13. September 2017

Spoken Word & Poetry Slam – reloaded

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Spoken Word & Poetry Slam — Tags: — Michaela Didyk

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Buchstaben und Wörter in Aktion

Auch diese zweite Überschrift könnte den folgenden Text gut auf den Nenner bringen. Zum Baustein Wörter als lyrischer Werkstoff kommt nun nämlich die Performance. Bühne frei also für Spoken Word / das gesprochene Wort im Poetry Slam. Und Applaus für die Protagonistin Nora Gomringer sowie ihre Kollegen Bas Böttcher und Philipp Scharrenberg. Alle drei haben in den folgenden Videos Buchstaben und Wörter zu ihrem Thema gemacht und mit Leben gefüllt.

Reloaded kann sich ebenso auf die Wiederaufname meines alten Blogbeitrags beziehen. Denn 2010 postete ich bereits Philpp Scharrenbergs Darbietung „Vom Verb“ zusammen mit Hinweisen auf einschlägige Veranstaltungen. Diese sind zwar inzwischen längst passé, doch Scharrenbergs Auftritt ist immer noch und wieder aktuell. So steht das Video in neuem und erweitertem Umfeld. Auch mit der Ergänzung, dass sich der Slammer 2016 zum zweiten Mal den deutschen Meistertitel holte und damit seinen ersten Champion-Erfolg 2009 auffrischte.

Bevor es mit „Scharri“, wie sich der Slam-Poet in frühen Jahren nannte, gleich weitergeht, noch ein paar Sätze generell zum Spoken Word & Poetry Slam:

Die Spoken Word-Bewegung

Spoken Word reiht sich als Genre in die mündliche Literatur-Tradition ein. Man versteht darunter eine darstellende Kunst, bei der die Lyrik vor dem Publikum zum gesprochenen Wort wird. Sprachspiel, Intonation und Körperbewegung sind wichtig. Musik kann wie bei Hip-Hop und Jazz Poetry den Vortrag ergänzen. Beim Poetry Slam, der am meisten verbreiteten Form des Spoken Word, fehlt sie.

Wie läuft ein Poetry Slam ab?

Im Dichterwettstreit kann ein/e jede/r selbstverfasste Texte vorlesen, sie auswendig  oder aus dem Stegreif vortragen. Das Publikum wertet mit entsprechender Beifallstärke oder mit Punkten. Die Slammer sind einem Zeitlimit unterworfen. Requistiten und Gesang sind verboten. Die Slambühne ist eine reine Sprechbühne, der Text allein soll – nur durch Mimik und Gestik unterstützt – seine Wirkung entfalten.

Philipp Scharrenberg oder das Verb hat seinen Auftritt

„Poetry, Geschichten, Raps & Reime“ versammelt Philipp Scharrenberg in seinem derzeitigen Solo „Germanistik ist heilbar“. Er muss es wissen. Denn spätestens seit 2006, als er den Poetry Slam für sich entdeckte, richtet Scharrenberg sein einstiges Studienfach nach eigener Vorstellung aus. Mit Erfolg – wie nicht nur seine mehrfachen Auszeichnungen auf der Slam-Bühne zeigen. Er ist auch  Deutscher Kabarettmeister der Saison 2013/2014.

Wie sich das Lesen von Gedichten zur lebendigen Lyrik auf der Bühne wandelt, führt Philipp Scharrenberg mit seiner Darbietung des Earlkönig vor. Von der Rezitation des Goethe-Gedichts über eine Rap-Version zur Spoken Word-Fassung wird schnell anschaulich und hörbar, worin die Unterschiede liegen. Diese und andere Performances können Sie auf der Website des „Kampfdichters“ aufrufen. Den zum Thema Wort und Werkstoff passenden Videobeitrag sehen Sie gleich unten. Viel Vergnügen bei dieser überraschenden Perspektive auf das Verb.

Spoken Word von A bis Z: Nora Gomringer spricht das „Ursprungsalphabet“

Auch Nora Gomringer stellt in ihren Auftritten ihre Sprachartistik unter Beweis. Von 2001 bis 2006 war die Lyrikerin im Slam aktiv. 2011 wurde sie  mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet, weil sie der Slam Poetry als „einer neuen Form des Dichtens“ in Deutschland zur Popularität verholfen habe.

Im folgenden Video stellt Nora Gomringer sich mit ihrem „Ursprungsalphabet“  vor: „Ich bin / Ariadne, die dem Faden, dem roten, wollenen folgt“. Einen freien Hörbuch-Download mit dieser Präsentation von A bis Z gibt es bei Vorleser.net. Auf der Website der Lyrikerin warten weitere eindrucksvolle Projekte und Clips auf Sie.

2011 widmete die Schweizer Literaturzeitschrift Orte ein Heft Nora und ihrem Vater Eugen Gomringer. In einem der Artikel blickt die Tochter auf das Haus ihrer Kindheit zurück und kommt auf die Bedeutung der Wörter darin zu sprechen:

Das Haus meines Vaters ist die Adresse seiner Wörter […] Und in diesem Haus war auch Platz für meine ersten Wörter, die ersten Schriften, die Texte meiner Mutter, ihre Vorlesungen, denen ich am Badewannenrand lauschte. Das Gretchen Sackmaier, die Märchenwesen Becksteins, der Grimms, Friedrich Rückert und Heinrich Heine und die Erzählungen über eine weit ausgestreute Familie, die wir sind in vielen Häusern.

Häuser, die uns dienen als Erinnerungsspeicher mit der menschlichen Speichereinheit Sprache.

Bas Böttcher und die Logik der Doppelwörter

Bas Böttcher war in den 1990er Jahren Mitbegründer der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. 1997 gewann er die ersten deutschen Meisterschaften. Inzwischen tourt(e) er hoch anerkannt mit seinen Texten rund um die  Welt. Böttchers Erfindung der Textbox wurde im Pariser Centre Pompidou und der Neuen Nationalgalerie in Berlin ausgestellt. Sie war auf der Buchmesse in Peking zu erleben. Auf kleinstem Raum und trotz lauter Kulisse können Performances stattfinden, indem das Publikum mit Kopfhörern ausgestattet der/dem Vortragenden lauscht.

Die Wirkung der Gedichte ist bei solcher Abschirmung von der Außenwelt intensiv und steigert den von Böttcher gewünschten Effekt.  Denn die Präsentation macht für den Dichter erst Lyrik aus: „Gedanken werden poetisch durch Klang und Rhythmus vermittelt.“ Das zeigt der Slam-Poet auch mit seinen Doppelwörtern, deren Zusammensetzung er im Hin und Her der Worte aufdeckt.

Auch hier lädt natürlich Bas Böttchers Website zu weiteren Entdeckungen ein. Mit seinen Poetry Clips gibt er der Lyrik ein neues Format. Denn während Buch und CD der Performance nur anteilig gerecht werden, können die kurzen Filmsequenzen auch die Mimik und Körperbewegung einfangen. Bestes Beispiel, um damit gleich zu punkten: der Poetry Clip Dot Matrix.

Zum zwanzigsten Jubiläum der deutschsprachigen Poetry-Slam-Bewegung erschien 2014 die von Bas Böttcher und Julian Heun besorgte Textsammlung Die Poetry-Slam-Fibel: 20 Jahre Werkstatt der Sprache. 55 Autorinnen und Autoren stellen in 86 Texten die Sprache als ihren Werkstoff ins Rampenlicht. Dieses Thema ist wohl für alle Lyriker/innen relevant und von Gewinn.

[Die erste Fassung des Beitrags von 2010 wurde aktualisiert und erweitert.]


23. August 2017

„Rolle rückwärts vorwärts: Schreiben als existenzielle Turnübung“

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Interview — Tags: — Michaela Didyk

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© Jörg Wiedemann

Mit dem Lyriker Jörg Wiedemann im Gespräch

Du liest sehr viel, nicht nur Lyrik, sondern Du befasst dich ebenso mit poetologischen und philosophischen Texten, du besuchst als begeisterter Zuhörer das Poesiefestival in Berlin. Was bedeutet Lesen für Dich, wie triffst Du die Auswahl Deiner Lektüre und wie beeinflusst es Dein Schreiben?

Ich glaube, dass es im Leben mehrere Geburten gibt, die leibliche natürlich, aber auch etliche postnatale. Eine für mich sehr entscheidende sind die Wehen der Sprache, des Sprechens gewesen und dann etwas zeitversetzt die des Lesens. Ich kann mich sehr genau an die Haltung meiner Mutter erinnern vor dem aufgeschlagenen Buch – abends im Bett oder in einem Wartezimmer. Als ich selbst lesen lernte, war keine Bibliothek vor mir sicher. Die Dame an der Ausleihe schaute (nur) am Anfang sehr skeptisch, wenn ich mit einem Bücherstapel – meist Märchen und fast so groß wie ich selbst – vor ihr auftauchte. Es gibt ein tolles Kinderbuch über einen Fuchs, der so buchverliebt ist, dass er alle seine gelesenen Exemplare wahrhaftig auffrisst. Ein wenig fühle ich mich diesem speziellen Meister Reineke verbunden.

Das Lesen in Büchern wurde zu einer wachsenden Haut. Die Unterhaltung mit ihnen, ihren (fiktiven) Protagonisten, ihren Ideen und Sehnsüchten war und ist existenzieller Atem. Ich verlasse nie meine Wohnung, ohne mindestens ein Buch, Stift und Notizheft in der Tasche zu haben. Früher fand ich meine Bücher oft im Kanon der Weltliteratur, dann über die Feuilletons großer Zeitungen, jetzt auch im Internet. Oder – und das waren oft die besten Tipps – in den Büchern selbst über Verweise auf andere Autoren.

© Jörg Wiedemann | Haargenau so war es

Vom Lesen zum Schreiben

Erst das Lesen, lange Zeit und intensiv, führt zum eigenen Schreibimpuls. So war es jedenfalls bei mir. Als müsste man sich allmählich an das Raubtier Sprache von außen gewöhnen, ehe man sich in den Käfig hineinwagt – die Hand ausgestreckt vor dem zähnebestückten Maul des Alphabets (vom Streicheln des Fells will ich hier gar nicht reden). Jetzt ist es so, dass ich beim Lesen von Prosa und Lyrik stets einen Bleistift zur Hand habe und für mich schöne Episoden, Passagen, Sätze, Verse markiere oder ebenso eigene Gedanken dazu notiere.

In meine Gedichte gehen auf diese Weise mehr oder weniger versteckt erlesene Gestalten (aus Mythologie, Märchen, Roman) ein. Außerdem gelangen Ideen, Erkenntnisse (aus Psychologie, Philosophie, aus den Naturwissenschaften) in die Texte. Da das Gedicht mir das renitenteste Genre zu sein scheint, erlaube ich mir, das zu tun. Es geht mir dabei allerdings wie den Ureinwohnern Nordamerikas, die für das Töten eines Tiers und das damit verbundene Sakrileg rituelle Abbitte leisteten.

Manchmal veranlasst mich der Klang eines Verses oder einer gelungenen Prosa-Passage zum Schreiben. Es wird quasi zu einem Schatten, zu einer Variation des Gelesenen. Ich bin dabei Gast in beiden Welten, ein Geschenk, eine Tortur und eigentlich eine Unmöglichkeit. Mit dieser extremen Koexistenz muss der Autor leben (lernen).

© Jörg Wiedemann | Tiden Pantum

Im Dialog mit Ovid moderne Schreibanregung finden

Lesen steht für Kommunikation. Du redest also mit vielen – auch toten – Dichtern. Was reizt Dich daran, beispielsweise mit Ovid einen Dialog zu führen?

