Vom Gedicht zur Lecture Performance | Ein Gespräch mit Sonja Schierbaum

Porträtfoto Sonja Schierbaum Foto: Carmen Oberst

Sonja Schierbaum | Foto: Carmen Oberst

Poetisches Denken als Schnittstelle von Dichtung und Philosophie

„ich habe heute mittag mein denken gesehen“. Mit dieser Beobachtung beginnt die Selbstreflexion des lyrischen Ich in einem Gedicht Monika Rincks. Wie sehr die Gegenwartslyrik dabei auf Philosophie und Wissenschaft baut, zeigt Christian Metz in seinem Buch „Poetisch Denken“. Wir besitzen riesige Archive und Datenbanken. Aber erst, wenn wir Fundstücke aus diesen Wissensarchiven in Versuch und Irrtum anders kombinieren, werden sie wieder zu beweglicher Information. In diesem Experimentierfeld – auch lyrischer Texte – schüttelt es unser Denken durcheinander und „Unbegriffenes“ kommt in den Blick.

Sonja Schierbaum ist Philosophin und Autorin, die sich mit verschiedenen Wegen des Denkens auseinandersetzt. Sie studierte Philosophie, Ethnologie sowie Kunstgeschichte in Hamburg und wurde 2012 in Philosophie promoviert. Seitdem lehrt sie an verschiedenen Universitäten (Humboldt-Universität Berlin, dann Universität Hamburg) und hält auf internationalen Konferenzen Vorträge und Workshops. Derzeit leitet sie die Emmy Noether Gruppe „Praktische Gründe vor Kant (1720-1780)“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Neben zahlreicher Fachliteratur veröffentlichte Sonja Schierbaum das Theaterstück „Das Gespenst der Archivarin“, ihre Gedichte sind in Anthologien und Zeitschriften („Torso“) erschienen. In ihren „Lecture Performances“ verbindet die Autorin philosophische Fragestellungen mit Multimedia-Installationen und Debattierkunst.

 

Zufall

das Messer ritzt
eine Karte ins Brett

so wachsen die Linien

auf der
den Dingen des täglichen Gebrauchs
abgewandten Seite

der Hand

wer meint, sie zu lesen
glaubt auch nicht an den
Zufall
………- – etwa der Sterne wegen?
(du lachst)

gib acht,
wenn du ihnen das
Brot schneidest

gib acht

© Sonja Schierbaum

 

„Ich denke, also bin ich“ –

Selbstbezug und Selbstwissen – dieses Thema gehört zu Deinen Forschungsschwerpunkten. Was reizt Dich, auf mittelalterliche oder noch ältere Denker zurückzugehen? Also auf Positionen vor Descartes’ berühmten „Cogito, ergo sum.“ (Ich denke, also bin ich)? 


Wenn Du fragst, warum zu Positionen vor Descartes zurückgehen, scheint darin etwas Ungewohntes zu liegen. Wie kann man zu etwas zurückgehen, das vor einem Bruch liegt und sich mit dem Alten, dem Mittelalter beschäftigen? Mit etwas vor dem, was wir gemeinhin als den Beginn der Moderne und des modernen Subjekts betrachten?

Aber das ist nur eine Geschichte, die von der Geschichte der Philosophie erzählt wird. Und die Geschichte eines Bruchs erzählt sich nun einmal besser und findet mehr Zuhörer als die einer Kontinuität, die weniger dramatisch ist. Tatsächlich existiert nämlich eine der „cogito, ergo sum“ ähnliche Figur schon Jahrhunderte früher bei Augustin, dem Kirchenvater, mit dem Descartes durch sein Studium bei den Jesuiten vertraut war.

– schon Jahrhunderte früher erörtert –

Augustin bietet den Skeptikern, die an allem zweifeln wollen, auch am Boden unter ihren Füßen, einen Grund, den sie nicht leugnen können. Sonst würden sie sich selbst widersprechen – so wie wenn einer auf die Frage, „Ist da jemand?“ lauthals ruft: „Nein!“.

Ich kann zwar an allem zweifeln, was ich sehe, und fragen, ist das, was da in der Dämmerung auf der Wiese steht, tatsächlich ein Pferd oder doch nur ein Baum? Aber ich kann nicht daran zweifeln, dass ich etwas sehe. Oder präziser, dass da etwas oder vielmehr jemand ist, der etwas sieht oder auch nur zu sehen glaubt: nämlich ich selbst.

Die Gewissheit stellt sich also auf einer höheren Ebene ein. Das ist der Schachzug Augustins, mit dem er die Gewissheit verschiebt – und zwar von der Ebene der Inhalte oder Gegenstände (wie Pferd und Wiese) hin auf die Ebene des Nachdenkens über diese.

– doch aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet

Bei Augustin geht es um die Gewissheit, mit der es erst möglich wird, in ein Verhältnis zur Welt zu treten. Es geht darum, eine Verankerung in der Wirklichkeit zu haben, die sogar noch vor der Wirklichkeit liegt, nämlich in Gott. Die Selbsterkenntnis ist bei Augustin eine Form der Gotteserkenntnis: Weil der Mensch Gottes Ebenbild ist, erkennt er, wenn er sich selbst erkennt, immer auch Gott.

Descartes hingegen braucht die Gewissheit, um die Möglichkeit der Wissenschaft darauf zu gründen. Gott spielt bei ihm durchaus noch eine Rolle. Denn ohne ihn kann Descartes den Zweifel an der Möglichkeit empirischen Wissens – was, wenn uns unsere Sinne täuschen? – nicht beseitigen: Der gütige Gott ist sein Garant, dass uns unsere Sinne den Zugang zur Wirklichkeit ermöglichen.

Es lohnt sich also, sich die alten Texte aus dem Mittelalter noch einmal genauer anzusehen, um die Frage zu beantworten, warum Philosophen eine Frage wie die nach der Selbsterkenntnis gestellt haben. Auch wenn sich vielleicht die Grundfragen der Philosophie über die Jahrhunderte wenig ändern, so können sich doch die Gründe, warum man sie stellt, radikal wandeln. Das ist aus meiner Sicht das Interessante an der Geschichte der Philosophie.

 

Die Lecture Performance als alternative Form philosophischer Vermittlung

© Sonja Schierbaum & Sascha Lemke: „Moment der Monaden“, Einstellungsraum Dezember 2017 | Interaktive Installation

 

Du suchst nach alternativen Formen philosophischer Vermittlung, um den Diskurs aus der akademischen Ecke zu holen. So organisierst Du Veranstaltungen, in denen philosophische Fragen im öffentlichen Raum nicht nur debattiert, sondern vor allem in neuen künstlerischen Formaten vorgestellt werden. „Moment der Monaden“ ist ein Beispiel, wie Du ästhetische  Mittel einsetzt. Wie wirken sich TonBildInstallation oder Theateraufführung bei solchen experimentellen „Lecture Performances“ aus? Was geschieht mit der Philosophie, wenn Du sie zur „performativen Philosophie“ machst?

Mit künstlerischen und theatralen Methoden wird die Vermittlung von philosophischen Theorien, Konzepten oder Thesen sehr viel unterhaltsamer. Vor allem wird die ganze Angelegenheit auch sehr viel anschaulicher und lebendiger. Es wird dabei eine sinnliche Erfahrung möglich – ähnlich wie das Hören einer Fuge von Bach nicht nur eine geistige, sondern zugleich eine sinnliche und körperliche Erfahrung bedeutet.

Ich will nun nicht sagen, dass das Lesen als fundamentale Form des Philosophierens und der Vermittlung von Philosophie überflüssig ist. Aber was passiert in der Regel bei der Lektüre eines philosophischen Textes? Die körperliche oder sinnliche Erfahrung ist, wenn man sich überhaupt einer solchen bewusst ist, eher unangenehm: Müdigkeit kommt auf, die Augen brennen, Rücken und Nacken verspannen sich, während man sich müht, nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Geist den Gedanken des Philosophen zu folgen.

