9. September 2014

Lyrische Flaschenpost – das Monatsgedicht im September ist entschieden

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

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Monatsgedicht im September - Thema Flaschenpost. © drubig-photo_Fotolia

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Katja Vogels Gedicht „ungewiss Wünschbares“ – oder eine Flaschenpost, deren Botschaft mit der Suche nach sich selbst einhergeht

Das Aufkommen der Flaschenpost ist im vergangenen Monat deutlich gestiegen. :-) Ob wirklich alle Botschaften aus den Weltmeeren ins Netz gingen oder an den Strand gespült wurden, bleibt zwar fraglich. Doch die – dem Thema für das Monatsgedicht im September entsprechende – lyrische Flaschenpost gelangte jedenfalls ans Ziel. Katja Vogels Gedicht war dabei und ist Favorit dieser Runde.

ungewiss Wünschbares
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… wenn ich ankäme, einmal, vielleicht mit dem Duft der Mandelblüte,

oder: mich in den verlässlichen Stelzen,
dem dichten Geflecht der Mangroven verhakte,

oder: das Schweben der dicht gedrängten Quallen störte,
dort im Yachthafen der Förde, wenn ich gläsern wie sie,
dem Gewässer lichte Struktur gäbe,

oder: klirrend gegen Eisschollen triebe, einmal vielleicht,
und den Tangduft atmete, den Fischgeruch des Sandes
oder den Atem eines betrunkenen Geliebten
der See, vielleicht käme ich an, einmal, verfinge
unter Pfahlbauten, die pazifische Landstriche säumen,

oder: schleuderte ein Sturm mich an die Küste eines
unbegangenen Landes, im Unzugänglichen geschützt, vielleicht,
dass es das noch gibt am letzten Zipfel eines Kontinents,
auslaufend in bizarren Gebirgen,

oder: spiegelte ich Lichter einer Hafenstadt, gesäumt von Brigg,
Frachtkahn, Mackerboot, hin schaukelnd zwischen Dalben,

angenippt von Fischmäulern dort oder anderswo, vielleicht einmal, käme ich an …
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© Katja Vogel

Die unbestimmte „Reise als Metapher des Lebens“ – Francisca Ricinski begründet ihre Favoritenentscheidung

Die Auswahl für das Monatsgedicht im September traf die Autorin, Redakteurin und Herausgeberin Francisca Ricinski. Sie besorgte u.a. die im Sommer erschienene 43. Ausgabe des „Dichtungsring“ und ist auch für das aktuelle Heft zum diesjährigen Literaturwettbewerb mitverantwortlich, dessen Jury sie angehörte. Diese Ausgabe – Nr. 44 mit dem Thema „Irre“ – ist für Oktober angekündigt.

Ungewiss Wünschbares. Noch nichts vollzogen, alles im Konjunktiv. Die Unschärfe beginnt schon im Titel. Nichts wird genau gesagt, kein Hinweis auf irgendeine Jahres- und Tageszeit oder auf den Ausgangsort dieser breiten, melancholischen Tempi einer Rhapsodie, auf das vorher Geschehene und vor allem auf die Person. Als handelte es sich um die Fortsetzung einer Reise, und zwar in dem Augenblick, als das Wünschbare – auch wenn immer noch ungewiss – sich doch etwas deutlicher übersetzen lässt. Die Reise als Metapher des Lebens …
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Die Sehnsucht nach Veränderung und vielfacher Verwandlung scheint sie zu überfahren (wenigstens hier besteht kein Zweifel, dass eine sie ihre Träume und Wünsche in die Welt schickt). Stets unschlüssig, daher fortwährend, tauscht sie mental ihren statischen Sitz im Leben gegen abgeschiedene, fernste Naturecken, wo winziges oder großes, elementares Leben pulsiert. Ob die Sprechende sich selbst als unscheinbare, lichtbringende Flaschenpost sieht, die auf den Weltmeeren und Flüssen kreuzt, oder nur ihre Botschaft, alles wird diffus und keineswegs programmatisch gehalten, als wenn sich Sender und Sendung – Subjekt und Objekt – nicht mehr abgrenzen ließen. In solcher absichtlichen Ambiguität bzw. Ambivalenz liegt der eigentliche Reiz dieser lyrischen Komposition. Aus einem eindringlichen Verlangen heraus, sich neu zu entdecken und zu positionieren, „endlich anzukommen“ tritt sie diese sinnbildliche Suchreise nach ihrem Selbst und ihrer Bestimmung an, nicht ohne Hoffnung auf Geborgenheit und wohltuende Berührungen, und letztlich auf eine andere Daseinsform und Vereinigung mit der umgebenden Materie.
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Vor unserem inneren Auge rotieren wie in einem kindlichen Kaleidoskop wunderbare Farben und Formen. Aber genau so schnell lösen sie sich auf, durch das launige Wirken eines einzigen Wortes: Oder. Mal beschleunigt diese Konjunktion das Tempo des Gedichts, mal verlangsamt sie es, je nach Stimmung und Wunsch. Anderenorts verweilt die Wanderin noch kürzer, wechselt die Richtung oder lässt sich von neuen Strömungen ihrer Fantasie und Empfindsamkeit führen. Wie eine Sandmalerin geht sie dann mit ihrer Hand darüber und löscht Stationen und Bilder aus, als fürchte sie sich vor zu viel Schönheit oder vor dem, was sich dahinter verbergen könnte. Einmal, vielleicht mit dem Duft der Mandelblüte [ankommend] und … dort oder anderswo, vielleicht einmal, käme ich an … Die letzte Zeile ist nicht zufällig die längste. Der Leser trifft quasi auf die gleichen Wörter wie im ersten Vers, nur in einer anderen Disposition oder Form, und das reicht schon, um eine leichte Nuancenverschiebung festzustellen: Anfangs noch das Präludium einer versprechenden Reise, am Ende die Ahnung des Unerfüllbaren.
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Das abbrechende Oder taucht (ähnlich wie bei Wolfgang Borchert in Laternentraum) wiederholt auf, jede vorangegangene Aussage in Frage stellend, aber dieser effektvolle Spontaneitätseindruck täuscht. Das Gedicht hat eine durchdachte Struktur und vor allem komplexe Mischklänge, die unterschiedliche Wahrnehmungsebenen zugleich zum Schwingen bringen.

Im Schreiben „sehend werden“ – Katja Vogel gibt Auskunft über sich und ihr literarisches Schaffen

Liebe Frau Vogel, herzlichen Glückwunsch zum Monatsgedicht im September! Ich freue mich sehr!
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Die Zeilen Katja Vogels ergänzen nicht nur Francisca Ricinskis Textanalyse und Urteilsbegründung, sondern sie lassen Gedicht, die Deutung der Jurorin und die eigene Sicht der Autorin zu einem „Dreiklang“ werden:

Geboren wurde ich 1972 in Heitersheim, Baden-Württemberg. Nach Studien- und Ausbildungsjahren in Freiburg, Berlin, Heidelberg und Ludwigsburg lebe ich in Freiburg im Breisgau, wo ich als Fachkraft in der ambulanten Pflege tätig bin.
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Bisher liegen Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften vor (Der Dreischneuss, Dichtungsring). Im August 2014 wurde mir ein mehrmonatiges Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg für ein Prosa-Projekt zuerkannt. „In der Darstellung von zerfransenden Entwürfen soll nach einer (möglicherweise fragwürdig gewordenen) Würde gesucht werden. Im Namenlosen, in einsamen Augenblicken des Verschwindens ist sie aufzuspüren – bedroht, geleugnet, preisgegeben oder auf unscheinbare Weise behauptet – als unzerstörbarer Nukleus der Existenz.“ [Aus dem Exposé]
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Das ist letztlich der Grund, der mich zum Schreiben veranlasst – sei es Prosa oder Gedicht: wissend, in einer zerbrechlichen Welt zerbrechliche Geschichte mit-leben zu müssen, verletzbar, vorläufig, aber auch stark und voller – zum Teil verborgener – Würde und Geheimnis. Dem möchte ich sprachlich Ausdruck verleihen. Schreiben heißt für mich: sehend werden.

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Das Licht in der Landschaft“ – so lautet das Thema der zehnten Monatsgedicht-Runde. Sie haben bis 24. September 2014 Zeit, Ihr Gedicht im Blog Monatsgedichte zu posten.
Sie können sich mit folgendem Link die Ausschreibung für das Monatsgedicht im Oktober herunterladen. Wenn Sie neu zum Förderprojekt dazustoßen möchten, finden Sie hier die Teilnahmebedingungen.


10. August 2014

Ein Dinggedicht ist im August Favorit bei den Monatsgedichten

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

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 Marlies Blauth gewinnt mit „atomkraftwerk“ das Monatsgedicht im August

Rainer Maria Rilkes Dinggedicht „Das Karussell“ gehört zu den bekannten Beispielen dieser lyrischen Gattung. Doch hat ein Dinggedicht in unserer Zeit noch Bestand? Richard Mayr, Juror für das Monatsgedicht im August, geht dieser Frage nach. Er spricht Marlies Blauths  moderner Version den Lorbeerkranz zu. Mit „atomkraftwerk“ hat die Künstlerin und Lyrikerin dem Dinggedicht eine neue Ausrichtung gegeben.

atomkraftwerk
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überall
streift dich dieser schatten
aus beton.
nein –
der reißt nie
sagt man.
aber hinter den zäunen
der eingemauerte gott
ist alt geworden.
an manchen tagen
regiert er mit zitternder hand.
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© Marlies Blauth

„Eine technisch geprägte Ding-Welt“ – Richard Mayrs Urteilsbegründung

Richard Mayr, Kulturredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung – als Literaturkritiker auch selbst Autor – kommt zu folgendem Urteil:

Dinggedichte gehören zu einer schwierigen, vielleicht auch aussterbenden lyrischen Form. Die Dinge sprechen zu uns heutigen anders, als noch vor 100 oder vor 200 Jahren, als sie Lyriker inspirierten. Unsere Ding-Welt ist technisch geprägt, in ihr verbirgt sich der Ingenieursgeist. Diesen Geist lyrisch zu bergen, dort mit Worten hinabzureichen, fällt den Dichtern, fällt der Dichtung schwer. Je moderner die Technik wird, desto rätselhafter, desto verborgener, desto spezieller ist sie. Unsere Ding-Welt will sich der Sprache entziehen.
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Genau dort müssten moderne Ding-Gedichte die Sprache hintragen. Eines der eingereichten Ding-Gedichte geht diesen Weg. Es stellt ein Groß-Ding, ein Symbol-Ding in den Mittelpunkt. Es ist „atomkraftwerk“ betitelt. Der Weg, der nun beschritten wird, führt nicht ins technische Innenleben hinein, sondern daran vorbei. Ein „Schatten aus Beton“ versperrt den Blick. Damit steht das Atomkraftwerk auch sinnbildlich für die meisten unserer technischen Gerätschaften. Und das wache, betrachtende Auge wird beschwichtigt und gleichzeitig ermutigt. Der Schatten reißt nicht. Dort, wo die Gefahr verortet wird, muss es nicht hinblicken. Alles ist in Ordnung. Und dann springt das Gedicht. Sagt es doch, was hinter dem Schatten aus Beton, hinter den Zäunen eingesperrt ist. Ein eingemauerter Gott, der alt geworden ist. Und wir stellen uns diesen Gott nicht freundlich vor. Welcher Gott freut sich schon, wenn er anstelle eines Tempels in einer Bunker-ähnlichen Anlage verwahrt wird.
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Die Technik bekommt an dieser Stelle göttliche Kräfte zugesprochen. Es ist der stärkste Moment des Gedichts. Ein Gedanke bricht ein, der nicht abwegig ist. Die moderne Technik ist weit in göttliche Sphären eingedrungen. Sie ist dafür da, die großen Menschheitsprobleme qua Fortschritt zu lösen.
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So weit die Ahnung in diesem Gedicht trug, die letzten beiden Verse trüben den Eindruck. Dunkelheit fällt nun dorthin, wo davor Klarheit war. Der eingemauerte Gott soll einer sein, der an manchen Tagen mit zitternder Hand regiert. Ist er böse? Vernichtet er dann die Menschen? Schickt er seine Becquerel-Einheiten dann aus? Wofür steht dann dieser Gott? Nur Ahnungen bleiben und eben der Eindruck, dass dieses Ding-Gedicht im Trüben endet.
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Trotzdem: Es war derjenige Versuch, den fernsten Ort der technischen Ding-Welt aufzusuchen. Deshalb gebührt ihm der Lorbeer.

In mehreren Künsten zuhause – Marlies Blauths „Zusammenschau“ und Vita

Die Siegerin beim Thema „Dinggedicht“ ist schon bei einem Monatsgedicht früherer Serie vertreten. Ihr Beitrag zu den „Nachtgedanken“ im Dezember 2011 hatte ein Schattenthema anderer Art behandelt. – Zum neuen Gewinn, Marlies, herzliche Glückwünsche!
Vita und Statement der Lyrikerin zeigen, dass Marlies Blauth nicht nur in der Wortkunst zuhause ist und ihre Impulse aus allen Sparten künstlerischen Schaffens empfängt:

Marlies Blauth (*1957 in Dortmund) studierte bei Anna Oppermann, Wil Sensen und Bazon Brock an der Universität Wuppertal (1981 Staatsexamen Kunst/ Biologie; 1988 Diplom Kommunikationsdesign), einige Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Rainer K. Wick (Forschungsschwerpunkt: Bauhaus), bis 2011 Lehrbeauftragte für Grundlagen der Gestaltung und Freie Grafik
Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, Themenbereiche Mensch – Natur – Metamorphosen / Zeit – Spiritualität
Seit 2006 literarische Beiträge in Anthologien und Zeitschriften, u. a. in verschiedenen Jahrgängen der Versnetze (Hrsg. Axel Kutsch), mehrere regionale Auszeichnungen (z. B. Dorstener Lyrikpreis 2013)
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„Mein Vater war Musiker, ich wuchs mit täglichen Klängen auf, und die Berührung mit lyrischen Texten war selbstverständlich. Beeinflusst hat mich andererseits auch das Leben in einer Region, die sich damals durch Bergbau und Stahlproduktion definierte, deren Kultur, inmitten von so rauen wie herzensguten Menschen, immer am Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit festhielt. Mein interdisziplinär-künstlerisches Empfinden und Denken wurde mir gleichsam in die Wiege gelegt, weil ich Synästhetikerin bin; später wurde es innerhalb meines Studiums verfeinert und vertieft. Visuelle und verbale Äußerungen sind in meiner Arbeit vielfach verbunden; ich finde es immer wieder reizvoll, mit bekannten, ja alltäglichen Mitteln neue Zusammenhänge zu schaffen und auf diese Weise zu ent-decken. Dass ein Gedicht die Worte, die wir sprechen, auf seine unnachahmliche Weise nuanciert, erstaunt und begeistert mich ständig.“
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Unter KUNST | Marlies Blauth, dem Blog der Lyrikerin und Künstlerin, finden Sie zahlreiche Bilder und weitere Texte.

Nach dem Dinggedicht ist nun die „Flaschenpost“ ist unterwegs. In der neunten Projekt-Runde schicken Sie für das Monatsgedicht im September eine poetische Nachricht auf die Reise. Wann Ihre Flaschenpost eintreffen sollte und wie Sie das am besten bewerkstelligen, finden Sie in der aktuellen Ausschreibung der Monatsgedichte.


12. Juli 2014

Ein ‚kubus‘ für das Monatsgedicht im Juli

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Monatsgedicht im Juli_Poesie+Mathematik_Fotolia_41651206

Zahl oder geometrische Figur – Carla Capellmanns „kubus“ verbindet beides

Die Würfel sind gefallen: Carla Capellmanns Text „kubus“ ist das Monatsgedicht im Juli. „Poesie + Mathematik“ lautete das Thema, bei dem die Lyrikerin mit ihrem „Würfel“ Zahlengesetz und Wortspiel neu kombiniert. Herzlichen Glückwunsch an die Sprachkünstlerin!

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kubus
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wie die welt nicht ist :
s y m m e t r i s c h su
mmetrisch kantenglei
ch formen sich frosch
-schenklige summen:
… fliegenquadrark …
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© Carla Capellmann

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Die Welt neu im Blick – Hannelore Tyslik begründet ihre Wahl für das Monatsgedicht im Juli

Hannelore Tyslik, Lektorin und Übersetzerin, übernahm – in der Lyrik wie auch Mathematik zuhause – die Jury für das Monatsgedicht im Juli. Gerade auch die Symbolik des Quadrats, das als Grundfläche des Würfels mit der Zahl Vier einhergeht, gibt  dem Gedicht  Tiefe:

Mathematik und Poesie – das grenzenlose, in Licht getauchte, luftige Reich der Ordnung und Klarheit und der tiefe, dunkle, geheimnisvolle Zauberwald: Die Wechselwirkungen dieser nach Oswald Egger „verwandten Denkarten“ gehen im Gedicht, für das ich mich im Rahmen dieses Projekts entschieden habe, eine geglückte Verbindung ein. Doch scheint das geistig kühle, von jeglichem Überschwang gereinigte Element zu dominieren.

„kubus“ verschließt sich einem einfachen Zugang, allzu transparente Logik wird in den Hintergrund verbannt. Es handelt sich hier um eine Komposition, die nicht unbedingt verstanden werden will, in der das Unsagbare lediglich anklingt, angedeutet wird. Das Gedicht sticht durch seine schlichte äußere Form hervor. Die reimlose, sechs Zeilen umfassende Komposition weckt bereits optisch Assoziationen an die Fläche eines Kubus, das Quadrat, das die Erde, die Materie, das Geschaffene symbolisiert. Was es aber damit auf sich hat, bleibt noch verborgen. Das Wort „symmetrisch“ springt dem Leser durch seine optische Hervorhebung ins Auge, und damit sind wir auch schon mitten im Thema. Das lyrische Ich erklärt, „wie die welt nicht“ sei, also rund, symmetrisch. Im Gegenteil, sie ist ein kantiger Würfel. Der Schein trügt also, aber auch das erschließt sich dem Leser erst durch einiges Nachdenken. Nichts ist so, wie es scheint, alles also eine Frage des Blickwinkels?

Das Sinnliche kommt in Gestalt von Fröschen und Fliegen daher und bildet den Gegenpol zur mathematischen Klarheit, Ordnung und Symmetrie. Sinnliches und Geistiges werden mittels eines mathematischen Vokabulars miteinander verwoben und bringen bizarre Neuschöpfungen hervor, die in eine dissonante Spannung zueinander geraten. Die Welt ist eben nicht symmetrisch, verbindet vielmehr Gegensätzliches auf irritierende Weise: Von „froschschenklige(n) summen“ ist die Rede und von einem „fliegenquadrark“ (einem „quadratischen Fliegengitter“?). Und nicht zuletzt wird in diesem lyrischen Werk die Lust der Dichterin am Spielerischen („fliegenquadrark“) offenbar, am Spiel der Sprache und der Phantasie, an der absoluten Freiheit des schöpferischen Geistes.

In „kubus“ bleiben einige Rätsel ungelöst und viele Fragen offen, weil die Komposition sich einem begrenzenden Verstehen entzieht. Hier ist also der aktive, mitwirkende Leser gefragt, der sich mit einem solchen lyrischen Werk intensiv auseinandersetzen muss, um so nah wie möglich zu dessen Kern vorzudringen. Letztlich bleibt aber immer ein Rest des Unbestimmbaren, der sich nicht erklären lässt. Und das macht die Faszination solcher Sprachkunstwerke aus.

Der „Gesichtswechsel“ der Wörter – Carla Capellmann tauscht nicht nur in „kubus“ Buchstaben aus

Nicht nur beim aktuellen Monatsgedicht im Juli, sondern schon in früherer Runde 2010 hat Carla Capellmann mit „prae.spiele“ durch ihr Sprachspiel überzeugt. Die Vita dort ergänzt die Lyrikerin nun mit folgendem Fließtext und Versklang:

Aktuell arbeite ich an einem Roman, in dem Worte eine wichtige Rolle spielen: Worte, die sich drehen und wenden und doch gleich bleiben, andere, die durch einen kleinen Buchstabentausch ihr Gesicht wechseln – winzige Änderungen und alles verrückt. Verrückt. Egal, ob ich „kurz“ oder „lang“, „dicht“ oder quadratisch schreibe, die Sprache [spielt mit und]* spielt mit mir:
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buchstaben verrücken verdrücken worte
drücken drehen und wenden den sinn da
zwischen dahinter daneben (dada lala) ein
lied ein fühl ein klang / einklang / warum
zum teufel schreibe (reibe) ich ver[s]rückt

Das Monatsgedicht-Thema für August

„Dinggedichte“ sind das Thema der neuen Runde, für die Sie noch bis zum 26. Juli 2014 ein Gedicht posten können. Lesen Sie dazu mehr in der Ausschreibung, die Sie auf der Website Unternehmen Lyrik herunterladen können. Dort finden Sie auch weitere Informationen, wenn Sie neu zum Projekt Monatsgedichte stoßen möchten.