Ein ‚kubus‘ für das Monatsgedicht im Juli

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Monatsgedicht im Juli bunte Ziffern zum Thema Poesie und Mathematik

© Danilo Rizzuti | Fotolia

Zahl oder geometrische Figur – Carla Capellmanns „kubus“ verbindet beides

Die Würfel sind gefallen: Carla Capellmanns Text „kubus“ ist das Monatsgedicht im Juli. „Poesie + Mathematik“ lautete das Thema, bei dem die Lyrikerin mit ihrem „Würfel“ Zahlengesetz und Wortspiel neu kombiniert. Herzlichen Glückwunsch an die Sprachkünstlerin!

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kubus
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wie  die welt nicht  ist :
s y m m e t r i s c h su
mmetrisch  kantenglei
ch formen sich  frosch
-schenklige  summen:
…  fliegenquadrark  …
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© Carla Capellmann

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Die Welt neu im Blick – Hannelore Tyslik begründet ihre Wahl für das Monatsgedicht im Juli

Hannelore Tyslik, Lektorin und Übersetzerin, übernahm – in der Lyrik wie auch Mathematik zuhause – die Jury für das Monatsgedicht im Juli. Gerade auch die Symbolik des Quadrats, das als Grundfläche des Würfels mit der Zahl Vier einhergeht, gibt  dem Gedicht  Tiefe:

Mathematik und Poesie – das grenzenlose, in Licht getauchte, luftige Reich der Ordnung und Klarheit und der tiefe, dunkle, geheimnisvolle Zauberwald: Die Wechselwirkungen dieser nach Oswald Egger „verwandten Denkarten“ gehen im Gedicht, für das ich mich im Rahmen dieses Projekts entschieden habe, eine geglückte Verbindung ein. Doch scheint das geistig kühle, von jeglichem Überschwang gereinigte Element zu dominieren.

„kubus“ verschließt sich einem einfachen Zugang, allzu transparente Logik wird in den Hintergrund verbannt. Es handelt sich hier um eine Komposition, die nicht unbedingt verstanden werden will, in der das Unsagbare lediglich anklingt, angedeutet wird. Das Gedicht sticht durch seine schlichte äußere Form hervor. Die reimlose, sechs Zeilen umfassende Komposition weckt bereits optisch Assoziationen an die Fläche eines Kubus, das Quadrat, das die Erde, die Materie, das Geschaffene symbolisiert. Was es aber damit auf sich hat, bleibt noch verborgen. Das Wort „symmetrisch“ springt dem Leser durch seine optische Hervorhebung ins Auge, und damit sind wir auch schon mitten im Thema. Das lyrische Ich erklärt, „wie die welt nicht“ sei, also rund, symmetrisch. Im Gegenteil, sie ist ein kantiger Würfel. Der Schein trügt also, aber auch das erschließt sich dem Leser erst durch einiges Nachdenken. Nichts ist so, wie es scheint, alles also eine Frage des Blickwinkels?

Sinnliches und Geistiges verweben sich

Das Sinnliche kommt in Gestalt von Fröschen und Fliegen daher und bildet den Gegenpol zur mathematischen Klarheit, Ordnung und Symmetrie. Sinnliches und Geistiges werden mittels eines mathematischen Vokabulars miteinander verwoben und bringen bizarre Neuschöpfungen hervor, die in eine dissonante Spannung zueinander geraten. Die Welt ist eben nicht symmetrisch, verbindet vielmehr Gegensätzliches auf irritierende Weise: Von „froschschenklige(n) summen“ ist die Rede und von einem „fliegenquadrark“ (einem „quadratischen Fliegengitter“?). Und nicht zuletzt wird in diesem lyrischen Werk die Lust der Dichterin am Spielerischen („fliegenquadrark“) offenbar, am Spiel der Sprache und der Phantasie, an der absoluten Freiheit des schöpferischen Geistes.

In „kubus“ bleiben einige Rätsel ungelöst und viele Fragen offen, weil die Komposition sich einem begrenzenden Verstehen entzieht. Hier ist also der aktive, mitwirkende Leser gefragt, der sich mit einem solchen lyrischen Werk intensiv auseinandersetzen muss, um so nah wie möglich zu dessen Kern vorzudringen. Letztlich bleibt aber immer ein Rest des Unbestimmbaren, der sich nicht erklären lässt. Und das macht die Faszination solcher Sprachkunstwerke aus.

Der „Gesichtswechsel“ der Wörter – Carla Capellmann tauscht nicht nur in „kubus“ Buchstaben aus

Nicht nur beim aktuellen Monatsgedicht im Juli, sondern schon in früherer Runde 2010 hat Carla Capellmann mit „prae.spiele“ durch ihre Wortkunst überzeugt. Die Vita dort ergänzt die Lyrikerin nun mit folgendem Fließtext und Versklang:

Aktuell arbeite ich an einem Roman, in dem Worte eine wichtige Rolle spielen: Worte, die sich drehen und wenden und doch gleich bleiben, andere, die durch einen kleinen Buchstabentausch ihr Gesicht wechseln – winzige Änderungen und alles verrückt. Verrückt. Egal, ob ich „kurz“ oder „lang“, „dicht“ oder quadratisch schreibe, die Sprache [spielt mit und]* spielt mit mir:
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buchstaben verrücken verdrücken worte
drücken drehen und wenden den sinn da
zwischen dahinter daneben (dada lala) ein
lied ein fühl ein klang / einklang / warum
zum teufel schreibe (reibe) ich ver[s]rückt

Nachtrag Oktober 2017: Als Einzelveröffentlichungen sind Carla Capellmanns Gedichte auch in den folgenden Bänden enthalten: Rosen-Worte, Liebe und andere Ungereimtheiten, Begegnungen und in besonderer Edition mit nummerierter Auflage: Halb-offene HandlungsRäume.  Buchobjekte, Constanze Kreiser, 2015.

Der oben erwähnte Roman ist inzwischen fertig und es heißt, der Autorin Daumen drücken für Agentur und Verlag.

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Hommage „An den Kreis“ – das Monatsgedicht für Juni

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

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Kreis - Monatsgedicht für Juni © k_vohsen freeimages.com

© k_vohsen | freeimages

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„Kreise Kugeln Sphären“ – beim sechsten Thema und Monatsgedicht für Juni ging es rund. Vom Punkt bis zur Erdkugel und hinauf zu den Himmelsräumen zog die Lyrik dieses Mal ihre Kreise. Ob Lichtspiegelung, Balance der Kräfte, gleichförmiges Drehen, ob Existenz oder Pulsschlag des Lebens in Rhythmus und Zeit – die eingereichten Texte variierten das Motto, übertrugen mit Pantun und Bildgedicht zyklische Bewegung in poetische Form und ließen auch die abstrakte Malerei Kandinskys nicht außen vor. Für Ruth Loosli, die die Jury beim Monatsgedicht für Juni übernahm, war es das Gedicht Ulrike Brandls, das die „ganze Bandbreite der vorgegeben Thematik“ zum Ausdruck brachte.

…   …..Ulrike Brandl siegt beim Monatsgedicht für Juni

An den Kreis
von Tangente
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… dich berühren,
deinen Radius spüren,
im Kontakt sein
mit dem Ursprung deiner Existenz!
Du ewig runder Kreis!
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Hast es dir leicht gemacht
mit deinem Umweg über die Unendlichkeit!
Hast ganz klein,
mit nur einem Punkt angefangen!
Bist auf Linie geblieben,
bereit zur ewigen Nabelschau!
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Unter uns,
in 3D bist du eine ganz gewöhnliche Kugel,
heißt Mond oder Venus,
wie Milliarden anderer Sterne auch,
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und doch möchte ich …
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© Ulrike Brandl

Berührungspunkte im steten Kreis(en) – Ruth Loosli begründet ihre Wahl

Ruth Loosli aus Winterthur – mehrfach ausgezeichnete Autorin, Stadtschreiberin, Stipendiatin im Literaturhaus Ventspils/ Lettland und Mitglied der Autorinnenvereinigung e.V. – kürte das neue Monatsgedicht.

‚An den Kreis, von Tangente‘, schreibt die lyrische Stimme und entlockt der Leserin damit ein Lächeln. Trotzdem musste  sie noch einmal die Definition von ‚Tangente‘ nachschauen und ja: Es ist die Berührung der geraden Linie auf dem Kreis.

‚… dich berühren‘,
beginnt denn auch das Gedicht – ‚und doch möchte ich …‘  endet der Text und man kann, wie auf einer sich drehenden Kugel gleich wieder von vorn beginnen, der Text als Kugel, als Refrain. Die Metrik, beim Laut lesen, versetzt ebenfalls in eine Stimmung des sich Drehens, des Werdens und der Anrufung: An die Kugel, an einen Planeten oder ganz im Kleinen, an den Punkt, dort, wo alles anfangen kann.

Das Gedicht touchiert denn auch (im besten Sinn) die ganze Bandbreite der vorgegebenen Thematik, ohne geschwülstig zu werden, bleibt sprachlich auf einer gewissen Distanz, lässt sich zwar Ausrufezeichen entlocken, jedoch keine Glitzerkultur.

Das Gedicht fragt nach einem Ursprung und verweist zugleich auf die ewige Nabelschau  – es ist ganz den zentralen Fragen gewidmet, doch mit einem Augenzwinkern, mit einem Hinweis darauf, dass ‚Tangente und Kugel‘ miteinander verbunden bleiben in einem schwebenden Tanz – ohne je eine gültige Antwort finden zu müssen.

Eine Vita – oder Poesie als Möglichkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen

Liebe Ulrike, herzlichen Glückwunsch und viel Schwung für die nächsten Kreise, die Du mit weiteren Gedichten ziehst :-)
Lyrik und Philosophie liegen für die Autorin nahe beieinander und die Begeisterung, tiefliegende Verbindungen auszuloten, springt in einem Gespräch mit ihr schnell über.

Von Anfang an war Sprache für mich ein großes Thema. In frühen Jahren war es der Witz, der Reim, das geliebte Tagebuch,
aber auch das Fremdsein in der Sprache.
Später schuf ich mir durch das Schreiben Freiräume, Sprache wurde mein Notnagel, bot mir eine Möglichkeit, mich und die Welt besser zu verstehen.
In der Poesie, dem Faszinosum der Kürze, versuche ich dem Wesen der Dinge auf den Grund zu gehen, sie in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen und sie in ‚Luerik‘ [Anagramm Ulrike] zu übersetzen.
Sie ist für mich Fundus, Rätsel und Herausforderung zugleich.

1951 wurde ich in Erfurt geboren und lebe seit dem Mauerbau 1961 in Westdeutschland. In München habe ich Medizin studiert, bin seit über dreißig Jahren Anästhesistin, behandle jetzt in eigener Praxis Schmerzpatienten, unter anderem auch mit Akupunktur, Hypnose und mit Therapeutischem Schreiben.
Was macht Sprache mit unserem Gehirn?
Ist das nicht eine spannende Frage?