2. November 2017

Begehbare Künstlerbücher

Kategorien: Ausstellungen,Bücher,Fundstücke — Tags: , — Michaela Didyk

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Erró in: Infra noir, 1972. Foto © Erró, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Erró in: Infra noir, 1972. Buch sowie 12 illustrierende Kuben aus Polyesterharz, mit Skulptur-Collagen von Erró im Inneren der Kuben. / Foto: © Erró, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Ausstellung „Showcase“ in der Bayerischen Staatsbibliothek München

Zwölf Würfel in einem Metallgestell – soll das ein Buch sein? Der isländische Künstler Erró hat in Formen aus Polyesterharz surreal anmutende Objekte eingeschlossen: Ein Känguru springt durch einen pompösen Bilderrahmen, ein Schwein liegt auf dem Hausdach, ein zweites fährt Motorrad. Einige Kuben bergen Texte und Gemälderreproduktionen. Da man die Würfel im Ständer beliebig ordnen kann, entsteht eine Vielzahl von Geschichten. Doch es geht nicht nur um Deutungsvielfalt und die Kunst generell. Erró bezieht seine Arbeit auf Texte von Claude Pélieu, die er mit den „Ereignisse-Collagen“ illustriert. Pélieus Gedichtband steckt in einem Schuber und bildet den Sockel des variablen Objekts.

Über 14.000 Künstlerbücher verfügt die spezielle Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München. 72 Exponate, darunter Werke von Pablo Picasso, Joan Miró und Max Ernst, sind bis Januar unter dem Motto „Showcase“ zu sehen. Die Bücher sind – das zeigt die repräsentative wie illustre Auswahl – nicht mit bibliophilen Ausgaben zu verwechseln, die sich meist durch Aufmachung und kostbares Material auszeichnen. Denn dem Künstlerbuch sind selbst billige Herstellung und Massenware nicht fremd.

Künstlerbücher im groß angelegten Format

Seit den 1950er Jahren etablieren sich Künstlerbücher als eigenständige Kunstwerke. Sie bilden den Schwerpunkt der Münchner Schau. „Alles auf der Welt ist da, um in ein Buch zu münden“, so zitiert Anselm Kiefer den Dichter Stéphane Mallarmé. Das Buch wird zum Medium künstlerischen Ausdrucks und verwischt die Grenze zum Objekt. Kiefer führt es bei „Euridike“ vor: Fotos sind auf massive Kartonblätter geklebt, zugleich aber unter einer dunklen, mit Asche vermischten Schicht begraben.

Fast 40 Jahre hielt die Bildhauerin Louise Bourgeois den teils autobiographischen Roman „The Puritan“ zurück, bis sie den Text 1990 veröffentlichte. Sie ergänzte ihn um acht Stiche mit geometrischen Zeichnungen, die sie von Hand weiterbearbeitete. Das großzügige Format und die ordnende Kraft der Bilder, halten Ruhe und Distanz zum erzählten Geschehen.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Emil Siemeister: Die Sieben Bußpsalmen, 2016-2017 Signatur: 2 L.sel.III 493 | Foto: © Emil Siemeister, BSB

Emil Siemeister: Die Sieben Bußpsalmen, 2016-2017 Signatur: 2 L.sel.III 493 / Foto: © Emil Siemeister, BSB

Raumgreifende Buchprojekte

Katharina Gaenssler schafft digitale Rauminstallationen, die sie im Anschluss dokumentiert. Großaufnahmen, in denen sie Raffaels „Sixtinische Madonna“ Ausschnitt für Ausschnitt fotografisch festhält, vereint die Künstlerin zum Buch. Es erinnert in seiner Farbpracht und Monumentalität an einen wertvollen Codex, wie man ihn aus dem reichen Handschriften-Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek kennt.

Eine Besonderheit ist auch das größte Künstlerbuch der Ausstellung. Emil Siemeister hat ein begehbares Unikatbuch geschaffen! Ihm liegt die imposante Musikhandschrift „Sieben Bußpsalmen“ mit der Vertonung von Orlando di Lasso zugrunde. Siemeister greift auf Hans Mielichs aufwändige Ausmalung der beiden Chorbücher aus dem 16. Jahrhundert zurück und überträgt Motive mit Nachleuchtfarbe auf Kunststofffolien. Betritt man den abgedunkelten „Buch-Raum“, strahlen die Bilder abwechselnd in geheimnisvollem Grün kurz auf und verblassen dann wieder.

Konzeptkunst und Fluxus – Schachtel, Naturalien, Leporello

Bereits 1964 veröffentlichte George Maciunas in New York die Anthologie „Fluxus 1“. Zu sehen ist eine schmale Holzkiste, deren Inhalt sich über den Schaukasten verteilt: 15 Künstler steuerten Objekte wie Eventkarten, Briefmarken, Origamifigürchen, Fotografien und Tonbandstreifen bei.

Nahezu alles kann Eingang finden ins Künstlerbuch. Dafür steht vor allem der Name von Joseph Beuys. Er bereichert die Präsentation durch seine „1a gebratene Fischgräte“. Unter diesem Titel verweist ein beschrifteter Karton mit Gräte nebst Garnrolle, Schere und Gesprächsprotokoll auf eine Aktion des Künstlers von 1970. Beuys‘ Motto: „Ich bin interessiert an der Verbreitung von physischen Vehikeln in Form von Editionen, weil ich an der Verbreitung von Ideen interessiert bin.“

Dieter Roths Halbjahresschrift „Poeterei“ von 1967/68 würde übel und ranzig riechen, läge sie nicht – zum Glück für die Betrachter/innen – hinter Glas. In Stanniol eingewickeltes fettiges Fleisch ist als „Originalobjekt“ einer Bleistiftzeichnung zugefügt, die sinnigerweise einen Hammel zeigt. Laut Ausstellungskatalog existieren auch Varianten mit Sauerkohl, Würstchen und Käse.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - George Maciunas: Fluxus 1, 1964. Signatur: L.sel.III 38 | Foto: © George Maciunas, George Maciunas Foundation/VG Bild-Kunst , Bonn 2017

George Maciunas: Fluxus 1, 1964. Signatur: L.sel.III 38 / Foto: © George Maciunas, George Maciunas Foundation/VG Bild-Kunst , Bonn 2017

Leporellos, soweit die Straße reicht

Ed Ruschas berühmtes Leporello „Every Building on the Sunset Strip“ misst ausgelegt 7,5 Meter! Es zeigt die spiegelbildlich gegenübergestellten Straßenseiten des legendären Boulevards, die Ruscha 1966 während der Autofahrt mit laufender Kamera aufnahm. Der weiße Mittelstreifen zwischen den beiden Panorama-Ansichten führt Hausnummern und die Namen der Querstraßen auf.

In der Vitrine daneben ist eine Art Vorläufer-Arbeit zu sehen. Yoshikazu Suzukis Leporello von 1954 enthält in ebenfalls gespiegelter Reihung Fotos aus dem Geschäfts- und Vergnügungsviertel Tokios. In diesem Leporello verzeichnet der Mittelstreifen zwischen den Bildsequenzen Veränderungen der Umgebung.

Die typografische Revolution – Künstlerbücher der Avantgarde

In welcher Form und Ausführung auch immer  – die Buchobjekte eröffneten den Urheber/innen einen neuen Markt, der sie von Galerien unabhängiger machte. Vor allem die gesellschaftskritischen Impulse gaben den Künstlereditionen Auftrieb. Mit ihrer Verbreitung rückte auch die Avantgarde von ehedem wieder in den Blick.

Denn schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts griffen Futuristen und Dadisten auf schmale, oft billig hergestellte Bücher und Hefte zurück, um ihre Ideen kundzutun. Filippo Tommaso Marinetti, der Begründer des italienischen Futurismus, propagierte die „Befreiung der dichterischen Wörter“. Dieser Appell zog zwangsläufig die Freiheit der typografischen Gestaltung nach sich, die für die Künstlerbücher jener Epoche typisch ist. Kein Wunder, dass der konventionelle Buchdruck mit gleichlaufendem Schriftbild im ausgestellten Exponat Marinettis in Aufruhr gerät. Buchstaben und Zahlen unterschiedlicher Größe und voller Dynamik besetzen die Fläche und muten wie eine spielerische Collage an.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Kasimir Malewitsch in: Troe, 1913. Umschlagvorderseite: Lithografie von Kasimir Malewitsch. Signatur: L.sel.III 26 | Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

Kasimir Malewitsch in: Troe, 1913. Umschlagvorderseite: Lithografie von Kasimir Malewitsch. Signatur: L.sel.III 26 / Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

Entschiedener noch rief der russische Futurist Alexej Krutschonych in seiner berühmten Deklaration zur Befreiung des „in Ketten“ liegenden Wortes auf. Er kündigte für die Zukunft die experimentelle poetische „Zaum-Sprache“ an. Kasimir Malewitsch schuf 1913 den Umschlag des Sammelbands „Troe“, der dieses Manifest enthält. Wassili Kamenski wiederum realisierte die sprachlichen Experimente auf gemustertem Tapetenpapier. Für seine „Stahlbetongedichte“ teilte er die Seiten in eckige Flächen, die er mit vielfach variierten Buchstaben und Ziffern füllte.

Die Anfänge des Dadaismus im Jahr 1916 beschwört schließlich Hugo Balls Heft „Cabaret Voltaire“ herauf. Es ist in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen und versammelt unter seinem leuchtend roten Deckblatt künstlerische und literarische Beiträge der wichtigsten Dada-Künstler.

William Blake als ‚Urvater‘ der Künstlerbücher

Den anderen Exponaten in „Showcase“ zeitlich weit vorausgreifend, setzt William Blakes „The Song of Los“ (1795) einen Meilenstein in der Geschichte der Künstlerbücher. Um die einzelnen Seiten mit der von ihm erfundenen Reliefätzung zu drucken, schrieb William Blake die Wörter mit der Feder seitenverkehrt auf die Kupferplatten und führte die Bildelemente mit dem Pinsel aus. Nach dem Druck kolorierte er die Zeichnungen von Hand mit Wasserfarbe.

Den Ausstellungsmachern der Bayerischen Staatsbibliothek gilt der Dichter und Maler der englischen Romantik als „quasi mythischer Urvater“. Denn in seiner Doppelrolle führte Blake alle Arbeitsgänge selbst aus, die für die Gestaltung und Herstellung seiner Bücher notwendig waren.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - William Blake: The song of Los, 1795. Signatur: Chalc. 160 (frühere Signatur: 2 L.sel.l 45) | Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

William Blake: The Song of Los, 1795. Signatur: Chalc. 160 (frühere Signatur: 2 L.sel.l 45) / Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

  • „Showcase“ – Künstlerbücher aus der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München

Die sehenswerte Ausstellung in den Schatzkammern der Staatsbibliothek dauert bis zum 7. Januar 2018. Der unter dem Titel „Showcase“ erschienene  Katalog zeigt die 72 Exponate in Farbabbildung und dokumentiert die vielfältigen Erscheinungsformen des Künstlerbuchs.

In einer Begleitveranstaltung diskutieren am 7. November 2017, 19 Uhr, Hubert Kretschmer und Reinhard Grüner über die Aufgaben und Möglichkeiten, die das Sammeln von Künstlerbüchern mit sich bringt:  We keep on fighting … – zwei Sammler, zwei Konzepte zum wahren Künstlerbuch


12. Oktober 2017

Danke, ich bin schon schmöll! – Impulse für Sprachspielereien

Kategorien: Bücher,Buchserie | Dichten,Sprache — Tags: , — Michaela Didyk

Lexika gehören durchaus zum poetischen Handwerkszeug, vor allem wenn sie zu Sprachspielereien einladen. Gastautor Günter Ott stellt einen lehrreich-amüsanten Kurs durch deutsche Sprach-Kuriositäten vor.
Mit diesem Artikel startet eine Blogserie, die Ihnen in lockerer Abfolge für Ihr Dichten interessante Bücher vorstellt. Neu erschienene oder auch ältere, wie bei diesem Beispiel eines meiner Lieblingsbücher im Regal.

