19. November 2017

Baustein 6: Die Wirkung gebundener Sprache

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

Wirkung gebundener Sprache Versmass Rhythmus Martin Opitz und Eichendorff - Reihen mit Kreisen aus Notenlinien und Noten

© sntpzh | Depositphotos

Ist Ihre poetische Sprache von strengen Regeln bestimmt, indem Sie mit Rhythmus und Versmaß, teils auch Reim und Strophenform arbeiten, spricht man von gebundener Rede. Während in der Prosa Wortbetonung, Sprachmelodie und Tempo eher zufällig aufeinandertreffen, ist im Gedicht alles absichtsvoll gestaltet. Wer träumt da beim Lesen der „Mondnacht“ nicht gleich mit?

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus. (1)

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Die moderne Dichtung hingegen bevorzugt den freien Vers. Reim und regelmäßiges Metrum gelten als Fessel. Oder doch nicht?

ein zuckerwürfel und ein büschel gras;
ein wind auf schwarzer wiese, wo ein hund
die bäume scheuen läßt. […] (2)

Jan Wagner (*1971)

Vielleicht ist wie in Wagners Blankversen* nur Erfindergeist nötig, um den konventionellen Klang gebundener Rede zu vertreiben. Auch Bertolt Brecht (1898–1956) schlug diesen Weg ein: „Ich brauchte Rhythmus, aber nicht das übliche Klappern.“ Allerdings lag für Brecht in der freien Handhabung des Verses „die große Verführung zur Formlosigkeit“. (3) Davor hatte schon Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) gewarnt: „Es scheint beinahe niemand mehr zu wissen, daß das [rhythmische Gefühl] der Hebel aller Wirkung ist.“ (4)

Auf Versfüßen unterwegs

Der Barockdichter Martin Opitz (1597–1639) reformierte die deutsche Dichtersprache. Der Versakzent und die natürliche Betonung eines Wortes sollten von nun an übereinstimmen. Machen Sie die Probe aufs Exempel! Denn wie hört sich dieser Blankvers an, wenn Sie nur auf das Metrum achten: ein unwetter auf der wiese, wo ein?

Opitz forderte, das Versmaß streng einzuhalten. Er favorisierte vier gängige Taktarten aus der antiken Dichtung, auch Versfüße genannt. Diese dienen als kleinste feststehende Einheit, um beliebige Versformen aufzubauen. Den zweisilbigen Versfüßen, dem Jambus |XX| (Gedicht) und Trochäus |XX| (Dichtung) gab Opitz den Vorrang. Betonte Silben (Hebungen) und unbetonte (Senkungen) folgen hier exakt aufeinander, sie alternieren. So ergeben sie eine gleichmäßige Melodie, die je nach Versanfang (unbetont/betont) heitere oder düstere Stimmung vermitteln kann.
Die beiden dreisilbigen Taktarten bringen mit zwei unbetonten und schneller gesprochenen Silben kraftvolle Bewegung: Der Anapäst |XXX| betont die dritte Silbe (analog), der Daktylus |XXX| die erste Silbe (freudige).

Im „Baukastensystem“ zum Vers

Regelmäßige Verse zeichnen sich durch eine festgelegte Anzahl und Abfolge von Versfüßen aus. Eichendorff legt der „Mondnacht“ einen dreihebigen Jambus zugrunde. Der vierhebige Trochäus bestimmt die folgenden Zeilen Heinrich Heines (1797–1856): „In dem Traum siehst du die stillen / Fabelhaften Blumen prangen“.

Fünfhebig variiert der Jambus je nach Herkunft:

  • Als Vers commun mit einer Zäsur im Versinnern ist er aus der französischen Literatur übernommen.
  • Der in Italien beliebte Endecasillabo (Elfsilber) wurde mit festem Reimschema zu einem Standardvers der deutschen Sonettdichtung.
  • Reimlos und flexibel*, diente der für Shakespeare typische Blankvers vor allem als Dramenbaustein. Friedrich Schiller (1759–1805) übernahm das Metrum auch für seine Ballade „Das verschleierte Bild zu Saïs“. Vielleicht ermuntern Jan Wagners Blankverse Sie zu einem eigenen Versuch?

Bei den Barockdichtern war gerade beim Sonett der Alexandriner beliebt. Dieser Vers setzt – gereimt und aus sechs Jamben bestehend – nach der dritten Hebung einen deutlichen Einschnitt: „Der schnelle Tag ist hin || Die Nacht schwingt ihre Fahn“, heißt es bei Andreas Gryphius (1616-1664). Ingeborg Bachmann sprengt die überlieferte Form – reimlos und mit teils verkürzter Zeile:

[…]
Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.
[…] (5)

Ingeborg Bachmann (1926–1973)

Strenges Versmaß oder das lebendige Wort

Takte, also Hebung für Hebung, zählen, sogar mit einem Metronom, wie es Gerhard Rühm (*1930) in seinem Sonettenkranz ironisch unternahm, hat das für die Lyrik heute noch Sinn? Der Wiener Dichter füllte die herangezogenen Zeitungsberichte durch Wortwiederholung zum exakt betonten Elfsilber auf: „auch áuch in díesem jáhr hat sích der grósse“ (6)

Diesem starren Skandieren steht das Rezitieren gegenüber. „Ein Metrum besteht theoretisch, der Rhythmus nur praktisch“, (7) heißt die Formel, die den Vers aus dem Klappern befreit.

Verszeile und Satzeinheit, Atempause und Verseinschnitt, der im sinngemäßen Sprechen die Zeile gliedert, führen zum Rhythmus, der in unserem Körper verankert ist. Unser Herzschlag und Atem setzen ein eigenes „Versmaß“, das die Bewegung ins Gedicht überträgt und daran erinnert, dass die Lyrik ursprünglich mit Musik und Tanz einherging.

Die „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff als Beispiel

Das Zusammenspiel von Metrum und Rhythmus kann das eingangs zitierte Gedicht von Joseph von Eichendorff veranschaulichen: Der exakt gebaute dreihebige Jambus unterstreicht die Klarheit der Sternennacht und die Harmonie zwischen Himmel und Erde. „Leichtfüßig“ im unbetonten Versauftakt, steht dieses Metrum für eine aufsteigende Bewegung. Die poetischen Bilder sprechen alle Sinne an und laden mit im Lufthauch wogenden Korn ein, sich auf den Seelenflug durch eine magische Mondnacht einzulassen.
Im Gleichmaß des Taktes fallen jedoch Änderungen in der Schlussstrophe auf. Betonungen verschieben sich an die für die Aussage wichtige Stelle.

  • Mit dem Zeilenumbruch spannte / Weit beginnt Eichendorff diesen Wechsel rhythmisch aufzubauen und die Aufmerksamkeit seiner Leser/innen umzulenken. Das Enjambement, das Übergreifen des Satzes in den nächsten Vers, erzeugt eine Pause am Zeilenende und betont im Übergang zur neuen Zeile Weit. Der Akzent verlagert sich und ermöglicht einen machtvollen Daktylus mit drei Silben am Versanfang: Weit ihre Flügel aus.
  • Die Alliteration Flügel / flog / als flöge bindet die drei Schlusszeilen eng aneinander. Das ebenfalls am Zeilenbeginn unregelmäßig betonte flog wird zum Höhepunkt, an dem der Traum Wirklichkeit zu werden scheint.
  • In der letzten Zeile flauen die in den beiden Daktylen intensivierte Atembewegung und die dreifache Steigerung (Rhythmus) ab: Der Vers kehrt in den „regulären“ dreihebigen Jambus zurück (Metrum).

 

  • Quellenangaben:

    * siehe: wortwuchs.net
    (1) Mondnacht. Eichendorff, Joseph von. In: Siehst du den Mond? (Hg. Dietrich Bode). Reclam 2010, S. 52 f.
    (2) grubenpferde. Wagner, Jan. In: Zwischen den Zeilen, Nummer 25. Urs Engeler 2006, S. 70
    (3) Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen. Brecht, Bertolt. In: Gesammelte Werke, Band 19, Suhrkamp 1973, S. 396 und 402
    (4) Poesie und Leben. Hofmannsthal, Hugo von. In: Der Brief des Lord Chandos, Reclam 2000, S. 40 f.
    (5) Böhmen liegt am Meer. Bachmann, Ingeborg. In: Sämtliche Gedichte. Piper 1998, S. 177
    (6) dokumentarische sonette, dienstag, 29. 7. 1969, publikumsjubel um die „meistersinger“. Rühm, Gerhard. In: um zwölf uhr ist es sommer, Reclam 2000, S. 167
    (7) Frey, Daniel: Einführung in die deutsche Metrik mit Gedichtmodellen. Wilhelm Fink 1996, S. 18

Dieser Artikel erschien leicht variiert zunächst in der Federwelt (Nr. 119 August 2016)

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2. November 2017

Begehbare Künstlerbücher

Kategorien: Ausstellungen,Bücher,Fundstücke — Tags: , — Michaela Didyk

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Erró in: Infra noir, 1972. Foto © Erró, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Erró in: Infra noir, 1972. Buch sowie 12 illustrierende Kuben aus Polyesterharz, mit Skulptur-Collagen von Erró im Inneren der Kuben. / Foto: © Erró, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Ausstellung „Showcase“ in der Bayerischen Staatsbibliothek München

Zwölf Würfel in einem Metallgestell – soll das ein Buch sein? Der isländische Künstler Erró hat in Formen aus Polyesterharz surreal anmutende Objekte eingeschlossen: Ein Känguru springt durch einen pompösen Bilderrahmen, ein Schwein liegt auf dem Hausdach, ein zweites fährt Motorrad. Einige Kuben bergen Texte und Gemälderreproduktionen. Da man die Würfel im Ständer beliebig ordnen kann, entsteht eine Vielzahl von Geschichten. Doch es geht nicht nur um Deutungsvielfalt und die Kunst generell. Erró bezieht seine Arbeit auf Texte von Claude Pélieu, die er mit den „Ereignisse-Collagen“ illustriert. Pélieus Gedichtband steckt in einem Schuber und bildet den Sockel des variablen Objekts.

Über 14.000 Künstlerbücher verfügt die spezielle Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München. 72 Exponate, darunter Werke von Pablo Picasso, Joan Miró und Max Ernst, sind bis Januar unter dem Motto „Showcase“ zu sehen. Die Bücher sind – das zeigt die repräsentative wie illustre Auswahl – nicht mit bibliophilen Ausgaben zu verwechseln, die sich meist durch Aufmachung und kostbares Material auszeichnen. Denn dem Künstlerbuch sind selbst billige Herstellung und Massenware nicht fremd.

Künstlerbücher im groß angelegten Format

Seit den 1950er Jahren etablieren sich Künstlerbücher als eigenständige Kunstwerke. Sie bilden den Schwerpunkt der Münchner Schau. „Alles auf der Welt ist da, um in ein Buch zu münden“, so zitiert Anselm Kiefer den Dichter Stéphane Mallarmé. Das Buch wird zum Medium künstlerischen Ausdrucks und verwischt die Grenze zum Objekt. Kiefer führt es bei „Euridike“ vor: Fotos sind auf massive Kartonblätter geklebt, zugleich aber unter einer dunklen, mit Asche vermischten Schicht begraben.

Fast 40 Jahre hielt die Bildhauerin Louise Bourgeois den teils autobiographischen Roman „The Puritan“ zurück, bis sie den Text 1990 veröffentlichte. Sie ergänzte ihn um acht Stiche mit geometrischen Zeichnungen, die sie von Hand weiterbearbeitete. Das großzügige Format und die ordnende Kraft der Bilder, halten Ruhe und Distanz zum erzählten Geschehen.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Emil Siemeister: Die Sieben Bußpsalmen, 2016-2017 Signatur: 2 L.sel.III 493 | Foto: © Emil Siemeister, BSB

Emil Siemeister: Die Sieben Bußpsalmen, 2016-2017 Signatur: 2 L.sel.III 493 / Foto: © Emil Siemeister, BSB

Raumgreifende Buchprojekte

Katharina Gaenssler schafft digitale Rauminstallationen, die sie im Anschluss dokumentiert. Großaufnahmen, in denen sie Raffaels „Sixtinische Madonna“ Ausschnitt für Ausschnitt fotografisch festhält, vereint die Künstlerin zum Buch. Es erinnert in seiner Farbpracht und Monumentalität an einen wertvollen Codex, wie man ihn aus dem reichen Handschriften-Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek kennt.

Eine Besonderheit ist auch das größte Künstlerbuch der Ausstellung. Emil Siemeister hat ein begehbares Unikatbuch geschaffen! Ihm liegt die imposante Musikhandschrift „Sieben Bußpsalmen“ mit der Vertonung von Orlando di Lasso zugrunde. Siemeister greift auf Hans Mielichs aufwändige Ausmalung der beiden Chorbücher aus dem 16. Jahrhundert zurück und überträgt Motive mit Nachleuchtfarbe auf Kunststofffolien. Betritt man den abgedunkelten „Buch-Raum“, strahlen die Bilder abwechselnd in geheimnisvollem Grün kurz auf und verblassen dann wieder.

