9. August 2017

Baustein 2: Wörter als lyrischer Werkstoff

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

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Wörter und Wortarten – anders als in der Alltagssprache

Im Atelier eines Bildhauers sehen Sie es sofort: Die Skulptur entsteht, indem der Künstler sie aus dem Rohstein herausschlägt. Das ist Knochenarbeit und setzt das Wissen um die Eigenschaften dieser Gesteinsart voraus. Und überhaupt – wählt er Basalt, wählt er Marmor?

Beim Dichten vergessen wir durch den Alltagsgebrauch der Sprache oft, dass sie ebenfalls Ausgangsmaterial ist, das erst Verwandlung braucht. Auf welche Wörter greifen Sie also zurück? Wie gut kennen Sie Ihren Werkstoff? Das lyrische Handwerk kommt hier ins Spiel.

Die drei grundlegenden Wortarten – Substantiv, Verb und Adjektiv – bilden das Ausgangsmaterial für Ihre Gedichte. Wie Sie bereits aus der Zutatenliste für Gedichte und aus dem ersten Baustein wissen, setzt die lyrische Sprache auf Lücken. Sie braucht Klarheit, aber nicht die Eindeutigkeit der Alltagssprache, die auf ein direktes Verstehen angewiesen ist.

Im Gedicht befreien sich die Wörter von festgelegten Bedeutungen und können so ungewohnte Verbindungen eingehen. Nicht fest verfugte Sätze, sondern mehr oder weniger lose Wortreihen und Satzfetzen, absichtliche Wiederholungen oder Gegensätze bauen eine neue Syntax auf, in der das Sprachmaterial seinen poetischen Zauber entfalten kann. Die verschiedenen Wortarten setzen dabei spezifische Akzente in Ihrem Gedicht.

Der Nominalstil für flexiblen Worteinsatz 

Hätten Sie das gedacht? Den Substantiven kommt beim Dichten die Favoritenrolle zu. Lassen Sie mit vielen Hauptwörtern den Nominalstil überwiegen, erreichen Sie größere Abstraktion. Denn sie lassen sich leicht aus dem gewohnten Satzbau herausreißen und isolieren. So ziehen sie – oft in loser Reihung – die Assoziationen des Lesers auf sich.

Brille, Buch, Uhr liegen /
neben dem Bett wie Notizen, /
[…] [1]

Hendrik Rost, *1969

Die dänische Dichterin Inger Christensen (1935-2009) vergleicht Substantive mit einem Kristall, der zwar Wissen in sich abkapselt, uns jedoch zugleich Perspektiven eröffnet:

Seide ist ein Substantiv. Substantive sind sehr einsam. Sie sind wie Kristalle, […] betrachte sie genau in all ihren Graden der Durchsichtigkeit. […] Schreib [das Wort Seide] auf ein Stück Papier, und es bleibt unbeweglich stehen, aber deine Gedanken und Gefühle sind schon unterwegs zu den fernsten Winkeln der Welt. [2]

Ein Vorteil für die lyrische Aussage – Wortarten gehen ineinander auf

Oft übernimmt auch ein Verb in seiner Grundform diese Funktion (siehe unten: im gehen). Kommt hinzu, dass der Dichter generell kleinschreibt, verschwimmen die Grenzen der Wortart. Ob ein Substantiv oder ein Verb vorliegt (tritt//… hervor), klärt sich nicht immer eindeutig und kann feine Sinnverschiebungen ergeben.

klare abende im gehen. /
die stufen im kies /
an den füßen tritt /
die mechanik der steine /
noch einmal hervor /
[…] [3]

Lutz Seiler, *1963

  • Tipp: Prüfen Sie, ob Substantive (vor allem im Singular) nicht zu abgehackt wirken, wenn Sie auf den Artikel verzichten.

Die anhänglichen Adjektive – nur bedingt geeignet für die lyrische Sprache

Im Verbund mit den Substantiven tauchen in der Alltagssprache oft Adjektive auf. Während sie hier eine Sache lebendig ausmalen, hängt ihnen lyrisch ein schlechter Ruf an. Die Dichterin Ulla Hahn (*1945) geht hart mit ihnen ins Gericht und nennt sie „emotionales Schmieröl“, vor dessen Einsatz man sich hüten solle. [4]

Vorschnell nehmen Adjektive die Substantive in Beschlag und schränken so bei der Gedichtlektüre den Raum für Assoziationen ein. Setzen Sie daher die „anhänglichen“ Eigenschaftswörter bewusst und vor allem gegenläufig zu stereotypen Verbindungen (wie blauer Himmel, schwarze Nacht et cetera). Oft hilft es, Adjektive hinter ihr Bezugswort zu stellen. Dadurch sind sie ebenfalls isoliert und aus der Verklammerung gelöst. Zudem kann sich – wie in den folgenden Zeilen – über den Umbruch hinweg sogar eine neue Wort- und Gedankenverbindung ergeben:

[…]
Äpfel rot /
Blühendes Herbstblatt /
[…] [5]

Marie Luise Kaschnitz, 1901-1974

Möglich ist auch, kontroverse Adjektive oder Wortkombinationen aneinanderzureihen. Das Oxymoron ist ein Stilmittel, das auf extremen Widerspruch setzt: Schwarze Milch (Paul Celan, 1920-1970), Sachliche Romanze (Erich Kästner, 1899-1974) oder traurigfroh (Friedrich Hölderlin, 1770-1843).

  • Tipp: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Leser/innen mit eigenen Vorstellungen in einen „offenen“ Text einsteigen können: Vermeiden Sie das Auschmücken Ihrer Verse durch unnötige Adjektive, Adverbien oder Füllwörter.

Mit Verben beschleunigen und Gefühle ansprechen

Tätigkeitswörter vervielfältigen sich ins Uferlose. Sie lassen sich nicht nur in den Dienst unterschiedlicher Personen (ich, du, er/sie/es, wir, ihr, sie) stellen, sondern durchwandern sämtliche Zeitebenen und Möglichkeitsformen.

[…]
ich liebe den Herbst er /
wittert, posaunt die Farben heraus, brennt /
[…] [6]

Friederike Mayröcker, *1924

Verben bringen so nicht nur eine Fülle, sondern auch Bewegung ins Gedicht, die häufig auf das Tempo Einfluss nimmt, beschleunigt und sich dazu eignet, starke Empfindungen zu vermitteln.

Im ausgefeilten Wortspiel mit geringfügigen Nuancierungen – Wortfamilien bieten sich dafür an – kann eine solche Ansammlung durchaus gewünschte Irritation hervorrufen. Denn so folgen Ihre LeserInnen Ihren Zeilen aufmerksamer. Texte mit einem Übergewicht an Verben entwickeln meist einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

[…]
ich bin würde ich nicht sein wäre ich /
war ich nicht werde ich sein bin ich nicht /
[…] [7]

Günther Schulz, *1946

Poetische Neuwortbildungen, um  den Werkstoff Sprache zu erweitern

Seepferdchen und Flugfische betitelt der Dadaist Hugo Ball sein Gedicht. Welche Wortart würden Sie folgenden Klanggebilden zuweisen?

tressli bessli nebogen leila /
flusch kata /
[…]

Hugo Ball, 1886-1927

Poetische Neuschöpfungen müssen nicht immer so extrem ausfallen, dass der Klang jede Wortart außer Kraft setzt. Doch sie stechen aus einem Gedicht heraus und verdeutlichen, dass die Lyrik in unentdecktes Sprachgebiet vordringt.

Zwei Verfahren für Neuwortschöpfungen

  • Verschmelzen Sie mehrere Wörter. Else Lasker-Schüler versinnbildlicht so in Ein alter Tibetteppich die Seelenverwobenheit der Liebenden und unterstreicht die Intensität der Beziehung bereits optisch:

[…]
Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit /
Maschentausendabertausendweit. /
[…]

Else Lasker Schüler, 1869-1945

  • Umgekehrt lassen sich Wörter verkürzen, durch den Umbruch aufspalten oder im Klang stark einfärben. Thomas Kling setzt in seinem Werk auf das „Hörbarmachen der Texte, also in der Performance“. Dafür müsse alles dem Gedicht eingeschrieben sein. [8]

[…]
ATEM-SCHUTZ-GERÄTE-TRÄGER-LEHRGANG was /
für ssauntz! unter pokalen, fuß- /
balltrophäen die azurminiträgerin the- /
knblond. – GERÄTETRÄGERLEHRGANG IN A. /
[…] [9]

Thomas Kling, 1957-2009

Auch wenn Sie in Ihren Experimenten weniger weit gehen, sammeln Sie mit neu gebildeten Worten Erfahrungen und lernen Ihren Werkstoff kennen. Sie spüren, wie die Sprache sich „unter ihren Händen“ formt – und sich Ihnen widersetzt oder fügt. Wichtig bleibt, dass Ihre Worterfindung in den Sinnaufbau Ihres Gedichts eingebettet ist, zugleich aber genug Spielraum hat, als Besonderheit zu wirken.

Im Baustein zur lyrischen Bildsprache werde ich das Thema nochmals aufgreifen. Denn auch im gleichzeitigen Ansprechen verschiedener Sinne entstehen Neuschöpfungen: Golden wehn die Töne nieder, dichtet Clemens Brentano (1778-1842). Wem die Beispiele von Hugo Ball oder Thomas Kling zu ungewohnt sind, wird mit diesem Vers, der die Sinne verschmilzt, wahrscheinlich versöhnt sein.

 


Die Qualität Ihres poetischen Handwerks zeigt sich im gelungenen Vers.
Dazu gehört, dass Sie es unserer Zeit entsprechend anwenden.

  Für das zeitgenössische Schreiben sind die folgenden Formen tabu:

  • Der vorangestellte Genitiv – des Königs Palast, (des) Mannes Mut – spart in Versen, die ein bestimmtes Maß erfordern, Silben. Verwenden Sie diese Genitivform nur vereinzelt und verzichten Sie zugleich auf weitere konventionelle Mittel.

→ Ersatz kann die zusammengesetzte Form sein (Königspalast) oder ein Enjambement, das die Stellung trennt (Mut des/ Mannes).

  • Das Partizip Präsens – kommend, singend – lässt sich mühelos isolieren und verknappt so Sätze. Doch auch diese Form wirkt antiquiert, mehr noch – sie macht den Text schnell schwerfällig.

→ Ein einfacher Infinitiv oder ein Präpositionalgefüge schaffen Abhilfe.

  • Er blühet, schweiget – diese Formen gehören der Vergangenheit an.

→ Eine „Überlebenschance“ besteht nur bei stilistischer Verfremdung und Ironisierung.


  • Quellenangaben:

[1] Schlaflosigkeit III. Rost, Hendrik: Im Atemweg des Passagiers. Wallstein 2006. S. 34
[2] Christensen, Inger: Der Geheimniszustand und das „Gedicht vom Tod“. Essays. Carl Hanser 1999. S. 32
[3] heimleuchten. Seiler, Lutz: im felderlatein. Suhrkamp 2010. S. 48
[4] Hahn, Ulla: Klima für Engel. Deutscher Taschenbuchverlag 1993. S. 111
[5] Wenn aber die Kinder. Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke. Bd.5. Insel 1985. S. 281
[6] Furor: Klage Anklage Ohnmacht. Mayröcker, Friederike: Gesammelte Gedichte (1939-2003). Suhrkamp 2004. S. 460
[7| Hamlet-Monolog. Schulz, Günther: Rezensierte Gedichte. LCB-Editionen 24. Literarisches Colloquium 1971. S. 23
[8] Balmes, Hans Jürgen: Lippenlesen, Ohrenbelichtung. Ein Gespräch mit Thomas Kling. Text + Kritik 147 / Thomas Kling. Richard Boorberg Verlag 2000. S. 15
[9] taunusprobe. lehrgang im hessischn. Kling, Thomas: Gesammelte Gedichte 1981-2005. DuMont 2006. S. 229

 

Dieser Artikel ist leicht abgewandelt in der Federwelt (Nr. 114 Oktober/November 2015) erschienen. Hier können Sie gleich weitere „Bausteine“ lesen:


29. Juli 2017

Lyrik-Baustein 3: Mit rhetorischen Figuren die Aussage verdichten

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

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Gedichte wollen aus der Schublade „hinaus in die Welt“. Das liegt in der Natur der Sprache als Kommunikationsmittel. Sie meinen, Sie schreiben für sich selbst? Irrtum, Ihre Texte zielen bereits auf ein Publikum. Für diesen Brückenschlag zur Leserschaft bieten sich die sprachlichen Stilmittel oder Figuren an. Der dritte Lyrik-Baustein sorgt daher für die Klarheit und Ausrichtung Ihrer Aussage.

Oft nutzen Sie Stilmittel schon intuitiv. Mit ihnen strukturieren Sie Ihre Verszeilen, die –  im Satzbau poetisch gelockert – nach einer Neuordnung verlangen. Gleichzeitig dient Ihnen das seit der Antike entwickelte Instrumentarium, Ihre Leser/innen zu lenken, wie sie Ihr Gedicht deuten sollten.

Mit Stilmitteln Schwerpunkte setzen

Zu den rhetorischen Figuren zählen alle mehr oder weniger beabsichtigten Sprachgestaltungen, die ein Textelement hervorheben und in der Wirkung betonen. Sie gliedern das Sprachmaterial meist durch Wiederholung und Gegensatz. Auf diese Weise zieht sich ein roter Faden durch das Gedicht, der den Sinnaufbau leitet. Oft überlagern sich sogar mehrere Figuren, sodass sich die Aussage an solchen Knotenpunkten intensiviert und Leserinnen und Zuhörer in den Text „zieht“.

Kein Räderspiel /
kein Wagenprellen /
kein Seiltanz mehr /
[…] [1]

Kurt Küther, 1929 – 2012

  • Am Beispiel verdeutlicht

Dreimal wiederholt Kurt Küther das Anfangswort (Anapher). Zeile für Zeile hängt er in gleicher Bauweise ein anderes Substantiv an (Parallelismus). Die losen Satzfetzen – optisch schon auffallend – kommen schnell zueinander in Bezug.

Die drei Zeilen steigern sich sogar in der Abfolge (Klimax). Der Dichter spitzt die Strophe auf das Wörtchen „mehr“ zu, das aus allem Gleichlauf herausfällt. Es verschwindet fast im massiven Block oder soll sich vielleicht – so einzeln gesetzt – gerade behaupten.

Im Gegensatz zum vorgeführten Stillstand, so kann man deuten, gab es früher wohl eine Bewegung („kein … mehr“). Der Verlust löst in der mehrfachen Wiederholung und Figuren-Kombination auch eine Emotion aus.

Doch geht es nur um Rückschau? Oder steckt im Strophenschluss „mehr“ noch eine zweite Botschaft? Dass es nämlich mehr gab. Etwas, das nicht gleichgeschaltet war. Eine Quantität, die auch zur Qualität werden kann, schwingt mit. Die Strophe bleibt nicht bei der Erinnerung, sondern öffnet den Blick für Alternativen, die beim Lesen nachdenklich machen.

Die Vielfalt rhetorischer Figuren

Rhetorische Stilmittel begegnen Ihnen auch im Alltag: in der Werbung, in Reden von Politikern, eigentlich immer, sobald ein Ziel kraft Überzeugung erreicht werden soll. Die Lyrik holt allerdings weiter aus.

Mit den Figuren stellen Sie mit wenigen Worten komplexe Zusammenhänge her. Sie inszenieren Ihren Text, damit sich die spezifische Aussage aus vielerlei Deutungsmöglichkeiten  herauskristallisiert. Sie wiederholen Wörter und Satzteile, um sich in unbekanntes „Sprachland“ vorzuwagen. Sie ändern gebräuchliche Wortbedeutungen, erfinden Sinnzusammenhänge.

Indem Sie wiederholen oder variieren, indem Sie auf Gegensätze zurückgreifen, geben Sie Ihren Leser/innen Anhaltspunkte. Sie markieren eine Spur, auf der man Ihrem Text folgen und ihn verstehen kann.

  • Die rhetorischen Stilmittel in vier Gruppen gegliedert

Auf welchen Gestaltungsebenen Sie Ihr rhetorisches Werkzeug einsetzen können, zeigt Ihnen ein Überblick über die vier grundlegenden Figurengruppen: [2] Weiterführende Links zu Stilmittel-Sammlungen finden Sie am Schluss des Beitrags.

  • Wortfiguren stärken oder schwächen ein Wort in seiner Wichtigkeit für die Aussage: Nachdruck (Emphase) oder Untertreibung (Litotes)
  • Satzfiguren regeln die Position von Wort und Satzglied, halten unterschiedliche Wortverbindungsarten bereit, häufen Wörter oder sparen sie ein: Stilmittel sind die Unverbundenheit (Asyndeton) und Vielverbundenheit (Polysyndeton), die Auslassung (Ellipse), Stufenfolge (Klimax), der Gleichlauf (Parallelismus) und  die Überkreuzstellung (Chiasmus), schließlich die Umkehrung der üblichen Satzstellung (Inversion)
  • Gedankenfiguren bestimmen die Satzform, aber auch wie Sie Ihre Kernbotschaft – direkt oder verschleiernd – aufbauen: Rhetorische Frage und Gegensatz (Antithese) stehen Ihnen zur Verfügung.
  • Klangfiguren bauen auf Wiederholung. Durch Gleichlaut oder Doppelung kurzer Spracheinheiten können Sie die Versmelodie modulieren: Die Wiederholungen von Wort- und Satzteilen finden Sie am Anfang beziehungsweise Ende der Verszeilen (Anapher und Epipher), der Anlautreim (Alliteration) kann einzelne Passagen oder das gesamte Gedicht durchziehen.

Durch den Einsatz der Stilmittel Leser/innen beeinflussen

Anapher, Parallelismus und Klimax haben Sie bereits in Kurt Küthers Strophe kennengelernt. Sie können dort mit der losen Reihe der Kurzzeilen noch die Figur der Unverbundenheit hinzufügen, sowie die Ellipse, die auf alles Unwichtige im Satz verzichtet. Die Tote Zeche, die der Autor laut Gedichttitel darstellt, ist klar umrissen. Der reduzierte Satzbau passt zur Stilllegung. Beide Stilmittel beschleunigen zudem den Sprachfluss und verstärken die emotionale Wirkung.

und weiß und Schnee und mitten im Sommer /
Papptellers Spuren und Wischtuch Kufen und Tassenrand /
[…] /
…….auf weißem /
Tuch, und ach wie die Augen baden im salzigen Quell, usw. [3]

Friederike Mayröcker, *1924

Insgesamt elfmal das „und“ (Vielverbundenheit) setzt Friederike Mayröcker in ihrem Gedicht. Sie lässt die Leser/innen am Assoziationsstrom teilhaben, der – ausgelöst durch einen Pappteller – einen Augenblick reflektiert.

In der und-Verkettung unterschiedlicher wie auch gegensätzlicher Dinge entsteht eine Botschaft, die von subjektivem Empfinden getragen wird. Ihre Ausrichtung scheint sich in der Fülle der Gedanken immer wieder zu verlieren. Doch diese, durch die Figur angelegte, Offenheit lädt gerade bei der Lektüre ein, eigene Erfahrungen mit einem weiteren „und“ anzuschließen.

„ach wie die Augen“ setzt emphatisch einen Ausruf. Aber auch dieser Gefühlsausdruck relativiert sich, vor allem durch das banalisierend angefügte „usw.“ am Gedichtende.

  • Der Lyrik-Baustein, der Ihrem Gedicht zu wirkungsvoller Struktur verhilft

Wollen Sie Ihre Leser/innen in Stimmung versetzen, einen Dialog anregen? Wollen Sie schockieren? Soll Humor zum Ziel führen? Ob Sie Ihr literarisches Gegenüber subtil beeinflussen oder – mit Fragen beispielsweise – direkt ansprechen, – ein reicher Fundus an Figuren wartet auf Sie, um die Wirkung Ihrer Aussage zu steuern:

Zikade zuwenig? Zikade zuviel? /
Wer zählt die Stimmen /
………………………………….unterm Basalt /
im Geröll in den Sümpfen /
in den Savannen die Stimmen /

[…] [4]

Hans Magnus Enzensberger, *1929

Anapher und Klimax, die gerne mit Parallelismus einhergehen, gehören zu den meistverwendeten Figuren. Die  Satzanfänge können sich dabei ebenso innerhalb einer Zeile wiederholen.

Auf zweifach „Zikade“ folgt allerdings ein Gegensatz („zuwenig … zuviel“), der in dieser Verdichtung zu einer Stellungnahme auffordert. Ob das in der fest verfugten Ausgangslage gelingt? Denn Enzensberger verschmilzt die Doppelfrage mit dem  Anlaut Z zu einer Klangeinheit, die sich über die Anfangszeile hinaus fortsetzt und mit S/St variiert (Alliteration): Die Zikaden sind deutlich zu hören.

Um „Stimmen“ geht es auch am gleich endenden Versschluss (Epipher). In der Wiederholung verändert sich die Stellung im Satz (Inversion) und zieht eine leichte Überkreuzung (Chiasmus) – einmal „Stimmen“ in der Satzmitte, dann am Satzende – nach.

Unser Blick richtet sich an diesen auffällig gesetzten Worten und Stellen anders aus: Wir folgen den Zeilen nicht nur von links nach rechts, vorwärts oder rückwärts, sondern „verweben“ den Text in Querverbindungen. So entstehen Hinweise auf eine Deutung. Die komplex vermittelte Situation wird transparent, und es eröffnen sich Perspektiven, die neue Wort- und Sinnzuordnungen zulassen.

  • Quellenangaben und Links zu Stilmittel-Sammlungen

[1] Tote Zeche. Küther, Kurt: Ein Direktor geht vorbei. Peter Hammer, 1974, S. 45
[2] Vgl. Braak, Ivo: Poetik in Stichworten. 8. Auflage. Ferdinand Hirt, 2001, S. 53
[3] auf einen Pappteller. Mayröcker, Friederike: Mein Arbeitstirol. Suhrkamp, 2003, S. 82
[4] Zikade. Enzensberger, Hans Magnus: Verteidigung der Wölfe. [Gedichte. 6 Bände in Kassette]. Suhrkamp, 1999, S. 9

www.wortwuchs.net
Übersicht in Wikipedia


17. Juli 2017

Lyrik schreiben: Zutaten für ein gelungenes Gedicht

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

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Was versteht man unter Lyrik, was unter einem Gedicht?

Lyrik, mitunter auch Poesie, nennt man seit dem frühen 18. Jahrhundert die Gesamtheit der Gedichte und grenzt sie mit diesem Gattungsbegriff von Roman und Erzählung (Epik) oder vom Theaterstück (Dramatik) ab. In der Antike zählte man noch jegliche Versdichtung dazu, die zur Musik der Lyra, sprich: Leier vorgetragen wurde. Den vom Instrument abgeleiteten Namen nutzen wir zwar noch immer. Doch die Zuordnung der Texte hat sich im Lauf der Jahrtausende verändert. Der im Anfang wichtige Bezug zur Musik ist in den Hintergrund gerückt.

Was macht also heute einen lyrischen Text aus? In der Vielfalt aller Gedichte quer durch die Epochen gibt es nur einen kleinen gemeinsamen Nenner. Denn weder Reim noch Versmaß, weder feste Form noch freies Sprachspiel, geschweige denn Innerlichkeit und Gefühl müssen Bestandteil eines Gedichts sein. So rechnet man nach Dieter Burdorf zur Lyrik nur die

mündliche oder schriftliche Rede in Versen, [… die] durch zusätzliche Pausen bzw. Zeilenbrüche von der normalen rhythmischen oder graphischen Erscheinungsform der Alltagssprache abgehoben [ist]. [1]

Diese Äußerung muss sich außerdem vom szenischen Dialog, wie er in Versdramen üblich ist, unterscheiden.

Eine fremde Sprache mit eigenen Regeln

Kurze, oft wenige Zeilen auf sonst leerer Seite – Gedichte fallen schon durch ihr Erscheinungsbild auf. Die Optik macht schnell deutlich, was hinter der spröden Definiton steckt: Anstatt Fließtext stehen – gerade in der modernen Lyrik oft mit Verzicht auf Satzzeichen und Großschreibung – lose gereihte Wörter, Satzfragmente auf dem Papier.

Was wir in Prosa als Gestammel empfinden würden, akzeptieren wir im Gedicht. Denn lyrische Texte folgen ihren eigenen Regeln.

Beim Dichten verwenden Sie zwar die deutsche (oder englische, französische et cetera) Sprache. Dennoch verhält sich diese anders, widerspenstig sogar. Sie klammert das Wissen über die Norm(alsprache) nicht aus – sabotiert es jedoch. Wie sollen Leser/innen eine Reihe aus Substantiven deuten ohne ein Verb, das einen Bezug herstellt? Warum wiederholen sich Wörter, wenn wir doch gelernt haben, dass Abwechslung stilvoller ist? Wieso brechen Sätze mittendrin ab und scheinen in neuer Zeile anders weitergeführt?

  • Der entscheidende Unterschied:

Es sind bestimmte Gestaltungsmomente, die ins Auge stechen oder das Ohr erreichen und auf die wir beim Schreiben wie beim Lesen aufmerksam werden (müssen). Die Information, die wir im Alltag möglichst eindeutig formulieren, um Missverständnisse auszuschließen, wird in der Lyrik zur Nebensache. Nicht was ausgesagt wird, ist von Bedeutung, sondern wie es ausgedrückt wird.

Als Lyriker/in wollen Sie Eichendorffs berühmtes „Zauberwort“ treffen, das Ihre Leser oder Zuhörerinnen im Innersten bewegt. Dafür gestalten Sie die Sprache als Ihren wichtigsten „Werkstoff“. Sie beschreiben nicht den Frühling oder eine Gefühlslage. Sondern Sie schaffen mit Ihrem Gedicht, wie es der österreichische Dichter Ernst Jandl (1925-2000) forderte, ein „Erlebnis aus Sprache“, das den Leser wie eine Krankheit ansteckt. Alles was nicht unmittelbares Erlebnis sein könne, so Jandl, müsse daher aus dem Gedicht verschwinden. Eine Krankheit werde übertragen und nicht nur gemeldet. Ähnlich verhalte es sich beim Gedicht:

ein Erlebnis haben wir, und es uns, wir müssen darin sein; ein Erlebnis wird mitgeteilt, heißt: wir sind nicht darin. [2]

Ziehen Sie Ihre Leser/innen also in den Bann. Sie finden die Zutaten für Ihren Zaubermix auf den unterschiedlichen Gestaltungsebenen. Einige dieser Arbeitsstufen lernen Sie im Folgenden kennen.

Der Zeilenbau

Bereits die Gedichtzeile sorgt für Sprengkraft und deutet die Spannung zwischen poetischer und normaler Sprache an. Anders als beim Fließtext ist die Länge einer Zeile begrenzt; der dadurch nötige Umbruch in eine neue kündigt die Versrede an. Denn ein lyrischer Text muss aus mindestens zwei Zeilen bestehen. Aus einer allein wäre nicht ersichtlich, ob es sich nicht nur um ein paar hingeworfene Worte oder einen kurzen Prosasatz handelt.

Wie Sie nun die Verszeile und Satzeinheit aufeinander beziehen, erzeugt nicht nur Reibung, sondern gibt Ihrer Aussage auch einen Grundton. Beim Zeilenstil laufen Satz oder Gliedsatz parallel zum Vers, das Satzende fällt mit dem Zeilenende zusammen. So entsteht eine harmonische Einheit, die über Einschübe oder Kurzsätze verlebendigt werden kann:

Verbotsschilder sprechen für sich./
Und dennoch: Ich pfeif aufs Verbot!

Rolf Bossert, 1952-1986

Lassen Sie den Satz jedoch beim Hakenstil oder Zeilensprung/Enjambement am Versende abrupt abbrechen, entsteht ein Stau und zugleich eine Beschleunigung, weil in der künstlich erzeugten Pause der Satz dennoch sofort weitergelesen werden will.

[…] ohne Zweifel mein/
Lieber aber das eine er läßt es/
vorbeigehn […]

Ralf Thenior, *1945

Mit einem Enjambement setzen Sie starke Akzente und spielen sogar Wörter gegeneinander aus. Denn in den Folgezeilen können sich, wie im Beispiel oben, neue Bezüge ergeben, sodass der Sinn mehrdeutig wird. Zwischen den Wörtern und Satzteilen entstehen Lücken, in denen die Leserin zu kombinieren beginnt und dabei eigene Vorstellungen und Erfahrungen einflicht.

Mit Stilmitteln Ordnung schaffen

Gedichte müssen nicht kurz sein, sind es aber oft. Jedes Wort, jedes Satzzeichen wird im Konzentrat weniger Zeilen poetisch „aufgeladen“. Lyrische Texte holen also nicht weitschweifig aus, sondern verknappen, lassen Bezüge offen, um den Leser zu eigenen Assoziationen anzuregen.

Wenn Sie jedoch in Ihrem Gedichtentwurf rigoros streichen, bis lediglich Satzrelikte oder einzelne Wörter übrig bleiben, benötigen Sie eine Struktur, die die Syntax und Grammatik der Normalsprache ersetzt. Wie sollte die Leserin, der Zuhörer sonst eine Ordnung im Gedicht erkennen?

Vielfältige Stilmittel, auch Figuren genannt, bieten sich an, Wörter und Satzteile über die Zeilen und Gedichtstrophen hinweg zu verknüpfen. Die beiden Grundprinzipien Wiederholung und Gegensatz sind das Geheimnis in diesem neuen Ordnungssystem.

Nur der Steurer noch, der wacht und steht!/
Nur der Wind, der mir im Haare weht!“

Conrad Ferdinand Meyer, 1825-1898

Wir waren leicht als Vögel, schwer als Bäume

Ingeborg Bachmann, 1926-1973

Wenn Verszeilen mit gleichen Worten beginnen, sehen wir sie als Einheit. Wenn Worte sich mehrfach wiederholen, achten wir auf die Nuancierungen, die vielleicht in einer veränderten Vorsilbe oder Zeitstufe stecken. Alliterationen schweißen Wörter über den gleichbleibenden Anlaut eng zusammen.

In solch geballter Sprachgestaltung bekommen lyrische Aussagen ihr Gewicht, da mit jeder Wiederaufnahme eines Wortes, Satzteils oder Klangmusters auch eine Steigerung geschieht. Sind zusätzlich Gegensätze eingewoben, schärfen sich Konturen und die Aussage spitzt sich weiter zu.

Ohne Bilder keine Lyrik

Kunst ist Denken in Bildern – so sagt man oft, und der Satz scheint auf die Lyrik zugeschnitten. Kühne Metaphern, Symbole oder Vergleiche als die drei wichtigsten Bildmittel überraschen uns, indem sie mit wenigen Worten fremde Welten „erschaffen“. Wofür Erklärungen lange Textpassagen benötigen, geschieht auf der Bildebene in Windeseile: Wir begreifen intuitiv die Zusammenhänge. Nicht unser Kopf stimmt (nur) zu, wir sind vor allem gefühlsmäßig angesprochen.

Nicht die Fülle einzelner Motive zählt beim Aufbau eines Bildes, sondern wie sie miteinander verknüpft werden, um letztlich eine Einheit herzustellen. Voraussetzung für ein gelungenes poetisches Bild ist eine genaue Beobachtung. Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott (*1965) fordert, dass man

Dinge oder Motive zu Ende denkt, Analogien zusammen- und weiterführt. [3]

Wenn Sie – etwa mit Gabriele Ricos Cluster-Methode [4] – verschiedene Sinneskanäle öffnen, und entsprechende Bildfacetten zutage fördern, erzeugen Sie mit der Beschränkung auf wenige, ja sogar auf ein einziges Bild mehr poetische Wirkung als mit einer Überfülle untereinander bezugsloser oder schräger Bildmotive.

Mit Kitsch und Klischee droht eine zweite Gefahr auf dieser Gestaltungsebene: Mit Standardformeln lassen sich keine neuen Bildhorizonte öffnen, während sich bei Pathos und Kitsch erhabene oder übertriebene Bildmotive als „Hohlform“ entlarven.

Ebenso gelten Redewendungen als „verblasste“ Metaphern. Bringen Sie also wieder Farbe ins Bild! Wählen Sie eine Wendung oder ein Sprichwort aus und nehmen Sie die Wörter einzeln unter die Lupe. Ergibt sich hier mit Stilmitteleinsatz, mit Wiederholung oder Gegensatz eine Gelegenheit, Bekanntes zu verfremden und die Sicht auf den Kopf zu stellen?

Auf den Klang kommt es an

Bild und Klang sind Grundzutaten der Lyrik. Beide gehören zu den Eindrücken, die wir „rechtshirnig“ verarbeiten und die unmittelbar auf unsere Gefühle zielen. Dabei beeinflusst der Klang subtiler als das Bild, auch suggestiver. Denn das Hören ist im Gegensatz zum Sehen pausenlos auf Empfang. Das lässt sich für Gedichte nutzen.

Nehmen wir die Alliteration, bei der Sie den Anlaut – und zwar auf die betonte Hauptsilbe des Wortes bezogen – als Klangverstärker verwenden. Wenn Sie auf die Werbesprüche im Alltag achten, dann wissen Sie, warum sich mancher Werbespot festsetzt. Alliterationen können sprachspielerisch ein ganzes Gedicht durchweben, doch auch einzelne Passagen bauen in solcher Vokal- oder Konsonanten-Bündelung einen Klangraum auf, dem sich Leserin und Leser kaum entziehen können.

  • Auf in die Praxis!

Das Wissen, wie die Buchstaben in ihrer Lautgestalt wirken, ist ein reicher Erfahrungsschatz für Ihr Dichten. Beobachten Sie im Alltag, in welcher Klanghöhe, mit welchen Ausrufen Menschen ihre Gefühle zum Ausdruck bringen.

Schreiben Sie eigene Texte oder auch Gedichte bekannter Autor/innen um, indem Sie sich – Ernst Jandls Gedicht „ottos mops“ ähnlich – nur auf einen Vokal beschränken. Sie können bei solchen Lipogrammen, in denen Sie auf bestimmte Buchstaben verzichten, nicht nur Klangspiele erzeugen. Die Wortnot gerade beim Wegfall ganzer Buchstabenreihen macht Sie auch erfinderisch und ist fürs Dichten ein lohnenswertes „Trainingsprogramm“.

Gebundene Sprache und freier Vers

Zum Klang gehört neben Metrum und Rhythmus natürlich auch der Reim. Doch die deutsche Sprache tut sich schwer. Die zum Reim tauglichen Wörter sind verbraucht, das Paradepaar Herz/Schmerz zeigt es.

In meinem Lied ein Reim/
Käme mir fast vor wie Übermut

Bertolt Brecht (1898-1956)

So schrieb der Dichter 1939 in seinem programmatischen Gedicht „Schlechte Zeit für Lyrik“ und verwendete den im 20. Jahrhundert erstarkenden freien Vers. Mit einem Reimkorsett, das die Sprache zudem in der Regelmäßigkeit eines Taktes bindet, ist nicht nur das Dichten eingeengt.

Das damit verbundene harmonische und in sich abgeschlossene Weltbild lässt moderne Lyriker/innen aus konventionellen Formen ausbrechen und den Reim anders einsetzen. Als akustisches Phänomen erscheinen die „Wortzwillinge“ auch auf beliebige Gedichtstellen verteilt. Die „routinierte“ Endreim-Kette wird gelöst zugunsten eines größeren Spielraums von Wortklang und Echo.

Mit den freien Versen unserer Zeit haben die stark reglementierten Gedichtformen nicht ausgedient. Sie stellen einen reichen Schatz zur Verfügung, der zu Schreibexperimenten einlädt. Lied, Sonett, Haiku oder Pantum, um nur einige zu nennen, prägen mit ihrer strikten Vorgabe an Verszeilen, Metrum und Strophenanzahl die Aussage in jeweils bestimmter Weise.

Mit dem Wechsel der Form ändert sich auch die „Botschaft“. Im Sonett teilt sich das lyrische Ich anders mit als im Lied, das klassische Haiku schließt in seinen 17 Silben ein Ich sogar vollkommen aus. Auch wenn Sie auf freie Verse eingeschworen sind, lohnt sich ein Ausflug in die Tradition, um am eigenen Handwerk zu feilen und Neues zu probieren.

Das lyrische Ich als Spielfigur

Die Verfremdung, die die Sprachgestaltung mit sich bringt, abstrahiert die persönliche und private Ebene. Zwar mag in vielen Texten ein biografischer Faden rekonstruierbar sein. Er bleibt jedoch irrelevant. Texte wirken, auch wenn wir ihre Urheber nicht kennen.

Das Erlebnis, über das Sie schreiben oder das am Anfang eines Gedichtes steht, ist lediglich „Stoff“, der bearbeitet werden will. Nur so entsteht ein weitmaschiges Gewebe, in dem auch Leser/innen mit ihren Ideen, Vorstellungen, Erfahrungen anknüpfen können.

Wer im Gedicht spricht, ist daher immer eine Erfindung, eine Spielfigur des Autors, selbst wenn ein „Ich“ – nämlich das lyrische Ich – im Mittelpunkt steht. Es ist eine Rolle, in die auch Leser und Leserin hineinschlüpfen, vorausgesetzt, sie ist für eine solche Identifikation genügend leer: Das geschieht durch intensive Sprachgestaltung, nicht durch bloßen Gefühlsausdruck. Nur so stecken lyrische Texte unmittelbar an, und Ihre Leser/innen sind vom Gedicht „infiziert“ mittendrin.

  • Quellenangaben:

[1] Dieter Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse. J. B. Metzler Verlag. Stuttgart 1997
[2] Ernst Jandl: Das Gedicht zwischen Sprachnorm und Autonomie. In: Die schöne Kunst des Schreibens. Luchterhand-Literaturverlag. Darmstadt 1976
[3] Raoul Schrott: Pamphlet wider die modische Dichtung. In: Die Erde ist blau wie eine Orange. Polemisches, Politisches, Privates. Deutscher Taschenbuch Verlag. München 1999.
[4] Gabriele L. Rico: Garantiert schreiben lernen. Sprachliche Kreativität methodisch entwickeln – ein Intensivkurs auf der Grundlage der modernen Gehirnforschung. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 2004

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Dieser Artikel erschien leicht variiert in der Federwelt (Nr. 112 Juni/Juli 2015) als Auftakt der zehnteiligen Serie Dichten lernen. Erste Beiträge lesen Sie im Blog der Autorenwelt, die weiteren folgen sukzessive hier im Unternehmen Lyrik Blog.