22. Januar 2018

„Das Alphabet des Denkens“ – oder wie Wörter wirken

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Dass Sprach- und Hirnforschung kurzweilig und vor allem verständlich sein kann, beweist das „Alphabet des Denkens“ von Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen.
Günter Ott bespricht als Gastautor das Buch. Erfahren Sie an so manchem Beispiel, wie und warum Wörter wirken.

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Wörter wirken, das zeigt das Alphabet des Denkens - bunte Buchstaben im Raum kreisend angeordnet

Visuelle Vorstellungen beim Klang von Wörtern

Stellen Sie sich ein gezacktes Gebilde vor und daneben ein anderes mit runden Ausstülpungen. Wenn Sie nun diese beiden Darstellungen mit einem Fantasienamen versehen sollten: Welche würden Sie als „Kiki“, welche als „Bouba“ bezeichnen?

Die große Mehrheit, so der Test eines Neurowissenschaftlers, entschied, die rundliche Figur solle „Bouba“, die zackige „Kiki“ heißen. Warum? Weil „Bouba“ weicher klingt als das schrill-harte „Kiki“. Dieses Experiment zeigt, dass mit dem Klang von Wörtern visuelle Vorstellungen verbunden sind.

Das ist nicht so überraschend. Man sehe nur auf die Poesie und ihre Lautmalereien (und Synästhesien). Oder zitiere Christian Morgenstern: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen.“

Wie steht es um die Wörter? Spielen sie ein doppeltes Spiel mit uns? Eines, das wir zu beherrschen glauben, und eines, das „unter der Hand“ mitläuft? Wir wissen (im besten Fall), was wir sagen, aber wir wissen längst nicht immer, warum und wie wir dies tun.

Dem Alphabet des Denkens auf der Spur

Wie wirken also Wörter? Welche Macht haben sie über uns? Was verraten sie über unser Denken? Solche grundlegenden, spannenden Fragen verhandelt das aufsehenerregende Buch „Das Alphabet des Denkens“ der beiden Zeit-Autorinnen Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen.

Sie haben sich durch neuere und neueste Untersuchungen von Sprach- und Hirnforschern gearbeitet und die Ergebnisse kurzweilig und verständlich komprimiert – zudem mit dem nötigen Abstand zweier Wissenschafts-Redakteurinnen. Sie teilen eine Fülle von Erstaunlichem über Sprache und Denken mit, wissen aber auch um vorläufige, nicht ausreichend gestützte Testergebnisse, kurz: um die noch ungelösten Rätsel der Wissenschaft.

Nach der Lektüre weiß der Leser besser, was ihm von der Zunge und was ihm in Ohr und Gehirn geht.

Laute und Wörter setzen emotionale Schwingungen in Gang. Das macht sich nicht zuletzt die Werbung zunutze. Wohlklingende Namen können die Vorliebe für ein Produkt steigern. Versuchspersonen schätzten eine Seife als milder ein, wenn sie „Iseck“ und nicht „Oseck“ hieß. Ein Bier namens „Teyag“ stellten sie sich heller vor als eines mit dem Namen „Teyog“.

Nicht ohne – die Kraftausdrücke

Besonders emotionale Wörter sind Kraftausdrücke. Was sind die letzten Worte von Menschen, die ahnen, dass sie in einem abstürzenden Flugzeug sitzen? Nicht selten, so übermitteln es Aufzeichnungen von Flugschreibern, stoßen sie in ihrer ausweglosen Verzweiflung Schimpfwörter aus: „Was für einen Scheiß haben die gemacht?“ „Das war’s Leute! Fuck!“ Oder einfach: „Fuckkkkkk!“

Warum fluchen Deutsche anders? Schreit der Engländer „fuck“, schimpft der Deutsche „scheiße“. Dem Sexuellen steht das Exkrementelle gegenüber – allerdings nicht durchgängig. Man höre auf die Jugendlichen: „Fick dich!“, „Wichser“. Schimpfwörter, so wurde gemessen, können gegen Schmerzen helfen. Sie lösen Stress aus und steigern die Leistungsfähigkeit.

Ein Psychologe forderte Probanden auf, ihre Hände in eiskaltes Wasser zu tauchen – was sehr bald wehtut. Die Testpersonen durften entweder laut schimpfen oder harmloses Zeug reden. Haben sie geflucht, hielten sie es im Schnitt 40 Sekunden länger im Eiswasser aus als die andere Gruppe.

Der „sprachliche Fingerabdruck“

Die renommierten Experten (die im Buch alle ausgewiesen sind) nehmen längst nicht mehr nur das große Ganze unter die Lupe, sondern etwa die Menge der in einem Text verwendeten Artikel, Personalpronomen, Konjunktionen. In Teilen vermögen sie, daraus so etwas wie einen „sprachlichen Fingerabdruck“ zu erstellen – was sogleich Detektive und Geheimdienste aufhorchen lässt.

Sagt jemand häufiger „ich“ und „mein“ als „du“, „er“, „wir“, „sie“? Die Tonbandaufnahmen zum Watergate-Skandal (die geheime Abhöraktion gegen das Hauptquartier der US-Demokraten) ergaben, wie der amtierende Präsident Nixon immer stärker unter Druck kam, wie sich seine sprachliche Dominanz minderte und am Ende statt des vorher viel beschworenen „wir“ nur noch „ich“ übrig blieb.

Der (manipulativen) Politiker-Sprache ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie der „Heilkraft der Worte“. Im Übrigen bietet die Wissenschaft genügend Belege für die Horizonterweiterung durch Zweisprachigkeit. Dazu eine Psychologin: „Einwandererkinder werden oft gedrängt, ihre Herkunftssprache aufzugeben. Das ist aus mehreren Gründen ein Fehler. Es ist ein Verlust für die Familien, und es ist eine Vergeudung von Chancen.“

Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen: „Das Alphabet des Denkens. Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt“ [Amazon-Link zum Buch]

Günter Ott leitete das Feuilleton der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.


23. Dezember 2017

Sprachspuren 2: In Wortfamilien geht es hoch her

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Wortfamilien – Beispiel „fahren“. Foto: M.D.

Wer assoziiert und Wortfamilien zusammenstellt, gerät schnell in Widersprüche. Bis zu tausend Einzelwörter können Wortfamilien umfassen. Eine schöne Verwandtschaft, bei der man manchmal nicht mehr sieht, dass alle Wörter ein und derselben etymologischen Wurzel entspringen. Hätten Sie geglaubt, dass Herzog und Zeuge mit ziehen zu einer Wortsippe gehören? Sprachspuren verlaufen nicht immer geradlinig.

Dass Wörter sich in ihrer Bedeutung nahestehen oder vielleicht ganz andere Wege gehen, ist dabei unerheblich. Verb, Substantiv, Adjektiv – Wortfamilien erweitern sich, indem ihre Mitglieder abgeleitet oder neu zusammengesetzt werden. Diese variieren in der Wortart, formen sich durch angehängte Buchstaben, Silben neu. Oder sie lassen sich auf Wörter aus fremder Familie ein. Das kann auch zu Spannungen führen. Lyriker/innen setzen bisweilen mit dem Stilmittel Oxymoron solche Akzente. Friedrich Hölderlins traurigfroh ist hierfür bekannt.

Eine Familie, in der ein Wort das andere gibt

Stellen Sie in Ihrem Arbeitsbuch Wortfamilien zusammen. Beispielsweise wie hier: Sinn und Sinne, ersinnen, auf etwas sinnen, Farbsinn, Unsinn, Wahnsinn, von Sinnen sein.

Die Assoziationen laufen schnell in unterschiedliche Richtungen. Dabei kann sich blitzartig ein feinmaschiges Sprachnetz abzeichnen und einen ungewohnten Blick auf bekannte Zusammenhänge eröffnen. Beim Dichten bauen Sie auf diesem Prinzip auf, wenn Sie mit Bedeutungsnuancen spielen, sie mischen und dadurch Wörter aus dem Alltagsbezug verrücken.

Sinn – was genau heißt dieses Wort für Sie? Steht es für Denken, für Wahrnehmung oder Fähigkeit, Bedeutung oder Nutzen, für Absicht?

Schlägt man im Deutschen Wörterbuch von Hermann Paul [1] nach, einem Standardwerk, das über die Entwicklung und Verwendung unseres Wortschatzes viel zu erzählen weiß, so zeigt sich der Ausgangspunkt von Sinn in dem althochdeutschen Wort sind = Weg, Reise. Die zunächst physische Bewegung wandelt sich im Lauf der Wortgeschichte zum psychischen Erfahren.

Den verschiedenen Sprachspuren nachgehen

Redewendungen verdeutlichen häufig die Sprachspuren: Seine fünf Sinne zusammenhaben, spricht für einen klaren Verstand. Mit dem einzelnen Sinn verknüpft sich diesem Fall die Wahrnehmung. Verlagert sich diese vollends nach innen, wird daraus Empfänglichkeit. Wer Farbsinn oder Kunstsinn hat, vermag diesen auch als Fähigkeit einzusetzen. Wer zudem seiner Sinne mächtig ist, besitzt Bewusstsein, im gegenteiligen Fall verfällt er dem Stumpfsinn, wenn nicht gar dem Irr- und Wahnsinn.

Im Sinn haben, danach sinnen nimmt die ursprüngliche Bewegung als Streben und Vorwärtskommen nochmals auf. Das Denken richtet sich auf Bestimmtes. Aus den Augen, aus dem Sinn – offenbart die Nähe von Körpersinn und Denken. Beides halten wir gerne weit auseinander.

Trübsinn, Starrsinn, Frohsinn lassen schließlich das Gemüt anklingen, die Empfindung und Stimmung. Unter wohlgesinnten Freunden mag Blödsinn Spaß machen. Ansonsten kann es sinnlos sein, dagegen anzukämpfen. Denn wenn Äußerungen keinen Sinn haben, bleibt das, was gemeint war, unverstanden. Darüber sinnieren? Ist das nützlich und sinnvoll?

Wortfamilien sorgen für Dynamik im Gedicht

Vielleicht sollte ich in diesem Sinn lieber mit einigen Beispielen enden, die zeigen, dass eine Wortfamilie auch in Versen nicht zu übersehen ist. Im Gegenteil, sie bringt mit mehreren „Verwandten“ richtig Schwung ins Gedicht.

Joseph von Eichendorff feiert die „Mondnacht“: […] Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus. [2]

Ute Riedel zieht mit drei Verben vom selben Wortstamm einen roten Faden durch Ihr Gedicht: aufgeholt […] eingeholt […] überholt […] [3]

Michael Lentz klagt im Liebesgedicht: und keine sprache spricht sie […] aber sprechen […] ich spreche […] [4]

Wer solche Spiele spielt, kennt sich in Wortfamilien aus. Folgen Sie beim Dichten also auch „verwandtschaftlichen“ Sprachspuren. Sie zahlen sich aus :-)

Quellenangaben

Die mit Sternchen versehenen Links führen zu Amazon.

[1] *Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes
[2] Joseph von Eichendorff: Mondnacht
[3] Ute Riedel: Überholt. In: *Lyrik der neunziger Jahre. Hg. Theo Elm. Philipp Reclam. Stuttgart 2000. S. 159
[4] Michael Lentz: unsere liebe wie immer ein torso. In: *Offene Unruh: 100 Liebesgedichte. S. Fischer. Frankfurt am Main 2010. S. 67

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26. November 2017

Sprachspuren 1: Der Geist der Verneinung

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Sprachspuren Schreibimpuls Verneinung x-Zeichen vor gruenem Hintergrung fotolia_12048534

© videostore | Fotolia

Sprachspuren nannte ich die Serie, die ich vor Jahren im Newsletter einer Kollegin schrieb. Aufmerksam zu werden, wie wir, auch im Alltag, Sprache einsetzen, – das war das Anliegen und ist es auch heute, wenn ich im eigenen Blog die Idee wieder aufgreife. Wer, wenn nicht gerade Lyriker/innen, setzt sich mit den Feinheiten der Sprache auseinander, um den Raum hinter den Worten zu erkunden.

Zum Neustart der Sprachspuren stellt sich Ihnen der  „Geist der Verneinung“ vor. Er führt in eine Einbahnstraße, glauben Sie? Dann lesen Sie weiter und machen Sie die Probe aufs Exempel.

Denken Sie nicht an den Elefanten!

Wer mit Aufforderungen und speziell mit Autosuggestionen arbeitet, weiß: Positiv formuliert sollen die Sätze sein, die man (sich) vorsagt. Sonst verkehren Sie sich ins Gegenteil und gehen als Schuss nach hinten los. Ich will nicht schon wieder zu spät kommen. Unser Gehirn „streicht“ das Nein. Was gelöst werden soll, kommt durch die Hintertür wieder zum Vorschein. Oder haben Sie den Elefanten wirklich ausgeblendet?

Doch nur positiv denken und formulieren? Wie sähe ein Sprachalltag ohne nicht und nein aus? Versuchen Sie es für eine halbe Stunde. Wäre Bezugnahme aufeinander möglich, Abgrenzung? Was gilt überhaupt alles als Verneinung? Gehört auch der Gegensatz dazu? Würde Ihnen ohne Nein etwas fehlen?

Die Vielfalt der Verneinung

In meinen Lyrik-Werkstätten gibt es eine einfache Übung, die sich genauso auf einen Zeitungsartikel oder eine Romanpassage anwenden lässt. Ändern Sie alles in die Negativform um, lautet der Schreibimpuls.

Es erstaunt immer wieder, wie viele unterschiedliche Texte aus einer einzigen Vorgabe entstehen. Wird schön beispielsweise zu unschön oder bleibt es nicht schön? Ist es hässlichabstoßend oder ganz und gar widerwärtig?

Der „Geist, der stets verneint,“ hat vielerlei Abstufungen zur Auswahl. Um zu einem positiven Bild zu gelangen, braucht es oft erst den Umweg der Trennung und Verneinung. Denn häufig wissen wir schneller, was wir nicht wollen. Auf ein Nein zu verzichten, würde daher ein Stück Weg abschneiden, der uns aus Undefiniertem zur Präzision führt – und uns schließlich im positiven Bild das Ziel vorgibt.

Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz zeigt im umkreisenden Denken solches Zu-sich-Kommen und Gebären. Das Nichts erweist sich als Fülle und dialektisches Prinzip, das Antwort sucht:

Nicht gesagt
Was von der Sonne zu sagen gewesen wäre
Und vom Blitz nicht das einzig Richtige
Geschweige denn von der Liebe.
[…]
Aber wer bin ich daß

Marie Luise Kaschnitz (1901-1974) *

Auf lyrikline können Sie das Gedicht in voller Länge lesen und vor allem von der Dichterin selbst vorgetragen hören. * Das Zitat hier aus: Nicht gesagt. Kaschnitz, Marie Luise: Gedichte. Insel Verlag. Frankfurt am Main 2002. S. 161

Bücher, die bei diesem Schreibimpuls garantiert inspirieren

Unter dem Stichwort Antonyme finden Sie auch Bücher, die Ihnen die Vielfalt von Verneinung und Gegensatz aufzeigen. Ein Standardwerk ist das von Erich und Hildegard Bulitta zusammengestellte Wörterbuch der Synonyme und Antonyme. Von Christiane und Erhard Agricola stammt der in der Dudenreihe erschiene Band Wörter und Gegenwörter.

Mit beiden Nachschlagewerken haben Sie problemlos Wörter über Wörter zur Hand. Wie war das mit Verneinung und Gegensatz, die auch die Silbe -los einschließen? Gibt es also doch Probleme mit dem Wortschatz? Wenn, dann mit der Fülle, die Ihnen zur Auswahl steht :-)

Lassen Sie sich bei Ihrem Dichten auch hier inspirieren: