Baustein 7: Jedes Wort hat seinen Auftritt

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lyrische Rede als Inszenierung der Woerter -Foto mit leerer Buehne in Blau mit Scheinwerfern

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Die erste Zeile als „Vertragsschluß zwischen Leser und Gedicht“

Sie schreiben nur für sich im stillen Kämmerchen? Kaum! Ihr Gedicht richtet sich immer an eine Leserin oder einen Leser. „Was also in der allerersten Zeile eines Gedichts geschieht, könnte man als eine Art Vertragsschluß zwischen Leser und Gedicht bezeichnen: Ich akzeptiere all das, die Paradoxien, die Mühen des Unvertrauten, wenn du mir dafür etwas zurückgibst […].“ (1)

Um Ihr Publikum aufmerksam zu machen und zu berühren, müssen Funken überspringen: Rot grüßt die Azalee / den rebellischen Tag (2) Das von Rose Ausländer (1901–1988) im Titel angekündigte Fieber ist sogleich zu spüren. Bei Wolfgang Hilbig (1941–2007) wendet sich das lyrische Ich an eine Gruppe: laßt mich doch / laßt mich in kalte fremden gehen (3). Fühlen Sie sich als Leser/in bei dieser Aufforderung nicht unmittelbar angesprochen?

Ein unerwartetes Wort, ein Name, eine Frage zu Textbeginn: Das alles kann einen ersten Bann ausüben. Doch wie halten Sie Ihre neugierig gewordenen Leser/innen mehrere Strophen lang „im Gedicht“?

Überzeugungskraft durch Strategie

„Ist das lyrische Vorhaben ein glückliches, dann arbeiten Gefühl und Verstand völlig im Einklang.“ (4) Dichten mag zwar oft intuitiv vor sich gehen, doch die lyrische Rede ist immer auch inszeniert. „Jedes Wort hat seine Auftrittszeit.“ (5) Nur so kann es seine größte Wirkung entfalten.

Gedichte verlangen daher eine Struktur, einen Leitfaden bei der Lektüre, der die Aussage trotz poetischer Verfremdung zu entschlüsseln hilft. Vor allem gliedern Sie den Text durch Stilmittel und Bilder, über Zeilenlänge und Stropheneinteilung und stärken so seine Überzeugungskraft.

Sie betonen Schlüsselworte, heben Motive hervor. Gerade durch Wiederholungen machen Sie auf Schwerpunkte aufmerksam und lenken den Blick Ihrer Leser/innen. Sie gehen strategisch vor. Keine Bange! Auch als Lyriker/in brauchen Sie „die Vernunft nicht zu fürchten“. (6) Beharren Sie auf Ihrer womöglich noch ungewohnten Sichtweise und gewinnen Sie das gewünschte Echo: Zeile für Zeile und im Rückgriff auf rhetorische Mittel.

Gleichheit und Polarisierung – die zwangsläufig klare Aussage

Über das Bildfinden II

aber die sprache,
aber die sprache,
aber die sprache:

dies ständige, ständige,
vollständige fragment (7)

Thomas Kling, 1957–2005

Drei parallele Zeilen, bei denen sich nur die Satzzeichen ändern, geben – auch optisch – eine klare Gliederung vor. Die Sprache steht im Mittelpunkt. Das einleitende aber lässt einen Einwand anklingen, auch eine Verwunderung.

Die zunächst vertikal ausgerichtete Wiederholung in der ersten Strophe ändert sich in die horizontale Wortverdopplung ständige, ständige, die zu vollständige gesteigert wird. Doch in der Kombination mit fragment formuliert die Schlusszeile ein Paradox, das – siehe Titel – nicht nur den Widerstreit zwischen Sprache und Bild zeigt, sondern auch die stete Suche nach ihrem angemessenen Verhältnis zueinander. Einwand, Antithese, Alternative – sie gehen meist mit einer Wiederholungsstruktur einher – rufen zu einer klaren Stellungnahme auf.

Assoziation und Ironie – die Reflexion als Aufhebung des Standpunkts

vielleicht bißchen vielleicht bißchen Lerchenvogel:
Haubenlerche vielleicht, klug gefiedert zärtliche
Singlippe irgend Singvogel: Lerche die sehr
pirolt oder stutzt oder horcht mit Kopf und Flügel
oder zirpt oder sagt etwas aus der Luft […] (8)

Friederike Mayröcker, *1924

Was geschieht hier beim Lesen? Können Sie an einem wiederkehrenden Gestaltungsprinzip die Richtung der Aussage erkennen?
Eindrücke und Gedanken reihen sich (vielleicht, oder …) und werden in Wortteilen (Singlippe, Singvogel) locker verknüpft. Der Assoziationsfluss reißt die Leserin mit. Mayröcker fängt im Portrait des Dichters Franz Josef Czernin dessen Wesenszüge in sinnlicher Fülle ein. Es ist ein reflektierendes Vorgehen, das im weiten Gedankenraum unterschiedliche Facetten zu einer komplexen Einheit verschmilzt.

Mit Klammern relativieren

Hans Magnus Enzensbergers Gedicht lockt dagegen mit scheinbarer Ordnung. Verstecken sich in der Hierarchie der Klammern Hinweise auf eine Amtssprache? Oder sind es wie im Theater zur Seite gesprochene Kommentare? Der Mathematik nachempfundene Gleichungen sogar?

Hiermit wird [sagte die Stimme (leise) (nicht donnernd)
(von oben)] (im Rahmen der Allgemeinen Geschäfts-
bedingungen)
Herrn A.A. (wenngleich widerwillig) (doch ((halbwegs))
eingedenk
seiner {(((gerüchtweise) bekannten)) ((wenn auch
unklaren))} Verdienste)
[…] (9)

Hans Magnus Enzensberger, *1929

In diesem Labyrinth der Klammertypen entstehen Lücken. Offene Klammern schließen sich nicht. Worte / Wortteile stehen isoliert. In die sich gegenseitig relativierenden Aussagen mischen sich Ironie und Distanzierung. Hier wird etwas übertrieben und zugespitzt. Die verzerrende Aussage (durch Klammern) ergibt eine übergeordnete sprachliche Reflexionsebene. Diese Betrachtungsstufe zu erreichen, ist der Sinn des vertrackten Verfahrens und des mühsamen Lesens, das Enzensberger inszeniert hat.

Form als Ausdruck innerer Struktur

Die Ausrichtung Ihrer Aussage zeigt sich auch in der „äußeren“ Gedichtform. Bei freien Versen sorgt der variable Zeilenbau für Spannungsmomente: Mit Länge und Anzahl der Zeilen sowie mit Einrückungen gliedern Sie Gedankeneinheiten. Mit Ihrer Stropheneinteilung – gleich lang oder unregelmäßig –, beeinflussen Sie ebenfalls die innere Struktur und leiten so Ihre Leser an.

Dabei ziehen die traditionellen Gedichtformen engere Grenzen. These, Antithese, Synthese – diese drei Schlagworte dienen als bekanntes Muster, um die 14 Zeilen eines Sonetts in einen Disput zu bringen. Die beliebte Form, um 1230 am Hof von Kaiser Friedrich dem Zweiten in Palermo erfunden, lässt sich auch als Spiel mit Raum und Zeit verstehen. (10)

Rundblick und Schritt im Sonett – auf den Standpunkt kommt es an

Machen Sie die Probe aufs Exempel: Stellen Sie sich vor, in einem Zimmer zu stehen, dessen Wände reich bemalt sind. Erfassen Sie in einem Rundblick die vier Seiten und vermitteln Sie diese „Ansichten“ in den beiden Vierzeilern (Quartetten). Beim Übergang zu den Dreizeilern (Terzetten) – gleichsam mit einem Schritt aus dem Raum hinaus ins Freie – nehmen Sie einen anderen Standpunkt ein. Folge: Die bisherigen Ansichten kommen in Bewegung und lassen eine Neuorientierung zu.

Quellenangaben:

(1) Wagner, Jan: Ein Knauf als Tür. Wie Gedichte beginnen und wie sie enden. Carl Friedrich von Siemens Stiftung 2014, S. 32
(2) Fieber II. Ausländer, Rose. In: Im Aschenregen / die Spur deines Namens: Gedichte und Prosa 1976. Gesammelte Werke in acht Bänden. S. Fischer 1984, S. 27
(3) ‚laßt mich doch’. Hilbig, Wolfgang. In: abwesenheit. S. Fischer 1979, S. 7
(4) Der Lyriker braucht die Vernunft nicht zu fürchten. Brecht, Bertolt. In: Gesammelte Werke 19. Schriften zur Literatur und Kunst 2. Suhrkamp 1967, S. 392
(5) Grünbein, Durs: Vom Stellenwert der Worte. Frankfurter Poetikvorlesung 2009. Suhrkamp 2010, S. 53
(6) siehe Anmerkung (4)
(7) Über das Bildfinden II. Kling, Thomas. In: Gesammelte Gedichte 1981-2005. DuMont 2006, S. 906
(8) Portrait Franz Josef Czernin. Mayröcker, Friederike. In: Mein Arbeitstirol. Suhrkamp 2003, S. 25
(9) Klammergedicht. Enzensberger, Hans Magnus. In: Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen. Suhrkamp 2003, S. 46 f.
(10) Fiechter, Hans Paul: Lyrik lesen. Grundlagen einer praktischen Poetik. Freies Geistesleben 1995, S. 217 ff.

  • Dieser Artikel ist in der Federwelt Nr. 121 Dezember 2016 / Januar 2017 erschienen.
Weitere Beiträge zum Wort finden Sie hier:


Dichten, ganz praktisch: Ihre Wortkunst im Blick

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Nehmen Sie Stellung zu Ihrem lyrischen Schaffen!

In der Federwelt (Nr. 129 April / Mai 2018) geht es mit dem zehnten Lyrik-Baustein weiter. Dort steht Ihre Leserschaft im Mittelpunkt. Um zu wissen, wie und wo Sie Ihr Publikum erreichen, hilft in einem ersten Schritt die Bestandsaufnahme: der Blick auf Ihr eigenes Schreiben.

„du kannst es nicht zählen, nicht fertig / benennen, das Gedicht ist ein Sieb, / in die Fremde gehalten […]“ *. Wie Ron Winkler (geb.1973) reflektieren Autor/innen seit Jahrhunderten ihre Wortkunst und suchen eine Antwort,

  • was ihnen das Schreiben bedeutet,
  • wie Verse entstehen oder
  • was Dichtung bewirkt.

Schließen Sie sich dieser Tradition an. Beziehen Sie in einem Gedicht Stellung zu Ihrem lyrischen Schaffen, indem Sie eine der drei Fragen aufgreifen.

Das Thema ist immer aktuell, auch über eine inzwischen verstrichene Einsendeaufgabe hinaus. Legen Sie einfach vor sich selbst Rechenschaft ab und machen Sie sich klar, wo Sie stehen und wie Sie mit Ihren gedichten und mit Ihrem Schreibstil konkret, zumindest konkreter vorgehen können, um Zuhörer und Leserinnen zu gewinnen.

* Winkler, Ron: kleine maritime poetik. In: vereinzelt Passanten. kookbooks 2004, S. 48

Von der eigenen Wortkunst weiter zur Leserschaft

Wie Sie Ihren Leser/innen weiter auf die Spur kommen können, verrät Ihnen auch die folgende Checkliste mit ihren drei Arbeitsschritten. Laden Sie die PDF-Datei entweder hier herunter oder klicken Sie für den Download auf das Bild unten:

Wortkunst die Reflexion zum eigenen Schreiben als Ausgangspunkt zur Leserschaft | Download-Ankündigung


Die Dichtkunst in ihrer Komplexität ins Bild übersetzt – Johanna Kuppe hat gewonnen

„nicht glauben den worten“, so beginnt Johanna Kuppe ihr Gedicht, mit dem sie sich auf der Gedichtbühne präsentiert. In sechs kompakten Zeilen bringt Die Autorin ihre Dichtkunst auf einen Nenner. Die scheuen „wortschwalben“ finden bei der Lyrikerin „schützenden“ Raum. Sie können das Gedicht in der Federwelt-Ausgabe Nr. 131 lesen.

  • Weitere Texte von Johanna Kuppe finden Sie auch im Blog hier oder hier.


Der Blick zurück auf das lyrische Ich und den dazu passenden Schreibimpuls

[Der Beitrag wurde aktualisiert]