9. August 2017

Baustein 2: Wörter als lyrischer Werkstoff

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

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Wörter und Wortarten – anders als in der Alltagssprache

Im Atelier eines Bildhauers sehen Sie es sofort: Die Skulptur entsteht, indem der Künstler sie aus dem Rohstein herausschlägt. Das ist Knochenarbeit und setzt das Wissen um die Eigenschaften dieser Gesteinsart voraus. Und überhaupt – wählt er Basalt, wählt er Marmor?

Beim Dichten vergessen wir durch den Alltagsgebrauch der Sprache oft, dass sie ebenfalls Ausgangsmaterial ist, das erst Verwandlung braucht. Auf welche Wörter greifen Sie also zurück? Wie gut kennen Sie Ihren Werkstoff? Das lyrische Handwerk kommt hier ins Spiel.

Die drei grundlegenden Wortarten – Substantiv, Verb und Adjektiv – bilden das Ausgangsmaterial für Ihre Gedichte. Wie Sie bereits aus der Zutatenliste für Gedichte und aus dem ersten Baustein wissen, setzt die lyrische Sprache auf Lücken. Sie braucht Klarheit, aber nicht die Eindeutigkeit der Alltagssprache, die auf ein direktes Verstehen angewiesen ist.

Im Gedicht befreien sich die Wörter von festgelegten Bedeutungen und können so ungewohnte Verbindungen eingehen. Nicht fest verfugte Sätze, sondern mehr oder weniger lose Wortreihen und Satzfetzen, absichtliche Wiederholungen oder Gegensätze bauen eine neue Syntax auf, in der das Sprachmaterial seinen poetischen Zauber entfalten kann. Die verschiedenen Wortarten setzen dabei spezifische Akzente in Ihrem Gedicht.

Der Nominalstil für flexiblen Worteinsatz 

Hätten Sie das gedacht? Den Substantiven kommt beim Dichten die Favoritenrolle zu. Lassen Sie mit vielen Hauptwörtern den Nominalstil überwiegen, erreichen Sie größere Abstraktion. Denn sie lassen sich leicht aus dem gewohnten Satzbau herausreißen und isolieren. So ziehen sie – oft in loser Reihung – die Assoziationen des Lesers auf sich.

Brille, Buch, Uhr liegen /
neben dem Bett wie Notizen, /
[…] [1]

Hendrik Rost, *1969

Die dänische Dichterin Inger Christensen (1935-2009) vergleicht Substantive mit einem Kristall, der zwar Wissen in sich abkapselt, uns jedoch zugleich Perspektiven eröffnet:

Seide ist ein Substantiv. Substantive sind sehr einsam. Sie sind wie Kristalle, […] betrachte sie genau in all ihren Graden der Durchsichtigkeit. […] Schreib [das Wort Seide] auf ein Stück Papier, und es bleibt unbeweglich stehen, aber deine Gedanken und Gefühle sind schon unterwegs zu den fernsten Winkeln der Welt. [2]

Ein Vorteil für die lyrische Aussage – Wortarten gehen ineinander auf

Oft übernimmt auch ein Verb in seiner Grundform diese Funktion (siehe unten: im gehen). Kommt hinzu, dass der Dichter generell kleinschreibt, verschwimmen die Grenzen der Wortart. Ob ein Substantiv oder ein Verb vorliegt (tritt//… hervor), klärt sich nicht immer eindeutig und kann feine Sinnverschiebungen ergeben.

klare abende im gehen. /
die stufen im kies /
an den füßen tritt /
die mechanik der steine /
noch einmal hervor /
[…] [3]

Lutz Seiler, *1963

  • Tipp: Prüfen Sie, ob Substantive (vor allem im Singular) nicht zu abgehackt wirken, wenn Sie auf den Artikel verzichten.

Die anhänglichen Adjektive – nur bedingt geeignet für die lyrische Sprache

Im Verbund mit den Substantiven tauchen in der Alltagssprache oft Adjektive auf. Während sie hier eine Sache lebendig ausmalen, hängt ihnen lyrisch ein schlechter Ruf an. Die Dichterin Ulla Hahn (*1945) geht hart mit ihnen ins Gericht und nennt sie „emotionales Schmieröl“, vor dessen Einsatz man sich hüten solle. [4]

Vorschnell nehmen Adjektive die Substantive in Beschlag und schränken so bei der Gedichtlektüre den Raum für Assoziationen ein. Setzen Sie daher die „anhänglichen“ Eigenschaftswörter bewusst und vor allem gegenläufig zu stereotypen Verbindungen (wie blauer Himmel, schwarze Nacht et cetera). Oft hilft es, Adjektive hinter ihr Bezugswort zu stellen. Dadurch sind sie ebenfalls isoliert und aus der Verklammerung gelöst. Zudem kann sich – wie in den folgenden Zeilen – über den Umbruch hinweg sogar eine neue Wort- und Gedankenverbindung ergeben:

[…]
Äpfel rot /
Blühendes Herbstblatt /
[…] [5]

Marie Luise Kaschnitz, 1901-1974

Möglich ist auch, kontroverse Adjektive oder Wortkombinationen aneinanderzureihen. Das Oxymoron ist ein Stilmittel, das auf extremen Widerspruch setzt: Schwarze Milch (Paul Celan, 1920-1970), Sachliche Romanze (Erich Kästner, 1899-1974) oder traurigfroh (Friedrich Hölderlin, 1770-1843).

  • Tipp: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Leser/innen mit eigenen Vorstellungen in einen „offenen“ Text einsteigen können: Vermeiden Sie das Auschmücken Ihrer Verse durch unnötige Adjektive, Adverbien oder Füllwörter.

Mit Verben beschleunigen und Gefühle ansprechen

Tätigkeitswörter vervielfältigen sich ins Uferlose. Sie lassen sich nicht nur in den Dienst unterschiedlicher Personen (ich, du, er/sie/es, wir, ihr, sie) stellen, sondern durchwandern sämtliche Zeitebenen und Möglichkeitsformen.

[…]
ich liebe den Herbst er /
wittert, posaunt die Farben heraus, brennt /
[…] [6]

Friederike Mayröcker, *1924

Verben bringen so nicht nur eine Fülle, sondern auch Bewegung ins Gedicht, die häufig auf das Tempo Einfluss nimmt, beschleunigt und sich dazu eignet, starke Empfindungen zu vermitteln.

Im ausgefeilten Wortspiel mit geringfügigen Nuancierungen – Wortfamilien bieten sich dafür an – kann eine solche Ansammlung durchaus gewünschte Irritation hervorrufen. Denn so folgen Ihre LeserInnen Ihren Zeilen aufmerksamer. Texte mit einem Übergewicht an Verben entwickeln meist einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

[…]
ich bin würde ich nicht sein wäre ich /
war ich nicht werde ich sein bin ich nicht /
[…] [7]

Günther Schulz, *1946

Poetische Neuwortbildungen, um  den Werkstoff Sprache zu erweitern

Seepferdchen und Flugfische betitelt der Dadaist Hugo Ball sein Gedicht. Welche Wortart würden Sie folgenden Klanggebilden zuweisen?

tressli bessli nebogen leila /
flusch kata /
[…]

Hugo Ball, 1886-1927

Poetische Neuschöpfungen müssen nicht immer so extrem ausfallen, dass der Klang jede Wortart außer Kraft setzt. Doch sie stechen aus einem Gedicht heraus und verdeutlichen, dass die Lyrik in unentdecktes Sprachgebiet vordringt.

Zwei Verfahren für Neuwortschöpfungen

  • Verschmelzen Sie mehrere Wörter. Else Lasker-Schüler versinnbildlicht so in Ein alter Tibetteppich die Seelenverwobenheit der Liebenden und unterstreicht die Intensität der Beziehung bereits optisch:

[…]
Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit /
Maschentausendabertausendweit. /
[…]

Else Lasker Schüler, 1869-1945

  • Umgekehrt lassen sich Wörter verkürzen, durch den Umbruch aufspalten oder im Klang stark einfärben. Thomas Kling setzt in seinem Werk auf das „Hörbarmachen der Texte, also in der Performance“. Dafür müsse alles dem Gedicht eingeschrieben sein. [8]

[…]
ATEM-SCHUTZ-GERÄTE-TRÄGER-LEHRGANG was /
für ssauntz! unter pokalen, fuß- /
balltrophäen die azurminiträgerin the- /
knblond. – GERÄTETRÄGERLEHRGANG IN A. /
[…] [9]

Thomas Kling, 1957-2009

Auch wenn Sie in Ihren Experimenten weniger weit gehen, sammeln Sie mit neu gebildeten Worten Erfahrungen und lernen Ihren Werkstoff kennen. Sie spüren, wie die Sprache sich „unter ihren Händen“ formt – und sich Ihnen widersetzt oder fügt. Wichtig bleibt, dass Ihre Worterfindung in den Sinnaufbau Ihres Gedichts eingebettet ist, zugleich aber genug Spielraum hat, als Besonderheit zu wirken.

Im Baustein zur lyrischen Bildsprache werde ich das Thema nochmals aufgreifen. Denn auch im gleichzeitigen Ansprechen verschiedener Sinne entstehen Neuschöpfungen: Golden wehn die Töne nieder, dichtet Clemens Brentano (1778-1842). Wem die Beispiele von Hugo Ball oder Thomas Kling zu ungewohnt sind, wird mit diesem Vers, der die Sinne verschmilzt, wahrscheinlich versöhnt sein.

 


Die Qualität Ihres poetischen Handwerks zeigt sich im gelungenen Vers.
Dazu gehört, dass Sie es unserer Zeit entsprechend anwenden.

  Für das zeitgenössische Schreiben sind die folgenden Formen tabu:

  • Der vorangestellte Genitiv – des Königs Palast, (des) Mannes Mut – spart in Versen, die ein bestimmtes Maß erfordern, Silben. Verwenden Sie diese Genitivform nur vereinzelt und verzichten Sie zugleich auf weitere konventionelle Mittel.

→ Ersatz kann die zusammengesetzte Form sein (Königspalast) oder ein Enjambement, das die Stellung trennt (Mut des/ Mannes).

  • Das Partizip Präsens – kommend, singend – lässt sich mühelos isolieren und verknappt so Sätze. Doch auch diese Form wirkt antiquiert, mehr noch – sie macht den Text schnell schwerfällig.

→ Ein einfacher Infinitiv oder ein Präpositionalgefüge schaffen Abhilfe.

  • Er blühet, schweiget – diese Formen gehören der Vergangenheit an.

→ Eine „Überlebenschance“ besteht nur bei stilistischer Verfremdung und Ironisierung.


  • Quellenangaben:

[1] Schlaflosigkeit III. Rost, Hendrik: Im Atemweg des Passagiers. Wallstein 2006. S. 34
[2] Christensen, Inger: Der Geheimniszustand und das „Gedicht vom Tod“. Essays. Carl Hanser 1999. S. 32
[3] heimleuchten. Seiler, Lutz: im felderlatein. Suhrkamp 2010. S. 48
[4] Hahn, Ulla: Klima für Engel. Deutscher Taschenbuchverlag 1993. S. 111
[5] Wenn aber die Kinder. Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke. Bd.5. Insel 1985. S. 281
[6] Furor: Klage Anklage Ohnmacht. Mayröcker, Friederike: Gesammelte Gedichte (1939-2003). Suhrkamp 2004. S. 460
[7| Hamlet-Monolog. Schulz, Günther: Rezensierte Gedichte. LCB-Editionen 24. Literarisches Colloquium 1971. S. 23
[8] Balmes, Hans Jürgen: Lippenlesen, Ohrenbelichtung. Ein Gespräch mit Thomas Kling. Text + Kritik 147 / Thomas Kling. Richard Boorberg Verlag 2000. S. 15
[9] taunusprobe. lehrgang im hessischn. Kling, Thomas: Gesammelte Gedichte 1981-2005. DuMont 2006. S. 229

 

Dieser Artikel ist leicht abgewandelt in der Federwelt (Nr. 114 Oktober/November 2015) erschienen. Hier können Sie gleich weitere „Bausteine“ lesen:


1. August 2017

Zaubern Sie mit Klang – und dichten Sie, ganz praktisch!

Kategorien: Schreibimpulse — Tags: , — Michaela Didyk

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Auf Klangspuren unterwegs

In der aktuellen Federwelt (Heft 4/2017) ist ein neuer Lyrik-Baustein erschienen: Nummer 8 – Auf Klangspuren unterwegs. Die Zahl Acht passt genau, symbolisiert sie doch Bewegung und schafft in ihren beiden Kreisen – dem Wechsel von Ein- und Ausatem ähnlich – Harmonie zwischen scheinbar gegenläufigen Energien. Wenn sich Rhythmus und Atem, lauter / Laut werdend, zu Silben und Worten verbinden, ist auch der Klang nicht mehr weit. Melodien entstehen, färben sich „gefühlvoll“ und nisten sich beim Lesen subtil ein. Mit dem Klang zu arbeiten, gehört daher für Lyriker/innen zum Pflichtprogramm.

Für Sie kann es jedoch Wettbewerb und Spiel bedeuten. Zumindest wenn Sie bei der Ausschreibung mitwirken, die den einzelnen Bausteinen in der Federwelt immer beigefügt ist. Dieses Mal sind Sie aufgerufen, in Ihrem Gedicht Klangspuren nicht nur zu folgen, sondern auch Ihre Leser/innen auf diese Klangreise mitzunehmen.

Die Route ist folgendermaßen vorgegeben:

  • Verfassen Sie ein Gedicht in freier Themenwahl. Arbeiten Sie bewusst auf der Klangebene und achten Sie auf das Zusammenspiel von: Vokalen, Wortlänge, Silbenbetonung, Zeilenbau und Pausen.
  • Soll sich für ein Liebesgedicht eine melancholisch verhaltene Melodie ergeben oder eine zum Himmel hoch jauchzende? Benötigen Sie für eine Reflexion Pausen? Für einen politischen Aufruf den Marschrhythmus?
  • Stimmen Sie sich mit einem passenden Musikstück ein und singen oder summen Sie mit: Welche Töne / Laute drängen sich vor? Wie fließt der Atem? Verlangsamt oder beschleunigt sich der Herzschlag?


→ Möchten Sie das Ergebnis Ihrer Arbeit Anke Gasch, der Chefredakteurin der Federwelt, schicken? Das können Sie gern hier gleich mit Klick per Mail tun –
bis zum 20. August 2017.

PS : Schicken Sie bitte Ihr Gedicht direkt an Frau Gasch. Nochmals die Adresse sichtbar zum Notieren: anke.gasch@federwelt.de


Was Ihnen der Klang beim Dichten, ganz praktisch bringt

Ich wähle aus den eingegangenen und mir von Anke Gasch anonym weitergeleiteten Texten ein Gedicht aus, das in einer der nächsten Ausgaben der Federwelt veröffentlicht wird.*

Als „Lohn“ dafür erhalten Sie meine Impulsreihe Lyrik auf Alltags-Kurs. Dieser E-Mail-Kurs inspiriert Sie einen Monat lang zum regelmäßigen Dichten. Er eröffnet Ihnen dabei Wege, Ihre Wahrnehmung für poetische Themen just im Alltagsgetriebe zu schärfen: Ihre Professionalität als Autor/in wird herausgefordert – und gewinnt dazu.

* Die Federwelt-Redaktion behält sich vor, lediglich Auszüge aus dem Gedicht zu veröffentlichen, sollte der Umfang Ihres Gedichtes über 1000 Zeichen inklusive Leerzeichen liegen.

  • Foto: © fangol | freeimages.com


29. Juli 2017

Lyrik-Baustein 3: Mit rhetorischen Figuren die Aussage verdichten

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

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Gedichte wollen aus der Schublade „hinaus in die Welt“. Das liegt in der Natur der Sprache als Kommunikationsmittel. Sie meinen, Sie schreiben für sich selbst? Irrtum, Ihre Texte zielen bereits auf ein Publikum. Für diesen Brückenschlag zur Leserschaft bieten sich die sprachlichen Stilmittel oder Figuren an. Der dritte Lyrik-Baustein sorgt daher für die Klarheit und Ausrichtung Ihrer Aussage.

Oft nutzen Sie Stilmittel schon intuitiv. Mit ihnen strukturieren Sie Ihre Verszeilen, die –  im Satzbau poetisch gelockert – nach einer Neuordnung verlangen. Gleichzeitig dient Ihnen das seit der Antike entwickelte Instrumentarium, Ihre Leser/innen zu lenken, wie sie Ihr Gedicht deuten sollten.

Mit Stilmitteln Schwerpunkte setzen

Zu den rhetorischen Figuren zählen alle mehr oder weniger beabsichtigten Sprachgestaltungen, die ein Textelement hervorheben und in der Wirkung betonen. Sie gliedern das Sprachmaterial meist durch Wiederholung und Gegensatz. Auf diese Weise zieht sich ein roter Faden durch das Gedicht, der den Sinnaufbau leitet. Oft überlagern sich sogar mehrere Figuren, sodass sich die Aussage an solchen Knotenpunkten intensiviert und Leserinnen und Zuhörer in den Text „zieht“.

Kein Räderspiel /
kein Wagenprellen /
kein Seiltanz mehr /
[…] [1]

Kurt Küther, 1929 – 2012

  • Am Beispiel verdeutlicht

Dreimal wiederholt Kurt Küther das Anfangswort (Anapher). Zeile für Zeile hängt er in gleicher Bauweise ein anderes Substantiv an (Parallelismus). Die losen Satzfetzen – optisch schon auffallend – kommen schnell zueinander in Bezug.

Die drei Zeilen steigern sich sogar in der Abfolge (Klimax). Der Dichter spitzt die Strophe auf das Wörtchen „mehr“ zu, das aus allem Gleichlauf herausfällt. Es verschwindet fast im massiven Block oder soll sich vielleicht – so einzeln gesetzt – gerade behaupten.

Im Gegensatz zum vorgeführten Stillstand, so kann man deuten, gab es früher wohl eine Bewegung („kein … mehr“). Der Verlust löst in der mehrfachen Wiederholung und Figuren-Kombination auch eine Emotion aus.

Doch geht es nur um Rückschau? Oder steckt im Strophenschluss „mehr“ noch eine zweite Botschaft? Dass es nämlich mehr gab. Etwas, das nicht gleichgeschaltet war. Eine Quantität, die auch zur Qualität werden kann, schwingt mit. Die Strophe bleibt nicht bei der Erinnerung, sondern öffnet den Blick für Alternativen, die beim Lesen nachdenklich machen.

Die Vielfalt rhetorischer Figuren

Rhetorische Stilmittel begegnen Ihnen auch im Alltag: Die Werbung nutzt sie, Politiker verwenden sie in ihren Reden. Sobald ein Ziel kraft Überzeugung erreicht werden soll, sind Figuren im Einsatz. Die Lyrik holt allerdings weiter aus.

Denn Stilmittel helfen Ihnen, mit wenigen Worten komplexe Zusammenhänge herzustellen. Sie inszenieren Ihren Text, damit sich die spezifische Aussage aus vielerlei Deutungsmöglichkeiten herauskristallisiert. Indem Sie Wörter und Satzteile wiederholen, tasten Sie sich in unbekanntes „Sprachland“ vor. Auf diese Weise ändern Sie gebräuchliche Wortbedeutungen, erfinden Sinnzusammenhänge.

Wenn Sie also wiederholen oder variieren, auf Gegensätze zurückgreifen, geben Sie Ihren Leser/innen Anhaltspunkte. Sie markieren eine Spur, auf der man Ihrem Text folgen und ihn verstehen kann.

  • Die rhetorischen Stilmittel in vier Gruppen gegliedert

Auf welchen Gestaltungsebenen Sie Ihr rhetorisches Werkzeug einsetzen können, zeigt Ihnen ein Überblick über die vier grundlegenden Figurengruppen: [2] Weiterführende Links zu Stilmittel-Sammlungen finden Sie am Schluss des Beitrags.

  • Wortfiguren stärken oder schwächen ein Wort in seiner Wichtigkeit für die Aussage: Nachdruck (Emphase) oder Untertreibung (Litotes)
  • Satzfiguren regeln die Position von Wort und Satzglied, halten unterschiedliche Wortverbindungsarten bereit, häufen Wörter oder sparen sie ein: Stilmittel sind die Unverbundenheit (Asyndeton) und Vielverbundenheit (Polysyndeton), die Auslassung (Ellipse), Stufenfolge (Klimax), der Gleichlauf (Parallelismus) und  die Überkreuzstellung (Chiasmus), schließlich die Umkehrung der üblichen Satzstellung (Inversion)
  • Gedankenfiguren bestimmen die Satzform, aber auch wie Sie Ihre Kernbotschaft – direkt oder verschleiernd – aufbauen: Rhetorische Frage und Gegensatz (Antithese) stehen Ihnen zur Verfügung.
  • Klangfiguren bauen auf Wiederholung. Durch Gleichlaut oder Doppelung kurzer Spracheinheiten können Sie die Versmelodie modulieren: Die Wiederholungen von Wort- und Satzteilen finden Sie am Anfang beziehungsweise Ende der Verszeilen (Anapher und Epipher), der Anlautreim (Alliteration) kann einzelne Passagen oder das gesamte Gedicht durchziehen.

Durch den Einsatz der Stilmittel Leser/innen beeinflussen

Anapher, Parallelismus und Klimax haben Sie bereits in Kurt Küthers Strophe kennengelernt. Sie können dort mit der losen Reihe der Kurzzeilen noch die Figur der Unverbundenheit hinzufügen, sowie die Ellipse, die auf alles Unwichtige im Satz verzichtet. Die Tote Zeche, die der Autor laut Gedichttitel darstellt, ist klar umrissen. Der reduzierte Satzbau passt zur Stilllegung. Beide Stilmittel beschleunigen zudem den Sprachfluss und verstärken die emotionale Wirkung.

und weiß und Schnee und mitten im Sommer /
Papptellers Spuren und Wischtuch Kufen und Tassenrand /
[…] /
…….auf weißem /
Tuch, und ach wie die Augen baden im salzigen Quell, usw. [3]

Friederike Mayröcker, *1924

Insgesamt elfmal das „und“ (Vielverbundenheit) setzt Friederike Mayröcker in ihrem Gedicht. Sie lässt die Leser/innen am Assoziationsstrom teilhaben, der – ausgelöst durch einen Pappteller – einen Augenblick reflektiert.

In der und-Verkettung unterschiedlicher wie auch gegensätzlicher Dinge entsteht eine Botschaft, die von subjektivem Empfinden getragen wird. Ihre Ausrichtung scheint sich in der Fülle der Gedanken immer wieder zu verlieren. Doch diese, durch die Figur angelegte, Offenheit lädt gerade bei der Lektüre ein, eigene Erfahrungen mit einem weiteren „und“ anzuschließen.

„ach wie die Augen“ setzt emphatisch einen Ausruf. Aber auch dieser Gefühlsausdruck relativiert sich, vor allem durch das banalisierend angefügte „usw.“ am Gedichtende.

  • Der Lyrik-Baustein, der Ihrem Gedicht zu wirkungsvoller Struktur verhilft

Wollen Sie Ihre Leser/innen in Stimmung versetzen, einen Dialog anregen? Möchten Sie schockieren? Soll Humor zum Ziel führen? Ob Sie Ihr literarisches Gegenüber subtil beeinflussen oder – mit Fragen beispielsweise – direkt ansprechen, – ein reicher Fundus an Figuren wartet auf Sie, um die Wirkung Ihrer Aussage zu steuern:

Zikade zuwenig? Zikade zuviel? /
Wer zählt die Stimmen /
………………………………….unterm Basalt /
im Geröll in den Sümpfen /
in den Savannen die Stimmen /

[…] [4]

Hans Magnus Enzensberger, *1929

Anapher und Klimax, die gerne mit Parallelismus einhergehen, gehören zu den meistverwendeten Figuren. Die  Satzanfänge können sich dabei ebenso innerhalb einer Zeile wiederholen.

Auf zweifach „Zikade“ folgt allerdings ein Gegensatz („zuwenig … zuviel“), der in dieser Verdichtung zu einer Stellungnahme auffordert. Ob das in der fest verfugten Ausgangslage gelingt? Denn Enzensberger verschmilzt die Doppelfrage mit dem  Anlaut Z zu einer Klangeinheit, die sich über die Anfangszeile hinaus fortsetzt und mit S/St variiert (Alliteration): Die Zikaden sind deutlich zu hören.

Um „Stimmen“ geht es auch am gleich endenden Versschluss (Epipher). In der Wiederholung verändert sich die Stellung im Satz (Inversion) und zieht eine leichte Überkreuzung (Chiasmus) – einmal „Stimmen“ in der Satzmitte, dann am Satzende – nach.

Unser Blick richtet sich an diesen auffällig gesetzten Worten und Stellen anders aus: Wir folgen den Zeilen nicht nur von links nach rechts, vorwärts oder rückwärts, sondern „verweben“ den Text in Querverbindungen. So entstehen Hinweise auf eine Deutung. Die komplex vermittelte Situation wird transparent, und es eröffnen sich Perspektiven, die neue Wort- und Sinnzuordnungen zulassen.

  • Quellenangaben und Links zu Stilmittel-Sammlungen

[1] Tote Zeche. Küther, Kurt: Ein Direktor geht vorbei. Peter Hammer, 1974, S. 45
[2] Vgl. Braak, Ivo: Poetik in Stichworten. 8. Auflage. Ferdinand Hirt, 2001, S. 53
[3] auf einen Pappteller. Mayröcker, Friederike: Mein Arbeitstirol. Suhrkamp, 2003, S. 82
[4] Zikade. Enzensberger, Hans Magnus: Verteidigung der Wölfe. [Gedichte. 6 Bände in Kassette]. Suhrkamp, 1999, S. 9

www.wortwuchs.net
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