Das ist genau das Spannende am Lesen – dieser Dialog. Ich selbst fühle schon einige Stimmen in meiner Brust. Doch das Stimmengewirr in den Büchern erschallt so mannigfaltig, dass mir von diesem Kopfkino fast schwindlig werde könnte. Ich liebe dieses „Kommunizieren“. Das liegt vor allem daran, dass ich es jederzeit tun kann, Zeit und Raum kaum eine Rolle spielen und ich mir die Person aussuchen kann.
Im Dialog mit Ovid beziehungsweise mit dem, was er in seinen Werken spricht, liegen zwei Jahrtausende zwischen uns. Ich wäre also sein Ur-Ur-Ur-…-Urahn. Trotzdem spricht er mich an, und ich kann ihm antworten. Das ist grandios und nur über Sprache und Bücher vermittelbar.

Die Metamorphosen des ‚Naso‘ sind in Hexametern gedichtet. Wenn ich Latein gut könnte, würde ich diesen Klangteppich im Original genießen. So bin ich auf Übertragungen angewiesen, die mir den Inhalt möglichst nahe bringen, aber Lautgestalt, Andeutungen und Wortspiel nur unvollständig wiedergeben.
Die Idee eines in strenger Form verfassten Werkes ist für mich die einer geschlossenen Welt, in der alles aus allem entsteht und nichts verloren geht – wie beim Energie-Erhaltungssatz. Wenn ich also diese Verwandlungen heute lese, verstehe ich sie vielfach anders, als Ovid sie wahrscheinlich gemeint hat. Aber der Impuls zum eigenen Schreiben, Denken, Interpretieren steigt auf.

Die Metamorphose als Bild für das Schreiben

Außerdem gibt es Ausfällungen, die konstant bleiben und ich versuche diese Lösungen zu schütteln, – bis der Niederschlag sichtbar wird. Mit diesem Extrakt experimentiere ich und kippe eigene Substanzen aus meiner Zeit, Kultur und Einstellung hinzu. Ich reibe mich auch an der Versform Ovids. So habe ich den Anfang jedes Buchs im Hexameter verfasst. Ich kündige ihn aber sonst auf, weil ich weiß, dass die Welt heute kein Ganzes mehr ist, und die strenge Form auch nicht meine Art zu schreiben ist. Wortspiel und Andeutungen versuche ich dagegen in moderne Befindlichkeiten zu übersetzen.

Die Metamorphose kann generell ein Bild für das Schreiben (und Lesen) sein. Somit ist der Grundton in Ovids Werk sehr modern – oder zeitlos. Wenn zum Beispiel die Waffen des toten Achill vergeben werden und die geschliffene, kluge Rede des Odysseus über die rohe Muskelgewalt des Ajax siegt, so fühle ich, wie auch Ovid diese Wendung von der Tat zum Wort und Denken gefällt und er sie sprachlich zelebriert. Weil wir uns Dinge in unserer Phantasie vorstellen und sie lediglich überlegen, anstatt sie ausführen zu müssen, hat sich unser Menschsein auch kultiviert und unsere Ängste wahrscheinlich relativiert. Diese moderne Idee ist für mich schon bei Ovid angelegt. Die vielen Einschübe, in denen Rückschau gehalten wird, sind bemerkenswert. Das heißt nun nicht, dass die Metamorphosen ein Lagerfeuer-Buch sind, in dem alle friedlich zusammen singen. Aber der moderne Akzent, den ich heraushöre, fasziniert mich bei dem zweitausend Jahre alten Dichter aus Sulmo.

© Jörg Wiedemann | Ein Nasobem als Welttheater

Sprache – zum Sprechen gemacht

Du bist auch im Theater zuhause, stehst selbst auf der Bühne und einige Gedichte sind hier im Rahmen des Interviews zu hören. Wie verhalten sich das „stille Wort“ während der Lektüre und der gesprochene Text zueinander? Was geschieht hier mit der Sprache?

