April, April beim Monatsgedicht

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Monatsgedicht Kindergedichte - bunte Kinderhände

© BeTa-Artworks | Fotolia

Die vierte Runde des monatlichen Wettbewerbs hat zu „Gedichten für und über Kinder“ eingeladen. Auch dieses Mal kann ich zwei Siegerinnen für das Monatsgedicht im April ankündigen.

Doppelsieg beim Monatsgedicht – die beiden Kindergedichte von Ingritt Sachse und Johanna Klara Kuppe

Ich freue mich natürlich, mich nicht nur auf ein einziges Gedicht beschränken zu müssen und mehrere Favoriten vorzustellen: Ingritt Sachse und Johanna Klara Kuppe „teilen“ sich das Monatsgedicht im April. Herzlichen Glückwunsch den beiden Autorinnen!

manchmal wundere ich mich
dass ich
kein grashalm bin
ein grashalm möchte ich
sein vielleicht auf der alm oder
auf der wiese am fluss und das gepunktete
pferd fräße mich mit genuss doch dann wäre schluss mit
mir auf der alm oder auf der wiese am fluss vielleicht
möchte ich da doch kein
……..grashalm sein

© Ingritt Sachse

Kind im vierstöckigen Haus

.
ja sagte ich zum kabeljau im
parterre mit boskop und kartoffel
brei am freitag dafür montags
1. stock capuns also mangold gefüllt
im 2. stock bohneneintopf mit rind
glaube mittwochs sonntags 3. stock
safrangelbe polenta mit saltim
bocca (und bock drauf) im 4. stock
links köfte und couscous aber am
liebsten mit cem giovanna und rosi
auf dem dachboden rhabarber
mit vanillesauce (die vor allem)
wir waren eben sehr
vielseitig

© Johanna Klara Kuppe

Die Jurorin für das ‚Monatsgedicht‘ im April hat das Wort:

Katrin Greiner ist als Lehrbeauftragte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (seit 2002) und der Universität Bielefeld (Sommersemester 2013) auch Spezialistin für Kinderliteratur. Die freie Lektorin und Journalistin aus Halle lässt gut nachvollziehen, wie sie zu ihrer Doppelentscheidung gelangte und die Themenstellung der Wettbewerbsrunde spiegelt:

Zuvörderst: Die Auswahl fiel diesmal wirklich schwer, zeugen doch alle Gedichte von einem tiefen Respekt gegenüber dem Kind als autarkem, denkendem Menschen mit eigener Perspektive – eine wichtige Voraussetzung, um für und über Kinder zu schreiben. Die Spannbreite reichte von Sprachspielen bis hin zu Erlebnis- oder Stimmungslyrik und jeder der Texte hatte sein besonderes Leuchten.
Mein Wahl-Dilemma spiegelt sich so auch in meiner Entscheidung, zwei sehr unterschiedliche Gedichte zu nominieren: eines, dem es wunderbar leichtfüßig gelingt, die Perspektive eines Kindes in ihrer ganzen philosophischen Dimension darzustellen, und eines, das sich ganz und gar sinnlich mit Kindheit beschäftigt.

Zum Gedicht von Ingritt Sachse

„manchmal wundere ich mich“ steht in der Tradition der Texte, in denen die Selbstvergewisserung des Kindes beschrieben wird und die mit den Namen der großen Kinderlyriker wie Josef Guggenmos verbunden ist: Es geht um nichts weniger als das „Wunder Ich“.

Der Autorin ist es gelungen, einen ganz bestimmten Augenblick und die kindliche Perspektive ohne jeden verniedlichenden Schnickschnack einzufangen. Das kindliche lyrische Ich stellt sich die hoch philosophische Frage, warum es nicht etwas anderes ist, hier beispielsweise ein Grashalm. Es träumt sich in das Leben, den Erlebnisraum dieses Grashalms hinein, vollzieht diesen Weg, bis ihm das andere Dasein in seiner ganzen Konsequenz bewusst wird (es würde gefressen werden und wäre nicht mehr da), und entscheidet sich, doch kein Grashalm sein zu wollen. Das ist eine wichtige Erkenntnis!

Immer wieder spielen Kinder dieses Gedankenspiel „Was wäre, wenn …“ und am Ende steht: Ich bin ich. Das Gedicht „manchmal wundere ich mich“ bringt diesen Gedankengang in seiner ganzen philosophischen Tragweite zauberhaft und für jedermann nachfühlbar auf den Punkt.

Das Kindergedicht von Johanna Klara Kuppe

„Kind im vierstöckigen Haus“ berichtet auf eine sehr sinnliche Weise von einer Kindheit, wie es sie viele gab und gibt und geben wird, und wie sie doch ganz besonders ist. Was dieses Gedicht beweist: Es bedarf keiner großen Worte, um die Welt einzufangen.

Die simple, aber gute Idee: Hier genügt es, Speisen zu nennen, und vor uns Lesenden entsteht ein Haus mit bestimmten Gerüchen, Tönen und Geschmacksnuancen. Hier genügen Namen und wir können uns die Welt dieses Mehr-Kulturen-Wohnhauses vorstellen, sehen Kinder die Treppe herabspringen oder unter dem Dachboden Rhabarbergrütze naschen, hören die Mütter verschiedener Nationalitäten die Kinder zum Essen rufen.

Kein dröhnender pädagogischer Zeigefinger – das Neben- und Miteinander verschiedener Kulturen wird in dieser Kindheitserinnerung als herrlich normal gezeigt. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Das abschließende Blitzlicht auf die Vita der beiden Lyrikerinnen

Ingritt Sachse (*1946 in Bremen) lebt und arbeitet als Psychotherapeutin in freier Praxis in Bonn. 1999 Veröffentlichung von Prosatexten; seit 2003 Lyrikpublikationen in verschiedenen Anthologien und Jahrbüchern. Weitere Mosaiksteine zur Vita finden sich bei den früheren Monatsgedichten. Zu ergänzen ist der 2012 erschienene zweite Band „vergessene landstriche die wir begehen. gedichte aus der traumzeit“.

In diesem Blogbeitrag beantwortete Ingritt Sachse, warum sie überhaupt Lyrik schreibt. Und Texte für Kinder? Auch da ist die Dichterin nicht ohne Erfahrung, hat sie doch für ihren Neffen Geschichten erfunden und Gedichte verfasst.

Auch Johanna Klara Kuppe hat schon einige Spuren bei den Monatsgedichten hinterlassen und über ihre Vita Auskunft gegeben. Ihre aktuelle Sicht aufs Leben und Dichten:

Etwas zögernd erblickte ich in Wuppertal das „Licht der Welt“, schrieb als Jugendliche Gedichte, heiratete, danach war zunächst die Familie, der Beruf wichtiger, die Worte fanden eine Unterkunft im „Irgendwo“ und wurden auch nicht gesucht. Seit 1992 lebe und schreibe ich nun in Waiblingen (Baden-Württemberg) und stelle erstaunt fest: „Gegen Zielsetzungen ist nichts einzuwenden, sofern man sich dadurch nicht von interessanten Umwegen abhalten läßt.“ (Mark Twain).

Die Feststellung, daß die Umwege immer wieder zum Schreiben zurückführen, hat sich inzwischen gefestigt und das Schreiben ist das Ziel auf lange Sicht geworden. Inzwischen gibt es noch andere „Umwege“, wie z.B. Lesungen, Literaturprojekte und Projekte mit anderen Künstlern (Grafiker, Malerin, Fotograf). 2014 finden in Waiblingen die Literaturtage Baden-Württemberg statt, auch das ein sehr interessanter Umweg für mich.

Manchmal allerdings, wenn die Worte beim Schreiben einem Flaschengeist ähneln und sich verflüchtigen, halte ich mich gerne an Schiller: „Der Teufel soll die Dichterei beim Hemdenwaschen holen!“ Ein Umweg, der auch wieder zum Ziel führt.

 Weitere Literatur für Kinder

 


Monika Kafka und noch ein Doppelsieg beim Monatsgedicht im März

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Monika Kafka und das Monatsgedicht im März: Bild von Viktor Vasnetsov "Der fliegende Teppich"

Viktor Vasnetsov „Der fliegende Teppich“ (1880)

Monika Kafka hat zum zweiten Mal in der Monatsgedicht-Serie 2013/2014 einen Juror überzeugt: Andreas Noga, langjähriger Lyrikredakteur der von Sandra Uschtrin herausgegebenen „Federwelt“, entschied sich für „Kreidespuren in der Dunkelheit“. Somit gibt es auch für das Monatsgedicht im März einen Doppelsieg. Monika Kafka erhält erneut den „Lorbeer“:

Kreidespuren in der Dunkelheit
.
.
Großmutter löscht den Tag
aus der Petroleumlampe
steigt Aladin, kein Wunder

ich weiß, neben dem Gassentor
erwachen die Lupinen, leuchten
Däumelinchen im Schlaf

Der Ofen verschluckt sein eigenes
Feuer, wenn die Schneekönigin
das Zimmer durchbraust, kein Wunder

Großmutters Worte:
Kreidespuren in der Dunkelheit
.
.

© Monika Kafka

Andreas Noga, selbst Lyriker und Prosaautor sowie über mehrere Jahre Beisitzer im VS-Landesvorstand Rheinland-Pfalz, fasst sein Urteil knapp und präzis:

Rückblickend

In dem Gedicht „Kreidespuren in der Dunkelheit“ liegt kein Teppich. Es fliegt auch keiner. Die Zeilen selbst sind das Flugmittel. Es befördert Erinnerungen. Märchen klingen an: Däumelinchen, dem die Lupinen am Gassentor im Schlaf leuchten. Die Schneekönigin, die so eisig durch das Zimmer fegt, dass das Feuer im Ofen erstirbt. Der fliegende Teppich ist eine Ahnung, die mit Aladin aus der Petroleumlampe steigt. Großmutter schließt den Tag mit Geschichten, und sie versinkt mit ihnen im Rauschen der Zeit. Großmutter selbst ist eine Geschichte. Erinnerungen sind Kreidespuren in der Dunkelheit.

Liebe Monika, nach unserem Telefonat gestern nun auch hier im Blog: Herzlichen Glückwunsch!
Da es zur Vita der Autorin nur einen Link zum ersten Siegertext braucht, habe ich Monika Kafka gefragt, was ihr am Schreiben wichtig sei:

„Ich möchte nicht zu verkopft schreiben. Was ich ausdrücke, soll nachvollziehbar sein. Es sollen keine großen Weltanschauungs-Gedichte sein.“

Mit diesem Begriff fiel auch der Name Eva Strittmatters in den ersten spontanen Antworten. Eine Zeile der Dichterin war schon abgewandelt ins Monatsgedicht für Januar eingeflossen. Sie habe sich, so Monika Kafka, die für sie so wichtige Stelle Strittmatters auch im Arbeitsbuch notiert. Und dieser Leitfaden, so meine ich, ist in den Texten der Monatsgedicht-Siegerin deutlich zu spüren:

Abgetrennt vom Subjekt des Dichters gibt es für mich keine Poesie. Große Weltanschauungs-Gedichte lassen mich kalt. Es muß sich eine starke Subjektivität mitteilen; ich muß Leben fühlen und einen Menschen sehen. (Eva Strittmatter: „Poesie und andere Nebendinge“. Aufbau Verlag/ Berlin)