Werner K. Bliß – „ut pictura poesis“. Ein Gespräch über Lyrik und Kunst

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© Werner K. Bliß – gültig für alle Gedichte und Bilder des Beitrags

Werner-K-Bliss-Portraet-Interview

Werner K. Bliß | Foto: privat  

Werner K. Bliß – Dichter und Maler in einer Person

Peter Handkes Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968 sorgte für die ersten Mails: In meinen Seminar-Unterlagen hatten die im Gedicht genannten Fußballspieler neue Positionen bezogen. Dass es nun auf einmal drei Verteidiger geben sollte, wollte Werner Bliß ganz und gar nicht glauben. Und er hatte natürlich recht. In meiner Datei waren die Zeilen verrutscht.

Peter Handkes poetische Provokation aus den 1968er Jahren, als Ready-made sicher kein herkömmliches „Bildgedicht“, hatte jedoch Wort und bildhafte Darstellung zum Thema gemacht. Der gestenreiche Gedicht-Vortrag Werners zu Jean Tinguelys Basler Fasnachts-Brunnen, schließlich das Monatsgdicht lepanto lenkten unseren Austausch zunehmend auf die Kombination von Gemälde und Gedicht.

Daher freue ich mich, im Interview Lyrik und bildende Kunst eng verknüpfen zu können. Denn Werner K. Bliß schreibt nicht nur viele Gedichte über Kunstwerke, sondern er arbeitet als Lyriker oft mit Künstler/innen zusammen und ist vor allem selbst als bildender Künstler aktiv.

Der Dialog mit dem Kunstwerk als Einstieg ins Schreiben

„Ut pictura poesis“ (Wie die Malerei so die Poesie) – dieser Ausspruch des lateinischen Dichters Horaz trifft voll zu. Literatur und bildende Kunst gehen bei Dir Hand in Hand. Wie beeinflusst Dein Blick auf Zeichnung und Gemälde oder Skulptur Dein Schreiben? Eröffnen sich besondere Zugänge? Ergeben sich neue Orientierungspunkte? Oder wie gelingt es Dir, von einer bloßen Bildbeschreibung weg in das eigenständige Wortkunstwerk zu springen?

Mit dem Beispiel lepanto, der Hommage an Cy Twombly und seinen Zyklus Lepanto im Museum Brandhorst in München, lässt sich ganz gut beginnen.

Es verschlug mir, als ich erstmals vor diesen Farbtafeln stand und dann immer wieder auf- und abging, zunächst die Sprache. Schlecht geputzte, aber farbenfrohe Schultafeln, Schiffe versenken, erste Assoziationen, hatte ich doch weit über fünfzig Jahre in Schulräumen von meiner Einschulung bis dato verbracht.

Mit den historischen Fakten im Hintergrund begannen sich allmählich innere Bilder aufzubauen, vielleicht so, wie der Text einsteigt: am anderen morgen kam dieses bild des friedens auf und so hatte ich in etwa eine Szenerie, eine Phantasie dieser Seeschlacht vor Augen, inclusive lachmöve.

  • Einen ersten Eindruck von Cy Twomblys Gemälde–Zyklus vermittelt Ihnen dieses Video auf YouTube

Ach, riefen die Gedichte, hol uns hier raus!

Ganz anders der innere Prozess bei den künstlerischen Arbeiten Marianne Hopfs. In privaten Räumen hing eine ihrer Arbeiten in Augenhöhe und zog mich schlagartig in Bann. Ich nahm Kontakt zur Künstlerin auf, durfte in ihrem Atelier zahllose Arbeiten fotografieren, die für mich alle einen inneren Zusammenhang bildeten. Kaum zuhause am PC, sprudelte es Text um Text.

Kindheitserlebnisse schichteten sich auf, um, schichteten sich neu. Am späten Abend, die Fotografien waren obsolet, hatten meine Fingerkuppen circa dreißig Entwürfe herausspringen lassen. Ein Text löste den anderen ab. Es war wie bei Frau Holle: Ach, riefen die Gedichte, hol uns hier raus. Darunter auch die Texte amorph oder sonntags II.

Ähnliches lässt sich auch bei Armin Göhringers Skulpturen sagen. Ich sah die Arbeiten und es war, als wär´s ein Stück von mir

sonntags II

das rechteck
auf augenhöhe
ein zeichen löst sich

setzt andere frei
ein sehgewitter leuchtet in

vergangene zeiten
dunkelste abendstunden

lichtüberworfener horizont

ein mantel formt
drehende wasser

und mittendrin
du

Ob Kunst oder Alltag – die ästhetische Wahrnehmung bleibt wach

Bilder und Skulpturen inspirieren Dich zu Texten. Brauchst Du Ausstellung und Galerie, also den Kontakt zum Original, oder reicht schon das Foto eines Kunstwerks? Geschieht es auch umgekehrt, dass Du von einem Gedicht ausgehend ein Bild oder Kunstobjekt schaffst?

In der Abbildung des Gemäldes Reflection (What does your soul look like) von Peter Doig, welches eine Tageszeitung zur Ankündigung der Ausstellung auf die Titelseite setzte, erkannte ich bereits den Text in Rohform. Ich musste nur noch zu Stift und Papier greifen, dann am PC die Feinarbeit, – wie einst Michelangelo seine Werkzeuge für DAVID :-)

Werner K. Bliß - gedichttext "am straßenrand" zu m gemaelde "reflection" von peter doig

Aus Kindheitsbildern werden Sprachbilder

Schon als Kindergartenkind bekam ich höchste Aufmerksamkeit, wenn ich Nachbarn oder Kunden in unserem Friseurgeschäft aufgrund ihrer Stimme, Dialektverschiebung oder Sprachfehler, gestisch untermalt, nachahmen konnte. Über die gesamte Schulzeit erweiterte ich meine Entertainerqualitäten in Sachen Sprache.

Das war beim Vortrag Deiner Tinguely-Hommage gut zu erkennen :-)

Beim ruhigen Malen mit Musik entstehen Wortgedanken, kleine Verse, die ich notiere. Mal wird es zum Gedicht, bisweilen geht es verloren, kommt irgendwann wieder oder sackt als Sediment, als Humus, ab. Umgekehrt tauchen beim Schreiben Bilder auf, die malerische Fixierung fordern. Innere Dialoge, allemal.

Texte zu Werner Pokorny und zu den Bildern Christoph Meckels, der als Dichter auch zeichnete, bilden klassische Beispiele einer Transformation von Kindheitsbildern in Sprachbilder.

Werner K. Bliß zentriert gesetzter gedichttext "noch einmal"

Werner K. Bliß rechtsbündiger gedichttext "zurückschaukeln"

 

 

 

 

 

 

 

 

……

..

Generell gefragt: Wie bewahrst Du Dir die notwendige ästhetische Aufmerksamkeit im Alltag? Spielen hier auch Vorbilder aus Dichtung und Kunst eine Rolle, die Deine Inspirationsquelle immer wieder füllen?

Stellvertretend für zahllose Dichter/innen nenne ich Ernst Jandl, Reiner Kunze; Martin Kippenberger in der bildenden Kunst, ebenso Fischli / Weiss.

Da ich in Hausach wohne, bringt der alljährliche Hausacher LeseLenz, bei dem ich 2007 eingeladen war, Inspiration ganz besonderer Art. Ganz zu schweigen vom Alltag, der mir so vieles zufallen lässt. Ein Bild, ein Wort, gelesen oder gehört, ein Songfetzen, eine am Boden platt gewalzte, kaum noch als solche erkennbare Bierdose.

Aleph, das Rind – oder im Vers den Pflug wenden

Dein Gedicht vom ackerbau zur schrift gehörte mit amorph zu den Favoriten für die diesjährige Weihnachtskarte. Für mich ist dieses Gedicht die sinnliche Umsetzung des Begriffs Vers, der – vom lateinischen Wort vertere = drehen/wenden abgeleitet – gerade die Ackerfurche und jeweilige Wendung des Pfluges veranschaulichen soll.

In den erdfarbenen Bildern aus Deinem Zyklus gekämmte zeit bekommt dieses Urbild der Sprache zusätzliche Dimension. Greifst Du bestimmte Texte und Kunstwerke auf, um Themen mehrfach oder auch im anderen Medium auszudrücken und so den künstlerischen Dialog zu vertiefen?

