi“ auf „Poesie“
zu schmieden, läßt das für ihn und seine
Hüfte hoffen: Daß dies Jahr wieder er (und ihm)
Das Frischgemüse auch bekommt. (4)

Sabine Techel, *1953

Quellenangaben:

(1) Hahn, Ulla: Im Märzen. In: Klima für Engel. dtv 1993, S. 25
(2) Hacks, Peter: Beeilt euch, ihr Stunden. In: Die Gedichte. Edition Nautilus 2000, S. 458
(3) Oleschinski, Brigitte: Reizstrom in Aspik. Ein Poetik-Projekt mit Urs Engeler, DuMont 2002, S. 54
(4) Techel, Sabine: Viel öfter als die Warenwelt. In: Jahrbuch der Lyrik 2002, Hg. Christoph Buchwald und Adolf Endler, C. H. Beck 2001, S. 95

Dieser Artikel ist – leicht abgewandelt – in der Federwelt Nr. 125 August/September 2017 erschienen.

Die passende Schreibanregung darf nicht fehlen!
  • Verfassen Sie doch ein Gedicht in Mundart oder Jargon!
    H. C. Artmanns Gedicht „Blauboad“, auf Lyrikline vom Dichter selbst gesprochen, kann Sie auf diese Klangspur bringen.
  • Damit Sie auch mit regionalen Sprachspielereien punkten, gibt es Hilfsmittel wie Mundart-Wörterbuch und Sprachatlas, die Fundgrube für manches ausgefallene Reimwort sind. Hören Sie ein „Chinesisches Couplet“ Carl Valentins und lassen Sie sich von den Zungenbrechern beeindrucken – und natürlich anregen :-)
    Lexika im Dreiländeraustausch mit Querschlag zu Karl Valentin


„Das Alphabet des Denkens“ – oder wie Wörter wirken

Kategorien: Bücher,Buchreihe "Dichten",Sprache — Tags: , , — Michaela Didyk

Dass Sprach- und Hirnforschung kurzweilig und vor allem verständlich sein kann, beweist das „Alphabet des Denkens“ von Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen.
Günter Ott bespricht als Gastautor das Buch. Erfahren Sie an so manchem Beispiel, wie und warum Wörter wirken.

.
Wörter wirken, das zeigt das Alphabet des Denkens - bunte Buchstaben im Raum kreisend angeordnet

Visuelle Vorstellungen beim Klang von Wörtern

Stellen Sie sich ein gezacktes Gebilde vor und daneben ein anderes mit runden Ausstülpungen. Wenn Sie nun diese beiden Darstellungen mit einem Fantasienamen versehen sollten: Welche würden Sie als „Kiki“, welche als „Bouba“ bezeichnen?

Die große Mehrheit, so der Test eines Neurowissenschaftlers, entschied, die rundliche Figur solle „Bouba“, die zackige „Kiki“ heißen. Warum? Weil „Bouba“ weicher klingt als das schrill-harte „Kiki“. Dieses Experiment zeigt, dass mit dem Klang von Wörtern visuelle Vorstellungen verbunden sind.

Das ist nicht so überraschend. Man sehe nur auf die Poesie und ihre Lautmalereien (und Synästhesien). Oder zitiere Christian Morgenstern: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen.“

Wie steht es um die Wörter? Spielen sie ein doppeltes Spiel mit uns? Eines, das wir zu beherrschen glauben, und eines, das „unter der Hand“ mitläuft? Wir wissen (im besten Fall), was wir sagen, aber wir wissen längst nicht immer, warum und wie wir dies tun.

Dem Alphabet des Denkens auf der Spur

Wie wirken also Wörter? Welche Macht haben sie über uns? Was verraten sie über unser Denken? Solche grundlegenden, spannenden Fragen verhandelt das aufsehenerregende Buch „Das Alphabet des Denkens“ der beiden Zeit-Autorinnen Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen.

Sie haben sich durch neuere und neueste Untersuchungen von Sprach- und Hirnforschern gearbeitet und die Ergebnisse kurzweilig und verständlich komprimiert – zudem mit dem nötigen Abstand zweier Wissenschafts-Redakteurinnen. Sie teilen eine Fülle von Erstaunlichem über Sprache und Denken mit, wissen aber auch um vorläufige, nicht ausreichend gestützte Testergebnisse, kurz: um die noch ungelösten Rätsel der Wissenschaft.

Nach der Lektüre weiß der Leser besser, was ihm von der Zunge und was ihm in Ohr und Gehirn geht.

Laute und Wörter setzen emotionale Schwingungen in Gang. Das macht sich nicht zuletzt die Werbung zunutze. Wohlklingende Namen können die Vorliebe für ein Produkt steigern. Versuchspersonen schätzten eine Seife als milder ein, wenn sie „Iseck“ und nicht „Oseck“ hieß. Ein Bier namens „Teyag“ stellten sie sich heller vor als eines mit dem Namen „Teyog“.

Nicht ohne – die Kraftausdrücke

Besonders emotionale Wörter sind Kraftausdrücke. Was sind die letzten Worte von Menschen, die ahnen, dass sie in einem abstürzenden Flugzeug sitzen? Nicht selten, so übermitteln es Aufzeichnungen von Flugschreibern, stoßen sie in ihrer ausweglosen Verzweiflung Schimpfwörter aus: „Was für einen Scheiß haben die gemacht?“ „Das war’s Leute! Fuck!“ Oder einfach: „Fuckkkkkk!“

Warum fluchen Deutsche anders? Schreit der Engländer „fuck“, schimpft der Deutsche „scheiße“. Dem Sexuellen steht das Exkrementelle gegenüber – allerdings nicht durchgängig. Man höre auf die Jugendlichen: „Fick dich!“, „Wichser“. Schimpfwörter, so wurde gemessen, können gegen Schmerzen helfen. Sie lösen Stress aus und steigern die Leistungsfähigkeit.

Ein Psychologe forderte Probanden auf, ihre Hände in eiskaltes Wasser zu tauchen – was sehr bald wehtut. Die Testpersonen durften entweder laut schimpfen oder harmloses Zeug reden. Haben sie geflucht, hielten sie es im Schnitt 40 Sekunden länger im Eiswasser aus als die andere Gruppe.

Der „sprachliche Fingerabdruck“

Die renommierten Experten (die im Buch alle ausgewiesen sind) nehmen längst nicht mehr nur das große Ganze unter die Lupe, sondern etwa die Menge der in einem Text verwendeten Artikel, Personalpronomen, Konjunktionen. In Teilen vermögen sie, daraus so etwas wie einen „sprachlichen Fingerabdruck“ zu erstellen – was sogleich Detektive und Geheimdienste aufhorchen lässt.

Sagt jemand häufiger „ich“ und „mein“ als „du“, „er“, „wir“, „sie“? Die Tonbandaufnahmen zum Watergate-Skandal (die geheime Abhöraktion gegen das Hauptquartier der US-Demokraten) ergaben, wie der amtierende Präsident Nixon immer stärker unter Druck kam, wie sich seine sprachliche Dominanz minderte und am Ende statt des vorher viel beschworenen „wir“ nur noch „ich“ übrig blieb.

Der (manipulativen) Politiker-Sprache ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie der „Heilkraft der Worte“. Im Übrigen bietet die Wissenschaft genügend Belege für die Horizonterweiterung durch Zweisprachigkeit. Dazu eine Psychologin: „Einwandererkinder werden oft gedrängt, ihre Herkunftssprache aufzugeben. Das ist aus mehreren Gründen ein Fehler. Es ist ein Verlust für die Familien, und es ist eine Vergeudung von Chancen.“

Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen: „Das Alphabet des Denkens. Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt“ [Amazon-Link zum Buch]

Günter Ott leitete das Feuilleton der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.