Werner K. Bliß – „ut pictura poesis“. Ein Gespräch über Lyrik und Kunst

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Interviews — Tags: , — Michaela Didyk

© Werner K. Bliß – gültig für alle Bilder des Beitrags; alle Gedichte sind inzwischen in den 2019 erschienenen Debütband „Gekämmte Zeit“ übernommen [© Pop Verlag Ludwigsburg]

Werner-K-Bliss-Portraet-Interview

Werner K. Bliß | Foto: privat  

Werner K. Bliß – Dichter und Maler in einer Person

Peter Handkes Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968 sorgte für die ersten Mails: In meinen Seminar-Unterlagen hatten die im Gedicht genannten Fußballspieler neue Positionen bezogen. Dass es nun auf einmal drei Verteidiger geben sollte, wollte Werner K. Bliß ganz und gar nicht glauben. Und er hatte natürlich recht. In meiner Datei waren die Zeilen verrutscht.

Peter Handkes poetische Provokation aus den 1968er Jahren, als Ready-made sicher kein herkömmliches „Bildgedicht“, hatte jedoch Wort und bildhafte Darstellung zum Thema gemacht. Der gestenreiche Gedicht-Vortrag Werners zu Jean Tinguelys Basler Fasnachts-Brunnen, schließlich das Monatsgdicht lepanto lenkten unseren Austausch zunehmend auf die Kombination von Gemälde und Gedicht.

Daher freue ich mich, im Interview Lyrik und bildende Kunst eng verknüpfen zu können. Denn Werner K. Bliß schreibt nicht nur viele Gedichte über Kunstwerke, sondern er arbeitet als Lyriker oft mit Künstler/innen zusammen und ist vor allem selbst als bildender Künstler aktiv.

Der Dialog mit dem Kunstwerk als Einstieg ins Schreiben

„Ut pictura poesis“ (Wie die Malerei so die Poesie) – dieser Ausspruch des lateinischen Dichters Horaz trifft voll zu. Literatur und bildende Kunst gehen bei Dir Hand in Hand. Wie beeinflusst Dein Blick auf Zeichnung und Gemälde oder Skulptur Dein Schreiben? Eröffnen sich besondere Zugänge? Ergeben sich neue Orientierungspunkte? Oder wie gelingt es Dir, von einer bloßen Bildbeschreibung weg in das eigenständige Wortkunstwerk zu springen?

Mit dem Beispiel lepanto, der Hommage an Cy Twombly und seinen Zyklus Lepanto im Museum Brandhorst in München, lässt sich ganz gut beginnen.

Es verschlug mir, als ich erstmals vor diesen Farbtafeln stand und dann immer wieder auf- und abging, zunächst die Sprache. Schlecht geputzte, aber farbenfrohe Schultafeln, Schiffe versenken, erste Assoziationen, hatte ich doch weit über fünfzig Jahre in Schulräumen von meiner Einschulung bis dato verbracht.

Mit den historischen Fakten im Hintergrund begannen sich allmählich innere Bilder aufzubauen, vielleicht so, wie der Text einsteigt: am anderen morgen kam dieses bild des friedens auf und so hatte ich in etwa eine Szenerie, eine Phantasie dieser Seeschlacht vor Augen, inclusive lachmöve.

  • Einen ersten Eindruck von Cy Twomblys Gemälde–Zyklus vermittelt Ihnen dieses Video auf YouTube

Ach, riefen die Gedichte, hol uns hier raus!

Ganz anders der innere Prozess bei den künstlerischen Arbeiten Marianne Hopfs. In privaten Räumen hing eine ihrer Arbeiten in Augenhöhe und zog mich schlagartig in Bann. Ich nahm Kontakt zur Künstlerin auf, durfte in ihrem Atelier zahllose Arbeiten fotografieren, die für mich alle einen inneren Zusammenhang bildeten. Kaum zuhause am PC, sprudelte es Text um Text.

Kindheitserlebnisse schichteten sich auf, um, schichteten sich neu. Am späten Abend, die Fotografien waren obsolet, hatten meine Fingerkuppen circa dreißig Entwürfe herausspringen lassen. Ein Text löste den anderen ab. Es war wie bei Frau Holle: Ach, riefen die Gedichte, hol uns hier raus. Darunter auch die Texte amorph oder sonntags II.

Ähnliches lässt sich auch bei Armin Göhringers Skulpturen sagen. Ich sah die Arbeiten und es war, als wär´s ein Stück von mir

sonntags II

das rechteck
auf augenhöhe
ein zeichen löst sich

setzt andere frei
ein sehgewitter leuchtet in

vergangene zeiten
dunkelste abendstunden

lichtüberworfener horizont

ein mantel formt
drehende wasser

und mittendrin
du

Ob Kunst oder Alltag – die ästhetische Wahrnehmung bleibt bei Werner K. Bliß wach

Bilder und Skulpturen inspirieren Dich zu Texten. Brauchst Du Ausstellung und Galerie, also den Kontakt zum Original, oder reicht schon das Foto eines Kunstwerks? Geschieht es auch umgekehrt, dass Du von einem Gedicht ausgehend ein Bild oder Kunstobjekt schaffst?

In der Abbildung des Gemäldes Reflection (What does your soul look like) von Peter Doig, welches eine Tageszeitung zur Ankündigung der Ausstellung auf die Titelseite setzte, erkannte ich bereits den Text in Rohform. Ich musste nur noch zu Stift und Papier greifen, dann am PC die Feinarbeit, – wie einst Michelangelo seine Werkzeuge für DAVID :-)

Werner K. Bliß - gedichttext "am straßenrand" zu m gemaelde "reflection" von peter doig

Aus Kindheitsbildern werden im Autor Sprachbilder

Schon als Kindergartenkind bekam ich höchste Aufmerksamkeit, wenn ich Nachbarn oder Kunden in unserem Friseurgeschäft aufgrund ihrer Stimme, Dialektverschiebung oder Sprachfehler, gestisch untermalt, nachahmen konnte. Über die gesamte Schulzeit erweiterte ich meine Entertainerqualitäten in Sachen Sprache.

Das war beim Vortrag Deiner Tinguely-Hommage gut zu erkennen :-)

Beim ruhigen Malen mit Musik entstehen Wortgedanken, kleine Verse, die ich notiere. Mal wird es zum Gedicht, bisweilen geht es verloren, kommt irgendwann wieder oder sackt als Sediment, als Humus, ab. Umgekehrt tauchen beim Schreiben Bilder auf, die malerische Fixierung fordern. Innere Dialoge, allemal.

Texte zu Werner Pokorny und zu den Bildern Christoph Meckels, der als Dichter auch zeichnete, bilden klassische Beispiele einer Transformation von Kindheitsbildern in Sprachbilder.

Werner K. Bliß zentriert gesetzter gedichttext "noch einmal"

Werner K. Bliß rechtsbündiger gedichttext "zurückschaukeln"

 

 

Generell gefragt: Wie bewahrst Du Dir die notwendige ästhetische Aufmerksamkeit im Alltag? Spielen hier auch Vorbilder aus Dichtung und Kunst eine Rolle, die Deine Inspirationsquelle immer wieder füllen?

Stellvertretend für zahllose Dichter/innen nenne ich Ernst Jandl, Reiner Kunze; Martin Kippenberger in der bildenden Kunst, ebenso Fischli / Weiss.

Da ich in Hausach wohne, bringt der alljährliche Hausacher LeseLenz, bei dem ich 2007 eingeladen war, Inspiration ganz besonderer Art. Ganz zu schweigen vom Alltag, der mir so vieles zufallen lässt. Ein Bild, ein Wort, gelesen oder gehört, ein Songfetzen, eine am Boden platt gewalzte, kaum noch als solche erkennbare Bierdose.

Aleph, das Rind – oder im Vers den Pflug wenden

Dein Gedicht vom ackerbau zur schrift gehörte mit amorph zu den Favoriten für die diesjährige Weihnachtskarte. Für mich ist dieses Gedicht die sinnliche Umsetzung des Begriffs Vers, der – vom lateinischen Wort vertere = drehen/wenden abgeleitet – gerade die Ackerfurche und jeweilige Wendung des Pfluges veranschaulichen soll.

In den erdfarbenen Bildern aus Deinem Zyklus gekämmte zeit bekommt dieses Urbild der Sprache zusätzliche Dimension. Greifst Du bestimmte Texte und Kunstwerke auf, um Themen mehrfach oder auch im anderen Medium auszudrücken und so den künstlerischen Dialog zu vertiefen?

Von Friedrich Kittler, den ich einmal bei einem Festvortrag erleben durfte, bekam ich die Vorlesung Vom Appell des Buches in die Hand. Ein Paukenschlag, ein Brückenschlag zu Arbeiten, die im Atelier mit dem Titel vom ackerbau zur schrift und zahllosen weiteren Arbeiten zum Thema Aleph, dem Rind, unserem ersten Vokal, entstanden. Später, bei einem erneuten Durchgang der Vorlesung, inklusive Sekundärliteratur, ging ich die vorhandene Brücke zurück. Zwei Gedichte zeigen die Wegstrecke.

Werner K. Bliß-Gedichttext "vom ackerbau zur schrift" zeilenlauf geht in mäandern von links nach rechts und wieder nach links zurück

 

Werner-Bliss-Mischtechnik-braun-blau-mit-Einsprengseln-weiss-prange

o.T., 2018; Mischtechnik auf Leinwand,18 x 23 cm;
aus dem Zyklus: gekämmte zeit

alleranfang

gezeitenwandel
erinnerungsflut

im
flussbett
der gedanken
steht das gezähmte vieh
kopf

Aleph

heißt uns trinken
von
den
anfängen

 Der Zugang zu fremder Kultur: portugiesische geschichte/n

Du hast längere Zeit in Portugal gelebt. Wie beeinflussten Dich die Sprache und Kultur des Landes in Deinem Kunstschaffen?

Elf Jahre nachdem die gut vierzigjährige Diktatur 1974 zu Ende gegangen war, kam ich in dieses kleine Land mit so großer Geschichte in jener Phase des Umbruchs. Erste Eindrücke, Portugals Geschichte und eine völlig neue Sprache standen vor mir. Das Meer, hilfsbereite, freundliche Menschen, krasse soziale Unterschiede, Postkolonialismus, Porto, wo ich lebte, Lisboa. Ausflüge in ländliche Bereiche. Fado, Saudade. Alle Sinne waren gefordert.

Das Buch der Unruhe von Fernando Pessoa, Der Judaskuss von António Lobo Antunes, portugiesische Musik, die Lieder José Afonsos stießen Türen für weitere auf. Der Output kam dann viel später, als ich wieder zurück in Deutschland war. Über den sieben Weltmeeren heißt eine zweiteilige Arbeit, die im Atelier entstand.

Bei Fixpoetry lassen sich einige Texte unter dem Titel portugiesische geschichte/n nachlesen. Mit  deutschen Romantiteln von António Lobo Antunes spiele ich im Gedicht lagos altstadt. In den Zeilen von ver o mar (das meer schauen) konnte ich wohl am eindrücklichsten ein Stück portugiesische Seele verdichten. Das Gedicht ist mit einem Bild von Rolf Hannes im Katalog Die Farben der Liebe zur Internationalen Kunstausstellung aus Anlass der EU-Erweiterung 2004 in Bitburg erschienen.

–  oder auch: Wie steht es um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit

Kannst Du in drei Stichpunkten zusammenfassen, was Dir immer wieder den Auftrieb gibt, mit Wort und Bild Brücken zu bauen und tiefere Zusammenhänge zu ergründen?

werner-bliss-tricolore-zyklus-gekaemmte-zeit

o.T., 2018; Mischtechnik auf Leinwand, 18 x 23 cm;
aus dem Zyklus: gekämmte zeit

Pflastersteine, die sich rufend aus dem Straßenpflaster lösen, bauten im Zusammenhang mit der Globalisierung eine Gedankenkette auf, die über Tage, Wochen, Monate meine Phantasie anregte. Über die Bedeutung der französischen Flagge, der Tricolore, gelang in einem wochenlangen Prozess eine Bodenarbeit, ( 3 x 150  x 100 cm ) mit dem Titel revolution verschoben. Parallel dazu entstand unter dem Titel gekämmte zeit ein Zyklus mit Triptychen in dreierlei Größen.

LIBERTÉ, ÉGALITÉ, FRATERNITÉ qu´est-ce que c´est aujourd´hui? Dann blicke ich schnell wieder auf eine ältere Brücke, früher gebaut:

französische feldzüge

bis verdun
großvater im ersten

im zweiten vater
bis brest

ich sammle
an pfingsten

mal
muscheln
mal
schnecken
mal

bretonisches lächeln

– im Alltag: Bilder werden zu Geschichten geflüchteter junger Menschen

Und es gibt noch drei weitere wichtige Stichworte. Denn Du hast im letzten Jahr engagiert mit jugendlichen Migranten in Deinem Atelier gearbeitet.

Ich unterrichtete mehrere Wochen Deutsch für geflüchtete junge Menschen. Diese nahm ich mit in meine Ausstellung Von der Ordnung der Dinge, die sich mit der damaligen Situation auseinandersetzte. Die jungen Leute waren betroffen. Ich bot an, mit ihnen zu arbeiten.

Über ein halbes Jahr trafen wir uns regelmäßig. Mein palästinensischer Freund Younis leistete dabei die notwendigen Übersetzungsdienste. So kamen jedes Mal einfache abstrakte Drucke mit Aquarellfarben und Holzstückchen einer zerstörten Obstkiste (Metapher Heimatland) zustande. Aus ihnen konnten die jungen Menschen zum Abschluss des Abends ihre konkreten Geschichten lesen und erzählen. Im Frühjahr 2017 beendeten wir die wunderbare Zusammenarbeit mit der Ausstellung: MIGRATION INTERAKTION INTEGRATION.

Vielen Dank für unser anregendes Gespräch!
[Das Interview fand im November 2018 statt.]

Nachtrag Oktober 2019: Im Pop Verlag Ludwigsburg ist inzwischen der Debütband des Dichters erschienen: Werner K. Bliß – Gekämmte Zeit. Gedichte. Die POP-Verlag-LYRIKREIHE Bd. 142

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:

 


Baustein 9: Ich – drei Buchstaben von Bedeutung

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

Artikel das lyrische Ich - schwarzgraue Illustration einer graphisch verspielten Augenmaske

Das lyrische Ich als Erfindung

Wer spricht im Gedicht? Blättern Sie in einer Anthologie und prüfen Sie es. Ist es die Autorin oder der Autor, wenn ein Ich redet, ins Wir wechselt, sich im Du spiegelt oder bedeckt im Hintergrund hält? Erfahren Sie Persönliches aus dem Leben der jeweiligen Lyriker/innen?

Eher nicht, denn gute Gedichte verfremden das Persönliche. So mag zwar ein biografischer Faden rekonstruierbar sein, doch für die Wirkung eines Textes bleibt er nebensächlich. Deswegen begeistern wir uns für die Lieder Sapphos, obwohl wir über ihr Leben kaum etwas wissen.

Selbst wenn in einem Vers der eigene Name steht, ist klar: Das Ich im Text ist der biografischen Realität enthoben. „Vom armen B. B.“ heißt ein berühmtes Gedicht. Obwohl sich der Autor in der ersten Zeile zu erkennen gibt, handelt es sich doch nur um die Stilisierung einer dichterischen Haltung: „Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.“ (1) Als lyrischer Doppelgänger des Dichters ist dieser Außenseiter eine Rolle. Entlehnt ist sie beispielsweise dem Bänkelsang des François Villon.

Der fiktive B. B. pfeift auf Moral und Gesellschaft. Dieses lyrische Ich provoziert, stellt bestehende Verhältnisse infrage und zeigt Lebensalternativen auf. Der Autor Bertolt Brecht nutzt die Rollenrede, um sein Publikum indirekt anzusprechen und zu beeinflussen. Wer im Gedicht spricht, ist immer eine Erfindung des Autors. Dieser „ist nämlich ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut […]; das lyrische Ich ist aber ein Textaspekt, dem man nicht die Hand schütteln kann.“ (2)

Das Erlebnisgedicht als Altlast

Seit Johann Wolfgang Goethe galt – und gilt vielerorts noch immer – das Erlebnis- und Stimmungsgedicht als Lyrik schlechthin. Persönliche Begegnungen und Ereignisse vermengen sich mit den dargestellten Gefühlen und sollen bei der Lektüre nachempfunden werden. Doch bereits Goethe wandte sich gegen diese Gleichsetzung durch „Anecdotenjäger „(3) und verwies auf die ästhetische Dimension seiner Texte: „Der Dichter verwandelt das Leben in ein Bild. Die Menge will das Bild wieder zu Stoff erniedrigen.“ (4)

Das Festhalten am Erlebnis- und Stimmungsgedicht verführte lange Zeit dazu, Autor oder Autorin und das im Text sprechende Ich in einen Topf zu werfen. Erst in den 1970er-Jahren begann man, bei der Textanalyse strikt die beiden Positionen zu trennen. Dabei hatte die Journalistin und Dichterin Margarete Susman bereits 1910 den Begriff des lyrischen Ichs als „kein gegebenes, sondern erschaffenes Ich“ (5) eingeführt.

Als Fazit gilt daher: Jedes Erlebnis, das zum Ausgangspunkt eines Gedichtes wird, ist Stoff. Dieser braucht jedoch Form und Bearbeitung. Nur so wird er zum vielschichtigen Textgewebe, mit dem auch LeserInnen ihre Vorstellungen verknüpfen.

Das Ich-Angebot an Leserin und Leser

„Wer ist [nun] das Ich im Gedicht? – Jeder, der es spricht.“ (6) Der Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer rät, „sich mit der schlichtesten und greifbarsten Grundlage zu begnügen: dem grammatischen ‚ich’, dem Personalpronomen.“ (7)

Anders als bei den Pronomina der dritten Person, die den Bezug auf ein Nomen benötigen, um zu wissen, wer mit er, sie, es gemeint ist, definiert sich das Ich durch den bloßen Akt der Äußerung: „ich ist, wer spricht.“ (8) Der Sprachwissenschaftler Émile Beneviste nannte das Ich-Pronomen daher ein „leeres Zeichen, […]“ das erst durch den Gebrauch im jeweiligen Diskurs eines Sprechers aufgefüllt werde. (9)

Mit dem lyrischen Ich haben Sie also eine Art Zauberformel zur Hand, die jeden und jede zur Identifikation einlädt.

Ich-Identitäten

Drei Buchstaben nur – und doch haben Sie es mit einem der wichtigsten Wörter der Lyrik zu tun: Ich. Manchmal tritt es in einer Nebenrolle auf und wird zum Objekt mir, mich oder zeigt mit mein ein ihm zugehöriges Detail an.

Mit diesen verschiedenen grammatischen Positionen können Sie in Ihren Gedichten spannende Akzente setzen. Denn bereits mit dem Kasus geben Sie Auskunft über den Stellenwert und Handlungsspielraum , den das lyrische Ich besitzt.

Tritt ein starkes Subjekt als Ich auf? Oder wechselt es in den Objektstatus und schmälert seinen Einfluss? Sind gar nur Teile des Ichs im Gedicht genannt, Zuschreibungen, die einen Ausschnitt betonen? Dann verliert das Ich noch weiter an Selbstbestimmtheit.

Zwei  Beispielgedichte mit unterschiedlichen Positionen des lyrischen Ichs

Markieren Sie in den beiden folgenden Beispielen alle Verweise auf ein lyrisches Ich. Wie präsentiert es sich?

Halb Schlaf

Für Uwe Johnson

Und wie in dunkle Gänge
mich in mich selbst verrannt,
verhängt in eigne Stränge
mit meiner eignen Hand:

So lief ich durch das Finster
in meinem Schädelhaus:
[…] (10)

Thomas Brasch, 1945–2001

Schnell wird deutlich, dass dieses Ich mit sich selbst uneins ist: mich in mich, mit meiner Hand bestimmen die erste Strophe. Als Subjekt tritt ich erst in der zweiten Gedichthälfte auf, um aber seinen Spielraum sofort einzuschränken: durch die Folgezeile in meinem Schädelhaus. Für die Aussage des Gedichts ist diese Rollengestaltung authentisch. Die Redefigur ist nur in Teilen präsent – wie es der Titel „Halb Schlaf“ ankündigt.

……………… einfache Sätze
. während ich stehe fällt der Schatten hin
Morgensonne entwirft die erste Zeichnung
…….Blühn ist ein tödliches Geschäft
… iich habe mich einverstanden erklärt
………………   ich lebe (11)

……………….Helmut Heißenbüttel, 1921–1996

Anders verhält es sich bei Helmut Heißenbüttel. Das dreimalige ich lässt Entschlusskraft spüren. Es unterstreicht die Klarheit, dem Tod ins Auge sehen zu müssen. Die Objektform mich deutet auf eine Integration. Alle Anteile des Ichs – Subjekt wie Objekt – verbinden sich im starken Schlussbekenntnis ich lebe zu einer Einheit.

Quellenangaben:

(1) Brecht, Bertolt: Vom armen B. B. In: Gesammelte Werke 8, Suhrkamp 1967, S. 261
(2) Bode, Christoph: Einführung in die Lyrikanalyse, WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier 2001, S. 164
(3) Goethe, Johann Wolfgang: Geheimstes. In: Der West-östliche Divan, dtv 1971, S. 28 f.
(4) Derselbe: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens / 16: Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit. Hanser 1985, S. 847
(5) Susman, Margarete: Das Wesen der modernen deutschen Lyrik, Strecker & Schröder 1910, S. 18
(6)-(8) Schlaffer, Heinz: Die Aneignung von Gedichten. Grammatisches, rhetorisches und pragmatisches Ich in der Lyrik, In: Poetica 1-2, S. 35-54
(9) Beneviste, Émile: Die Natur der Pronomen. In: Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft, List 1974. S. 279-286
(10) Brasch, Thomas: Halb Schlaf. In: Was ich mir Wünsche – Gedichte aus Liebe, Suhrkamp 2007, S. 31
(11) Heißenbüttel, Helmut: einfache Sätze. In: Textbücher 1-6, Klett-Cotta 1980, S. 5

Dieser Artikel erschien leicht abgewandelt in der „Federwelt“ (Nr. 127 Dezember 2017)

  • Foto: © marina99 | Depositphotos

Den zehnten und letzten Beitrag der Serie lesen Sie hier:

Diese Beiträge könnten Sie ebenfalls interessieren: