19. November 2017

Baustein 6: Die Wirkung gebundener Sprache

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

Wirkung gebundener Sprache Versmass Rhythmus Martin Opitz und Eichendorff - Reihen mit Kreisen aus Notenlinien und Noten

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Ist Ihre poetische Sprache von strengen Regeln bestimmt, indem Sie mit Rhythmus und Versmaß, teils auch Reim und Strophenform arbeiten, spricht man von gebundener Rede. Während in der Prosa Wortbetonung, Sprachmelodie und Tempo eher zufällig aufeinandertreffen, ist im Gedicht alles absichtsvoll gestaltet. Wer träumt da beim Lesen der „Mondnacht“ nicht gleich mit?

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus. (1)

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Die moderne Dichtung hingegen bevorzugt den freien Vers. Reim und regelmäßiges Metrum gelten als Fessel. Oder doch nicht?

ein zuckerwürfel und ein büschel gras;
ein wind auf schwarzer wiese, wo ein hund
die bäume scheuen läßt. […] (2)

Jan Wagner (*1971)

Vielleicht ist wie in Wagners Blankversen* nur Erfindergeist nötig, um den konventionellen Klang gebundener Rede zu vertreiben. Auch Bertolt Brecht (1898–1956) schlug diesen Weg ein: „Ich brauchte Rhythmus, aber nicht das übliche Klappern.“ Allerdings lag für Brecht in der freien Handhabung des Verses „die große Verführung zur Formlosigkeit“. (3) Davor hatte schon Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) gewarnt: „Es scheint beinahe niemand mehr zu wissen, daß das [rhythmische Gefühl] der Hebel aller Wirkung ist.“ (4)

Auf Versfüßen unterwegs

Der Barockdichter Martin Opitz (1597–1639) reformierte die deutsche Dichtersprache. Der Versakzent und die natürliche Betonung eines Wortes sollten von nun an übereinstimmen. Machen Sie die Probe aufs Exempel! Denn wie hört sich dieser Blankvers an, wenn Sie nur auf das Metrum achten: ein unwetter auf der wiese, wo ein?

Opitz forderte, das Versmaß streng einzuhalten. Er favorisierte vier gängige Taktarten aus der antiken Dichtung, auch Versfüße genannt. Diese dienen als kleinste feststehende Einheit, um beliebige Versformen aufzubauen. Den zweisilbigen Versfüßen, dem Jambus |XX| (Gedicht) und Trochäus |XX| (Dichtung) gab Opitz den Vorrang. Betonte Silben (Hebungen) und unbetonte (Senkungen) folgen hier exakt aufeinander, sie alternieren. So ergeben sie eine gleichmäßige Melodie, die je nach Versanfang (unbetont/betont) heitere oder düstere Stimmung vermitteln kann.
Die beiden dreisilbigen Taktarten bringen mit zwei unbetonten und schneller gesprochenen Silben kraftvolle Bewegung: Der Anapäst |XXX| betont die dritte Silbe (analog), der Daktylus |XXX| die erste Silbe (freudige).

Im „Baukastensystem“ zum Vers

Regelmäßige Verse zeichnen sich durch eine festgelegte Anzahl und Abfolge von Versfüßen aus. Eichendorff legt der „Mondnacht“ einen dreihebigen Jambus zugrunde. Der vierhebige Trochäus bestimmt die folgenden Zeilen Heinrich Heines (1797–1856): „In dem Traum siehst du die stillen / Fabelhaften Blumen prangen“.

Fünfhebig variiert der Jambus je nach Herkunft:

  • Als Vers commun mit einer Zäsur im Versinnern ist er aus der französischen Literatur übernommen.
  • Der in Italien beliebte Endecasillabo (Elfsilber) wurde mit festem Reimschema zu einem Standardvers der deutschen Sonettdichtung.
  • Reimlos und flexibel*, diente der für Shakespeare typische Blankvers vor allem als Dramenbaustein. Friedrich Schiller (1759–1805) übernahm das Metrum auch für seine Ballade „Das verschleierte Bild zu Saïs“. Vielleicht ermuntern Jan Wagners Blankverse Sie zu einem eigenen Versuch?

Bei den Barockdichtern war gerade beim Sonett der Alexandriner beliebt. Dieser Vers setzt – gereimt und aus sechs Jamben bestehend – nach der dritten Hebung einen deutlichen Einschnitt: „Der schnelle Tag ist hin || Die Nacht schwingt ihre Fahn“, heißt es bei Andreas Gryphius (1616-1664). Ingeborg Bachmann sprengt die überlieferte Form – reimlos und mit teils verkürzter Zeile:

[…]
Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.
[…] (5)

Ingeborg Bachmann (1926–1973)

Strenges Versmaß oder das lebendige Wort

Takte, also Hebung für Hebung, zählen, sogar mit einem Metronom, wie es Gerhard Rühm (*1930) in seinem Sonettenkranz ironisch unternahm, hat das für die Lyrik heute noch Sinn? Der Wiener Dichter füllte die herangezogenen Zeitungsberichte durch Wortwiederholung zum exakt betonten Elfsilber auf: „auch áuch in díesem jáhr hat sích der grósse“ (6)

Diesem starren Skandieren steht das Rezitieren gegenüber. „Ein Metrum besteht theoretisch, der Rhythmus nur praktisch“, (7) heißt die Formel, die den Vers aus dem Klappern befreit.

Verszeile und Satzeinheit, Atempause und Verseinschnitt, der im sinngemäßen Sprechen die Zeile gliedert, führen zum Rhythmus, der in unserem Körper verankert ist. Unser Herzschlag und Atem setzen ein eigenes „Versmaß“, das die Bewegung ins Gedicht überträgt und daran erinnert, dass die Lyrik ursprünglich mit Musik und Tanz einherging.

Die „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff als Beispiel

Das Zusammenspiel von Metrum und Rhythmus kann das eingangs zitierte Gedicht von Joseph von Eichendorff veranschaulichen: Der exakt gebaute dreihebige Jambus unterstreicht die Klarheit der Sternennacht und die Harmonie zwischen Himmel und Erde. „Leichtfüßig“ im unbetonten Versauftakt, steht dieses Metrum für eine aufsteigende Bewegung. Die poetischen Bilder sprechen alle Sinne an und laden mit im Lufthauch wogenden Korn ein, sich auf den Seelenflug durch eine magische Mondnacht einzulassen.
Im Gleichmaß des Taktes fallen jedoch Änderungen in der Schlussstrophe auf. Betonungen verschieben sich an die für die Aussage wichtige Stelle.

  • Mit dem Zeilenumbruch spannte / Weit beginnt Eichendorff diesen Wechsel rhythmisch aufzubauen und die Aufmerksamkeit seiner Leser/innen umzulenken. Das Enjambement, das Übergreifen des Satzes in den nächsten Vers, erzeugt eine Pause am Zeilenende und betont im Übergang zur neuen Zeile Weit. Der Akzent verlagert sich und ermöglicht einen machtvollen Daktylus mit drei Silben am Versanfang: Weit ihre Flügel aus.
  • Die Alliteration Flügel / flog / als flöge bindet die drei Schlusszeilen eng aneinander. Das ebenfalls am Zeilenbeginn unregelmäßig betonte flog wird zum Höhepunkt, an dem der Traum Wirklichkeit zu werden scheint.
  • In der letzten Zeile flauen die in den beiden Daktylen intensivierte Atembewegung und die dreifache Steigerung (Rhythmus) ab: Der Vers kehrt in den „regulären“ dreihebigen Jambus zurück (Metrum).

 

  • Quellenangaben:

    * siehe: wortwuchs.net
    (1) Mondnacht. Eichendorff, Joseph von. In: Siehst du den Mond? (Hg. Dietrich Bode). Reclam 2010, S. 52 f.
    (2) grubenpferde. Wagner, Jan. In: Zwischen den Zeilen, Nummer 25. Urs Engeler 2006, S. 70
    (3) Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen. Brecht, Bertolt. In: Gesammelte Werke, Band 19, Suhrkamp 1973, S. 396 und 402
    (4) Poesie und Leben. Hofmannsthal, Hugo von. In: Der Brief des Lord Chandos, Reclam 2000, S. 40 f.
    (5) Böhmen liegt am Meer. Bachmann, Ingeborg. In: Sämtliche Gedichte. Piper 1998, S. 177
    (6) dokumentarische sonette, dienstag, 29. 7. 1969, publikumsjubel um die „meistersinger“. Rühm, Gerhard. In: um zwölf uhr ist es sommer, Reclam 2000, S. 167
    (7) Frey, Daniel: Einführung in die deutsche Metrik mit Gedichtmodellen. Wilhelm Fink 1996, S. 18

Dieser Artikel erschien leicht variiert zunächst in der Federwelt (Nr. 119 August 2016)

Zum Thema „Klang“ passen auch diese beiden Artikel:


30. September 2017

Baustein 5: Lyrischer Klang im Spiel mit den Buchstaben

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk
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Die suggestive Melodie der Vokale und Konsonanten

Da die Ohren von Natur aus auf Empfang eingestellt sind, können Sie mit der Melodie und Klangfarbe Ihres Gedichts „Zauber“ wirken.

Singet leise, leise, leise,
singt ein flüsternd Wiegenlied,
[…]
Singt ein Lied so süß gelinde,
wie die Quellen auf den Kieseln,
wie die Bienen um die Linde
summen, murmeln, flüstern, rieseln. (1)

Clemens Brentano, 1778–1842

Vor allem die Dichter der Romantik sind Klangkünstler. In Clemens Brentanos Versen finden Sie hohe und weiche Vokale, die sich erst in den letzten Zeilen zum U verdunkeln. Ebenso zart wirken die Konsonanten, wenn sie den Flüsterton und das Rieseln der Quelle aufnehmen. Es sind beruhigende Zeilen; in den kleinen Satzeinheiten mit Wiederholung übertragen sie Ruhe und Geborgenheit .

Auch Rainer Maria Rilke ist ein Meister des Klangs:

Da drin: das träge Treten ihrer Tatzen
macht eine Stille, die dich fast verwirrt;
und wie dann plötzlich eine von den Katzen
den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,
[…] (2)

Rainer Maria Rilke, 1875–1926

Hier fallen zum betonten I und A die Alliterationen auf, die mehrfachen Wortanlaute auf D und T, die beim Lesen sofort einen Sog ausüben.
Es lohnt sich, die Laute herauszufinden, die Stimmungen erzeugen und wiedergeben. Auch wenn einschlägige Untersuchungen vorliegen – beginnen Sie bei sich selbst! Wie hört sich ein Jubelschrei an, wie reagieren Sie auf eine Überraschung? Meist sind Sie von ah, oh bis ui bei einzelnen Lauten angelangt. Mit ihnen halten Sie den Zauberschlüssel für Klang und Gefühl in der Hand.

Buchstaben auf dem Prüfstand

„Die Buchstaben sind bereit, durcheinandergewürfelt zu werden.“ (3) Die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada, die auch auf Deutsch schreibt, vermittelt in ihren Sprachreflexionen oft erstaunliche Einsichten.
Vielleicht geht es Ihnen bei dem einen oder anderen folgenden Lautgedicht ähnlich wie ihr: „Wenn ich deutsch spreche, komme ich mir manchmal vor wie eine Komponistin, die in einem Wald steht und versucht, die Musik der Vögel zu hören, zu notieren und nachzuahmen.“ (4)
Machen Sie die Probe aufs Exempel und versuchen Sie, dem „buchstabierdialog“ Ernst Jandls zu folgen:

: S.T.S.T.S.T.S.T.E.

: H.B.
K.N.E.
Z.

[…] (5)

Ernst Jandl, 1925–2000

Dass der zunächst Gefragte keine Zeit hat, hören Sie in diesem Zwiegespräch nur, wenn Sie die Zeilen laut lesen und sich so Vokalanklänge zwischen die Konsonanten schleichen.
1956 begann Jandl seine Experimente, in denen er Worte in Silben und Buchstaben zerlegte. Sein sprachspielerischer Ansatz wurde in den 1960ern zur Provokation, da er scheinbar mit Unsinn aufwartete. Zu Jandls großen Leistungen gehört jedoch, dass er die Sprache bis in kleinste Einheiten bewusst macht. (6)

Kurt Bartsch vereinheitlicht Konsonanten und setzt F gleichwertig für V und W. Im so nur „angenäherten“ Wortklang verfremdet sich die Aussage: Der Weltuntergang verliert an Pathos und bleibt doch eindringlich. Zudem schieben sich Worte ein, die ihren alltäglichen Sinn beibehalten: fiese könnte über wiese hinaus Hintergründe für den Weltzustand andeuten oder zusammen mit der Anfangszeile sogar ein Aufruf sein:

fom fleck feg
fald und fiese
feltuntergang
[…] (7)

Kurt Bartsch, 1937–2010

Nonsens oder Sprachaufbruch im Lautgedicht

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts stimmte Christian Morgenstern das Große Lalula an. Die Dadaisten, einer davon Hugo Ball, luden ebenfalls zum „Klang-Happening“ ein. Nonsens-Dichtung lautete das ablehnende Urteil.

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
[…] (8)

Christian Morgenstern, 1871–1914

Morgensterns Lautgedicht war jedoch ein Abgesang auf eine hehre Verskunst, die sich im Pathos verlor. Hugo Ball dagegen wollte das Wort aus seinem Bedeutungskorsett befreien und in reiner Klanggestalt zur Wirkung bringen. Dadurch würden die Lesenden selbst zu Sprachmagiern, da sie mit dem Aussprechen des „Wortes“ bereits beeinflusst würden. Unterschiedliche Schrifttypen sollten die Lautstärke, Tonhöhe oder Stimmung optisch vermitteln.

Lautgedicht Karawane von Hugo Ball in verschiedenen Schrifttypen für unterschiedlichen Klang , teils Reim Reim (9)

  Hugo Ball, 1886–1927

Im Zertrümmern der herkömmlichen Worte und in der Neukombination der Buchstaben ergeben sich fremde Sprachen. Möchten Sie nicht mit einer Geheimsprache aus Kindertagen mithalten? Lassen Sie die Buchstaben purzeln! Mit seinem Gedicht in Bi-Sprache lädt Joachim Ringelnatz dazu ein:

Ibich habibebi dibich,
Lobittebi, sobi liebib.

[…] (10)

Joachim Ringelnatz, 1883-1934

 Jeder Reim belebt den Klang – doch nutzen Sie Vielfalt!

Allem Sprachaufbruch steht der Reim als konventionelle Gegenkraft gegenüber. So scheint es, beachtet man nur den herkömmlichen Endreim. Doch Reime sind vielfältig und bieten mehr als bloßen Zierrat am Versschluss.
Anfangsreim, Schlagreim, Binnenreim, Mittenreim, unreiner Reim, Halbreim, Assonanz sind Reimformen (11), die durch den Rap wieder stärker ins Rampenlicht gerückt sind.

Häng deine Hoffnung an ein Plastikschwein made in Taiwan,
häng deine Hoffnung an ein Pflasterstein und andern Kleinkram.
Zur Show gibt es Kitsch,
zum Popstar das Image,
[…]
Dran glauben!
Kram kaufen!
[…] (12)

Bas Böttcher, *1974

Wenn Sie über das Gedicht hinweg Reimworte einstreuen, wirken sie wie ein Echo. Beim Lesen fällt eine Klangspur auf, die durch das Gedicht führt.
Setzen Sie regelmäßig den Endreim, verlagern Sie dagegen den Schwerpunkt auf die Schlussworte. Achten Sie deshalb darauf, vor allem die sinntragenden Worte im Klang zu verketten.
Der Reimklang bringt übermächtig alles, auch Widersprüche, in eine harmonische Ordnung und wirkt dadurch in unserer Zeit oft überholt. Da die deutsche Sprache zudem für Reime wenig geeignet ist, kommen „verbrauchte“ Reimpaare hinzu. Bas Böttcher hält allerdings ein Rezept dagegen bereit und frischt mit Fremdwort Kitsch/Image und Umgangssprache Dran/Kram auf.

  • Quellenangaben:

(1) Singet leise, leise, leise. Brentano, Clemens: Gedichte, Reclam 1995, S. 85
(2) Die Fensterrose. Rilke, Rainer Maria. In: Sprachspeicher (Hg. Thomas Kling), DuMont 2001, S. 212
(3) Tawada, Yoko: Sprachpolizei und Spielpolyglotte. Konkursbuch 2007, S. 28
(4) Dieselbe: Verwandlungen. Konkursbuch 1998, S. 22
(5) buchstabierdialog. Jandl, Ernst: Sprechblasen, Reclam 1979, S. 58
(6) Ernst Jandls Lesungen sind im Archiv seiner Website zu sehen und hören
(7) felt futsch. Bartsch, Kurt. In: Poetische Sprachspiele (Hg. Klaus Peter Dencker), Reclam 2002, S. 318
(8) Das große Lalula. Morgenstern, Christian: In: Echtermeyer. Deutsche Gedichte. (Hg. Elisabeth K. Paefgen, Peter Geist), 20. Auflage, Cornelsen 2010, S. 502
(9) Karawane. Ball, Hugo: Ebd. S. 616.  Zu hören auf lyrikline mit Christian Bök
(10) Gedicht in Bi-Sprache. Ringelnatz, Joachim. Ebd. S. 125
(11) wortwuchs.net/reimformen
(12) Dran glauben. Böttcher, Bas: Neonomade, Voland & Quist 2009, S. 08. Vom Autor auf lyrikline gesprochen

Dieser Artikel erschien leicht variiert zunächst in der Federwelt (Nr. 117 April/Mai 2016)

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Einen Überblick, was ein gelungenes Gedicht ausmacht, finden Sie  hier:


9. August 2017

Baustein 2: Wörter als lyrischer Werkstoff

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

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Wörter und Wortarten – anders als in der Alltagssprache

Im Atelier eines Bildhauers sehen Sie es sofort: Die Skulptur entsteht, indem der Künstler sie aus dem Rohstein herausschlägt. Das ist Knochenarbeit und setzt das Wissen um die Eigenschaften dieser Gesteinsart voraus. Und überhaupt – wählt er Basalt, wählt er Marmor?

Beim Dichten vergessen wir durch den Alltagsgebrauch der Sprache oft, dass sie ebenfalls Ausgangsmaterial ist, das erst Verwandlung braucht. Auf welche Wörter greifen Sie also zurück? Wie gut kennen Sie Ihren Werkstoff? Das lyrische Handwerk kommt hier ins Spiel.

Die drei grundlegenden Wortarten – Substantiv, Verb und Adjektiv – bilden das Ausgangsmaterial für Ihre Gedichte. Wie Sie bereits aus der Zutatenliste für Gedichte und aus dem ersten Baustein wissen, setzt die lyrische Sprache auf Lücken. Sie braucht Klarheit, aber nicht die Eindeutigkeit der Alltagssprache, die auf ein direktes Verstehen angewiesen ist.

Im Gedicht befreien sich die Wörter von festgelegten Bedeutungen und können so ungewohnte Verbindungen eingehen. Nicht fest verfugte Sätze, sondern mehr oder weniger lose Wortreihen und Satzfetzen, absichtliche Wiederholungen oder Gegensätze bauen eine neue Syntax auf, in der das Sprachmaterial seinen poetischen Zauber entfalten kann. Die verschiedenen Wortarten setzen dabei spezifische Akzente in Ihrem Gedicht.

Der Nominalstil für flexiblen Worteinsatz 

Hätten Sie das gedacht? Den Substantiven kommt beim Dichten die Favoritenrolle zu. Lassen Sie mit vielen Hauptwörtern den Nominalstil überwiegen, erreichen Sie größere Abstraktion. Denn sie lassen sich leicht aus dem gewohnten Satzbau herausreißen und isolieren. So ziehen sie – oft in loser Reihung – die Assoziationen des Lesers auf sich.

Brille, Buch, Uhr liegen /
neben dem Bett wie Notizen, /
[…] [1]

Hendrik Rost, *1969

Die dänische Dichterin Inger Christensen (1935-2009) vergleicht Substantive mit einem Kristall, der zwar Wissen in sich abkapselt, uns jedoch zugleich Perspektiven eröffnet:

Seide ist ein Substantiv. Substantive sind sehr einsam. Sie sind wie Kristalle, […] betrachte sie genau in all ihren Graden der Durchsichtigkeit. […] Schreib [das Wort Seide] auf ein Stück Papier, und es bleibt unbeweglich stehen, aber deine Gedanken und Gefühle sind schon unterwegs zu den fernsten Winkeln der Welt. [2]

Ein Vorteil für die lyrische Aussage – Wortarten gehen ineinander auf

Oft übernimmt auch ein Verb in seiner Grundform diese Funktion (siehe unten: im gehen). Kommt hinzu, dass der Dichter generell kleinschreibt, verschwimmen die Grenzen der Wortart. Ob ein Substantiv oder ein Verb vorliegt (tritt//… hervor), klärt sich nicht immer eindeutig und kann feine Sinnverschiebungen ergeben.

klare abende im gehen. /
die stufen im kies /
an den füßen tritt /
die mechanik der steine /
noch einmal hervor /
[…] [3]

Lutz Seiler, *1963

  • Tipp: Prüfen Sie, ob Substantive (vor allem im Singular) nicht zu abgehackt wirken, wenn Sie auf den Artikel verzichten.

Die anhänglichen Adjektive – nur bedingt geeignet für die lyrische Sprache

Im Verbund mit den Substantiven tauchen in der Alltagssprache oft Adjektive auf. Während sie hier eine Sache lebendig ausmalen, hängt ihnen lyrisch ein schlechter Ruf an. Die Dichterin Ulla Hahn (*1945) geht hart mit ihnen ins Gericht und nennt sie „emotionales Schmieröl“, vor dessen Einsatz man sich hüten solle. [4]

Vorschnell nehmen Adjektive die Substantive in Beschlag und schränken so bei der Gedichtlektüre den Raum für Assoziationen ein. Setzen Sie daher die „anhänglichen“ Eigenschaftswörter bewusst und vor allem gegenläufig zu stereotypen Verbindungen (wie blauer Himmel, schwarze Nacht et cetera). Oft hilft es, Adjektive hinter ihr Bezugswort zu stellen. Dadurch sind sie ebenfalls isoliert und aus der Verklammerung gelöst. Zudem kann sich – wie in den folgenden Zeilen – über den Umbruch hinweg sogar eine neue Wort- und Gedankenverbindung ergeben:

[…]
Äpfel rot /
Blühendes Herbstblatt /
[…] [5]

Marie Luise Kaschnitz, 1901-1974

Möglich ist auch, kontroverse Adjektive oder Wortkombinationen aneinanderzureihen. Das Oxymoron ist ein Stilmittel, das auf extremen Widerspruch setzt: Schwarze Milch (Paul Celan, 1920-1970), Sachliche Romanze (Erich Kästner, 1899-1974) oder traurigfroh (Friedrich Hölderlin, 1770-1843).

  • Tipp: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Leser/innen mit eigenen Vorstellungen in einen „offenen“ Text einsteigen können: Vermeiden Sie das Auschmücken Ihrer Verse durch unnötige Adjektive, Adverbien oder Füllwörter.

Mit Verben beschleunigen und Gefühle ansprechen

Tätigkeitswörter vervielfältigen sich ins Uferlose. Sie lassen sich nicht nur in den Dienst unterschiedlicher Personen (ich, du, er/sie/es, wir, ihr, sie) stellen, sondern durchwandern sämtliche Zeitebenen und Möglichkeitsformen.

[…]
ich liebe den Herbst er /
wittert, posaunt die Farben heraus, brennt /
[…] [6]

Friederike Mayröcker, *1924

Verben bringen so nicht nur eine Fülle, sondern auch Bewegung ins Gedicht, die häufig auf das Tempo Einfluss nimmt, beschleunigt und sich dazu eignet, starke Empfindungen zu vermitteln.

Im ausgefeilten Wortspiel mit geringfügigen Nuancierungen – Wortfamilien bieten sich dafür an – kann eine solche Ansammlung durchaus gewünschte Irritation hervorrufen. Denn so folgen Ihre LeserInnen Ihren Zeilen aufmerksamer. Texte mit einem Übergewicht an Verben entwickeln meist einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

[…]
ich bin würde ich nicht sein wäre ich /
war ich nicht werde ich sein bin ich nicht /
[…] [7]

Günther Schulz, *1946

Poetische Neuwortbildungen, um  den Werkstoff Sprache zu erweitern

Seepferdchen und Flugfische betitelt der Dadaist Hugo Ball sein Gedicht. Welche Wortart würden Sie folgenden Klanggebilden zuweisen?

tressli bessli nebogen leila /
flusch kata /
[…]

Hugo Ball, 1886-1927

Poetische Neuschöpfungen müssen nicht immer so extrem ausfallen, dass der Klang jede Wortart außer Kraft setzt. Doch sie stechen aus einem Gedicht heraus und verdeutlichen, dass die Lyrik in unentdecktes Sprachgebiet vordringt.

Zwei Verfahren für Neuwortschöpfungen

  • Verschmelzen Sie mehrere Wörter. Else Lasker-Schüler versinnbildlicht so in Ein alter Tibetteppich die Seelenverwobenheit der Liebenden und unterstreicht die Intensität der Beziehung bereits optisch:

[…]
Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit /
Maschentausendabertausendweit. /
[…]

Else Lasker Schüler, 1869-1945

  • Umgekehrt lassen sich Wörter verkürzen, durch den Umbruch aufspalten oder im Klang stark einfärben. Thomas Kling setzt in seinem Werk auf das „Hörbarmachen der Texte, also in der Performance“. Dafür müsse alles dem Gedicht eingeschrieben sein. [8]

[…]
ATEM-SCHUTZ-GERÄTE-TRÄGER-LEHRGANG was /
für ssauntz! unter pokalen, fuß- /
balltrophäen die azurminiträgerin the- /
knblond. – GERÄTETRÄGERLEHRGANG IN A. /
[…] [9]

Thomas Kling, 1957-2009

Auch wenn Sie in Ihren Experimenten weniger weit gehen, sammeln Sie mit neu gebildeten Worten Erfahrungen und lernen Ihren Werkstoff kennen. Sie spüren, wie die Sprache sich „unter ihren Händen“ formt – und sich Ihnen widersetzt oder fügt. Wichtig bleibt, dass Ihre Worterfindung in den Sinnaufbau Ihres Gedichts eingebettet ist, zugleich aber genug Spielraum hat, als Besonderheit zu wirken.

Im Baustein zur lyrischen Bildsprache werde ich das Thema nochmals aufgreifen. Denn auch im gleichzeitigen Ansprechen verschiedener Sinne entstehen Neuschöpfungen: Golden wehn die Töne nieder, dichtet Clemens Brentano (1778-1842). Wem die Beispiele von Hugo Ball oder Thomas Kling zu ungewohnt sind, wird mit diesem Vers, der die Sinne verschmilzt, wahrscheinlich versöhnt sein.

 


Die Qualität Ihres poetischen Handwerks zeigt sich im gelungenen Vers.
Dazu gehört, dass Sie es unserer Zeit entsprechend anwenden.

  Für das zeitgenössische Schreiben sind die folgenden Formen tabu:

  • Der vorangestellte Genitiv – des Königs Palast, (des) Mannes Mut – spart in Versen, die ein bestimmtes Maß erfordern, Silben. Verwenden Sie diese Genitivform nur vereinzelt und verzichten Sie zugleich auf weitere konventionelle Mittel.

→ Ersatz kann die zusammengesetzte Form sein (Königspalast) oder ein Enjambement, das die Stellung trennt (Mut des/ Mannes).

  • Das Partizip Präsens – kommend, singend – lässt sich mühelos isolieren und verknappt so Sätze. Doch auch diese Form wirkt antiquiert, mehr noch – sie macht den Text schnell schwerfällig.

→ Ein einfacher Infinitiv oder ein Präpositionalgefüge schaffen Abhilfe.

  • Er blühet, schweiget – diese Formen gehören der Vergangenheit an.

→ Eine „Überlebenschance“ besteht nur bei stilistischer Verfremdung und Ironisierung.


  • Quellenangaben:

[1] Schlaflosigkeit III. Rost, Hendrik: Im Atemweg des Passagiers. Wallstein 2006. S. 34
[2] Christensen, Inger: Der Geheimniszustand und das „Gedicht vom Tod“. Essays. Carl Hanser 1999. S. 32
[3] heimleuchten. Seiler, Lutz: im felderlatein. Suhrkamp 2010. S. 48
[4] Hahn, Ulla: Klima für Engel. Deutscher Taschenbuchverlag 1993. S. 111
[5] Wenn aber die Kinder. Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke. Bd.5. Insel 1985. S. 281
[6] Furor: Klage Anklage Ohnmacht. Mayröcker, Friederike: Gesammelte Gedichte (1939-2003). Suhrkamp 2004. S. 460
[7| Hamlet-Monolog. Schulz, Günther: Rezensierte Gedichte. LCB-Editionen 24. Literarisches Colloquium 1971. S. 23
[8] Balmes, Hans Jürgen: Lippenlesen, Ohrenbelichtung. Ein Gespräch mit Thomas Kling. Text + Kritik 147 / Thomas Kling. Richard Boorberg Verlag 2000. S. 15
[9] taunusprobe. lehrgang im hessischn. Kling, Thomas: Gesammelte Gedichte 1981-2005. DuMont 2006. S. 229

 

Dieser Artikel ist leicht abgewandelt in der Federwelt (Nr. 114 Oktober/November 2015) erschienen. Hier können Sie gleich weitere „Bausteine“ lesen: