7. Dezember 2014

Gabriele Pflug gewinnt das Monatsgedicht im Dezember

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

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Foto zum Monatsgedicht im Dezember | © abose007_freeimages.com

Foto © abose007_freeimages.com

Subtile Bilder einer Wüstenlandschaft

Das Monatsgedicht im Dezember stand unter dem Motto „Wüste“. Gabriele Pflugs Gedicht hat unter den „nahezu durchgängig recht ambitioniert[en]“ Texten Juror Christoph Leisten in der „einerseits unaffektierten, andererseits doch auch recht subtilen Bildlichkeit am meisten überzeugt“.
Herzlichen Glückwunsch nach Österreich, liebe Gabriele!

ertrinken
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…………….für monika kafka
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du schaukelst auf gekörntem meer
die finger des winds zeichnen wellen
weizenfarbig und heiß wächst dein schlaf

glühend schlägt dein atem ans glas der luft
und deine stimme verglimmt

auf deiner haut verteilt der wind
das brandmal der sterne

ein geruch von angst schlägt an
wie ein hund dem die kette
den hals zuschnürt

nicht lange wird es dauern
und dich verschluckt der sand

erst unter seiner oberfläche
werden die gesänge der reibung

enträtselt
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© Gabriele Pflug

Gabriele Pflugs Gedicht „ertrinken“ – ein Text mit poetologischer Dimension

Christoph Leisten, selbst Autor und Mitherausgeber der Frankfurter Literaturzeitschrift „Zeichen & Wunder“ sowie Initiator der euregionalen „Tage der Poesie“ in Würselen, begründet im Folgenden seine Entscheidung. Die Begegnung mit der maghrebinischen Welt ist einer der literarischen Arbeitsschwerpunkte des Jurors. Die Wüste als Thema für das Monatsgedicht im Dezember ist ihm bestens vertraut.

Das Gedicht wählt ein Thema, dessen poetische Ausarbeitung leicht verunglücken könnte: Zu häufig ist uns das Bild des „Ertrinkens in der Wüste“ wohl schon begegnet, als dass es vorderhand dichterischen Mehrgewinn verspräche. Dass dieses Poem dennoch auf bemerkenswerte Weise gelingt, verdankt sich vor allem seiner beachtlichen Bildlichkeit.
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Konsequent wird die Metaphorik des Ertrinkens im Wüstensand weitergedacht in eine Reihe paradoxaler Sprachbilder. Ausgehend von „gekörntem meer“ (V. 1) über „die finger des winds“ (V. 2) , „das glas der luft“ (V. 4) und das „brandmal der sterne“ (V. 7) bis hin zu den „gesängen der reibung“ (V. 14) bedient sich das Gedicht einer Reihe von Metaphern, in denen das Naturhafte oszilliert zwischen Anthropomorphem und Artifiziellem.
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Das „Ertrinken“ wird dabei zu einer seitens der Natur Schritt für Schritt evozierten, zunehmenden Sprachlosigkeit ausgedeutet. Während der – freilich als fremdartig und gefährdend erlebten, weil wüstenhaften – Natur die Fähigkeit des [Z]eichnen[s] V. 2) mittels der „finger des winds“ (ebd.) eignet, verliert das angesprochene Du (das als Ansprache eines Gegenübers, aber auch als Selbstansprache verstanden werden kann) zunächst sein Bewusstsein (vgl. V. 3), bevor „[s]eine stimme verglimmt“ (V. 5) und es schließlich „verschluckt“ (V.12) wird vom Sand.
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Nicht nur in der Verwendung von Genitivmetaphern (die ja bekanntlich bis vor kurzer Zeit dichterisch schwer verpönt waren), sondern auch in seiner behutsamen Anspielung auf alltagssprachliche Wendungen (etwa die des Ertrinkens, die des Verschlucktwerdens) operiert das Gedicht mit den Gefährdungen durch das Konventionelle. Dass es dabei aber keineswegs scheitert, liegt daran, dass es diese altvertrauten Bilder durchgängig mit einer sehr plastischen und durchaus eigenständigen, überraschenden und bereichernden Bildlichkeit überschneidet.
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Es sind eben gerade die Phänomene unterhalb der „oberfläche“ (V. 13), welchen es vorbehalten bleibt, „die gesänge der reibung“ (V. 14) zu „enträtseln“. Jenseits der allgegenwärtig drohenden Sprachlosigkeit ist es demnach die Natur selbst – ungeachtet all ihrer Unwirtlichkeit – der es vorbehalten bleibt, die Wirklichkeit auszudeuten. Insofern eignet dem vorliegenden Gedicht – und darin liegt seine eigentliche Qualität – auch eine poetologische Dimension, die nicht zuletzt auch in der subtilen Anspielung auf Paul Celans „Brandmal“ zusätzlich unterstrichen wird. Literatur als Wagnis, das einer stetigen Gefährdung ausgesetzt ist: Dies führt das vorliegende Gedicht mittels Bildern der Wüstenwelt und in eindrucksvoller Metaphorik vor Augen.

Gabriele Pflug und das Monatsgedicht im Dezember als Widmung an die Mentorin

In einem unsrer letzten Gespräche erzählte mir Monika Kafka (Mo) von Gabriele Pflug und wie sehr sie ihre Gedichte schätze und ihr mehr Öffentlichkeit wünsche. Dass Monika sich über den Gewinn sehr gefreut hätte, darüber sind sich Gabriele und ich einig. Wie eng die beiden Dichterinnen verbunden waren, zeigte mir erst Gabrieles Vita, die sie mir nun für das Monatsgedicht im Dezember schickte.

1956 in Klam bei Grein geboren, machte ich nach der Matura die Ausbildung zur Sozialarbeiterin und Lehrerin.
Seit über 30 Jahren unterrichte ich in einer Musikmittelschule 10 bis 14 Jährige in Deutsch und Geschichte.
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Die erste Frau, die meine Liebe zu Geschichten erweckte, war meine Großmutter. Sie war es, die mich zur Arbeit aufs Feld mitnahm und mich in die Geheimnisse der Pflanzen einweihte.
Sehr früh fing ich an Tagebuch, später erste Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben.
Vor einigen Jahren begann ich in einem Schreibblog weiter an meinen Gedichten zu arbeiten.
Dort lernte ich die zweite Frau kennen, die mein Schreiben beeinflusste und bereicherte.
Monika Kafka wurde meine Freundin und Mentorin.
Sie war es, die meine Gedichte auf ihrem Blog veröffentlichte und die mich bestärkte, Gedichte einzusenden.
In der Federwelt wurde daraufhin 2013 mein erstes Gedicht veröffentlicht.
Mos Tod löste in mir eine große Leere aus.
Doch bald nahm ich das Schreiben wieder auf und alles, was ich seither verfasse, schreibe ich in ihrem Namen.
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Ja, Mo hätte sich sehr darüber gefreut.
Ihr widme ich auch mein Gedicht!

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Die letzte Runde beim Projekt Monatsgedichte ist angebrochen und das Thema „Tor – Tür Ball Bogen oder Narr“ lässt viele Facetten zu. Bis zum 22. Dezember 2014 haben Sie Zeit, um Ihr Gedicht im Blog Monatsgedichte zu posten.
Sie können auch noch zu dieser letzten Runde neu dazukommen. Nutzen Sie bitte das Anmeldeformular für die kostenlose Teilnahme und die Freischaltung zum Monatsgedichte-Blog.
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6. November 2014

Nikolaus Kahlen gewinnt beim Thema „Kreuzungen“ das Monatsgedicht im November

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Projekt Monatsgedichte - Foto zum Thema "Kreuzungen" © Foto-Ruhrgebiet _Fotolia.

Vom Bildgedicht bis zur Sprachspiegelung – das Thema „Kreuzungen“ inspirierte zu vielfältigen Texten

Wer die Wahl hat, hat die Qual – vor allem wenn viele der Beiträge gefallen. Zum Glück gibt es Kriterien. Das waren für Annette Ahlborn, Lektorin und Inhaberin des Literaturbüro ALecTIS, die diese elfte Monatsgedicht-Runde jurierte: „die Nähe zum vorgegebenen Thema Kreuzungen, dann die Frage, wie sehr mich der Text über die Sprache anspricht (ist die Form bewusst erarbeitet), und schließlich, wie sehr er mich beschäftigt.“ Annette Ahlborn entschied sich für Nikolaus Kahlens Text „anders“. Hier also das neue Montasgedicht für November:

anders
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etwas hört auf
etwas beginnt
zu sein
liegt im dazwischen
kreuzen sich linien
und wege leben
vom innehalten
wissen wir
zu wenig
sind wir unbewusst
bleibt das bewusstsein
auf der strecke
etwas
hört auf etwas
beginnt anders
zu sein
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© Nikolaus Kahlen

Das Spiel mit minimalen Wortverschiebungen – Annette Ahlborn begründet ihre Wahl des neuen Monatsgedichts

Annette Ahlborn, Lektorin und Literaturvermittlerin in Bonn, die an der Edition der Lyrik Brechts mitarbeitete, zeigt, wie konsequent Nikolaus Kahlen auf den unterschiedlichen Gestaltungsebenen seines Textes „Kreuzungen“ vornimmt.

Mein Lieblingstext der November-Monatsgedichte ist der Beitrag anders, der sich durch ein großes Sprachgefühl auszeichnet, das mich zu packen vermag. Darüber hinaus habe ich ihn ausgewählt, weil mich der Text stark beschäftigt. Das vorgegebene Thema Kreuzungen steht im Zentrum der im besten Wortsinn „verdichteten“ Sätze, und zwar in Inhalt, Form und Rhythmus gleichermaßen.
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Inhaltlich kreist der Text um den kurzen Augenblick, an dem wir stehen, wenn wir eine Entscheidung treffen, und der oft durch eine Weggabelung verbildlicht wird (wie z.B. in: „The road not taken“ von Robert Frost). So stofflich wird mein Favorit zunächst nicht, er bleibt im abstrakten Bild der sich kreuzenden Linien.
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Den Moment der Entscheidung erschafft er formal durch die Spiegelung des ersten Gedankens (etwas hört auf / etwas beginnt / zu sein) an den Schluss, hier allerdings aufgebrochen durch den verschobenen Zeilensprung (etwas / hört auf etwas / beginnt anders / zu sein) und einen wunderbaren Kunstgriff: das Hinzufügen des kleinen Wortes anders, das dadurch auch seine Berechtigung als Titel erhält. Hier ist etwas anders geworden, haben sich die Realitäten verschoben. Mit minimalen Wortverschiebungen wird auch weiterhin meisterhaft gespielt: etwas aufhören / auf etwas hören. – Durch die Spiegelung wird eine formale Geschlossenheit erreicht. Dazwischen findet ein Prozess statt, zwischen dem Ende und einem Neuanfang gibt es diesen schwer fassbaren Moment der inneren Entscheidung. Linien kreuzen sich, wege leben / vom innehalten. Wissen wir wirklich, warum wir einen anderen Weg einschlagen, wie viel ist unbewusst, wie viel bewusst gewählt (vom innehalten / wissen wir zu wenig)?
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Betrachtet man das Metrum, so passt sich der Sprachrhythmus dem Sinn an. In den ersten beiden Zeilen laufen Daktylen in eine Betonung aus und setzen so etwas wie einen Punkt (étwas hört aúf / étwas begínnt). Der Gedichtschluss ist gegenrhythmisch gesetzt. Hier leiten genau die Anfangsworte trochäisch (étwas / hórt auf étwas) in einen – zum eingangs benutzen Daktylus gegenläufig zu lesenden – Anapäst über (beginnt ánders) und münden schließlich in einen Jambus (zu seín). Die letzten Zeilen „swingen“ den Leser sozusagen in etwas Neues hinein, sie öffnen eine Tür.
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Wie in Zeitlupe erleben wir in diesem Gedicht den Prozess zwischen Ende und Neubeginn, wir werden mitgenommen an den Punkt, da sich Vergangenheit und Zukunft kreuzen. Hier und jetzt und indem wir auf etwas hören, also durch Verschiebung der eigenen Perspektive, wird Neues erst möglich. Der Prozess vollzieht sich seltsam passiv, die Gegenwart scheint nichts zu sein, was wir, sonst so aktive, Menschen steuern könnten. Wie bei einer Verpuppung, im biologischen Sinn kann man von einer Metamorphose sprechen, bleibt das bewusstsein auf der strecke. Anders steigt es wieder auf.

Nikolaus Kahlen als Autor und Gesangssolist

„Es macht mir Spaß, mich mit Themen konfrontiert zu sehen, die ich ‚irgendwie‘ für mich umsetzen MUSS! Es ist ein bisschen wie ein innerer (Schreib)Zwang“, meinte Nikolaus Kahlen zu seiner Teilnahme bei den Monatsgedichten, als er mir seine Vita zuschickte. Herzlichen Glückwunsch an Dich, Niko!

Nikolaus Josef Kahlen wurde 1957 in Würselen bei Aachen geboren und lebt seit  2002 in Göttingen. Er schreibt Lyrik seit dem Jahr 2000. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften – (z. B. „Maskenball“,  „LeseZeit“,  „Kurzgeschichten“, „Dichtungsring / Nr.36“) sowie in mehreren Sammelbänden. Zuletzt vertreten in der von Kristiane Allert Wybranietz herausgegebenen Anthologie „Am Ufer der Träume“.
„In Bewegung“ lautet der Titel seines ersten  Gedichtbandes (2004 / im Gipfelbuch-Verlag). 2013 erschien  sein zweites Buch „an eig’ner nordwand“ im Lyrik Verlag Göttingen.
Was liegt näher, wenn ein Gedichtautor ebenso klassischer Gesangssolist (Bass-Bariton) ist, als eine Verbindung zwischen Lyrik und Musik herzustellen?  2013 wurden einige seiner Gedichte für Klavier und Gesang vertont und von ihm gesungen. Ebenso ist ein Liebesliederzyklus für Kammerorchester und Sologesang aus seinen Werken entstanden. Zur Zeit in Arbeit ist „Tanz und Lyrik“ – ein Projekt mit Instrumentalkompositionen und Balletttanz zu eigenen Gedichten. Besonders im Fokus stehen aktuell auch lyrische Texte zu zeitgenössischen Gemälden.
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‚Meine Texte handeln vor allem von gelebtem Leben, von geliebten Lieben und vor allem von dem, das uns noch mehr beschäftigt als das Erlebte: das Nicht-Erlebte. Die Texte sind Momentaufnahmen, Blitzlichter auf Alltagssituationen, auf das Verborgene in uns, auf so manche Höhenflüge und Tiefschläge des Lebens. Die Vorstellung, dass von mir ausgewählte und aufgeschriebene Worte irgendjemanden erreichen, er sich selbst in diesen Worten wiederfindet, ist für mich etwas unvorstellbar Schönes. So wie es mir bei manchen Texten geht, die ich lese und die mich tief in meinem Innersten berühren und mir eine Erkenntnis, eine neue Sichtweise auf irgendetwas geben, möchte ich auch, dass es mir gelänge, jemanden so tief zu berühren.‘
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Die Website von Nikolaus Kahlen – in allen Kreuzungen von Wort und Gesang :-)

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Die vorletzte Runde beim Projekt Monatsgedichte ist angebrochen: Nach den „Kreuzungen“ folgt nun das Thema „Wüste„. Sie haben bis zum 22. November 2014 Zeit, um Ihr Gedicht im Blog Monatsgedichte zu posten.
Wenn Sie noch neu zum Projekt dazukommen möchten, nutzen Sie bitte das Anmeldeformular für die kostenlose Teilnahme und die Freischaltung zum Monatsgedichte-Blog.


7. Oktober 2014

Das Fenster zum Hof – ein Lichtfang? Sophie Paulchen gewinnt das Monatsgedicht im Oktober

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

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Foto zu Projekt Monatsgedichte - Thema Das Licht in der Landschaft © gratisography Ryan McGuire

© Ryan McGuire | gratisography.com

Eine Sache des Standpunkts oder das reflektierte Licht

„Das Licht in der Landschaft“ lautete das Ausschreibungsmotto für das Oktobergedicht.  Dass gerade ein Fenster zum Hof vielleicht solchen Lichtblick nach außen freigibt, verändert die Perspektive. Mit „(k)einraumlicht“ zielt Sophie Paulchen insbesondere auf einen inneren Vorstellungsraum. Das neue Monatsgedicht im Oktober reflektiert Licht und relativiert es zugleich.

(k)einraumlicht
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nicht die größe der zelle
(die kann man sich weit denken)
nicht die kahlen wände
(die kann man bekleben)

auch das schmale bett nicht
(ist es doch eigentlich gedoppelt nur sieht man es nicht)
das einfache essen in einfachen schalen
nicht
(aus jeder zutat ein gang aus jedem gang ein abend)
die gespräche (essenz eines zwischenuns)

das warten die reue schuld monotonie stupiderie
(hinter allem ein irgendwas)

allein das fenster zum hof der streifen himmel
wird nie licht
(du weißt
das auf der insel zwischen den wellen lag)
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© Sophie Paulchen

Das Licht nahe am Abgrund – die Urteilsbegründung des Jurors

Stefan Monhardt wählte als Juror dieser zehnten Projektrunde das Monatsgedicht für Oktober aus. Der in Berlin lebende Autor und Übersetzer – der Schwerpunkt seines literarischen Schaffens liegt auf Lyrik und Essays, darunter auch Beiträge für das Politische Feuilleton des Deutschlandradio – begründet seine Entscheidung für „(k)einraumlicht“ so:

Negation und Aussparung sind mächtige und damit auch verführerische Instrumente. Welcher vollständige Satz könnte je so viel sagen wie ein an der entscheidenden Stelle abgebrochener Satz? Welcher Grund könnte sich mit einem Abgrund vergleichen?

Schon in seinem Titel setzt das Gedicht „(k)einraumlicht“ etwas – um es zugleich durchzustreichen. Das bescheidene Inventar eines eingeschränkten Raums, einer „zelle“: „die kahlen wände“, „das schmale bett“, „das einfache essen in einfachen schalen“. All das – „nicht“. Der Satz bleibt unvollständig. All diese sichtbaren Beschränkungen sind anscheinend nicht das Entscheidende. Sie können durch das Unsichtbare, das Mögliche und Vorgestellte zumindest neutralisiert werden: Die enge Zelle kann man sich weit denken, die kahlen Wände lassen sich bekleben, aus den Bestandteilen des einfachen Essens formt die Phantasie eine Folge von Gängen. Doch mehr als ein neutrales Grau ist dadurch nicht möglich, es bleiben „das warten die reue schuld monotonie stupiderie“.

Doch wenn all das es nicht ist – was ist dann das Entscheidende? Die letzte Strophe beginnt so, als würde sie die Auflösung geben: „allein das fenster zum hof der streifen himmel“. Einzig das also ist es? Aber der nächste Vers setzt überraschend fort mit einer weiteren Negation – allein das Fenster, der Zugang zum Licht und zum Draußen, wird selbst „nie licht“.

Nun geschieht etwas Erstaunliches. In den letzten beiden eingeklammerten Versen des Gedichts wird plötzlich ein „du“ angesprochen. Dem Leser wird vielleicht erst an dieser Stelle klar, daß im gesamten Text ein „ich“ konsequent ausgespart war: Es entstand nur als der Rand der benannten und imaginierten Gegenstände, als Grenze zwischen Konkretem und Gedachtem. Lediglich in einem flüchtigen „zwischenuns“ tauchte für einen Moment eine Relation zwischen einer ‚ersten’ und einer ‚zweiten’ Person auf.

Jetzt wirft dieses unsichtbare Ich durch das Fenster zum Hof einem unerreichbaren Du in einem anderen Raum und einer anderen Zeit einen Faden zu. Es sind der Raum und die Zeit einer miteinander geteilten Erinnerung. Nur die Genauigkeit dieser Erinnerung – „du weißt“ – verbürgt noch eine einstige Gemeinsamkeit. Das Fenster zum Hof, der Streifen Himmel wird nie „licht“ – jenes Licht, das einst „auf der insel zwischen den wellen lag“. Die rettende Erinnerung wird zu einem Abgrund, der die Gegenwart verschlingt.

Nun habe ich etwas getan, was ich eigentlich gar nicht mag: Ich habe ein Gedicht ‚nachbuchstabiert’ und es damit dauernd vereindeutigt und vereinnahmt. Was ich zeigen wollte, ist nur dies: „(k)einraumlicht“ ist kein selbstverliebtes Spiel mit verführerischen sprachlichen Instrumenten. Es behauptet keinen Abgrund, sondern reißt einen Abgrund auf.

„no excuses“ – das tägliche Schreiben im Blick

„meinzeit“ nennt Sophie Paulchen den Raum für ihr Schreiben und hält sich – ob beim #earlypoem, vor allem bei #frapalymo – konstant daran. Was sich hinter diesen beiden Begriffen versteckt, erklärt die Dichterin gleich selbst. Zuvor kommen aber nochmals viele Glückwünsche für Dich, liebe Sophie! Viel Erfolg – auch im November beim bald wieder anstehenden #frapalymo.

als gewünscht noch mit wahrheitsgemäß enddreißigerin blogge ich informatives, gedichte und prosastücke, twittere jeden morgen ein #earlypoem sowie weitere verdichtete texte. im november 2011 habe ich „frau paulchens lyrik monat“ (oder kurz #frapalymo) im web initiiert und dabei zu „30 tagen, 30 gedichte, no excuses“ aufgerufen. seit dem ersten gehversuch schreitet der #frapalymo mit zunehmender resonanz und wachsender mitdichterschaft voran – zuletzt im mai 2014 mit rund zwanzig dichtern und mehr als 500 gedichten in 30 tagen. eine tolle erfahrung und ein nichtmehrmissenwollen.
eine eigenständige publikation oder ein abdruck in einer literaturzeitschrift ist bislang nicht erfolgt. eine „fragmentpublikation“ befindet sich jedoch in arbeit und sucht mit mir den anderen weg. neben der lyrik konzentriere ich mich auf mein ausstellungskonzept und auf kurzprosa. schreiben ist für mich vor allem der versuch, das „zwischen“ zu erforschen und ihm raum zu geben.

www.paulchenbloggt.de & auf Twitter: @FrauPaulchen

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Bevor es langsam in die „Zielgerade“ dieser dritten Monatsgedicht-Serie übergeht, lädt das Thema der elften Runde noch zu ein paar „Kreuzungen“ ein. Welche Richtung Sie hierbei am besten einschlagen, lesen Sie hier in der Ausschreibung nach. Sie können bis zum 23. Oktober 2014 Ihr Gedicht im Blog Monatsgedichte posten bzw. – wenn Sie neu zum Projekt dazukommen möchten – hier sich für die kostenlose Teilnahme freischalten lassen.