2. November 2017

Begehbare Künstlerbücher

Kategorien: Ausstellungen,Bücher,Fundstücke — Tags: , — Michaela Didyk

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Erró in: Infra noir, 1972. Foto © Erró, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Erró in: Infra noir, 1972. Buch sowie 12 illustrierende Kuben aus Polyesterharz, mit Skulptur-Collagen von Erró im Inneren der Kuben. / Foto: © Erró, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Ausstellung „Showcase“ in der Bayerischen Staatsbibliothek München

Zwölf Würfel in einem Metallgestell – soll das ein Buch sein? Der isländische Künstler Erró hat in Formen aus Polyesterharz surreal anmutende Objekte eingeschlossen: Ein Känguru springt durch einen pompösen Bilderrahmen, ein Schwein liegt auf dem Hausdach, ein zweites fährt Motorrad. Einige Kuben bergen Texte und Gemälderreproduktionen. Da man die Würfel im Ständer beliebig ordnen kann, entsteht eine Vielzahl von Geschichten. Doch es geht nicht nur um Deutungsvielfalt und die Kunst generell. Erró bezieht seine Arbeit auf Texte von Claude Pélieu, die er mit den „Ereignisse-Collagen“ illustriert. Pélieus Gedichtband steckt in einem Schuber und bildet den Sockel des variablen Objekts.

Über 14.000 Künstlerbücher verfügt die spezielle Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München. 72 Exponate, darunter Werke von Pablo Picasso, Joan Miró und Max Ernst, sind bis Januar unter dem Motto „Showcase“ zu sehen. Die Bücher sind – das zeigt die repräsentative wie illustre Auswahl – nicht mit bibliophilen Ausgaben zu verwechseln, die sich meist durch Aufmachung und kostbares Material auszeichnen. Denn dem Künstlerbuch sind selbst billige Herstellung und Massenware nicht fremd.

Künstlerbücher im groß angelegten Format

Seit den 1950er Jahren etablieren sich Künstlerbücher als eigenständige Kunstwerke. Sie bilden den Schwerpunkt der Münchner Schau. „Alles auf der Welt ist da, um in ein Buch zu münden“, so zitiert Anselm Kiefer den Dichter Stéphane Mallarmé. Das Buch wird zum Medium künstlerischen Ausdrucks und verwischt die Grenze zum Objekt. Kiefer führt es bei „Euridike“ vor: Fotos sind auf massive Kartonblätter geklebt, zugleich aber unter einer dunklen, mit Asche vermischten Schicht begraben.

Fast 40 Jahre hielt die Bildhauerin Louise Bourgeois den teils autobiographischen Roman „The Puritan“ zurück, bis sie den Text 1990 veröffentlichte. Sie ergänzte ihn um acht Stiche mit geometrischen Zeichnungen, die sie von Hand weiterbearbeitete. Das großzügige Format und die ordnende Kraft der Bilder, halten Ruhe und Distanz zum erzählten Geschehen.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Emil Siemeister: Die Sieben Bußpsalmen, 2016-2017 Signatur: 2 L.sel.III 493 | Foto: © Emil Siemeister, BSB

Emil Siemeister: Die Sieben Bußpsalmen, 2016-2017 Signatur: 2 L.sel.III 493 / Foto: © Emil Siemeister, BSB

Raumgreifende Buchprojekte

Katharina Gaenssler schafft digitale Rauminstallationen, die sie im Anschluss dokumentiert. Großaufnahmen, in denen sie Raffaels „Sixtinische Madonna“ Ausschnitt für Ausschnitt fotografisch festhält, vereint die Künstlerin zum Buch. Es erinnert in seiner Farbpracht und Monumentalität an einen wertvollen Codex, wie man ihn aus dem reichen Handschriften-Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek kennt.

Eine Besonderheit ist auch das größte Künstlerbuch der Ausstellung. Emil Siemeister hat ein begehbares Unikatbuch geschaffen! Ihm liegt die imposante Musikhandschrift „Sieben Bußpsalmen“ mit der Vertonung von Orlando di Lasso zugrunde. Siemeister greift auf Hans Mielichs aufwändige Ausmalung der beiden Chorbücher aus dem 16. Jahrhundert zurück und überträgt Motive mit Nachleuchtfarbe auf Kunststofffolien. Betritt man den abgedunkelten „Buch-Raum“, strahlen die Bilder abwechselnd in geheimnisvollem Grün kurz auf und verblassen dann wieder.

Konzeptkunst und Fluxus – Schachtel, Naturalien, Leporello

Bereits 1964 veröffentlichte George Maciunas in New York die Anthologie „Fluxus 1“. Zu sehen ist eine schmale Holzkiste, deren Inhalt sich über den Schaukasten verteilt: 15 Künstler steuerten Objekte wie Eventkarten, Briefmarken, Origamifigürchen, Fotografien und Tonbandstreifen bei.

Nahezu alles kann Eingang finden ins Künstlerbuch. Dafür steht vor allem der Name von Joseph Beuys. Er bereichert die Präsentation durch seine „1a gebratene Fischgräte“. Unter diesem Titel verweist ein beschrifteter Karton mit Gräte nebst Garnrolle, Schere und Gesprächsprotokoll auf eine Aktion des Künstlers von 1970. Beuys‘ Motto: „Ich bin interessiert an der Verbreitung von physischen Vehikeln in Form von Editionen, weil ich an der Verbreitung von Ideen interessiert bin.“

Dieter Roths Halbjahresschrift „Poeterei“ von 1967/68 würde übel und ranzig riechen, läge sie nicht – zum Glück für die Betrachter/innen – hinter Glas. In Stanniol eingewickeltes fettiges Fleisch ist als „Originalobjekt“ einer Bleistiftzeichnung zugefügt, die sinnigerweise einen Hammel zeigt. Laut Ausstellungskatalog existieren auch Varianten mit Sauerkohl, Würstchen und Käse.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - George Maciunas: Fluxus 1, 1964. Signatur: L.sel.III 38 | Foto: © George Maciunas, George Maciunas Foundation/VG Bild-Kunst , Bonn 2017

George Maciunas: Fluxus 1, 1964. Signatur: L.sel.III 38 / Foto: © George Maciunas, George Maciunas Foundation/VG Bild-Kunst , Bonn 2017

Leporellos, soweit die Straße reicht

Ed Ruschas berühmtes Leporello „Every Building on the Sunset Strip“ misst ausgelegt 7,5 Meter! Es zeigt die spiegelbildlich gegenübergestellten Straßenseiten des legendären Boulevards, die Ruscha 1966 während der Autofahrt mit laufender Kamera aufnahm. Der weiße Mittelstreifen zwischen den beiden Panorama-Ansichten führt Hausnummern und die Namen der Querstraßen auf.

In der Vitrine daneben ist eine Art Vorläufer-Arbeit zu sehen. Yoshikazu Suzukis Leporello von 1954 enthält in ebenfalls gespiegelter Reihung Fotos aus dem Geschäfts- und Vergnügungsviertel Tokios. In diesem Leporello verzeichnet der Mittelstreifen zwischen den Bildsequenzen Veränderungen der Umgebung.

Die typografische Revolution – Künstlerbücher der Avantgarde

In welcher Form und Ausführung auch immer  – die Buchobjekte eröffneten den Urheber/innen einen neuen Markt, der sie von Galerien unabhängiger machte. Vor allem die gesellschaftskritischen Impulse gaben den Künstlereditionen Auftrieb. Mit ihrer Verbreitung rückte auch die Avantgarde von ehedem wieder in den Blick.

Denn schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts griffen Futuristen und Dadisten auf schmale, oft billig hergestellte Bücher und Hefte zurück, um ihre Ideen kundzutun. Filippo Tommaso Marinetti, der Begründer des italienischen Futurismus, propagierte die „Befreiung der dichterischen Wörter“. Dieser Appell zog zwangsläufig die Freiheit der typografischen Gestaltung nach sich, die für die Künstlerbücher jener Epoche typisch ist. Kein Wunder, dass der konventionelle Buchdruck mit gleichlaufendem Schriftbild im ausgestellten Exponat Marinettis in Aufruhr gerät. Buchstaben und Zahlen unterschiedlicher Größe und voller Dynamik besetzen die Fläche und muten wie eine spielerische Collage an.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Kasimir Malewitsch in: Troe, 1913. Umschlagvorderseite: Lithografie von Kasimir Malewitsch. Signatur: L.sel.III 26 | Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

Kasimir Malewitsch in: Troe, 1913. Umschlagvorderseite: Lithografie von Kasimir Malewitsch. Signatur: L.sel.III 26 / Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

Entschiedener noch rief der russische Futurist Alexej Krutschonych in seiner berühmten Deklaration zur Befreiung des „in Ketten“ liegenden Wortes auf. Er kündigte für die Zukunft die experimentelle poetische „Zaum-Sprache“ an. Kasimir Malewitsch schuf 1913 den Umschlag des Sammelbands „Troe“, der dieses Manifest enthält. Wassili Kamenski wiederum realisierte die sprachlichen Experimente auf gemustertem Tapetenpapier. Für seine „Stahlbetongedichte“ teilte er die Seiten in eckige Flächen, die er mit vielfach variierten Buchstaben und Ziffern füllte.

Die Anfänge des Dadaismus im Jahr 1916 beschwört schließlich Hugo Balls Heft „Cabaret Voltaire“ herauf. Es ist in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen und versammelt unter seinem leuchtend roten Deckblatt künstlerische und literarische Beiträge der wichtigsten Dada-Künstler.

William Blake als ‚Urvater‘ der Künstlerbücher

Den anderen Exponaten in „Showcase“ zeitlich weit vorausgreifend, setzt William Blakes „The Song of Los“ (1795) einen Meilenstein in der Geschichte der Künstlerbücher. Um die einzelnen Seiten mit der von ihm erfundenen Reliefätzung zu drucken, schrieb William Blake die Wörter mit der Feder seitenverkehrt auf die Kupferplatten und führte die Bildelemente mit dem Pinsel aus. Nach dem Druck kolorierte er die Zeichnungen von Hand mit Wasserfarbe.

Den Ausstellungsmachern der Bayerischen Staatsbibliothek gilt der Dichter und Maler der englischen Romantik als „quasi mythischer Urvater“. Denn in seiner Doppelrolle führte Blake alle Arbeitsgänge selbst aus, die für die Gestaltung und Herstellung seiner Bücher notwendig waren.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - William Blake: The song of Los, 1795. Signatur: Chalc. 160 (frühere Signatur: 2 L.sel.l 45) | Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

William Blake: The Song of Los, 1795. Signatur: Chalc. 160 (frühere Signatur: 2 L.sel.l 45) / Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

  • „Showcase“ – Künstlerbücher aus der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München

Die sehenswerte Ausstellung in den Schatzkammern der Staatsbibliothek dauert bis zum 7. Januar 2018. Der unter dem Titel „Showcase“ erschienene  Katalog zeigt die 72 Exponate in Farbabbildung und dokumentiert die vielfältigen Erscheinungsformen des Künstlerbuchs.

In einer Begleitveranstaltung diskutieren am 7. November 2017, 19 Uhr, Hubert Kretschmer und Reinhard Grüner über die Aufgaben und Möglichkeiten, die das Sammeln von Künstlerbüchern mit sich bringt:  We keep on fighting … – zwei Sammler, zwei Konzepte zum wahren Künstlerbuch


31. Juli 2011

Richard Burton liest John Donne | „The Good Morrow“

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Fundstücke,Lesungen — Michaela Didyk

John Donne Portrait Unternehmen Lyrik Blog

John Donne (1572–1631)

Verse des englischen Dichters John Donne gehörten bisher eher zu meiner Pflichtlektüre. Aber eines seiner Gedicht rezitiert zu hören, ist etwas ganz anderes! Dass es in den Tiefen des Web Schätze in Hülle und Fülle gibt, ist nichts Neues. Doch es erstaunt mich doch immer wieder, wie auf einem zufällig genommenen Umweg plötzlich ein Juwel aufblitzt.

Mich führte die Suche nach Anschaungs- und Hörmaterial zu einer Lesung Richard Burtons. Ich wollte in meinem Sonettenkurs die englischen Originaltexte durch Audiodateien ergänzen. Der oft erzwungene Reim oder die reimlose Version der deutschen Übersetzung sollte so mit dem ursprünglichen Klangbild ein Gegengewicht erhalten.

John Donne als Dichter des ersten Sonettenkranzes

Dabei fand ich Burtons Vortrag eines Gedichtes von John Donne (1572-1631), auf den der erste Sonettenkranz „La Corona“ mit ineinander verflochtenen Zeilen zurückgeht. Zur ausführlichen Biografie des Dichters (in Englisch) gibt es eine deutsche Kurzfassung hier.

Burton liest nicht das gesuchte Gedicht aus „La Corona“, geschweige das ursprünglich anvisierte Sonett 18 von William Shakespeare. Doch „The Good Morrow“ ist ein Hörgenuss, in den ich gerne auch öfters eintauche. Dieses „Fundstück“ regte mich jedenfalls an, eine Blog-Rubrik mit Entdeckungen dieser Art zu bestücken.

Die von Ulla Hahn herausgegebene zweisprachige Ausgabe der Liebesgedichte John Donnes bietet noch mehr einschlägigen Lektürestoff. Hier geht es nun aber erst einmal ums Zuhören. Viel Spaß!


12. Januar 2010

Die vielen Klänge der Seidenstraße

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Handel auf der alten Seidenstraße

Handel auf der alten Seidenstraße

Ob auf dem Inka-Pfad oder mit der transsibirischen Eisenbahn – mit meiner Nomadenseele würde ich gern einige Traumreisen unternehmen. Auch eine auf der Seidenstraße. Auf der war ich zwar tatsächlich schon ein kurzes Stück unterwegs. Aber das war natürlich viel zu wenig, als dass es reichte :-(

So ziehe ich also weiter in Gedanken durch die fremden Länder. Ausstellungen oder Recherchen wie bei meinem Meißen-Projekt und den „Porzellan-Gedichten“ helfen mir dabei. Es ist die Vielfalt der Kulturen, die mich reizt, und wie sich auf dieser Begegnungsachse seit Jahrtausenden Formen überlagert haben und dabei befruchteten.

Die Idee der neuen Seidenstraße – Menschen mit der Musik unterschiedlicher Kulturen verbinden

The Silk Road Project habe ich über Twitter entdeckt. Yo Yo Ma ist der künstlerische Leiter des Seidenstraßen-Projekts. Er sieht in der reichen Tradition der historischen Seidenstraße die große Chance, Neues zu schaffen. Durch die verschiedenen Künste zu lernen und sich dabei näher zu kommen, weckt vor allem ein gegenseitiges Verstehen.

When we enlarge our view of the world, we deepen our understanding of our own lives. The Silk Road Project hopes to plant seeds of new cultural growth and to celebrate traditions and musical voices everywhere.

Die Musik steht im Mittelpunkt. Authentisch in ihrer Herkunft, bringt sie der Cellist Yo Yo Ma mit seinem Ensemble in internationale Konzertsäle, genauso aber auch in Museen und Universitäten. Der Nachbarschafts-Gedanke prägt sein Bildungsprogramm, wie anders auch – die Völkerverbindungen der historischen Seidenstraße wirken nach.

Every time I open a newspaper, I am reminded that we live in a world where we can no longer afford not to know our neighbors.

Wie steht es dabei um die Poesie? Sie zeigt sich beispielsweise im folgenden Liebeslied oder im Rhythmus des „Arabian Waltz“:

Auf der Website von Silkroad und auf YouTube finden Sie nicht nur weitere Beispiele dieser hoch artistischen Weltmusik aus Konzert-Mitschnitten und Aufführungen. Sie lernen auch die Mitglieder des Ensembles kennen, ihre teils ungewohnten Instrumente und erfahren noch mehr über die Mission, die die Künstler beflügelt.

Listen and Watch heißt das Motto für die Website-Besucher/innen. Es lädt sicherlich auch dazu ein, einmal live bei einer Performance dabei zu sein, um auf dieser Seidenstraße mit ihren vielen Stimmen Fremden gleich Freunden zu begegnen.