Lyrik-Baustein 10: Dem Leser auf der Spur

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 leser im blick des autors Foto bunte handgezeichnete Pfeile in verschiedener Richtung

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Schreiben – für wen?

Sind Sie auf der richtigen Spur? Haben Sie beim Dichten Ihre Leser/innen im Blick? Ist es eher die vage Vorstellung von Menschen, die Sie berühren, denen Sie Erfahrungen und Beobachtungen vermitteln möchten? Oder denken Sie an konkrete Personen, wenn Sie neue Verse schmieden –, womöglich gerade frisch verliebt oder, um Ihre Gedichte in der Schreibgruppe zu diskutieren?

Meistens geht es wohl zunächst um das Schreiben an sich, wenn Sie Ihrem Impuls folgen und eine Idee zu Papier bringen. Das Publikum bleibt Randerscheinung. Der Gedanke an Leser, so ein häufiges Argument, bremse den Schwung und verhindere den Flow.

Als „Doppelgänger“ unterwegs

Dabei zielen Gedichte immer auf ein Du. Selbst wenn Sie nur für sich schreiben. In diesem Fall sind Sie, spitzfindig ausgedrückt, Ihr eigener Rezipient. Die Lyrikerin Hilde Domin spricht bei solcher Eigenlektüre sogar vom „Doppelgänger“. (1)

Während Sie nämlich in einem fremden Gedicht den Sinn ergründen und sich ihm assoziierend annähern, kennen Sie als AutorIn Ihren Text samt Entstehungsprozess. Sie blicken auf bereits Geschaffenes zurück und gehen folglich auf Distanz. Sie analysieren und überprüfen.

„[Der Autor] hat gesagt, was er zu sagen hatte […]. Falls ihm aber das Gedicht fern genug rückt […], so kann ihn […] das Sprachliche daran interessieren. Also das ganz konkrete und einmalige Geflecht von Sinn und Wort: wie er es oder wie es sich verflochten hat.“ (2)

„Autor und Leser als Zwillinge“

Dass Sie sich Publikum wünschen, gehört zum Dichten dazu. Nur – wie finden Sie Ihre Adressatinnen? Die Bedeutung des Lesers, der Leserin für ein Gedicht anzuschauen, kann Sie einen Schritt weiterbringen. Denn Ihr Text ist genau der Treffpunkt für die Begegnung:

Mein Gedicht sagt Dir,
was Ich weiß,
es fragt Dich,
was Du weißt. (3)

Ernst Meister (1911–1979)

In ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesung definiert Hilde Domin den Leser als „Mit-Autor“ (4): Denn Gedichte befreien sich nach der Fertigstellung von ihren Urheberinnen und stehen, auch über Jahrhunderte hinweg, zur Lektüre bereit. Sobald Sie einen (fremden) Text lesen und mit Ihren Erfahrungen füllen, werden Sie Mit-Gestalter/in. Sie frischen das Gedicht auf und halten es am Leben. „Autor und Leser als Zwillinge“ (5) – treffender als mit der Definition Virginia Woolfs, die Domin aufgreift, lässt sich das enge Verhältnis nicht ins Bild setzen.

Die im Gedicht angesprochene Person

Die Rolle des lyrischen Sprechers, und wie Sie bereits mit der Aussage eines Ichs beim Lesen zur Identifikation einladen, war Thema des neunten Bausteins. Was aber geschieht, wenn die Pronomina du oder ihr ausdrücklich genannt sind?

Sobald eine fiktive Person angesprochen wird oder das lyrische Ich sich im Selbstgespräch duzt, richtet sich jede lyrische Anrede zugleich an den konkreten Leser. Oder spitzen Sie etwa nicht die Ohren, wenn Clemens Brentano sein Gedicht mit der Aufforderung beginnt: Hör, es klagt die Flöte wieder? Oder wenn bei Bertolt Brecht An die Nachgeborenen eine Mahnung ergeht: Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut / In der wir untergegangen sind / Gedenkt (6)? Mit einer ironisch höflichen Frage zieht Gottfried Benn seine Rezipient/innen ins Gedicht: Meinen Sie Zürich zum Beispiel […]? (7)

Die Anrede gestalten und Einfluss nehmen

Ähnlich wie beim lyrischen Ich können Sie das Pronomen als starkes Subjekt du, abgeschwächtes Objekt dich / dir setzen oder auf das besitzanzeigende Pronomen dein zurückgreifen.

In der Mehrzahl ihr dient die Anrede auch dazu, die Zugehörigkeit oder Abgrenzung zu einer Gruppe auszudrücken. Dasselbe gilt übrigens für wir. Gerade wenn Sie politische und gesellschaftskritische Gedichte verfassen, können Sie mit einer solchen Nuancierung die Dringlichkeit der Ansprache variieren und Ihre Leser/innen beeinflussen.

So wendet sich Bertolt Brecht im Beispiel oben an die Nachgeborenen – das Gedicht entstand zwischen 1934 und 1938 –, um zugleich seine Zeitgenossen zum rechtzeitigen Handeln gegen den Nationalsozialismus aufzurufen.

Im Gedicht Wolfgang Hilbigs, das 1979 in der DDR nicht erscheinen durfte, ist dagegen die Abgrenzung offensichtlich, mit der das lyrische Ich seinen Widerstand behauptet.

ihr habt mir ein haus gebaut
laßt mich ein andres anfangen.

[…]

sagtet ihr man soll allein gehn
würd ich gehn
mit euch. (8)

Wolfgang Hilbig (1941–2007)

Der entscheidende Brückenschlag

Eine Einladung, Ihre Gedichte zu lesen und mit eigenen Erfahrungen zu verknüpfen, sprechen Sie durch die Art Ihrer Gestaltung generell aus. Die Anrede an ein lyrisches Du, Sie oder Ihr macht diese Aufforderung umso deutlicher.

Doch Ihre Leidenschaft zu dichten und Ihre Wortkunst allein reichen noch nicht aus, damit Sie Publikum für sich gewinnen. Als dritte Zutat benötigen Sie Orientierung: Wem wollen Sie in Ihrem Gedicht begegnen? Welche Menschen, welche Lesergruppe wollen Sie erreichen? Brauchen Sie ein Publikum für politische Gedichte? Für Sinnsprüche oder Liebeslyrik? Setzen Sie auf Rap-Begeisterte oder auf Lesehungrige, die ihr Ohr an klassischen Texten geschult haben?

Der Weg zu einem realen Gegenüber

Auch wenn Sie beim Schreiben Stoff zu einer poetischen Aussage verfremden, ist mit Abschluss des Textes eine Brücke nötig, die zu einem realen Gegenüber hinführt. Das heißt nicht, dass Sie nach dem Geschmack des Marktes schreiben. Es bedeutet vielmehr, dass Sie sich selbst klar werden, wen Sie mit Ihren Gedichten und der Art des Schreibens ansprechen.

Noch einmal: Welche Leserin, welchen Leser wünschen Sie sich im Idealfall? Eine Checkliste, wie Sie Informationen dazu gewinnen, fkönnen Sie auch mit einem Klick auf das Bild hrunterladen.

Download Checkliste "Dem Leser auf der Spur"

Anmerkungen

(1) Domin, Hilde (Hg.): Doppelinterpretationen. Fischer Taschenbuch 1976, S. 43
(2) Ebenda; S. 39
(3) Meister, Ernst: Mein Gedicht sagt Dir. In: Völker, Ludwig: Theorie der Lyrik. Reclam 1986, S. 120
(4) Domin, Hilde: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen 1987/1988, Fischer Taschenbuch 1993, S. 47 ff.
(5) Ebenda
(6) Brecht, Bertolt: An die Nachgeborenen. In: Gesammelte Werke, Bd. 9, Gedichte 2, Hg. Elisabeth Hauptmann, Suhrkamp 1967, S. 722 ff.
(7) Benn, Gottfried: Reisen. In: Gesammelte Werke, Bd. 1, Hg. Dieter Wellershoff, dtv 1975, S. 327
(8) Hilbig, Wolfgang: ihr habt mir ein haus gebaut. In: abwesenheit. Fischer Taschenbuch 1979, S. 8

Dieser Artikel ist leicht variiert bereits in der „Federwelt“ (Nr. 129 April /  Mai 2018) erschienen.


  • Den Anfang der zehnteiligen Federwelt-Serie „Dichten lernen“ finden Sie mit Baustein 1 im Blog der Autorenwelt; auch Baustein 4 können Sie dort aufrufen.
  • Die weiteren Teile lesen Sie hier im Unternehmen Lyrik Blog unter dem Stichwort Lyrisches Handwerk. Oderr starten Sie in aufsteigender Reihe mit Lyrik-Baustein 2. Am Ende eines Artikels führt Sie ein Link jeweils zum nächsten Kapitel.


Baustein 9: Ich – drei Buchstaben von Bedeutung

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Artikel das lyrische Ich - schwarzgraue Illustration einer graphisch verspielten Augenmaske

Das lyrische Ich als Erfindung

Wer spricht im Gedicht? Blättern Sie in einer Anthologie und prüfen Sie es. Ist es die Autorin oder der Autor, wenn ein Ich redet, ins Wir wechselt, sich im Du spiegelt oder bedeckt im Hintergrund hält? Erfahren Sie Persönliches aus dem Leben der jeweiligen Lyriker/innen?

Eher nicht, denn gute Gedichte verfremden das Persönliche. So mag zwar ein biografischer Faden rekonstruierbar sein, doch für die Wirkung eines Textes bleibt er nebensächlich. Deswegen begeistern wir uns für die Lieder Sapphos, obwohl wir über ihr Leben kaum etwas wissen.

Selbst wenn in einem Vers der eigene Name steht, ist klar: Das Ich im Text ist der biografischen Realität enthoben. „Vom armen B. B.“ heißt ein berühmtes Gedicht. Obwohl sich der Autor in der ersten Zeile zu erkennen gibt, handelt es sich doch nur um die Stilisierung einer dichterischen Haltung: „Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.“ (1) Als lyrischer Doppelgänger des Dichters ist dieser Außenseiter eine Rolle. Entlehnt ist sie beispielsweise dem Bänkelsang des François Villon.

Der fiktive B. B. pfeift auf Moral und Gesellschaft. Dieses lyrische Ich provoziert, stellt bestehende Verhältnisse infrage und zeigt Lebensalternativen auf. Der Autor Bertolt Brecht nutzt die Rollenrede, um sein Publikum indirekt anzusprechen und zu beeinflussen. Wer im Gedicht spricht, ist immer eine Erfindung des Autors. Dieser „ist nämlich ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut […]; das lyrische Ich ist aber ein Textaspekt, dem man nicht die Hand schütteln kann.“ (2)

Das Erlebnisgedicht als Altlast

Seit Johann Wolfgang Goethe galt – und gilt vielerorts noch immer – das Erlebnis- und Stimmungsgedicht als Lyrik schlechthin. Persönliche Begegnungen und Ereignisse vermengen sich mit den dargestellten Gefühlen und sollen bei der Lektüre nachempfunden werden. Doch bereits Goethe wandte sich gegen diese Gleichsetzung durch „Anecdotenjäger „(3) und verwies auf die ästhetische Dimension seiner Texte: „Der Dichter verwandelt das Leben in ein Bild. Die Menge will das Bild wieder zu Stoff erniedrigen.“ (4)

Das Festhalten am Erlebnis- und Stimmungsgedicht verführte lange Zeit dazu, Autor oder Autorin und das im Text sprechende Ich in einen Topf zu werfen. Erst in den 1970er-Jahren begann man, bei der Textanalyse strikt die beiden Positionen zu trennen. Dabei hatte die Journalistin und Dichterin Margarete Susman bereits 1910 den Begriff des lyrischen Ichs als „kein gegebenes, sondern erschaffenes Ich“ (5) eingeführt.

Als Fazit gilt daher: Jedes Erlebnis, das zum Ausgangspunkt eines Gedichtes wird, ist Stoff. Dieser braucht jedoch Form und Bearbeitung. Nur so wird er zum vielschichtigen Textgewebe, mit dem auch LeserInnen ihre Vorstellungen verknüpfen.

Das Ich-Angebot an Leserin und Leser

„Wer ist [nun] das Ich im Gedicht? – Jeder, der es spricht.“ (6) Der Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer rät, „sich mit der schlichtesten und greifbarsten Grundlage zu begnügen: dem grammatischen ‚ich’, dem Personalpronomen.“ (7)

Anders als bei den Pronomina der dritten Person, die den Bezug auf ein Nomen benötigen, um zu wissen, wer mit er, sie, es gemeint ist, definiert sich das Ich durch den bloßen Akt der Äußerung: „ich ist, wer spricht.“ (8) Der Sprachwissenschaftler Émile Beneviste nannte das Ich-Pronomen daher ein „leeres Zeichen, […]“ das erst durch den Gebrauch im jeweiligen Diskurs eines Sprechers aufgefüllt werde. (9)

Mit dem lyrischen Ich haben Sie also eine Art Zauberformel zur Hand, die jeden und jede zur Identifikation einlädt.

Ich-Identitäten

Drei Buchstaben nur – und doch haben Sie es mit einem der wichtigsten Wörter der Lyrik zu tun: Ich. Manchmal tritt es in einer Nebenrolle auf und wird zum Objekt mir, mich oder zeigt mit mein ein ihm zugehöriges Detail an.

Mit diesen verschiedenen grammatischen Positionen können Sie in Ihren Gedichten spannende Akzente setzen. Denn bereits mit dem Kasus geben Sie Auskunft über den Stellenwert und Handlungsspielraum , den das lyrische Ich besitzt.

Tritt ein starkes Subjekt als Ich auf? Oder wechselt es in den Objektstatus und schmälert seinen Einfluss? Sind gar nur Teile des Ichs im Gedicht genannt, Zuschreibungen, die einen Ausschnitt betonen? Dann verliert das Ich noch weiter an Selbstbestimmtheit.

Zwei  Beispielgedichte mit unterschiedlichen Positionen des lyrischen Ichs

Markieren Sie in den beiden folgenden Beispielen alle Verweise auf ein lyrisches Ich. Wie präsentiert es sich?

Halb Schlaf

Für Uwe Johnson

Und wie in dunkle Gänge
mich in mich selbst verrannt,
verhängt in eigne Stränge
mit meiner eignen Hand:

So lief ich durch das Finster
in meinem Schädelhaus:
[…] (10)

Thomas Brasch, 1945–2001

Schnell wird deutlich, dass dieses Ich mit sich selbst uneins ist: mich in mich, mit meiner Hand bestimmen die erste Strophe. Als Subjekt tritt ich erst in der zweiten Gedichthälfte auf, um aber seinen Spielraum sofort einzuschränken: durch die Folgezeile in meinem Schädelhaus. Für die Aussage des Gedichts ist diese Rollengestaltung authentisch. Die Redefigur ist nur in Teilen präsent – wie es der Titel „Halb Schlaf“ ankündigt.

……………… einfache Sätze
. während ich stehe fällt der Schatten hin
Morgensonne entwirft die erste Zeichnung
…….Blühn ist ein tödliches Geschäft
… iich habe mich einverstanden erklärt
………………   ich lebe (11)

……………….Helmut Heißenbüttel, 1921–1996

Anders verhält es sich bei Helmut Heißenbüttel. Das dreimalige ich lässt Entschlusskraft spüren. Es unterstreicht die Klarheit, dem Tod ins Auge sehen zu müssen. Die Objektform mich deutet auf eine Integration. Alle Anteile des Ichs – Subjekt wie Objekt – verbinden sich im starken Schlussbekenntnis ich lebe zu einer Einheit.

Quellenangaben:

(1) Brecht, Bertolt: Vom armen B. B. In: Gesammelte Werke 8, Suhrkamp 1967, S. 261
(2) Bode, Christoph: Einführung in die Lyrikanalyse, WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier 2001, S. 164
(3) Goethe, Johann Wolfgang: Geheimstes. In: Der West-östliche Divan, dtv 1971, S. 28 f.
(4) Derselbe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens / 16: Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit. Hanser 1985, S. 847
(5) Susman, Margarete: Das Wesen der modernen deutschen Lyrik, Strecker & Schröder 1910, S. 18
(6)-(8) Schlaffer, Heinz: Die Aneignung von Gedichten. Grammatisches, rhetorisches und pragmatisches Ich in der Lyrik, In: Poetica 1-2, S. 35-54
(9) Beneviste, Émile: Die Natur der Pronomen. In: Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft, List 1974. S. 279-286
(10) Brasch, Thomas: Halb Schlaf. In: Was ich mir Wünsche – Gedichte aus Liebe, Suhrkamp 2007, S. 31
(11) Heißenbüttel, Helmut: einfache Sätze. In: Textbücher 1-6, Klett-Cotta 1980, S. 5

Dieser Artikel erschien leicht abgewandelt in der „Federwelt“ (Nr. 127 Dezember 2017)

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Den zehnten und letzten Beitrag der Serie lesen Sie hier:

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