Das ist eine wunderbare Frage und wahrscheinlich ist jeder, der schreibt, beeindruckt und überrascht von diesem dynamischen Verhältnis.
Zunächst – das Theater ist so etwas wie meine zweite Heimat (ähnlich wie die Bibliotheken). Das hat mit den Möglichkeiten der Rolle und vor allem mit der Unmittelbarkeit und Direktheit des Dramatischen, der Bühne zu tun: In einer beschienenen Rotunde schlüpfen die Akteure in Kostüme ihres Selbst und befreien das geschriebene Wort. Sie machen es lebendig und dreidimensional. Aus der Stille eines beschriebenen Blattes wird das Anrufen, der Aufschrei und somit der Pfeil abgeschossen coram publico.

Ein solcher Auftritt hat etwas mit dem Gedicht gemeinsam. Der Verfasser verkleidet sich ebenfalls. Seine Person ist hinter den Worten, Zeilen, Versen und Bildern eingekleidet und versteckt. Das Wesen der Rolle ermöglicht es, Dinge so kunstvoll zu verschleiern, dass der Leser sich danach sehnt, über die Schemen  die Umrisse für sich zu erkennen. Der Vorgang erinnert an Platons Höhlengleichnis, dem gemäß wir zunächst die Schatten der Dinge wahrnehmen. Erst die Drehung, erst der Wechsel der Perspektive führt dazu, die wahre Natur außerhalb der Höhle zu bewundern.

© Jörg Wiedemann | Stimmgabel Stimmbabel

Von der Lektüre zum Auftritt

Die Sprache ist meines Erachtens für das Sprechen gemacht. Ob der gemeinsame Tanz ums Feuer oder andere Einflüsse zum Wortklang, zur Wortbildung führten – wer weiß. Erst im zweiten Schritt gab es die Besinnung auf die stille Sprache, das Schreiben, Lesen, das ged(r)uckte Wort. Nur wer als ein Schlangenbeschwörer diese lautlose Augenmotorik aus den Buchseiten über den Mund in die Welt befördert, kann mit seiner Flöte erahnen, welche ästhetische Bewegung und Musik der Sprache innewohnt. Wie sie sich hochringelt, zischend, gefährlich, überbordend, und ein Gedicht dadurch zum Erlebnis wird, zu Rhythmus und Lautgestalt.

Doch ohne die stille Arbeit vorab geht es nicht. Beim Drama nicht und nicht beim Vers. Sie ist der Boden und zugleich der Bogen, der sich für den singenden Pfeil spannt. Der Kreislauf von oraler Kultur zu geschriebener und wieder zurück macht die Dynamik und das Lebendige unseres Denkens und Fühlens spürbar. Als Autor verstehe ich mich als Dolmetscher, als einen Übersetzer im doppelten Sinn, der den Nachen von einem Ufer zum anderen begleiten darf.

Ich danke Dir für unser Gespräch!

 

Auf den folgenden Seiten können Sie noch mehr über Jörg Wiedemann erfahren und seine von den jeweiligen Jurorinnen gekürten Monatsgedichte lesen:


4. Juni 2014

Geborgen im poetischen Haus. Trauer um Monika Kafka

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Monika Kafka (1960 - 2014), LyrikerinMonika Kafka (1960 – 2014) | © Thom Kafka

schlüsselworte heißt Monika Kafkas Blog. In ihrem „poetischen Haus“, wie sie das Blog gerne nannte, schuf sie Raum für Begegnung. Sie trat in Dialog mit ihren Lesern, tauschte sich aus mit Dichterkolleginnen.
Mit ihren dort veröffentlichten Texten lenkt Monika Kafka den Blick auf äußere wie innere Landschaften. Sie schreibt von Liebe, nennt ihre Gedichte Inspirations- und Gedankenlyrik und lässt dazwischen auch Kurzprosa und Tagebuchnotizen einfließen. Man spürt, wie die Lyrikerin den Leitsatz von Eva Strittmatter, den sie bei ihrem letzten Monatsgedicht-Sieg zitiert hat, verwirklicht:
„Abgetrennt vom Subjekt des Dichters gibt es für mich keine Poesie. […] ich muß Leben fühlen und einen Menschen sehen.“ (Eva Strittmatter: Poesie und andere Nebendinge. Aufbau Verlag/ Berlin)

Monika Kafka – Begeisterung für das lyrische Wort

Der aktive Austausch, nicht nur im Blog, wird vielen nun fehlen – und doch: Monika ist in jedem Gedicht präsent, man spürt Weite, man spürt ihre Hingabe an die Sprache, ihre Begeisterung für das lyrische Wort.

Als ich Monika erstmals 2010 – die Jury hatte ihr gerade das Lyrik-Stipendium zugesprochen – in einem Münchner Café traf, wussten wir, dass wir eine feste gemeinsame Arbeitsbasis haben: Rose Ausländer, Hilde Domin und immer wieder Paul Celan waren unsere „schlüsselworte“, die auch den Qualitätsanspruch besiegelten.
Monika schrieb und las viel. Sie feilte an ihren Gedichten, selbst wenn es oft nur noch kleine Unebenheiten sein mochten. Sie hatte einen klaren Blick für ihren Weg. Ihr ging es nicht um Veröffentlichung um jeden Preis. Sie wählte sorgfältig ihre Publikationsmöglichkeiten, und ich erinnere mich noch, als sie mir von ihrem Erfolg bei „entwürfe“ erzählte: die große Freude und zugleich Bestätigung, dass es sich lohnt, der inneren Stimme zu folgen und dem eigenen poetischen Wort und Anspruch treu zu sein.

Monikas Debütband „im grüngefädelten licht“ ist inzwischen vergriffen und wird nicht mehr aufgelegt. Ein weiteres Buch mit neuen Gedichten ist jedoch geplant. Vielleicht ist auch das Gedicht dabei, das Monika Kafka Mitte März noch im Monatsgedichte-Blog gepostet hat:

akazienkind

zuweilen seh ich dich
auf der rückseite des sommers
spielst du vater mutter kind

kochst traumsuppe in blechgeschirr
erfindest wünschelsprachen

dein lachen wohnt im weiß-
gefiederten geäst, darin
baut dir der wind ein wolkenschloss
lässt blüten für dich schneien

du trägst sie heim voll zuversicht
in deiner kinderhand
und manchmal

manchmal schmuggelst du
mir eine durch die nacht
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© Monika Kafka / mit freundlicher Genehmigung von Thom Kafka

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In der aktuellen Ausgabe der Kaskaden (Frühjahr 2014, Nr. 3) und des Dichtungsring (Nr. 43) sind ebenfalls noch letzte Gedichte von Monika Kafka erschienen.
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Die Nachricht von Monika Kafkas Tod erreichte mich im Urlaub. Es war ein Schock. Ich hatte, von ihr angeregt, den schon oben genannten Band Eva Strittmatters als Lektüre dabei. Es fiel mir schwer, darin weiterzulesen. Gerade bei unserem letzten Telefonat stand diese Lieblingsdichterin Monikas auch im Mittelpunkt. Vom Wundern, vom Wunder der Worte spricht Strittmatter in ihrem Essay. Für mich eine Passage, die auch auf Monika Kafka und ihre schlüsselworte zutrifft:

„Die Wissenschaft wird nie erraten, wie Wortkristall zusammenschießt  …“
Dieses Geheimnis von Poesie, von Kunst überhaupt, hat etwas Faszinierendes. Es fasziniert […], wenn ich spüre, daß mir gelungen ist, Leben in Poesie zu verwandeln“.
(Eva Strittmatter, Band s.o.)

Zu Monika Kafkas Blog schlüsselworte und ihren beiden Monatsgedichten