Das Finale der Monatsgedichte – ein starker Auftakt im neuen Jahr

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Foto zu Monatsgedichte mit dem Motto 'Tor - Tür Ball Bogen oder Narr'
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Gabriele Lanser gewinnt mit „weißnichtwas“ die 13. Runde der Monatsgedichte

Die Schlussrunde der Monatsgedichte stand unter dem Motto „Tor – Tür Ball Bogen oder Narr“. In der Offenheit des Themas ergaben sich spannende Texte – darunter Wortspiele, Bildgedichte, die insgesamt zeigten, dass der Narr den Weg zur Weisheit kennt oder ein/das Tor gut die Schwelle zu vertieftem Sinn markieren kann. Gabriele Lansers Favoritengedicht „weißnichtwas“ irritiert; es scheint zunächst sogar die lyrischen Grenzen sprengen zu wollen.

weißnichtwas
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Monatsgedichte - "weissnichtwas" © Gabriele Lanser
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© Gabriele Lanser

Ein Gedicht, das im Dialog entschlüsselt werden will

Carmen Winter, Diplom-Germanistin, Schreibwerkstättenleiterin und Autorin aus Frankfurt (Oder), war in dieser Monatsgedichte-Runde Jurorin. Sie lässt in Ihrer Urteilsbegründung gut erkennen, wie der Dialog zwischen Leser/in und Gedicht verlaufen kann.

Weißnichtwas
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Das ist doch kein Gedicht!
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Vielleicht, vielleicht ist es kein Gedicht. Es sieht jedenfalls nicht so aus, wie ein Gedicht. Es ist ein Block, ein Stein, ein Mauerwerk, abgeschlossen rechts und links und oben und unten mit geraden Zeilenrändern. Kein Flattersatz. Kein Satz flattert in diesem Text. Jeder Satz ist wohlgesetzt und jedes Wort. So gehört sich das in einem Gedicht. Es muss dicht sein.
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Aber wo ist die Lücke, die mich in den Text einlässt? Hallo, ich bin‘s, der Leser, rufe ich und klopfe zaghaft. Dann trete ich einen Schritt zurück und suche das Wortmauerwerk mit den Augen ab. KARL lese ich und NARR. Ist Karl ein Narr? Der Narr Immerfort? Es war im siebenten Sommer, als Karl, als der Narr, als der Vater und die Tanten und das Kind …
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So viele Figuren, das kann kein Gedicht sein. Ins Gedicht gehört ein ICH. Wo ist das ICH in weißnichtwas?
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Es hat sich heute hier neben den Leser gestellt und schaut zurück auf diesen siebten Sommer (der Leser erfährt nicht, wann die Zählung mit eins begann) das ICH schaut zurück auf das Kind, aus dem es herauswuchs und auf alles, was um Karl, den Narren sich an Gerüchten webte. Zielsicher greift das ICH in die übervolle Schale mit den Erinnerungen, greift heraus, was sich dicht weben lässt zu einem Gedicht. Wenn ich als Leser den Faden verfolgen will, muss ich aufmerksam lesen, dann öffnet sich Zeile um Zeile, dann sehe ich das Kind und den Narren und das tiefrote Laub des Kirschpflaumenbaumes, ich höre die Tuschler und das Rabengeschnarr. Ganz deutlich wird alles für einen Augenblick. Für den Augenblick, den es dauert, dieses Gedicht zu lesen, noch einmal und noch einmal, bis es sich ganz erschlossen hat und doch ein Geheimnis für sich behält. Was ist es? Ich weiß nicht was.

Ein Text, der „mehr [weiß] als sein Autor“ und in der Offenheit seine Leser erreicht

In ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesung spricht Hilde Domin vom „gefräßigen Gedicht“, das sich zunächst den Autor, dann den Leser einverleibt. Dadurch bleibe es lebendig und könne eigenständig in die Welt hinaus. An der Nahtstelle zwischen Carmen Winters Urteilsbegründung und dem folgenden Statement Gabriele Lansers passt dieses Bild Domins exakt. Das Gedicht geht seine eigenen Wege und bewahrt sich ein Geheimnis, das zum wiederholten und darin immer auch neuen Lesen verleitet.
Einen herzlichen Glückwunsch an Sie, liebe Frau Lanser! Ich freue mich sehr, dass Ihr Gedicht die Reihe der Monatsgedichte mit einem so starken Akzent beschließt.
Und hier nun die Vita der Gewinnerin und ihre Gedanken zum Schreiben:

Fakten und Zahlen
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Gabriele Lanser: 1950 geboren in einem Dorf am linken Niederrhein / mit Kartoffelfeuern, Kopfweiden, Märchen, dem rechten Glauben und Aberglauben und den gebundenen Ausgaben der Gartenlaube groß geworden / 1968 Lehramtsstudium in Aachen: Mathematik / Kunst / Religion / später Fernstudium „Literarisches Schreiben“ / verheiratet / drei Kinder / mit Leidenschaft berufstätig bis 2011 / die letzten 15 Jahre Schulleiterin einer integrativen Grundschule am Wohnort Nettetal-Hinsbeck
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Veröffentlichungen seit 1984: Fachbeiträge Pädagogik im Cornelsen und Friedrich Verlag / Kinder- und Lesebuchgeschichten erschienen im Klett-Verlag / Lyrik und Kurzprosa seit 2008 / erste Veröffentlichungen 2011 in Anthologien und Zeitschriften / zuletzt: Prosa im Geest-Verlag und Lyrik in „Asphaltspuren“
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Gedanken zum Schreiben
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Schreiben gehört seit je in unterschiedlicher Intensität zu meinem Leben dazu. Ob Fachtexte im Bereich Pädagogik, Kindergeschichten, Kurzgeschichten oder Lyrik, immer ist das Schreiben für mich ein wunderbar ernstes Spiel mit der Welt, dem Wort und mir. Und wer in diesem Prozess wem die Feder führt, ist ebenso spannend wie offen. Am Ende weiß jeder Text mehr als der Autor. Am Ende gibt der Autor den Text frei und er gehört dem Leser und der belebt ihn neu.
Das Gedicht für mich immer ein Gemachtes, der Schreibprozess ein lustvoll konzentrierter. Am Ende sollte in diesem TextKörper ein Herz schlagen: ob leise oder laut, der Leser sollte es hören können, auch sein Stocken. Dieser Herzschlag kennt keine Angst, nicht die vor dem Pathos, nicht die vor dem Kitsch, nicht vor dem ICH, nicht vor Bekenntnissen. Er ist sich seiner sicher und überschreitet die Grenzen, schlägt sich an allen Überwachungsposten vorbei. Das Gedicht wird in seinem Herzschlag greifbar und angreifbar. Es geht über dünnes Eis.

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Das Projekt Monatsgedichte ist nach dieser dritten Serie abgeschlossen. Sie finden alle Monatsgedicht-Impulse im eBook 39 Monate | 39 Schreibimpulse gebündelt.

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Gabriele Pflug gewinnt das Monatsgedicht im Dezember

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Foto zum Monatsgedicht im Dezember | © abose007_freeimages.com

 © abose007 |  Freeimages

Subtile Bilder einer Wüstenlandschaft

Das Monatsgedicht im Dezember stand unter dem Motto „Wüste“. Gabriele Pflugs Gedicht hat unter den „nahezu durchgängig recht ambitioniert[en]“ Texten Juror Christoph Leisten in der „einerseits unaffektierten, andererseits doch auch recht subtilen Bildlichkeit am meisten überzeugt“.
Herzlichen Glückwunsch nach Österreich, liebe Gabriele!

ertrinken
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…………….für monika kafka
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du schaukelst auf gekörntem meer
die finger des winds zeichnen wellen
weizenfarbig und heiß wächst dein schlaf

glühend schlägt dein atem ans glas der luft
und deine stimme verglimmt

auf deiner haut verteilt der wind
das brandmal der sterne

ein geruch von angst schlägt an
wie ein hund dem die kette
den hals zuschnürt

nicht lange wird es dauern
und dich verschluckt der sand

erst unter seiner oberfläche
werden die gesänge der reibung

enträtselt
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© Gabriele Pflug

Gabriele Pflugs Gedicht „ertrinken“ – ein Text mit poetologischer Dimension

Christoph Leisten, selbst Autor und Mitherausgeber der Frankfurter Literaturzeitschrift „Zeichen & Wunder“ sowie Initiator der euregionalen „Tage der Poesie“ in Würselen, begründet im Folgenden seine Entscheidung. Die Begegnung mit der maghrebinischen Welt ist einer der literarischen Arbeitsschwerpunkte des Jurors. Die Wüste als Thema für das Monatsgedicht im Dezember ist ihm bestens vertraut.

Das Gedicht wählt ein Thema, dessen poetische Ausarbeitung leicht verunglücken könnte: Zu häufig ist uns das Bild des „Ertrinkens in der Wüste“ wohl schon begegnet, als dass es vorderhand dichterischen Mehrgewinn verspräche. Dass dieses Poem dennoch auf bemerkenswerte Weise gelingt, verdankt sich vor allem seiner beachtlichen Bildlichkeit.

Konsequent wird die Metaphorik des Ertrinkens im Wüstensand weitergedacht in eine Reihe paradoxaler Sprachbilder. Ausgehend von „gekörntem meer“ (V. 1) über „die finger des winds“ (V. 2) , „das glas der luft“ (V. 4) und das „brandmal der sterne“ (V. 7) bis hin zu den „gesängen der reibung“ (V. 14) bedient sich das Gedicht einer Reihe von Metaphern, in denen das Naturhafte oszilliert zwischen Anthropomorphem und Artifiziellem.

Altvertraute Bilder gegen den Strich gebürstet

Das „Ertrinken“ wird dabei zu einer seitens der Natur Schritt für Schritt evozierten, zunehmenden Sprachlosigkeit ausgedeutet. Während der – freilich als fremdartig und gefährdend erlebten, weil wüstenhaften – Natur die Fähigkeit des [Z]eichnen[s] V. 2) mittels der „finger des winds“ (ebd.) eignet, verliert das angesprochene Du (das als Ansprache eines Gegenübers, aber auch als Selbstansprache verstanden werden kann) zunächst sein Bewusstsein (vgl. V. 3), bevor „[s]eine stimme verglimmt“ (V. 5) und es schließlich „verschluckt“ (V.12) wird vom Sand.

Nicht nur in der Verwendung von Genitivmetaphern (die ja bekanntlich bis vor kurzer Zeit dichterisch schwer verpönt waren), sondern auch in seiner behutsamen Anspielung auf alltagssprachliche Wendungen (etwa die des Ertrinkens, die des Verschlucktwerdens) operiert das Gedicht mit den Gefährdungen durch das Konventionelle. Dass es dabei aber keineswegs scheitert, liegt daran, dass es diese altvertrauten Bilder durchgängig mit einer sehr plastischen und durchaus eigenständigen, überraschenden und bereichernden Bildlichkeit überschneidet.

Literatur als Wagnis

Es sind eben gerade die Phänomene unterhalb der „oberfläche“ (V. 13), welchen es vorbehalten bleibt, „die gesänge der reibung“ (V. 14) zu „enträtseln“. Jenseits der allgegenwärtig drohenden Sprachlosigkeit ist es demnach die Natur selbst – ungeachtet all ihrer Unwirtlichkeit – der es vorbehalten bleibt, die Wirklichkeit auszudeuten. Insofern eignet dem vorliegenden Gedicht – und darin liegt seine eigentliche Qualität – auch eine poetologische Dimension, die nicht zuletzt auch in der subtilen Anspielung auf Paul Celans „Brandmal“ zusätzlich unterstrichen wird. Literatur als Wagnis, das einer stetigen Gefährdung ausgesetzt ist: Dies führt das vorliegende Gedicht mittels Bildern der Wüstenwelt und in eindrucksvoller Metaphorik vor Augen.

Das Monatsgedicht im Dezember als Widmung an die Mentorin

In einem unsrer letzten Gespräche erzählte mir Monika Kafka (Mo) von Gabriele Pflug, wie sehr sie ihre Gedichte schätze und ihr mehr Öffentlichkeit wünsche. Dass Monika sich über den Gewinn sehr gefreut hätte, darüber sind sich Gabriele und ich einig. Wie eng die beiden Dichterinnen verbunden waren, zeigte mir erst Gabrieles Vita, die sie mir für das Monatsgedicht im Dezember schickte.

1956 in Klam bei Grein geboren, machte ich nach der Matura die Ausbildung zur Sozialarbeiterin und Lehrerin.
Seit über 30 Jahren unterrichte ich in einer Musikmittelschule 10- bis 14-Jährige in Deutsch und Geschichte.
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Die erste Frau, die meine Liebe zu Geschichten erweckte, war meine Großmutter. Sie war es, die mich zur Arbeit aufs Feld mitnahm und mich in die Geheimnisse der Pflanzen einweihte.
Sehr früh fing ich an Tagebuch, später erste Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben.
Vor einigen Jahren begann ich in einem Schreibblog weiter an meinen Gedichten zu arbeiten.

Dort lernte ich die zweite Frau kennen, die mein Schreiben beeinflusste und bereicherte.
Monika Kafka wurde meine Freundin und Mentorin.
Sie war es, die meine Gedichte auf ihrem Blog veröffentlichte und die mich bestärkte, Gedichte einzusenden.
In der Federwelt wurde daraufhin 2013 mein erstes Gedicht veröffentlicht.
Mos Tod löste in mir eine große Leere aus.
Doch bald nahm ich das Schreiben wieder auf und alles, was ich seither verfasse, schreibe ich in ihrem Namen.
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Ja, Mo hätte sich sehr darüber gefreut.
Ihr widme ich auch mein Gedicht!

Mit dem folgenden Link gelangen Sie zum Schreibblog von Gabriele Pflug: „Zichorie Zauber“