Holzdruckstock-Buchstaben als Sinnbild für Sprachspielereien

© andrewatla | sxc.hu

Fundgrube für Kuriositäten und Sprachspielereien

Manchmal fällt man in eine Grube, aus der man gar nicht mehr so schnell herauswill. Zu viele Entdeckungen nehmen einen gefangen, zu viele Kuriositäten garantieren einen lehrreich-amüsanten Aufenthalt. Eine solche Fundgrube ist „Das sonderbare Lexikon der deutschen Sprache“.  Als Verfasser zeichnet CUS. Unter diesem Pseudonym schreibt der Autor für renommierte Blätter und Zeitschriften. Zuletzt legte er das Buch „Der Coup, die Kuh, das Q“ vor.

Diesmal, in seinem Lexikon der besonderen Art, geht er systematischer an die Sprache heran, führt den Duden als Autorität im Hintergrund, schreitet alphabetisch voran von A wie Abrakadabra bis Z wie zusammengesetzte Wörter. Dem Autor kommt zugute, dass die Sprache sich in weiten Teilen der Logik ebenso verweigert, wie sie dem Regelwerk der Rechtschreibkommission heftigen Widerstand entgegengesetzt hat.

Ein spielerischer Sprachkurs für Nuancen

Man kann im CUS-Opus viel über Grammatik und Wortkunde lernen. Dies wird aber nie zum papiertrockenen Lehrgang, sondern ist ein spielerischer Kurs, der Sinn für Nuancen weckt, das Auge auf verblüffende Ausnahmen lenkt, in denen die Würze der Sprache liegt.

So fragt der Autor: „Die Feuerwehr bekämpft das Feuer – und wen bekämpft die Bundeswehr?“ In Itzehoe und Soest wird oe als langes o gesprochen, in Oboe und Buchloe aber wie o-e. Maulwurf klingt nach Maul, leitet sich aber vom mittelhochdeutschen molt (Erde) ab. Der Rosenmontag hat nichts mit Rosen zu tun, sondern kommt von rasen, heißt also der rasende Montag. In herrlich steckt der Herr, aber in dämlich nicht die Dame.

Es ist kein Ende der Beispiele, kein Wunder bei einem angenommenen Schatz von 300.000 bis 500.000 deutschen Wörtern. Pro Jahr kommen etwa 1000 neue dudenreife Wörter hinzu. Längst nicht alle werden alt, andere sind dabei, ihres hohen Alters wegen auszuscheiden – wie äugeln, Ehegespons, Hagestolz, knorke und Mürbigkeit. Das Wort „Kreativität“, das heute wie eine Billigmünze im Mund geführt wird, kannte weder der Duden von 1930 noch der von 1968. 1966, schreibt CUS, wurde es als veraltet eingestuft, 1978 als bildungssprachlich. Erst seit 1980 bescheinigt der Duden ihm normalen Wortstatus – ein Lehrbeispiel des unwägbaren Sprachwandels.

Geköpfte Wörter, Nullwörter oder die Steinlaus, die (keine) Steine frisst

Ob selbiger eines Tages die fehlende Mitte zu füllen vermag? Was liegt zwischen hungrig und satt? Was ist einer, wenn er weder dick noch dünn ist? Hungrig verhält sich zu satt wie durstig zu … was? Zu dieser Frage wurden schon etliche Wettbewerbe ausgeschrieben, mit unbefriedigendem Ergebnis. Die Satire-Zeitschrift pardon schlug schmöll vor: Danke, ich bin schon schmöll! Die Dudenredaktion lancierte das Wort sitt (analog zu satt), doch es setzte sich so wenig durch wie schmöll (oder gestillt).

Was ist das häufigste deutsche Wort, der häufigste Buchstabe, der bekannteste deutsche Satz? Was sind geköpfte Wörter, was Nullwörter, was Phantomwörter wie zum Beispiel die Steinlaus, die Steine frisst, bis sie satt (aber noch nicht schmöll) ist? CUS, der nach eigener Aussage seit nunmehr 20 Jahren die gängigen Wörterbücher rauf- und runterstudiert, weiß Antwort.

Achttausender-Wörter in Höhe mal Länge und juristische „Sprachspielereien“

Ihm fiel auch auf, dass die meisten Namen von Spirituosen maskulin sind, desgleichen alle Achttausender, vorausgesetzt, man sagt, wie üblich, der Annapurna und der Shisha Pangma. Einem Achttausender in der Horizontale gleicht das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, kurz RkReÜAÜG. Da halten wir uns doch besser an den sprachverliebten jungen Brecht, welcher der Sphinx seines Mondscheinnachtskahnfahrtentraumwahnsinns den Gruß entbot.

Einen Ausbund an Abschreckung stellt bekanntlich die Rechtssprache dar. CUS schlägt das Bürgerliche Gesetzbuch auf: „Tritt der Wille, in fremdem Namen zu handeln, nicht erkennbar hervor, so kommt der Mangel des Willens, im eigenen Namen zu handeln, nicht in Betracht.“ Alles klar?

Günter Ott war Kulturchef der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet auch weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.

 

Voll Sprachspielereien sind die Gedichte Carla Capellmanns. Entdecken Sie, wie die Lyrikerin Wörter zerschneidet, anreichert, punktiert und dadurch oszillieren lässt:

 


13. September 2017

Spoken Word & Poetry Slam – reloaded

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Spoken Word & Poetry Slam — Tags: — Michaela Didyk

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© lapandr | Fotolia

Buchstaben und Wörter in Aktion

Auch diese zweite Überschrift könnte den folgenden Text gut auf den Nenner bringen. Zum Baustein Wörter als lyrischer Werkstoff kommt nun nämlich die Performance. Bühne frei also für Spoken Word / das gesprochene Wort im Poetry Slam. Und Applaus für die Protagonistin Nora Gomringer sowie ihre Kollegen Bas Böttcher und Philipp Scharrenberg. Alle drei haben in den folgenden Videos Buchstaben und Wörter zu ihrem Thema gemacht und mit Leben gefüllt.

Reloaded kann sich ebenso auf die Wiederaufname meines alten Blogbeitrags beziehen. Denn 2010 postete ich bereits Philpp Scharrenbergs Darbietung „Vom Verb“ zusammen mit Hinweisen auf einschlägige Veranstaltungen. Diese sind zwar inzwischen längst passé, doch Scharrenbergs Auftritt ist immer noch und wieder aktuell. So steht das Video in neuem und erweitertem Umfeld. Auch mit der Ergänzung, dass sich der Slammer 2016 zum zweiten Mal den deutschen Meistertitel holte und damit seinen ersten Champion-Erfolg 2009 auffrischte.

Bevor es mit „Scharri“, wie sich der Slam-Poet in frühen Jahren nannte, gleich weitergeht, noch ein paar Sätze generell zum Spoken Word & Poetry Slam:

Die Spoken Word-Bewegung

Spoken Word reiht sich als Genre in die mündliche Literatur-Tradition ein. Man versteht darunter eine darstellende Kunst, bei der die Lyrik vor dem Publikum zum gesprochenen Wort wird. Sprachspiel, Intonation und Körperbewegung sind wichtig. Musik kann wie bei Hip-Hop und Jazz Poetry den Vortrag ergänzen. Beim Poetry Slam, der am meisten verbreiteten Form des Spoken Word, fehlt sie.

Wie läuft ein Poetry Slam ab?

Im Dichterwettstreit kann ein/e jede/r selbstverfasste Texte vorlesen, sie auswendig  oder aus dem Stegreif vortragen. Das Publikum wertet mit entsprechender Beifallstärke oder mit Punkten. Die Slammer sind einem Zeitlimit unterworfen. Requistiten und Gesang sind verboten. Die Slambühne ist eine reine Sprechbühne, der Text allein soll – nur durch Mimik und Gestik unterstützt – seine Wirkung entfalten.

Philipp Scharrenberg oder das Verb hat seinen Auftritt

„Poetry, Geschichten, Raps & Reime“ versammelt Philipp Scharrenberg in seinem derzeitigen Solo „Germanistik ist heilbar“. Er muss es wissen. Denn spätestens seit 2006, als er den Poetry Slam für sich entdeckte, richtet Scharrenberg sein einstiges Studienfach nach eigener Vorstellung aus. Mit Erfolg – wie nicht nur seine mehrfachen Auszeichnungen auf der Slam-Bühne zeigen. Er ist auch  Deutscher Kabarettmeister der Saison 2013/2014.

Wie sich das Lesen von Gedichten zur lebendigen Lyrik auf der Bühne wandelt, führt Philipp Scharrenberg mit seiner Darbietung des Earlkönig vor. Von der Rezitation des Goethe-Gedichts über eine Rap-Version zur Spoken Word-Fassung wird schnell anschaulich und hörbar, worin die Unterschiede liegen. Diese und andere Performances können Sie auf der Website des „Kampfdichters“ aufrufen. Den zum Thema Wort und Werkstoff passenden Videobeitrag sehen Sie gleich unten. Viel Vergnügen bei dieser überraschenden Perspektive auf das Verb.

Spoken Word von A bis Z: Nora Gomringer spricht das „Ursprungsalphabet“

Auch Nora Gomringer stellt in ihren Auftritten ihre Sprachartistik unter Beweis. Von 2001 bis 2006 war die Lyrikerin im Slam aktiv. 2011 wurde sie  mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet, weil sie der Slam Poetry als „einer neuen Form des Dichtens“ in Deutschland zur Popularität verholfen habe.

Im folgenden Video stellt Nora Gomringer sich mit ihrem „Ursprungsalphabet“  vor: „Ich bin / Ariadne, die dem Faden, dem roten, wollenen folgt“. Einen freien Hörbuch-Download mit dieser Präsentation von A bis Z gibt es bei Vorleser.net. Auf der Website der Lyrikerin warten weitere eindrucksvolle Projekte und Clips auf Sie.

2011 widmete die Schweizer Literaturzeitschrift Orte ein Heft Nora und ihrem Vater Eugen Gomringer. In einem der Artikel blickt die Tochter auf das Haus ihrer Kindheit zurück und kommt auf die Bedeutung der Wörter darin zu sprechen:

Das Haus meines Vaters ist die Adresse seiner Wörter […] Und in diesem Haus war auch Platz für meine ersten Wörter, die ersten Schriften, die Texte meiner Mutter, ihre Vorlesungen, denen ich am Badewannenrand lauschte. Das Gretchen Sackmaier, die Märchenwesen Becksteins, der Grimms, Friedrich Rückert und Heinrich Heine und die Erzählungen über eine weit ausgestreute Familie, die wir sind in vielen Häusern.

Häuser, die uns dienen als Erinnerungsspeicher mit der menschlichen Speichereinheit Sprache.

Bas Böttcher und die Logik der Doppelwörter

Bas Böttcher war in den 1990er Jahren Mitbegründer der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. 1997 gewann er die ersten deutschen Meisterschaften. Inzwischen tourt(e) er hoch anerkannt mit seinen Texten rund um die  Welt. Böttchers Erfindung der Textbox wurde im Pariser Centre Pompidou und der Neuen Nationalgalerie in Berlin ausgestellt. Sie war auf der Buchmesse in Peking zu erleben. Auf kleinstem Raum und trotz lauter Kulisse können Performances stattfinden, indem das Publikum mit Kopfhörern ausgestattet der/dem Vortragenden lauscht.

Die Wirkung der Gedichte ist bei solcher Abschirmung von der Außenwelt intensiv und steigert den von Böttcher gewünschten Effekt.  Denn die Präsentation macht für den Dichter erst Lyrik aus: „Gedanken werden poetisch durch Klang und Rhythmus vermittelt.“ Das zeigt der Slam-Poet auch mit seinen Doppelwörtern, deren Zusammensetzung er im Hin und Her der Worte aufdeckt.

Auch hier lädt natürlich Bas Böttchers Website zu weiteren Entdeckungen ein. Mit seinen Poetry Clips gibt er der Lyrik ein neues Format. Denn während Buch und CD der Performance nur anteilig gerecht werden, können die kurzen Filmsequenzen auch die Mimik und Körperbewegung einfangen. Bestes Beispiel, um damit gleich zu punkten: der Poetry Clip Dot Matrix.

Zum zwanzigsten Jubiläum der deutschsprachigen Poetry-Slam-Bewegung erschien 2014 die von Bas Böttcher und Julian Heun besorgte Textsammlung Die Poetry-Slam-Fibel: 20 Jahre Werkstatt der Sprache. 55 Autorinnen und Autoren stellen in 86 Texten die Sprache als ihren Werkstoff ins Rampenlicht. Dieses Thema ist wohl für alle Lyriker/innen relevant und von Gewinn.

[Die erste Fassung des Beitrags von 2010 wurde aktualisiert und erweitert.]