Welche Reichweite hat aber diese Form der „performativen Philosophie“? Ergeben sich neue Ansätze und Möglichkeiten, wenn man mit Ton und Bild, Installation oder auch Rollenspiel arbeitet? Lassen sich neue Formate entwickeln? Das sind zentrale Fragen, die mich beschäftigen und zwar nicht nur, inwieweit es die Vermittlung philosophischer Gehalte betrifft. Die Frage zielt auf den Kern an sich, ob man nämlich auf diese Weise tatsächlich auch das Geschäft der Philosophie „betreiben“ kann.

 

„Ich dichte, also denke ich“ (Max Bense)

In der Einleitung taucht der Begriff des Wissensarchivs schon auf. Dabei denke ich auch an Dein Theaterstück „Das Gespenst der Archivarin“, in dem Du Wissen und Freiheit in Bezug setzt. Von Max Bense stammt die Abwandlung „Ich dichte, also denke ich.“ Überlappen sich philosophische Performance und poetisches Denken? Oder anders gefragt: Wann bist Du mehr in der Rolle der Philosophin, wann in der der Autorin? Wobei ich hier gleich noch nachhake, da Du auch Lyrik schreibst: „Performance Lecture“, Theaterstück, Gedicht – wann wählst Du welche Spielart?

Tatsächlich fühle ich mich bei Lecture Performances eher als Autorin mit philosophischem Fachwissen denn als Philosophin, die an einer Universität das entsprechende Studium absolviert hat. Und das gilt eigentlich bei allen Formen und Formaten, die philosophische – oder allgemeiner gefasst – theoretische Inhalte vermitteln. Insofern suche ich nach einer philosophisch-poetischen Verbindung, bei der die ideale Textform die Unterhaltung nicht außer acht lässt.

Wahrscheinlich ist es ein gradueller Unterschied und abhängig von der Situation, welche Spielart in Frage kommt. Lyrik bedeutet für mich „Essenz“. Sie enthält den Kern, der als Ausgangspunkt für andere Formate dienen kann. Man könnte sie sogar als eine Art „Brühwürfel“ sehen, aus dem man weitere Themen und Formen entstehen lässt, die auch in die Prosa oder das Theaterstück übergehen. Um bei Vergleichen zu bleiben: Die Kunst der Fuge würde ein Thema ausbauen und immer noch in einer strengen Ordnung halten, während die französische Suite das tänzerische Moment schon stärker hervorkehrt.

 

Denken als Dialog mit sich selbst

Vom „dichterischen Denken“ spricht auch Hannah Arendt, zu der Du ebenfalls eine Multimedia-Lecture Performance zusammen mit dem Hamburger Komponisten Sascha Lemke veranstaltet hast. Arendt sieht die Metapher als Bindeglied zwischen Denken und Dichten und schreibt dazu in ihrem Denktagebuch: „[…] in der Philosophie nennt man Begriff, was in der Dichtung Metapher heißt. Das Denken schöpft aus dem Sichtbaren seine Begriffe, um das Unsichtbare zu bezeichnen.“ Ist das Vertrauen in die Sprache, das Hannah Arendt noch zum Ausdruck bringt, für unsere Generation längst verloren?

Ich weiß nicht, ob Arendt mit ihrer These über das Verhältnis der Analogie – den Platz, den der Begriff in der Philosophie spielt, nimmt in der Dichtung die Metapher ein – tatsächlich auch ein „Vertrauen in die Sprache“ zum Ausdruck bringt oder bringen will. Vielleicht haben wir nach Arendt vielmehr keine Wahl, als lediglich die Sprache zu gebrauchen, wenn wir überhaupt denken wollen.

Arendt geht noch einen Schritt weiter. Denn nach ihr ist jedes Denken überhaupt nur möglich mittels der Sprache, jedes Denken ist sprachlich. Wenn man denkt, so Arendt, dann spricht man, und zwar mit sich selbst, wie mit einer anderen Person. Diese funktionale Aufspaltung im Denken in zwei Dialogpartner zeichnet Arendts Modell des Denkens aus.

Dass wir vielleicht keine andere Wahl haben, als die Sprache zu benutzen, wenn wir denken wollen, nachdenken über uns und die Welt, heißt jedoch weder, dass wir der Sprache blind vertrauen müssen, noch, dass wir ihr ausgeliefert sind. Zum Glück ist es uns möglich, zu reflektieren und eine gesunde Distanz zu schaffen, auch zu uns selbst.

Auch wenn wir keine Wahl haben, ob wir die Sprache gebrauchen wollen oder nicht, so haben wir doch eine Wahl, wie wir diese gebrauchen wollen.

 

Vielen Dank für unser intensives Gespräch, mit dem Du auch die Neugier auf die „performative Philosophie“ geweckt hast!

 

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Werner K. Bliß – „ut pictura poesis“. Ein Gespräch über Lyrik und Kunst

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Interviews — Tags: , — Michaela Didyk

© Werner K. Bliß – gültig für alle Bilder des Beitrags; alle Gedichte sind inzwischen in den 2019 erschienenen Debütband „Gekämmte Zeit“ übernommen [© Pop Verlag Ludwigsburg]

Werner-K-Bliss-Portraet-Interview

Werner K. Bliß | Foto: privat  

Werner K. Bliß – Dichter und Maler in einer Person

Peter Handkes Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968 sorgte für die ersten Mails: In meinen Seminar-Unterlagen hatten die im Gedicht genannten Fußballspieler neue Positionen bezogen. Dass es nun auf einmal drei Verteidiger geben sollte, wollte Werner K. Bliß ganz und gar nicht glauben. Und er hatte natürlich recht. In meiner Datei waren die Zeilen verrutscht.

Peter Handkes poetische Provokation aus den 1968er Jahren, als Ready-made sicher kein herkömmliches „Bildgedicht“, hatte jedoch Wort und bildhafte Darstellung zum Thema gemacht. Der gestenreiche Gedicht-Vortrag Werners zu Jean Tinguelys Basler Fasnachts-Brunnen, schließlich das Monatsgdicht lepanto lenkten unseren Austausch zunehmend auf die Kombination von Gemälde und Gedicht.

Daher freue ich mich, im Interview Lyrik und bildende Kunst eng verknüpfen zu können. Denn Werner K. Bliß schreibt nicht nur viele Gedichte über Kunstwerke, sondern er arbeitet als Lyriker oft mit Künstler/innen zusammen und ist vor allem selbst als bildender Künstler aktiv.

Der Dialog mit dem Kunstwerk als Einstieg ins Schreiben

„Ut pictura poesis“ (Wie die Malerei so die Poesie) – dieser Ausspruch des lateinischen Dichters Horaz trifft voll zu. Literatur und bildende Kunst gehen bei Dir Hand in Hand. Wie beeinflusst Dein Blick auf Zeichnung und Gemälde oder Skulptur Dein Schreiben? Eröffnen sich besondere Zugänge? Ergeben sich neue Orientierungspunkte? Oder wie gelingt es Dir, von einer bloßen Bildbeschreibung weg in das eigenständige Wortkunstwerk zu springen?

Mit dem Beispiel lepanto, der Hommage an Cy Twombly und seinen Zyklus Lepanto im Museum Brandhorst in München, lässt sich ganz gut beginnen.

Es verschlug mir, als ich erstmals vor diesen Farbtafeln stand und dann immer wieder auf- und abging, zunächst die Sprache. Schlecht geputzte, aber farbenfrohe Schultafeln, Schiffe versenken, erste Assoziationen, hatte ich doch weit über fünfzig Jahre in Schulräumen von meiner Einschulung bis dato verbracht.

Mit den historischen Fakten im Hintergrund begannen sich allmählich innere Bilder aufzubauen, vielleicht so, wie der Text einsteigt: am anderen morgen kam dieses bild des friedens auf und so hatte ich in etwa eine Szenerie, eine Phantasie dieser Seeschlacht vor Augen, inclusive lachmöve.

  • Einen ersten Eindruck von Cy Twomblys Gemälde–Zyklus vermittelt Ihnen dieses Video auf YouTube

Ach, riefen die Gedichte, hol uns hier raus!

Ganz anders der innere Prozess bei den künstlerischen Arbeiten Marianne Hopfs. In privaten Räumen hing eine ihrer Arbeiten in Augenhöhe und zog mich schlagartig in Bann. Ich nahm Kontakt zur Künstlerin auf, durfte in ihrem Atelier zahllose Arbeiten fotografieren, die für mich alle einen inneren Zusammenhang bildeten. Kaum zuhause am PC, sprudelte es Text um Text.

Kindheitserlebnisse schichteten sich auf, um, schichteten sich neu. Am späten Abend, die Fotografien waren obsolet, hatten meine Fingerkuppen circa dreißig Entwürfe herausspringen lassen. Ein Text löste den anderen ab. Es war wie bei Frau Holle: Ach, riefen die Gedichte, hol uns hier raus. Darunter auch die Texte amorph oder sonntags II.

Ähnliches lässt sich auch bei Armin Göhringers Skulpturen sagen. Ich sah die Arbeiten und es war, als wär´s ein Stück von mir

sonntags II

das rechteck
auf augenhöhe
ein zeichen löst sich

setzt andere frei
ein sehgewitter leuchtet in

vergangene zeiten
dunkelste abendstunden

lichtüberworfener horizont

ein mantel formt
drehende wasser

und mittendrin
du

Ob Kunst oder Alltag – die ästhetische Wahrnehmung bleibt bei Werner K. Bliß wach

Bilder und Skulpturen inspirieren Dich zu Texten. Brauchst Du Ausstellung und Galerie, also den Kontakt zum Original, oder reicht schon das Foto eines Kunstwerks? Geschieht es auch umgekehrt, dass Du von einem Gedicht ausgehend ein Bild oder Kunstobjekt schaffst?

In der Abbildung des Gemäldes Reflection (What does your soul look like) von Peter Doig, welches eine Tageszeitung zur Ankündigung der Ausstellung auf die Titelseite setzte, erkannte ich bereits den Text in Rohform. Ich musste nur noch zu Stift und Papier greifen, dann am PC die Feinarbeit, – wie einst Michelangelo seine Werkzeuge für DAVID :-)

Werner K. Bliß - gedichttext "am straßenrand" zu m gemaelde "reflection" von peter doig

Aus Kindheitsbildern werden im Autor Sprachbilder

Schon als Kindergartenkind bekam ich höchste Aufmerksamkeit, wenn ich Nachbarn oder Kunden in unserem Friseurgeschäft aufgrund ihrer Stimme, Dialektverschiebung oder Sprachfehler, gestisch untermalt, nachahmen konnte. Über die gesamte Schulzeit erweiterte ich meine Entertainerqualitäten in Sachen Sprache.

Das war beim Vortrag Deiner Tinguely-Hommage gut zu erkennen :-)

Beim ruhigen Malen mit Musik entstehen Wortgedanken, kleine Verse, die ich notiere. Mal wird es zum Gedicht, bisweilen geht es verloren, kommt irgendwann wieder oder sackt als Sediment, als Humus, ab. Umgekehrt tauchen beim Schreiben Bilder auf, die malerische Fixierung fordern. Innere Dialoge, allemal.

Texte zu Werner Pokorny und zu den Bildern Christoph Meckels, der als Dichter auch zeichnete, bilden klassische Beispiele einer Transformation von Kindheitsbildern in Sprachbilder.

Werner K. Bliß zentriert gesetzter gedichttext "noch einmal"

Werner K. Bliß rechtsbündiger gedichttext "zurückschaukeln"

 

 

Generell gefragt: Wie bewahrst Du Dir die notwendige ästhetische Aufmerksamkeit im Alltag? Spielen hier auch Vorbilder aus Dichtung und Kunst eine Rolle, die Deine Inspirationsquelle immer wieder füllen?

Stellvertretend für zahllose Dichter/innen nenne ich Ernst Jandl, Reiner Kunze; Martin Kippenberger in der bildenden Kunst, ebenso Fischli / Weiss.

Da ich in Hausach wohne, bringt der alljährliche Hausacher LeseLenz, bei dem ich 2007 eingeladen war, Inspiration ganz besonderer Art. Ganz zu schweigen vom Alltag, der mir so vieles zufallen lässt. Ein Bild, ein Wort, gelesen oder gehört, ein Songfetzen, eine am Boden platt gewalzte, kaum noch als solche erkennbare Bierdose.

Aleph, das Rind – oder im Vers den Pflug wenden

Dein Gedicht vom ackerbau zur schrift gehörte mit amorph zu den Favoriten für die diesjährige Weihnachtskarte. Für mich ist dieses Gedicht die sinnliche Umsetzung des Begriffs Vers, der – vom lateinischen Wort vertere = drehen/wenden abgeleitet – gerade die Ackerfurche und jeweilige Wendung des Pfluges veranschaulichen soll.

In den erdfarbenen Bildern aus Deinem Zyklus gekämmte zeit bekommt dieses Urbild der Sprache zusätzliche Dimension. Greifst Du bestimmte Texte und Kunstwerke auf, um Themen mehrfach oder auch im anderen Medium auszudrücken und so den künstlerischen Dialog zu vertiefen?

Von Friedrich Kittler, den ich einmal bei einem Festvortrag erleben durfte, bekam ich die Vorlesung Vom Appell des Buches in die Hand. Ein Paukenschlag, ein Brückenschlag zu Arbeiten, die im Atelier mit dem Titel vom ackerbau zur schrift und zahllosen weiteren Arbeiten zum Thema Aleph, dem Rind, unserem ersten Vokal, entstanden. Später, bei einem erneuten Durchgang der Vorlesung, inklusive Sekundärliteratur, ging ich die vorhandene Brücke zurück. Zwei Gedichte zeigen die Wegstrecke.

Werner K. Bliß-Gedichttext "vom ackerbau zur schrift" zeilenlauf geht in mäandern von links nach rechts und wieder nach links zurück

 

Werner-Bliss-Mischtechnik-braun-blau-mit-Einsprengseln-weiss-prange

o.T., 2018; Mischtechnik auf Leinwand,18 x 23 cm;
aus dem Zyklus: gekämmte zeit

alleranfang

gezeitenwandel
erinnerungsflut

im
flussbett
der gedanken
steht das gezähmte vieh
kopf

Aleph

heißt uns trinken
von
den
anfängen

 Der Zugang zu fremder Kultur: portugiesische geschichte/n

Du hast längere Zeit in Portugal gelebt. Wie beeinflussten Dich die Sprache und Kultur des Landes in Deinem Kunstschaffen?

Elf Jahre nachdem die gut vierzigjährige Diktatur 1974 zu Ende gegangen war, kam ich in dieses kleine Land mit so großer Geschichte in jener Phase des Umbruchs. Erste Eindrücke, Portugals Geschichte und eine völlig neue Sprache standen vor mir. Das Meer, hilfsbereite, freundliche Menschen, krasse soziale Unterschiede, Postkolonialismus, Porto, wo ich lebte, Lisboa. Ausflüge in ländliche Bereiche. Fado, Saudade. Alle Sinne waren gefordert.

Das Buch der Unruhe von Fernando Pessoa, Der Judaskuss von António Lobo Antunes, portugiesische Musik, die Lieder José Afonsos stießen Türen für weitere auf. Der Output kam dann viel später, als ich wieder zurück in Deutschland war. Über den sieben Weltmeeren heißt eine zweiteilige Arbeit, die im Atelier entstand.

Bei Fixpoetry lassen sich einige Texte unter dem Titel portugiesische geschichte/n nachlesen. Mit  deutschen Romantiteln von António Lobo Antunes spiele ich im Gedicht lagos altstadt. In den Zeilen von ver o mar (das meer schauen) konnte ich wohl am eindrücklichsten ein Stück portugiesische Seele verdichten. Das Gedicht ist mit einem Bild von Rolf Hannes im Katalog Die Farben der Liebe zur Internationalen Kunstausstellung aus Anlass der EU-Erweiterung 2004 in Bitburg erschienen.

–  oder auch: Wie steht es um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit

Kannst Du in drei Stichpunkten zusammenfassen, was Dir immer wieder den Auftrieb gibt, mit Wort und Bild Brücken zu bauen und tiefere Zusammenhänge zu ergründen?

werner-bliss-tricolore-zyklus-gekaemmte-zeit

o.T., 2018; Mischtechnik auf Leinwand, 18 x 23 cm;
aus dem Zyklus: gekämmte zeit

Pflastersteine, die sich rufend aus dem Straßenpflaster lösen, bauten im Zusammenhang mit der Globalisierung eine Gedankenkette auf, die über Tage, Wochen, Monate meine Phantasie anregte. Über die Bedeutung der französischen Flagge, der Tricolore, gelang in einem wochenlangen Prozess eine Bodenarbeit, ( 3 x 150  x 100 cm ) mit dem Titel revolution verschoben. Parallel dazu entstand unter dem Titel gekämmte zeit ein Zyklus mit Triptychen in dreierlei Größen.

LIBERTÉ, ÉGALITÉ, FRATERNITÉ qu´est-ce que c´est aujourd´hui? Dann blicke ich schnell wieder auf eine ältere Brücke, früher gebaut:

französische feldzüge

bis verdun
großvater im ersten

im zweiten vater
bis brest

ich sammle
an pfingsten

mal
muscheln
mal
schnecken
mal

bretonisches lächeln

– im Alltag: Bilder werden zu Geschichten geflüchteter junger Menschen

Und es gibt noch drei weitere wichtige Stichworte. Denn Du hast im letzten Jahr engagiert mit jugendlichen Migranten in Deinem Atelier gearbeitet.

Ich unterrichtete mehrere Wochen Deutsch für geflüchtete junge Menschen. Diese nahm ich mit in meine Ausstellung Von der Ordnung der Dinge, die sich mit der damaligen Situation auseinandersetzte. Die jungen Leute waren betroffen. Ich bot an, mit ihnen zu arbeiten.

Über ein halbes Jahr trafen wir uns regelmäßig. Mein palästinensischer Freund Younis leistete dabei die notwendigen Übersetzungsdienste. So kamen jedes Mal einfache abstrakte Drucke mit Aquarellfarben und Holzstückchen einer zerstörten Obstkiste (Metapher Heimatland) zustande. Aus ihnen konnten die jungen Menschen zum Abschluss des Abends ihre konkreten Geschichten lesen und erzählen. Im Frühjahr 2017 beendeten wir die wunderbare Zusammenarbeit mit der Ausstellung: MIGRATION INTERAKTION INTEGRATION.

Vielen Dank für unser anregendes Gespräch!
[Das Interview fand im November 2018 statt.]

Nachtrag Oktober 2019: Im Pop Verlag Ludwigsburg ist inzwischen der Debütband des Dichters erschienen: Werner K. Bliß – Gekämmte Zeit. Gedichte. Die POP-Verlag-LYRIKREIHE Bd. 142

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