Birgit Petri und Diana Jahr stellen die zwei Monatsgedichte für Februar

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Zwei Monatsgedichte von Birgit Petri und Diana Jahr - Thema Augenblicke - Paul Klee: Katze und Vogel

Paul Klee: Katze und Vogel (1928)

Diana Jahr und Birgit Petri gewinnen die Runde mit dem Motto „Augenblicke“

So kurz der Februar ist – es gibt in diesem Monat zwei Gewinnerinnen und zwei Monatsgedichte zum Thema „Augenblicke“. Jurorin Augusta Laar hat sowohl Diana Jahr als auch Birgit Petri auf das Siegerpodest gehoben. Herzlichen Glückwunsch an die beiden Lyrikerinnen, deren Gedichte „/deinen augen/“ und „hautnah“  zum Favoriten gekürt wurden.

/deinen augen/

dieser moment – ein sog
je weiter du liest
desto länger die sekunde
in deinen augen
flackert der himmel
ein lid – strich
zwischen den worten
keine zeit, nur raum
zu deiner landschaft
fließt mein blick
(jahrelang) in deinen
bis das gedicht
verschwimmt, und dann
beginnt es von vorn

© Diana Jahr

hautnah

fern bezeugt das licht
der sterne
vergangenheit
für uns
gefügt
in bilder ultraviolett
bis infrarot

nah spürt eine hand
auf meinem bauch
die rege zukunft
für uns
bezeugt
von linien und kreisen
im ultraschall

in mir zerreißt
ein blitz vom brunnengrund
den augenblick
für mich
geschützt
vor konservierungstechnik
in deiner hand

© Birgit Petri

Augusta Laar ist Autorin, Künstlerin, Musikerin und Leiterin des Schamrock-Festivals der Dichterinnen in München und Wien. In ihren vielfältigen Rollen der Lyrik eng verbunden, begründet die Jurorin ihre Wahl:

Zwei Monatsgedichte und Augusta Laars Kommentare

„Die Zeit gehört mir – so lange ich diese Kirschen esse.“
Alfred Andersch, Die Kirschen der Freiheit

Für mich gibt es zwei gleichrangige Siegertitel, daher müssen sich beide Gedichte diesen Platz teilen.

Der Augenblick als gelebtes, lebendiges Zeitfenster, das im Lesen und durch den Lesenden entsteht | Diana Jahr

Das Gedicht „/deinen augen/“ versucht etwas Experimentelles, indem es nicht nur den Augenblick beschreibt oder dessen Wirkung, sondern diesen selbst zum Gegenstand des Gedichts macht, ihn in das Gedicht hineinverstrickt, als gelebtes, lebendiges Zeitfenster, das im Lesen und durch den Lesenden entsteht. Der Titel ist bereits Programm, das Gedicht entsteht in „deinen augen“. Es sagt: „dieser moment – ein sog“, und beginnt mich in seinen Sog hineinzuziehen und mein persönlicher Augenblick zu werden, indem ich das Gedicht lese. Und wenn es zu Ende ist, dann beginnt es von vorn, als neuer Prozess.

Was mir wichtig ist an einem Gedicht, ist hier getroffen. Es überrascht mich. Mit seiner freien komplexen Form wirkt es wie eine offene Skulptur, der Blick fängt sich in ihm und wandert durch es hindurch, kommt an als ein anderer, ein Augenblick der Freiheit entsteht.

Eine poetisch philosophische Untersuchung der Zeit und Qualität von Augenblicken | Birgit Petri

Das zweite Gedicht meiner Wahl hat den Titel „hautnah“, eine poetisch philosophische Untersuchung der Zeit und Qualität von Augenblicken, in drei Strophen mit jeweils sieben Versen. Es spricht zuerst vom Licht, von der Vergangenheit des Lichts, das als Sternenlicht bei uns ankommt, „ultraviolett bis infrarot“, trügerisch nah, aber von weit her. Die zweite Strophe handelt von Nähe als Ereignis im eigenen Körper, „die rege zukunft“, ein Kind wächst im Bauch, „bezeugt / von linien und kreisen“. Die letzte Strophe spricht vom Jetzt, von der Naturgewalt der Geburt als Geburt des Augenblicks, als „blitz vom brunnengrund“, der sich nicht einfangen lässt und sich „schützt“ vor dem Zugriff der Kamera.

Die Anfänge der drei Strophen sind jeweils leitmotivisch besetzt mit den Wörtern „fern“, „nah“ und „in mir“. In der letzten Strophe wird eine Steigerung sichtbar durch die längere zweite und vorletzte Verszeile, so gibt die Autorin nicht nur inhaltlich das Gewicht auf die Aussage des Jetzt. Das gesamte Gedicht als Zeitspange eines Lebens in Augenblicken. Form und Inhalt entsprechen sich. Das Rätselhafte von Zeit und ihrer Wahrnehmung bleibt offen.

Vielen Dank an die Autorinnen für diese Augenblicke.

Wer „steckt“ nun hinter den Zeilen der zwei Monatsgedichte für Februar? Die beiden Lyrikerinnen stellen sich in ihren Kurzporträts vor:

 Diana Jahr

geboren 1970 in Dortmund, lebt heute im Westerwald. Sie hat eine abgeschlossene Lehrerausbildung (Primarstufe für Deutsch und Musik). Schon als Kind hat sie erste Gedichte verfasst, die Literatur im Allgemeinen und Lyrik im Besonderen begleiten sie seit eh und je. Seit 2008 schreibt sie „ernsthaft“, das heißt für die Öffentlichkeit, vor allem Lyrik, aber auch Prosa.

„Ich atme Worte – liebe das Spiel mit ihnen, jongliere, schmecke & rieche sie. Ich möchte mit Worten berühren.“

Literarische Veröffentlichungen finden sich in Diana Jahrs Blog verssprünge sowie in Lyrikzeitschriften („Federwelt“, „Kaskaden“, „Wortschau“) und Anthologien. Im März 2012 hat die Autorin (zusammen mit Stephanie Simon) die Lyrikanthologie „Lichtbruch – die dunkle Seite des Lebens“ (Edition Thaleia) herausgegeben. Lesungen fanden in Duisburg und Dortmund statt.

Weitere Meilensteine:
Eine Veröffentlichung im „Dichtungsring“ (Bonn) sowie die 2017 im Schillo-Verlag erschienene Anthologie „Herzweise. 100 Gedichte der Gegenwart“, in der Diana Jahr mit 20 Beiträgen vertreten ist.

Birgit Petri

1976 in Leipzig geboren, in Geschichte der Mathematik promoviert, lebt in Darmstadt.
Sie sucht Gedichtpartikel inmitten von Ein- und Ausdrücken, möchte zwischen abstrakten Konzepten und unmittelbaren Empfindungen Brücken bauen – und auf deren Geländern tanzen.

Erste poetische Versuche von Birgit Petri erschienen 1999-2001 in den Zeitschriften „dito“ und „kritsch“.

 

Der Artikel wurde im November 2017 ergänzt.

 


Das erste Monatsgedicht im Januar 2014 | Monika Kafka: „der reine ton / thomaskirche, leipzig“

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Monatsgedicht im Januar - Foto Thomaskirche Leipzig

Thomaskirche Leipzig | Wikimedia
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Monika Kafka macht mit ihrem Text den Auftakt der dritten Monatsgedicht-Serie. Unter dem Wettbewerbs-Motto „wo wir wohnen“ lässt sie einen nahezu transzendenten Raum entstehen, in dem Licht und Klang Weite geben. An solchem Ort kann auch der eigene Herzraum „aufgehen“ und zum Gefühl tiefer Geborgenheit führen.

der reine ton / thomaskirche, leipzig
.
dezembersonne fließt
mitten in bachs harmonien

diese liebe lässt sich nicht beenden*

verkreuzt im gewölbe
bleibt das einst und jetzt
brandet trotz registersprung

der reine ton, unverschlüsselt
in ein meer aus stille und sprengt

das herzverfugte frei
bevor der tag
sich in das dunkel neigt
.
*abwandlung einer textzeile von eva strittmatter
.
© Monika Kafka

Günter Ott ist der Juror dieser ersten Runde. Er war Kulturchef der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet auch weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker. Seit Januar 2013 betreut er eine wöchentlich in der Augsburger Allgemeinen erscheinende Lyrik-Serie mit; in ihr werden 100 große Gedichte vorgestellt und interpretiert. Seine Entscheidung für Monika Kafkas Gedicht als Favorit hier im Monatsgedicht-Wettbewerb fasst Günter Ott so zusammen:

Als Leser/in ein Bach-Konzert mithören

Es ist erstaunlich, wenn man liest, dass das große musikalische Werk des Leipziger Thomaskantors J. S. Bach nach dessen Tod 1750 auf Jahrzehnte in Vergessenheit geraten ist. Das hat sich längst geändert. Bach ist unser Zeitgenosse geworden. Davon spricht auch – schon ausführlich im Titel – dieses Gedicht. Es spricht insbesondere vom segensreichen Wirken des Komponisten.

Die Verse lassen Bach und die Dezembersonne harmonisch ineinander fließen – und zwar zu einem durch das ausklingende ie des Auftakts beglaubigten Zusammenhang von „einst und jetzt“, an den die folgende ie-Doppelung („diese Liebe“) unmittelbar anschließt. Es ist gut vorstellbar, dass eine Bachaufführung in der Thomas-Kirche das Gedicht angestoßen hat. Jedenfalls macht es den Leser zum Mithörer. Er wird gleichsam überwältigt von der Macht der Musik („brandet“, „sprengt“), ja geradezu freigesetzt aus der Enge seines Herzens – wobei „herzverfugte“ natürlich auch auf Bachs Werk „Die Kunst der Fuge“ anspielt, ebenso wie die Zeile „verkreuzt im Gewölbe“ den gotischen Stil der Thomaskirche zitiert.

Das – sehr konzentrierte – Gedicht hält einen lichten Moment fest, in dem Befreiung und Erlösung (von „herzverfugtem“) zusammenfallen. Zugleich weiß es darum, dass auch dieses „reine“ musikalische Erleben verklingt.

Konzert und Kirchenbesuch fanden statt – allerdings zeitversetzt, wie mir die Autorin beim Überbringen der Favoriten-Nachricht erzählte. Beim Besuch der Leipziger Thomaskirche im Herbst wollte noch kein Gedicht entstehen. Doch in der warmen Wintersonne am Balkon, die Musik Bachs klang leise aus dem Wohnzimmer, kamen – wen wundert da die Essenz der Zeilen – alle Sinne zusammen.
Im nächsten Abschnitt folgt die Vita der Autorin, doch zunächst: Herzlichen Glückwunsch an Dich, Monika!

Vita Monika Kafka

Ich bin 1960 in Hermannstadt/Siebenbürgen geboren, lebe, liebe und streite seit 1981 in München.
Nach dem Lehramtsstudium /Deutsch/Französisch für Gymnasien/ hab ich mein größtes Hobby, das Lesen, zum Beruf gemacht und arbeite im Hauptberuf als Buchhändlerin.

Schreiben bedeutet für mich in erster Linie Freude. Freude am und im Wort.

Oftmals ist es eine Not_wendigkeit, hin und wieder auch eine Qual – aber jede Zeile bringt mich weiter und gleichzeitig mir selbst näher. Oder, um mit Susan Sontag zu sprechen, ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.

Meine Gedichte und Kurzprosa sind in diversen Literaturzeitschriften / Spiegelungen, Federwelt, Podium, Entwürfe, Wortschau, Kaskaden/ und Anthologien /u. a. 10×10=100, Edition Thaleia, 2009, Vanderbilt Berlin Wall Project der Universität Nashville/Tennesee, USA, 2009/ erschienen, eine erste eigene Publikation, im grüngefädelten licht, im verlag td-textdesign, 2009. Im Web bin ich mit meinem Blog schlüsselworte vertreten.