Konzeptkunst und Fluxus – Schachtel, Naturalien, Leporello

Bereits 1964 veröffentlichte George Maciunas in New York die Anthologie „Fluxus 1“. Zu sehen ist eine schmale Holzkiste, deren Inhalt sich über den Schaukasten verteilt: 15 Künstler steuerten Objekte wie Eventkarten, Briefmarken, Origamifigürchen, Fotografien und Tonbandstreifen bei.

Nahezu alles kann Eingang finden ins Künstlerbuch. Dafür steht vor allem der Name von Joseph Beuys. Er bereichert die Präsentation durch seine „1a gebratene Fischgräte“. Unter diesem Titel verweist ein beschrifteter Karton mit Gräte nebst Garnrolle, Schere und Gesprächsprotokoll auf eine Aktion des Künstlers von 1970. Beuys‘ Motto: „Ich bin interessiert an der Verbreitung von physischen Vehikeln in Form von Editionen, weil ich an der Verbreitung von Ideen interessiert bin.“

Dieter Roths Halbjahresschrift „Poeterei“ von 1967/68 würde übel und ranzig riechen, läge sie nicht – zum Glück für die Betrachter/innen – hinter Glas. In Stanniol eingewickeltes fettiges Fleisch ist als „Originalobjekt“ einer Bleistiftzeichnung zugefügt, die sinnigerweise einen Hammel zeigt. Laut Ausstellungskatalog existieren auch Varianten mit Sauerkohl, Würstchen und Käse.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - George Maciunas: Fluxus 1, 1964. Signatur: L.sel.III 38 | Foto: © George Maciunas, George Maciunas Foundation/VG Bild-Kunst , Bonn 2017

George Maciunas: Fluxus 1, 1964. Signatur: L.sel.III 38 / Foto: © George Maciunas, George Maciunas Foundation/VG Bild-Kunst , Bonn 2017

Leporellos, soweit die Straße reicht

Ed Ruschas berühmtes Leporello „Every Building on the Sunset Strip“ misst ausgelegt 7,5 Meter! Es zeigt die spiegelbildlich gegenübergestellten Straßenseiten des legendären Boulevards, die Ruscha 1966 während der Autofahrt mit laufender Kamera aufnahm. Der weiße Mittelstreifen zwischen den beiden Panorama-Ansichten führt Hausnummern und die Namen der Querstraßen auf.

In der Vitrine daneben ist eine Art Vorläufer-Arbeit zu sehen. Yoshikazu Suzukis Leporello von 1954 enthält in ebenfalls gespiegelter Reihung Fotos aus dem Geschäfts- und Vergnügungsviertel Tokios. In diesem Leporello verzeichnet der Mittelstreifen zwischen den Bildsequenzen Veränderungen der Umgebung.

Die typografische Revolution – Künstlerbücher der Avantgarde

In welcher Form und Ausführung auch immer  – die Buchobjekte eröffneten den Urheber/innen einen neuen Markt, der sie von Galerien unabhängiger machte. Vor allem die gesellschaftskritischen Impulse gaben den Künstlereditionen Auftrieb. Mit ihrer Verbreitung rückte auch die Avantgarde von ehedem wieder in den Blick.

Denn schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts griffen Futuristen und Dadisten auf schmale, oft billig hergestellte Bücher und Hefte zurück, um ihre Ideen kundzutun. Filippo Tommaso Marinetti, der Begründer des italienischen Futurismus, propagierte die „Befreiung der dichterischen Wörter“. Dieser Appell zog zwangsläufig die Freiheit der typografischen Gestaltung nach sich, die für die Künstlerbücher jener Epoche typisch ist. Kein Wunder, dass der konventionelle Buchdruck mit gleichlaufendem Schriftbild im ausgestellten Exponat Marinettis in Aufruhr gerät. Buchstaben und Zahlen unterschiedlicher Größe und voller Dynamik besetzen die Fläche und muten wie eine spielerische Collage an.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Kasimir Malewitsch in: Troe, 1913. Umschlagvorderseite: Lithografie von Kasimir Malewitsch. Signatur: L.sel.III 26 | Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

Kasimir Malewitsch in: Troe, 1913. Umschlagvorderseite: Lithografie von Kasimir Malewitsch. Signatur: L.sel.III 26 / Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

Entschiedener noch rief der russische Futurist Alexej Krutschonych in seiner berühmten Deklaration zur Befreiung des „in Ketten“ liegenden Wortes auf. Er kündigte für die Zukunft die experimentelle poetische „Zaum-Sprache“ an. Kasimir Malewitsch schuf 1913 den Umschlag des Sammelbands „Troe“, der dieses Manifest enthält. Wassili Kamenski wiederum realisierte die sprachlichen Experimente auf gemustertem Tapetenpapier. Für seine „Stahlbetongedichte“ teilte er die Seiten in eckige Flächen, die er mit vielfach variierten Buchstaben und Ziffern füllte.

Die Anfänge des Dadaismus im Jahr 1916 beschwört schließlich Hugo Balls Heft „Cabaret Voltaire“ herauf. Es ist in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen und versammelt unter seinem leuchtend roten Deckblatt künstlerische und literarische Beiträge der wichtigsten Dada-Künstler.

William Blake als ‚Urvater‘ der Künstlerbücher

Den anderen Exponaten in „Showcase“ zeitlich weit vorausgreifend, setzt William Blakes „The Song of Los“ (1795) einen Meilenstein in der Geschichte der Künstlerbücher. Um die einzelnen Seiten mit der von ihm erfundenen Reliefätzung zu drucken, schrieb William Blake die Wörter mit der Feder seitenverkehrt auf die Kupferplatten und führte die Bildelemente mit dem Pinsel aus. Nach dem Druck kolorierte er die Zeichnungen von Hand mit Wasserfarbe.

Den Ausstellungsmachern der Bayerischen Staatsbibliothek gilt der Dichter und Maler der englischen Romantik als „quasi mythischer Urvater“. Denn in seiner Doppelrolle führte Blake alle Arbeitsgänge selbst aus, die für die Gestaltung und Herstellung seiner Bücher notwendig waren.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - William Blake: The song of Los, 1795. Signatur: Chalc. 160 (frühere Signatur: 2 L.sel.l 45) | Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

William Blake: The Song of Los, 1795. Signatur: Chalc. 160 (frühere Signatur: 2 L.sel.l 45) / Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

  • „Showcase“ – Künstlerbücher aus der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München

Die sehenswerte Ausstellung in den Schatzkammern der Staatsbibliothek dauert bis zum 7. Januar 2018. Der unter dem Titel „Showcase“ erschienene  Katalog zeigt die 72 Exponate in Farbabbildung und dokumentiert die vielfältigen Erscheinungsformen des Künstlerbuchs.

In einer Begleitveranstaltung diskutieren am 7. November 2017, 19 Uhr, Hubert Kretschmer und Reinhard Grüner über die Aufgaben und Möglichkeiten, die das Sammeln von Künstlerbüchern mit sich bringt:  We keep on fighting … – zwei Sammler, zwei Konzepte zum wahren Künstlerbuch


12. Oktober 2017

Danke, ich bin schon schmöll! – Impulse für Sprachspielereien

Kategorien: Bücher,Buchserie | Dichten,Sprache — Tags: , — Michaela Didyk

Lexika gehören durchaus zum poetischen Handwerkszeug, vor allem wenn sie zu Sprachspielereien einladen. Gastautor Günter Ott stellt einen lehrreich-amüsanten Kurs durch deutsche Sprach-Kuriositäten vor.
Mit diesem Artikel startet eine Blogserie, die Ihnen in lockerer Abfolge für Ihr Dichten interessante Bücher vorstellt. Neu erschienene oder auch ältere, wie bei diesem Beispiel eines meiner Lieblingsbücher im Regal.

Holzdruckstock-Buchstaben als Sinnbild für Sprachspielereien

© andrewatla | sxc.hu

Fundgrube für Kuriositäten und Sprachspielereien

Manchmal fällt man in eine Grube, aus der man gar nicht mehr so schnell herauswill. Zu viele Entdeckungen nehmen einen gefangen, zu viele Kuriositäten garantieren einen lehrreich-amüsanten Aufenthalt. Eine solche Fundgrube ist „Das sonderbare Lexikon der deutschen Sprache[Amazon-Link].  Als Verfasser zeichnet CUS. Unter diesem Pseudonym schreibt der Autor für renommierte Blätter und Zeitschriften. Zuletzt legte er das Buch „Der Coup, die Kuh, das Q[Amazon-Link] vor.

Diesmal, in seinem Lexikon der besonderen Art, geht er systematischer an die Sprache heran, führt den Duden als Autorität im Hintergrund, schreitet alphabetisch voran von A wie Abrakadabra bis Z wie zusammengesetzte Wörter. Dem Autor kommt zugute, dass die Sprache sich in weiten Teilen der Logik ebenso verweigert, wie sie dem Regelwerk der Rechtschreibkommission heftigen Widerstand entgegengesetzt hat.

Ein spielerischer Sprachkurs für Nuancen

Man kann im CUS-Opus viel über Grammatik und Wortkunde lernen. Dies wird aber nie zum papiertrockenen Lehrgang, sondern ist ein spielerischer Kurs, der Sinn für Nuancen weckt, das Auge auf verblüffende Ausnahmen lenkt, in denen die Würze der Sprache liegt.

So fragt der Autor: „Die Feuerwehr bekämpft das Feuer – und wen bekämpft die Bundeswehr?“ In Itzehoe und Soest wird oe als langes o gesprochen, in Oboe und Buchloe aber wie o-e. Maulwurf klingt nach Maul, leitet sich aber vom mittelhochdeutschen molt (Erde) ab. Der Rosenmontag hat nichts mit Rosen zu tun, sondern kommt von rasen, heißt also der rasende Montag. In herrlich steckt der Herr, aber in dämlich nicht die Dame.

Es ist kein Ende der Beispiele, kein Wunder bei einem angenommenen Schatz von 300.000 bis 500.000 deutschen Wörtern. Pro Jahr kommen etwa 1000 neue dudenreife Wörter hinzu. Längst nicht alle werden alt, andere sind dabei, ihres hohen Alters wegen auszuscheiden – wie äugeln, Ehegespons, Hagestolz, knorke und Mürbigkeit. Das Wort „Kreativität“, das heute wie eine Billigmünze im Mund geführt wird, kannte weder der Duden von 1930 noch der von 1968. 1966, schreibt CUS, wurde es als veraltet eingestuft, 1978 als bildungssprachlich. Erst seit 1980 bescheinigt der Duden ihm normalen Wortstatus – ein Lehrbeispiel des unwägbaren Sprachwandels.

Geköpfte Wörter, Nullwörter oder die Steinlaus, die (keine) Steine frisst

Ob selbiger eines Tages die fehlende Mitte zu füllen vermag? Was liegt zwischen hungrig und satt? Was ist einer, wenn er weder dick noch dünn ist? Hungrig verhält sich zu satt wie durstig zu … was? Zu dieser Frage wurden schon etliche Wettbewerbe ausgeschrieben, mit unbefriedigendem Ergebnis. Die Satire-Zeitschrift pardon schlug schmöll vor: Danke, ich bin schon schmöll! Die Dudenredaktion lancierte das Wort sitt (analog zu satt), doch es setzte sich so wenig durch wie schmöll (oder gestillt).

Was ist das häufigste deutsche Wort, der häufigste Buchstabe, der bekannteste deutsche Satz? Was sind geköpfte Wörter, was Nullwörter, was Phantomwörter wie zum Beispiel die Steinlaus, die Steine frisst, bis sie satt (aber noch nicht schmöll) ist? CUS, der nach eigener Aussage seit nunmehr 20 Jahren die gängigen Wörterbücher rauf- und runterstudiert, weiß Antwort.

Achttausender-Wörter in Höhe mal Länge und juristische „Sprachspielereien“

Ihm fiel auch auf, dass die meisten Namen von Spirituosen maskulin sind, desgleichen alle Achttausender, vorausgesetzt, man sagt, wie üblich, der Annapurna und der Shisha Pangma. Einem Achttausender in der Horizontale gleicht das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, kurz RkReÜAÜG. Da halten wir uns doch besser an den sprachverliebten jungen Brecht, welcher der Sphinx seines Mondscheinnachtskahnfahrtentraumwahnsinns den Gruß entbot.

Einen Ausbund an Abschreckung stellt bekanntlich die Rechtssprache dar. CUS schlägt das Bürgerliche Gesetzbuch auf: „Tritt der Wille, in fremdem Namen zu handeln, nicht erkennbar hervor, so kommt der Mangel des Willens, im eigenen Namen zu handeln, nicht in Betracht.“ Alles klar?

Günter Ott war Kulturchef der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet auch weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.

 

Voll Sprachspielereien sind die Gedichte Carla Capellmanns. Entdecken Sie, wie die Lyrikerin Wörter zerschneidet, anreichert, punktiert und dadurch oszillieren lässt: