23. Dezember 2017

Sprachspuren 2: In Wortfamilien geht es hoch her

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Wortfamilien – Beispiel „fahren“. Foto: M.D.

Wer assoziiert und Wortfamilien zusammenstellt, gerät schnell in Widersprüche. Bis zu tausend Einzelwörter können Wortfamilien umfassen. Eine schöne Verwandtschaft, bei der man manchmal nicht mehr sieht, dass alle Wörter ein und derselben etymologischen Wurzel entspringen. Hätten Sie geglaubt, dass Herzog und Zeuge mit ziehen zu einer Wortsippe gehören? Sprachspuren verlaufen nicht immer geradlinig.

Dass Wörter sich in ihrer Bedeutung nahestehen oder vielleicht ganz andere Wege gehen, ist dabei unerheblich. Verb, Substantiv, Adjektiv – Wortfamilien erweitern sich, indem ihre Mitglieder abgeleitet oder neu zusammengesetzt werden. Diese variieren in der Wortart, formen sich durch angehängte Buchstaben, Silben neu. Oder sie lassen sich auf Wörter aus fremder Familie ein. Das kann auch zu Spannungen führen. Lyriker/innen setzen bisweilen mit dem Stilmittel Oxymoron solche Akzente. Friedrich Hölderlins traurigfroh ist hierfür bekannt.

Eine Familie, in der ein Wort das andere gibt

Stellen Sie in Ihrem Arbeitsbuch Wortfamilien zusammen. Beispielsweise wie hier: Sinn und Sinne, ersinnen, auf etwas sinnen, Farbsinn, Unsinn, Wahnsinn, von Sinnen sein.

Die Assoziationen laufen schnell in unterschiedliche Richtungen. Dabei kann sich blitzartig ein feinmaschiges Sprachnetz abzeichnen und einen ungewohnten Blick auf bekannte Zusammenhänge eröffnen. Beim Dichten bauen Sie auf diesem Prinzip auf, wenn Sie mit Bedeutungsnuancen spielen, sie mischen und dadurch Wörter aus dem Alltagsbezug verrücken.

Sinn – was genau heißt dieses Wort für Sie? Steht es für Denken, für Wahrnehmung oder Fähigkeit, Bedeutung oder Nutzen, für Absicht?

Schlägt man im Deutschen Wörterbuch von Hermann Paul [1] nach, einem Standardwerk, das über die Entwicklung und Verwendung unseres Wortschatzes viel zu erzählen weiß, so zeigt sich der Ausgangspunkt von Sinn in dem althochdeutschen Wort sind = Weg, Reise. Die zunächst physische Bewegung wandelt sich im Lauf der Wortgeschichte zum psychischen Erfahren.

Den verschiedenen Sprachspuren nachgehen

Redewendungen verdeutlichen häufig die Sprachspuren: Seine fünf Sinne zusammenhaben, spricht für einen klaren Verstand. Mit dem einzelnen Sinn verknüpft sich diesem Fall die Wahrnehmung. Verlagert sich diese vollends nach innen, wird daraus Empfänglichkeit. Wer Farbsinn oder Kunstsinn hat, vermag diesen auch als Fähigkeit einzusetzen. Wer zudem seiner Sinne mächtig ist, besitzt Bewusstsein, im gegenteiligen Fall verfällt er dem Stumpfsinn, wenn nicht gar dem Irr- und Wahnsinn.

Im Sinn haben, danach sinnen nimmt die ursprüngliche Bewegung als Streben und Vorwärtskommen nochmals auf. Das Denken richtet sich auf Bestimmtes. Aus den Augen, aus dem Sinn – offenbart die Nähe von Körpersinn und Denken. Beides halten wir gerne weit auseinander.

Trübsinn, Starrsinn, Frohsinn lassen schließlich das Gemüt anklingen, die Empfindung und Stimmung. Unter wohlgesinnten Freunden mag Blödsinn Spaß machen. Ansonsten kann es sinnlos sein, dagegen anzukämpfen. Denn wenn Äußerungen keinen Sinn haben, bleibt das, was gemeint war, unverstanden. Darüber sinnieren? Ist das nützlich und sinnvoll?

Wortfamilien sorgen für Dynamik im Gedicht

Vielleicht sollte ich in diesem Sinn lieber mit einigen Beispielen enden, die zeigen, dass eine Wortfamilie auch in Versen nicht zu übersehen ist. Im Gegenteil, sie bringt mit mehreren „Verwandten“ richtig Schwung ins Gedicht.

Joseph von Eichendorff feiert die „Mondnacht“: […] Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus. [2]

Ute Riedel zieht mit drei Verben vom selben Wortstamm einen roten Faden durch Ihr Gedicht: aufgeholt […] eingeholt […] überholt […] [3]

Michael Lentz klagt im Liebesgedicht: und keine sprache spricht sie […] aber sprechen […] ich spreche […] [4]

Wer solche Spiele spielt, kennt sich in Wortfamilien aus. Folgen Sie beim Dichten also auch „verwandtschaftlichen“ Sprachspuren. Sie zahlen sich aus :-)

Quellenangaben

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[1] *Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes
[2] Joseph von Eichendorff: Mondnacht
[3] Ute Riedel: Überholt. In: *Lyrik der neunziger Jahre. Hg. Theo Elm. Philipp Reclam. Stuttgart 2000. S. 159
[4] Michael Lentz: unsere liebe wie immer ein torso. In: *Offene Unruh: 100 Liebesgedichte. S. Fischer. Frankfurt am Main 2010. S. 67

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