Von Friedrich Kittler, den ich einmal bei einem Festvortrag erleben durfte, bekam ich die Vorlesung Vom Appell des Buches in die Hand. Ein Paukenschlag, ein Brückenschlag zu Arbeiten, die im Atelier mit dem Titel vom ackerbau zur schrift und zahllosen weiteren Arbeiten zum Thema Aleph, dem Rind, unserem ersten Vokal, entstanden. Später, bei einem erneuten Durchgang der Vorlesung, inklusive Sekundärliteratur, ging ich die vorhandene Brücke zurück. Zwei Gedichte zeigen die Wegstrecke.

Werner K. Bliß-Gedichttext "vom ackerbau zur schrift" zeilenlauf geht in mäandern von links nach rechts und wieder nach links zurück

Werner-Bliss-Mischtechnik-braun-blau-mit-Einsprengseln-weiss-prange

o.T., 2018; Mischtechnik auf Leinwand,18 x 23 cm;
aus dem Zyklus: gekämmte zeit

alleranfang

gezeitenwandel
erinnerungsflut

im
flussbett
der gedanken
steht das gezähmte vieh
kopf

Aleph

heißt uns trinken
von
den
anfängen

 Der Zugang zu fremder Kultur: portugiesische geschichte/n

Du hast längere Zeit in Portugal gelebt. Wie beeinflussten Dich die Sprache und Kultur des Landes in Deinem Kunstschaffen?

Elf Jahre nachdem die gut vierzigjährige Diktatur 1974 zu Ende gegangen war, kam ich in dieses kleine Land mit so großer Geschichte in jener Phase des Umbruchs. Erste Eindrücke, Portugals Geschichte und eine völlig neue Sprache standen vor mir. Das Meer, hilfsbereite, freundliche Menschen, krasse soziale Unterschiede, Postkolonialismus, Porto, wo ich lebte, Lisboa. Ausflüge in ländliche Bereiche. Fado, Saudade. Alle Sinne waren gefordert.

Das Buch der Unruhe von Fernando Pessoa, Der Judaskuss von António Lobo Antunes, portugiesische Musik, die Lieder José Afonsos stießen Türen für weitere auf. Der Output kam dann viel später, als ich wieder zurück in Deutschland war. Über den sieben Weltmeeren heißt eine zweiteilige Arbeit, die im Atelier entstand.

Bei Fixpoetry lassen sich einige Texte unter dem Titel portugiesische geschichte/n nachlesen. Mit  deutschen Romantiteln von António Lobo Antunes spiele ich im Gedicht lagos altstadt. In den Zeilen von ver o mar (das meer schauen) konnte ich wohl am eindrücklichsten ein Stück portugiesische Seele verdichten. Das Gedicht ist mit einem Bild von Rolf Hannes im Katalog Die Farben der Liebe zur Internationalen Kunstausstellung aus Anlass der EU-Erweiterung 2004 in Bitburg erschienen.

–  oder auch: Wie steht es um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit

Kannst Du in drei Stichpunkten zusammenfassen, was Dir immer wieder den Auftrieb gibt, mit Wort und Bild Brücken zu bauen und tiefere Zusammenhänge zu ergründen?

werner-bliss-tricolore-zyklus-gekaemmte-zeit

o.T., 2018; Mischtechnik auf Leinwand, 18 x 23 cm;
aus dem Zyklus: gekämmte zeit

Pflastersteine, die sich rufend aus dem Straßenpflaster lösen, bauten im Zusammenhang mit der Globalisierung eine Gedankenkette auf, die über Tage, Wochen, Monate meine Phantasie anregte. Über die Bedeutung der französischen Flagge, der Tricolore, gelang in einem wochenlangen Prozess eine Bodenarbeit, ( 3 x 150  x 100 cm ) mit dem Titel revolution verschoben. Parallel dazu entstand unter dem Titel gekämmte zeit ein Zyklus mit Triptychen in dreierlei Größen.

LIBERTÉ, ÉGALITÉ, FRATERNITÉ qu´est-ce que c´est aujourd´hui? Dann blicke ich schnell wieder auf eine ältere Brücke, früher gebaut:

französische feldzüge

bis verdun
großvater im ersten

im zweiten vater
bis brest

ich sammle
an pfingsten

mal
muscheln
mal
schnecken
mal

bretonisches lächeln

– im Alltag: Bilder werden zu Geschichten geflüchteter junger Menschen

Und es gibt noch drei weitere wichtige Stichworte. Denn Du hast im letzten Jahr engagiert mit jugendlichen Migranten in Deinem Atelier gearbeitet.

Ich unterrichtete mehrere Wochen Deutsch für geflüchtete junge Menschen. Diese nahm ich mit in meine Ausstellung Von der Ordnung der Dinge, die sich mit der damaligen Situation auseinandersetzte. Die jungen Leute waren betroffen. Ich bot an, mit ihnen zu arbeiten.

Über ein halbes Jahr trafen wir uns regelmäßig. Mein palästinensischer Freund Younis leistete dabei die notwendigen Übersetzungsdienste. So kamen jedes Mal einfache abstrakte Drucke mit Aquarellfarben und Holzstückchen einer zerstörten Obstkiste (Metapher Heimatland) zustande. Aus ihnen konnten die jungen Menschen zum Abschluss des Abends ihre konkreten Geschichten lesen und erzählen. Im Frühjahr 2017 beendeten wir die wunderbare Zusammenarbeit mit der Ausstellung: MIGRATION INTERAKTION INTEGRATION.

Vielen Dank für unser anregendes Gespräch!

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„neuland buchstabieren“ | Diana Jahr über ihr Schreiben & Bloggen

Diana Jahr | Foto: © Heidi Bordach
Porträtfoto Diana Jahr Verssprünge

Seit 2012 betreibt Diana Jahr erfolgreich ihren Blog „verssprünge“ und veröffentlicht dort regelmäßig
 ihre Gedichte. Im Interview spricht die Autorin unter anderem über ihre Erfahrungen beim Bloggen, wie sie dazukam und was ihr diese Form der Veröffentlichung bedeutet.

Stimmen Sie sich hier im Interview schon auf die Gedichte ein, wenn Diana Jahr einige ihrer Texte vorträgt. Dass die Natur der Dichterin eine wichtige Inspirationsquelle ist, verrät im Übrigen nicht nur das Foto im Grünen. Ob Audio oder Video – auch die dem Interview beigesteuerten Lesungen lassen es sofort erkennen.

„Verssprünge“ – Diana Jahr und ein Blog voller Gedichte

Beginnen wir am besten gleich mit den Fragen zu Deinem Blog: Auf „verssprünge“ lädst Du zum Lesen und Kommentieren ein. Was bedeutet es für Dein 
Schreiben, wenn Du mit Deinem Publikum auf diese Weise im direkten
 Austausch stehst?

Nachdem ich nur in Schreibforen „unterwegs“ war, hatte ich mich zunächst gescheut, einen eigenen öffentlichen Blog einzurichten: Hilfe, wie geht das? (Aber bei WordPress, welches mir mein Neffe seinerzeit empfohlen hat, ist es auch für Laien recht einfach) Und: habe ich überhaupt etwas zu sagen? Dazu auch ein kleines Gedicht. Aber schließlich hat mich Mo (Monika Kafka), die du ja auch gut kanntest, davon überzeugt, es zu wagen. Und seitdem blogge ich von Herzen gern!

lange glaubte ich
ich hätte nichts zu sagen
(und schrieb nur für das tagebuch)
inzwischen denke ich
ich habe viel zu sagen
(unsagbares, unerhörtes!)
für dich und für manches 
reichen die
worte 
nicht
(dann heißt es neuland
buchstabieren)

© Diana Jahr

Der inspirierte Austausch zwischen Autorin und Leserschaft –

Einerseits macht es Spaß, eigene Texte zu präsentieren, und auch Feedback dazu zu bekommen, andererseits sind die anderen (literarischen) Blogs bereichernd und oftmals auch Inspiration, genauso wie der direkte Austausch mit meinen Leser/innen. Darüber hinaus sind schon private Kontakte entstanden, und ein gemeinsames Buch, „Herzweise. 100 Gedichte der Gegenwart“.

Es ist interessant zu sehen, wie Texte empfunden und wahrgenommen werden, welche Assoziationen ins Spiel kommen. Oft versuche ich, Leser und Leserin quasi einzubinden, auch anzusprechen als mögliches „Du“. In dem Zusammenhang ist mir auch eine Offenheit in Texten wichtig, die für meine Leser/innen Spielraum bietet. 

„selbstgespräch“ | © Diana Jahr

Zudem ist es natürlich spannend, welche Texte mehr, welche weniger „ankommen“ und bei wem. Das hält mich aber in keiner Weise davon ab, genau das zu veröffentlichen, was mir am Herzen liegt. Ab und zu ist es vorgekommen, dass Leser/innen das Lyrische Ich mit mir gleichsetzten, was natürlich (fast) nie eins zu eins der Fall ist. Deshalb habe ich einen extra Hinweis hinzugefügt, damit keine Missverständnisse entstehen.

– sowie mit und in der Natur

Klar, ich schreibe über das, was mich bewegt, was mir begegnet – die Natur ist mir zum Beispiel immer Inspiration! Ebenso Menschen und menschliches Miteinander. Aber eben in literarischer Form. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich durch das Bloggen immer im Schreibfluss bleibe, heißt, dass ich regelmäßig schreibe, weil ich einfach gern alle paar Tage etwas Neues einstelle. (Trotzdem veröffentliche ich natürlich nicht alles, was ich schreibe.) Das Bloggen ist also in vielerlei Hinsicht für mich sehr bereichernd.


„Der Baum“ | © Diana Jahr

Als literarischer Blog im Deutschen Literaturarchiv Marbach archiviert

Dein Blog wird durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach archiviert.
 Siehst Du Deine Gedichte dadurch anders? Bekommen sie ein zusätzliches
 Gewicht? Hast Du durch die Institution bei der Veröffentlichung im Netz
 generell auch mehr Sicherheit vor Plagiaten?

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) ist die größte Spezialsammlung zur neueren deutschen Literatur. Bücher, aber auch digitale Seiten, wie zum Beispiel Blogs, werden dort archiviert. Wer auch immer einen interessanten literarischen Blog entdeckt, kann diesen dort vorschlagen (auch in eigener Sache).

Was das für mich beziehungsweise für meinen Blog bedeutet? Zum einen ist es natürlich ein schöner Gedanke, dass der Blog archiviert und somit der Nachwelt erhalten bleiben wird. Außerdem denke ich, dass der Blog – viele Weblogs sind ja eher eine Art Tagebuch oder behandeln reale Dinge – als „literarisch“ wahrgenommen und anerkannt wird. Ob die Texte dadurch einen anderen Stellenwert erhalten, sei dahingestellt, höchstens in dem Sinne, dass sie sich dadurch unterscheiden von denen anderer Blogs, wobei es mir weniger um eine Wertung geht als vielmehr um Definitionen.

Die Sache mit den Plagiaten. Nein, ich glaube, davor ist niemand zu hundert Prozent geschützt, der seine Texte im Internet (oder überhaupt?!) veröffentlicht. Dieses Risiko gehe ich aber gern ein, denn meine Gedichte zu zeigen, Menschen damit anzusprechen, ist mir ungleich wichtiger.

„(skizze 2)“ | © Diana Jahr

Freundschaften, die durch das Schreiben entstehen

Du warst mit der Lyrikerin Monika Kafka, die wir beide sehr schätzen, eng
 befreundet. Nach ihrem viel zu frühen Tod hast Du zusammen mit ihrem 
Mann Thom Monikas Werk unter dem Titel „Schlüsselworte“ herausgegeben. 
War Monika auch eine Mentorin für Dich? Würdest Du diese Form der
 Begleitung auch anderen Dichter/innen wünschen/empfehlen?

Ja, mit Monika war ich eng befreundet. Wir lernten uns 2010 durch das Schreiben kennen, aber schon bald ging die Freundschaft weit über die Verbundenheit durchs Schreiben hinaus. Das Schreiben war aber natürlich immer wieder zentrales Thema, weil es unserer beider Leidenschaft ist beziehungsweise war. Ob ich Mo als Mentorin sah? Jein. Sicherlich hat sie mich mit vielem inspiriert und mir auch wertvolle Anregungen und Tipps gegeben – umgekehrt aber hat sie mir auch ihre Texte gezeigt und wir haben uns gegenseitig Feedback gegeben. Das war eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit.

Monika Kafkas posthum herausgegebener Lyrikband „Schlüsselworte“

Mos plötzlicher Tod vor vier Jahren hat mich schier umgehauen. Kurze Zeit dachte ich, ich könnte nie wieder eine Zeile schreiben. Glücklicherweise hat es sich anders erwiesen, und ich habe letztlich sehr viel genau darüber verarbeiten können.

Das Buch „Schlüsselworte“ mit Gedichten von Mo hat ihr Ehemann Thom posthum herausgegeben, in enger Zusammenarbeit mit mir und einer anderen gemeinsamen Freundin. Auch das war Teil des Abschied-Nehmens. Wobei das so eine Sache ist – denn noch heute frage ich Mo manchmal in Gedanken um Rat.

Solch ein Austausch persönlicher Art ist natürlich sehr bereichernd. Aber so etwas muss sich finden, das Menschliche muss stimmen, man muss auf einer Wellenlänge und „sich grün“ sein, wie das eben bei Freundschaften so ist, und insofern lässt sich so etwas nicht planen, geschweige denn erzwingen.

Durch den Blog habe ich natürlich immer einen gewissen Austausch, der so zwar nicht vergleichbar, aber auch sehr wichtig für mich ist.

 Mit der Dichterin Gabriele Pflug, die du ja auch kennst, Michaela, pflege ich übrigens seit ein paar Jahren einen steten schriftlichen Austausch, und mit ihr verbindet mich inzwischen eine sehr gute und sehr bereichernde Schreibfreundschaft.

„(skizze 3)“ | © Diana Jahr

Gedichte im Anflug, planvolles Schreiben am Roman

Knappe Gedichte, Gedankensplitter – kurze Texte machen bisher Dein
 Hauptwerk aus. Inzwischen schreibst Du auch einen Roman. Was 
reizt Dich an diesem Wechsel der Literaturgattung und wie wirkt es sich
 auf das Dichten aus?

Ach, Roman ist ein großes Wort. Allerdings eine wunderbare Sache! Sagen wir mal so, es reizt mich außerordentlich, auch etwas Längeres/Größeres zu schreiben, sei es eine Novelle oder einen Roman, einen Kurzroman, egal, wie man es nennen mag. Ich schreibe ja neben der Lyrik auch kleinere Prosa-Stücke und habe hier in der Schublade mindestens zwei angefangene „größere“ Sachen, auch weitere Ideen sind vorhanden. Vor allem eine Idee, die mich schon lange umtreibt, und die mir just wieder in den Sinn kommt, (danke!), werde ich ganz sicher noch weiterverfolgen, vielleicht sogar schon bald. (Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten!)

Auf das Dichten wirkt sich das weniger aus, denn Gedichte fliegen mich immer wieder an, auch mitten im Alltag. Das Schreiben an einem Roman ist natürlich allein schon dahingehend etwas ganz anderes, ein viel planvolleres Schreiben, das auch mal Ausdauer und Disziplin erfordert, etwas, was mir nicht ganz so leicht fällt, was ich aber unbedingt schaffen möchte.

Der erste eigene Lyrikband von Diana Jahr erscheint in Kürze

Zunächst aber wird, so denn alles klappt, in naher Zukunft endlich mein erster eigener Lyrikband erscheinen, worüber ich mich riesig freue.

Desweiteren habe ich schon viel für Kinder geschrieben, auch für meine Tochter (die inzwischen schon 16 Jahre alt ist), was gewissermaßen eine Brücke schlägt zu meinem ursprünglich erlernten Beruf als Lehrerin.

Meine allererste (Print-)Veröffentlichung war in der Anthologie Im Karussell der Träume für jüngere Kinder. 
Dies ist ein Bereich, den ich auch auf jeden Fall weiterverfolgen und ausbauen möchte. Gerade Lyrik für Kinder finde ich ein ganz spannendes und ja, fantastisches Thema, weil ich denke, dass man über Lyrik Kinder auf einer Ebene erreichen kann, die über „normale“ Geschichten hinausgeht, sprachlich und auch gefühlsmäßig gesehen. 

Insgesamt fühle ich mich derzeit frisch und bereit für neue Projekte!

„überall schritte, zeichen“ | © Diana Jahr

Zum Schluss möchte ich mich ganz herzlich bei dir bedanken, liebe Michaela, für dieses Interview, das mir riesigen Spaß gemacht hat. Das Beantworten der Fragen war auch eine wunderbare Reflexion für mich, was mein Schreiben betrifft, und hat mir weitere Wege gewiesen oder zumindest wieder ins Bewusstsein gerufen. Danke.

Liebe Diana, ich bedanke mich auch bei Dir sehr herzlich für unsere Gespräche; vor allem auch für das reiche Material, das Du aufgezeichnet hast, um es hier im Blog zur Verfügung zu stellen. Du sprichst mit Deinen Lesungen nahezu alle Sinne an!

Hier nochmals der Link zu Diana Jahrs Blog „verssprünge“.