30.10.2011

November-Lyrik #frapalymo – jeden Tag ein Gedicht

Filed under: Projekt,Social Web — Tags: , , , — Michaela Didyk @ 18:37

Pro Woche ein Gedicht lautete die Devise, die ich beim E-Mail-Kurs zum Jahresbeginn ausgab. Aus dem dafür anberaumten Quartal ist inzwischen ein ganzes Jahr mit wöchentlichen Impulsen geworden, Nummer 44 geht kommenden Donnerstag hinaus.
Doch alles lässt sich steigern! Wer die letzten Wochen des Jahres noch aufholen oder zu einem gewaltigen Endspurt ansetzen will, hat beim Lyrikprojekt von Sophie Paulchen seine Chance.  Unter dem Stichwort #frapalymo ruft Frau Paulchen nämlich während der 30 November-Tage zum täglichen Gedicht auf. Impulse und Details gibt es über Twitter oder im Blog der Initiatorin. Schreiben und/ oder inspirieren  – in “Frau Paulchens Lyrik Monat” lohnt sich beides. Am 1. November geht es los!

10.09.2010

Lyrikspiele zum Vergnügen

Filed under: Digitale Kunst,Lyrikspiel,Projekt — Tags: , , — Michaela Didyk @ 21:35

Als ich vor etwa zwei Jahren das Web nach Spielen rund um Sprache und Vers durchsuchte -  zugegebenermaßen Hans Magnus Enzensbergers anspruchsvollen “Poesieautomat” im Hinterkopf – entdeckte ich Stephan Karschs maquina poetica. Sofort war ich begeistert: Nicht nur die Ästhetik, sondern der Geistesblitz, der dahinter steckt, haben es mir seitdem angetan. Da erscheinen keine banalen Verse auf Knopfdruck, sondern die Texte können sich gut unter lyrischem Maßstab sehen lassen.

© Stephan Karsch 'maquina poetica'

In den verschiedenen Gestaltungsstufen sind individuelle Eingriffe des Spielers möglich. “Man könnte also von einer Kooperation zwischen Autor und Maschine sprechen,”  kommentiert es der Erfinder, der die maquina poetica 2003 als Abschlussarbeit für seinen Bachelor of Media Design erstellte und damit für mehrere Preise nominiert wurde.

© Stephan Karsch 'poetica visual'

Eine zweite lyrische ‘Spielwiese’ ist nun 2010 hinzugekommen. Mit der poetica visual betont Stephan Karsch in Anlehnung an die Konkrete Poesie visuelle und filmische Aspekte. Mit dieser poetica lassen sich Textbilder oder -filme generieren, sobald ein Wort oder Satz auf der Seite eingegeben wird und durch das Tippen auf der Tastatur Bewegung dazukommt. Am besten steigen Sie gleich selber ins Spiel ein. Das Vergnügen ist garantiert.

24.08.2010

Sina Klein: “stadtbausteine” – das Monatsgedicht im August

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 15:07

Gedichte aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übersetzen, ist nach Hans Magnus Enzensberger eine der besten Übungen für das eigene Dichten. Bei Sina Klein, der Gewinnerin des Monatsgedichtes zum heutigen August-Vollmond, gehört diese Praxis und Auseinandersetzung mit fremden Sprachen zum Schreiben dazu. Eine Kostprobe hierfür finden Sie über den Link am Ende des Blogbeitrags.
Doch zunächst hat Sina Klein mit dem Siegergedicht ihren Auftritt und zeigt, welche Inspiration auch ihrer eigenen Lyrik zugrunde liegt.

stadtbausteine

und wie wir umríssen des nachts,
mit weißer kreide umkreisten
die zwillinge von terrassen
ertastend sie auf den straßen
deren atem noch warm -

wie wir naschten an stillen fassaden
(selbst bloß noch silhouetten)
die einzelnen zuckerkristalle
von tischen die abzuwischen
sie vergessen hatten -

dann die nischen die uns tarnten
vor laternen denn wir eilten
zu zweit im schein uns
voraus.

© Sina Klein

Andreas Noga, selbst Lyriker sowie Lyrikredakteur der von Sandra Uschtrin herausgegebenen Zeitschrift “Federwelt” und von Theo Breuers “Faltblatt” hebt den besonderen Zugang hervor, den die Autorin zum Thema wählte:

Ein Schatten-Gedicht muss nicht das Wort „Schatten“ enthalten. Der Themenbezug kann sich auch durch indirekte Annäherung erschließen. Besonders überzeugt hat mich das Gedicht „stadtbausteine“, das auf die Benennung verzichtet. Ich hatte nicht den Vorsatz, ein Gedicht auszuwählen, in dem das Wort „Schatten“ fehlt. Schon nach der ersten Lektüre aller Gedichte kristallisierte sich allerdings „stadtbausteine“ als Favorit heraus. Als ich darüber nachdachte, warum das so ist, fiel mir auf, dass der Text Atmosphäre schafft, Empfindungen wachruft und Bilder im Kopf entstehen lässt, ohne die Vokabel der Themenstellung zu verwenden. Dies zudem mit sinnlich-poetischen Bruchstücken, die man nascht wie ein Lebkuchenhaus. „Show, don’t tell“ gilt auch für Gedichte. Wie beim Laternenspaziergang ist der Schatten in „stadtbausteine“ ein steter, aber unauffälliger Begleiter.

Im Kommentar ihres Postings im Monatsgedichte-Blog gab Sina Klein auch einen Bildhinweis, wie solche Zwillinge aussehen können. Ich finde den Bezug spannend, wie sich die “stadtbausteine” so auch in ein anderes Medium ausdehnen und die Idee weitertragen. Herzlichen Glückwunsch an die facettenreiche Autorin! Und wer steckt nun hinter so viel Sprach- und Bildkraft?

Sina Klein – geboren 1983 in Düsseldorf. Lebt, studiert und arbeitet dort in mit und an Sprache (Lyrik, Übersetzungen aus dem Englischen / Französischen; französische Literatur- und Sprachwissenschaften). Lesungen u. a. mit dem Autorenkollektiv Sonny Wenzel & friends. 2010 Nominierung für den Förderpreis der Stadt Düsseldorf für Literatur. Bisherige Gedicht-Veröffentlichungen im Literaturmagazin poet (8) und auf poetenladen.de

“Reif für Kirschen” heißt Sina Kleins eingangs erwähnte Übertragung des englischen Textes “Cherrie-ripe” von Robert Herrick (16. Jahrhundert). Das mag zugleich eine Anregung für die 13. und vorerst letzte Runde der Monatsgedichte unter dem Titel “Paradiesgarten” sein. Juror ist dieses Mal Klaus Seufer-Wasserthal. Er ist Leiter der renommierten Rupertus Buchhandlung Salzburg und Mitbegründer des Salzburger Literaturfestes.

25.07.2010

Das Monatsgedicht im Juli: “kirschrosen* / cento” von Ingritt Sachse

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 22:43

Beim Start der Monatsgedichte war die Überlegung auch, was geschieht, wenn ein/e Teilnehmer/in im Verlauf des Projekts von mehreren Juror/innen gekürt wird: Ausschluss, neuer Gewinn? Ich entschied mich damals für die zweite Variante, geht doch mit jeder Runde eine unabhängige Beurteilung der Texte einher und kommen damit unterschiedliche Maßstäbe zum Ausdruck.
Die Einleitung macht klar: Der Fall ist eingetreten. Ingritt Sachse, die im April bereits durch die Auswahl Ursula Haeusgens das Monatsgedicht bestritt, überzeugte beim Thema “Vorbilder” mit ihrem Cento, dem “Flickenkleid” aus Gedichtzeilen Sarah Kirschs und Rose Ausländers, nun auch den Schweizer Juror Paul Schorno.

kirschrosen* / cento

seit er fort ist fallen palmen
wie er mich jagt, sein schrei
in glitzernder luft
fliegen die elstern die
blumen waren
wohl lange verdorrt
meine worte
gehorchen mir nicht
was gibt es denn noch?

mit einer pappel /als feder
einen drachen reiten
schneewittchenweiß
dem apfelbaum gleicht
mein freund
und ich
eine helle sprache

*sarah kirsch & rose ausländer

© ATHENA-Verlag
Aus: in schattengängen streut licht. Gedichte. edition exemplum
Oberhausen 2011

Paul Schorno, der als Kritiker und vielseitiger Profi des Literaturbetriebs in Basel wirkt, leitet seine Entscheidung mit einer persönlichen Bemerkung ein:

Ich wählte nach intensivem Lesen das vielleicht schwierigste Gedicht, betitelt „kirschrosen*/cento“.

Wenn es so ist, dass ein gutes Poem die Essenz von Gelebtem ist, und manches zum Fliessen gebracht wird, so darf dieses hier ein gelungenes und ansprechendes Gedicht genannt werden. Dank etlichen Positionswechseln und verrätselten sprachlichen und gedanklichen Wendungen, braucht der Leser nicht zwingend den Sinn des Ganzen zu erspähen. Er soll beim Lesen selber zu Wort kommen und auf seine eigene Stimme hören. Dazu animieren die 7. und 8. Zeile der ersten Strophe, „meine worte/gehorchen mir nicht“. Überraschend und unvermittelt die darauffolgende Zeile: „was gibt es denn noch?“ Ich erahne dichterische Prozesse im Umfeld von Liebe, Zweifel, Verunsicherung, ein Sichaufbäumen und Weitergehen. In diesem Sinne meine Zuordnung der Zeilen der zweiten Strophe: „einen drachen reiten/ schneewittchenweiss“ und abschliessend „und ich/eine helle Sprache“. Eingeschwiegenes kann spürbar gemacht werden. Freiheiten der Poesie, die jeden Einzelnen einladen, sie zu subjektivieren.
*sarah kirsch & rose ausländer: Zu erspüren ist, dass die Autorin fasziniert und nicht ohne Gewinn für das Atmosphärische sich mit den Daseins- und metaphysischen und märchenhaften Sprachwelten der genannten Autorinnen beschäftigt hat.

Die Vita von Ingritt Sachse finden Sie bereits bei ihrem ersten Siegergedicht. Daher fragte ich dieses Mal nach, warum der Autorin das Schreiben so wichtig sei:

Im Alltag als Psychotherapeutin darauf ausgerichtet, anderen zuzuhören und präsent zu sein, schaffen die Gedichte, die in ihrer Kürze als Entwurf auch einmal zwischen zwei Sitzungen aufs Blatt fließen können, eine Gegenwelt. Lyrik schreiben heißt, mich zu sammeln und etwas vollkommen Anderes zu machen, mich sozusagen an völlig andere Orte zu begeben. Es bedeutet Entlastung und Herausforderung, bedeutet Glück und in besonderen Fällen besessen sein zu können von/mit einer Art kreativer Wut.

Die zwölfte Runde der Monatsgedichte lädt zu “Schatten”-Gedichten ein. Andreas Noga, selbst Lyriker und Lyrikredakteur bei Sandra Uschtrins “Federwelt” und Theo Breuers “Faltblatt”, ist der Juror des nächsten Monatsgedichtes. Bis 10. August – hier die notwendigen Informationen zum Projekt Monatsgedichte – können Sie posten, am 24. August ist die Veröffentlichung des Favoritengedichtes.

25.06.2010

Jörg Wiedemann: “Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung” – Monatsgedicht Juni

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 22:02

Jörg Wiedemann ist Gewinner in der Runde der Juni-Gedichte. Seine “Sommernacht” hat es in sich. Hitze paart sich mit Kalkül. Vorstellungen und Werte haben sich verschoben. Bereits der Titel ist Programm.

Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung

Sterne zwinkern zwielichtig
Trügerisch wie Börsenspekulanten
Die mit hochriskanten Anleihen
Von Liebe und co. handeln

Und du
Du liegst wie immer nackt
Im feuchten Gras eines Sommers
Bereits überwuchert
Von dessen kurzer Laufzeit

Willst dich an einen Kuss ketten
Seine hormonelle Rendite gleich
Eisgewürfelt auf der Zunge einfriern
(Ach so´n Geschmack wie der Stadt-
Schweiß in aller Munde diese Nacht ):

Häuser gehen wieder mit Balkonen schwanger
Leibesfrüchte schwellen dir entgegen
Das Dunkel operiert hier mit unzähl´gen
Lichten Schnitten Stimmen zerlaufen
Und fast verblühte Anästhesisten
Zerstäuben Düfte in viel zu hohen Dosen

Mag der Morgen schon
Silberne Skalpelle wetzen
Aus herzförmigen Blättern
Helle Formen ritzen
Du liegst da
Noch unberührt ungerührt
Bar jeder Unterschrift
Die Zungenspitze purpurn verfärbt

© Jörg Wiedemann

Barbara Wettstein, Journalistin, Lektorin und Autorin, hatte die Jury der zehnten Runde inne. Ihre Begründung macht die Vielschichtigkeit des Gedichtes deutlich:

Die patentierbare Überschrift ist die erste Überraschung. Ich empfinde dieses Gedicht als ein Konglomerat mehrerer Sommer und wie eine Bilanz unseres modernen Lebens, in der Sehnsucht, Liebe, Körperlichkeit offene Posten sind, Gewinn und Verlust ablesbar werden. Erotik, Finanzwesen, Medizin und Natur verschmelzen zu einer Einheit, die Mischung schmeckt bitter und ein wenig nach gegorener Süße. Die visuelle Sprache verführt zum Erinnern, weckt Assoziationen, Vorahnungen. Die Vergänglichkeit des Sommers, der Reiz der Überreife und der Überdruss werden sinnlich erfahrbar, gebrochen von nüchternen Wörtern, die uns in den Medien anfallen. Die Balance zwischen Ratio und Emotion erweist sich als trügerisch, Wissenschaft und Wirtschaft werfen sich brutal in die Waagschalen, erzeugen Gefühle von Ohnmacht und Skepsis, übertragen sich auf die Art, wie wir andere Menschen betrachten, unsere Liebespartner eingeschlossen. Der Sprachduktus ist melodisch und trotz der analytischen Aussage dem verlangsamten Tempo, der Trägheit der Nacht entlehnt.

Herzlichen Glückwunsch an den neuen Monatsgedicht-Sieger! Aus dem Urlaub noch Murmeltierpfeifen und Gämsengemecker im Ohr (“gute angenehme lautmalerische Poeme!”), schickte Jörg Wiedemann seine “biografischen Sentenzen”.

1970 bin ich in Berlin geboren. Habe Biologie, Germanistik, Sozialpädagogik und Erzieher studiert, auf Bauernhöfen gearbeitet, bin im praktischen Umweltschutz aktiv gewesen.
Unterwegs zu sein in Worten, Gedanken und Taten ist wie der rote Faden, der aus meiner Hosentasche schaut. Im Moment arbeite ich mit Kindern und beziehe daher die existenzialistischen, manchmal minimalistischen oder auch ironisch gebrochenen Sprachfetzen meiner Lyrik (schreibe ebenso gern Gedichte mit/für Kinder) wie auch aus dem aktiven Lauschen des Großstadtstimmengewirrs. Lesen und Schreiben ist wie Ein- und Ausatmen für mich … ja und der Humor, besonders der schwarze, bevölkert überbordend mein etwas wirres “Köpfchen”.
Habe an verschiedenen Lyrikwettbewerben teilgenommen und noch nichts veröffentlicht.

In der elften Runde entscheidet der Schweizer Literaturkritiker Paul Schorno, wessen “Vorbild” – das neue Thema der Monatsgedichte im Juli – zu Ehren kommt.

28.05.2010

“praep.spiele” von Carla Capellmann – das neue Monatsgedicht für Mai

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:38

Eine echte Sprachspielerin ist “themengerecht” zur Siegerin gekürt. Wer Carla Capellmanns Gedichte liest, wird immer wieder ihre Einfälle und den Sprachwitz entdecken und bestaunen. Ein Hoch auf die leichte, sprich: erfrischende Sprache, die sehr wohl das dafür entsprechende Know-how voraussetzt. Hallo, Carla, herzlich willkommen in der FavoritInnen-Runde!

praep.spiele

an.spiel
sie an der bar
er an der …
___ru
_____tsc
_______ht an sie
(engl.: her) heran
(hör mal) auch ein …?

zu.spiel
blicke : hin und
her und en
passant und weg und
hin (und him)
ein auge
(zwink.er.t)
auf ein …?

auf.spiel
(let’s go) zum
wo.[vor].spiel
(bei dir / bei mir)
bei.bye
__(hey!)

foul.spiel – das wird ein

nach.spiel
ha
_(ha!)
___ben …

© Carla Capellmann

Carmen Winter, Autorin, Publizistin und Leiterin von Schreibwerkstätten, gefällt die klare Sprache, die unkonventionell auch Satzzeichen, Fremdwörter einbezieht:

Spielerisch geht die Autorin des Gedichtes „praep.spiele“ mit dem Wort und mit den Zeichen um, die uns für Dichtung zur Verfügung stehen. Sie beschreibt ein Spiel, ein Liebesspiel, die Annäherung zwischen ihr (engl.: her) und ihm (engl.: him). Mit ganz wenigen Worten gelingt es ihr, eine ganze Geschichte zu erzählen. Zwei sitzen an der Bar, kommen einander näher, verabreden sich (bei dir/bei mir) und schon könnte alles vorbei sein, wenn nicht einer von beiden foul gespielt hätte und es nun ein nach.spiel geben wird. Vielleicht eine Schwangerschaft, vielleicht eine Dreiecksbeziehung.
So wie es auch im Leben manchmal nur weniger Worte und Blicke bedarf, um sich zu verabreden, braucht auch dieses Gedicht nur wenig Sprache. Sportlich ist hier der Ton mit an.spiel, zu.spiel, auf.spiel, foul.spiel und nach.spiel. Und modern sieht alles aus, internetgerecht mit Punkten und Klammern. Aber – das Ende ist klassisch und wird schon seit Jahrhunderten immer wieder bedichtet, aus dem Spiel wird Ernst. Beim Gedicht “praep.spiele” bleibt einem zum Glück nicht das Lachen im Halse stecken. Es behält seine spielerische Leichtigkeit von der ersten bis zur letzten Zeile. Und lockt ein Lächeln auf die Lippen, wenn es laut vor Publikum gelesen wird, bestimmt auch ein Lachen.

“Wie Du sehen wirst, kann ich einfach nicht ‘geradeaus schreiben’”, kommentierte Carla Capellmann ihre Vita in der Mail. Ich finde, sie passt bestens und macht in der Einheit mit dem Gedicht die Vorstellung rund.

carla capellmann

geboren 1963 / jülich / lebt in / königswinter / schreibt / veröffentlichungen in
literatur / zeitschriften & anthologien / dritter // preis // bei den literaturtagen
rheinland-pfalz 2009 / mitarbeit im: redaktionsteam der eXperimenta /
gemeinsamer // lyrik // band mit anne mai : wortlose // gedichte // die : von einem
losungswort / ausgehen / sich von ihm / entfernen es um / kreisen um / am ende
zu ihm zurückzukehren / athena-verlag 2010

Bis 12. Juni können die Gedichte für die aktuelle Runde “Sommernacht” gepostet werden. Barbara Wettstein, Journalistin in Hamburg, Lektorin und Autorin, wählt zum 26. Juni das zehnte Monatsgedicht. Weitere Infos finden Sie in der Projektbeschreibung der Monatsgedichte.

28.04.2010

Monatsgedicht April: “im abendzug” von Ingritt Sachse

Man sollte Ingritt Sachse hören, wenn sie ihre Gedichte liest. Ihre kraftvolle, etwas raue Stimme steht zum leicht singenden Ton im Gegensatz. Distanz teilt sich da im Vortrag mit, genaue Beobachtung und doch zugleich intensive Nähe. In solchem Oszillieren spürt man, dass beim Schreiben bereits die Antennen ausgefahren sind, Stimmungen, Eindrücke aufzufangen und ans Publikum weiterzugeben. Das Überblenden unterschiedlicher Wahrnehmungen – im neuen Monatsgedicht wird dieses Prinzip Ingritt Sachses auch sichtbar.

im Abendzug
durch das Gesicht im
weichen Spiegel
ziehn Wolken Bäume
Drähte ziehn
Geschichten
durch das Gesicht es
schaut auf mich er-
kennt mich nicht
neben mir
der Blick reist mit dem
Abendzug im
weichen Spiegel

© Ingritt Sachse

Ursula Haeusgen, Gründerin des Lyrik-Kabinett München, nimmt in ihrer Begründung das Spiel mit dem Spiegelbild auf:

Zwei reisen im Zug durch den Abend. Ich und Ich. Immer, wenn das Ich aus dem Zugfenster schaut, erblickt es ein Gesicht, sein Gesicht, gespiegelt im Fenster. Sein Gesicht? Nicht ganz. Ein zweites Gesicht? Vielleicht. Geisterhaft durchsichtig wie ein surreales Bild, ziehen hinter seiner Stirn die Wolken vorbei, hinter den Wangen und Augen Bäume und Drähte. Es spricht nicht. Aber es erzählt – Geschichten und Gedanken huschen vorbei und werden vom Ich aufgefangen. Das Spiegelgesicht erkennt das Ich nicht – aber das Ich erkennt sich. Das Ich schaut weg, aber es weiß, dass das andere Ich da ist, auch wenn es nicht angeschaut wird. Es reist mit – nicht nur im Zug – immer. Ein tröstlicher Gedanke? Das kommt darauf an. Sie haben so eine Situation sicher auch schon erlebt.

Ich konnte mit Ingritt Sachse zusammen schon einige Lesungen bestreiten; daher die mir so vertraute Stimme. Ich freue mich nach diesen Begegnungen umso mehr über Ursula Haeusgens Wahl. Herzliche Glückwünsche, Ingritt, nach Bonn.

Ingritt Sachse (*1946 in Bremen) lebt und arbeitet als Psychotherapeutin in freier Praxis in Bonn. Dichten bedeutet ihr Freiraum und Eintauchen in immer wieder neue Welten.
1999 Veröffentlichung von Prosatexten; 2003 bis heute Lyrikveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und Jahrbüchern.
Seit 2004 kontinuierlich öffentliche Lesungen mit Musik (Einzellesungen und Gemeinschaftslesungen) in Köln, Bonn, Ratingen bei Düsseldorf, in Winterkasten und Meißen, zuletzt im März 2010 in der Parkbuchhandlung Bad Godesberg. Die nächste Lesung am 27. Juni 2010 ist in Vorbereitung. Die Lyriklesungen Ingritt Sachses sind teilweise als Live-Mitschnitt oder als Studioaufnahme auf CD erhältlich.

In der Mai-Runde der Monatsgedichte lautet das Thema “Spiel mit Sinn, Wort und Form”. Carmen Winter ist die neue Jurorin.

30.03.2010

“Wüstenstadt” von Dietlind Frieling – Monatsgedicht März

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:34

Keine Oliven oder Zitronen, kein Meer. Dietlind Frieling malt ein anderes Bild vom Süden. Sie lässt Hitze aufsteigen, reibt die Wörter in Alliteration und Stilfigur aneinander. Neun Zeilen, die es in sich haben und – Favorit für März wurden: Herzlichen Glückwunsch!.

wüstenstadt

wo der wind
weiß weht die luft
aber die luft
rot brennt
wo ich schlafe die
augen alle
alle augen offen weit weit
weiter ich
suche dich

© Dietlind Frieling

.

Ulrike Budde, in vielfältiger Weise engagiert für Wort und Bild, fällte die Entscheidung und begründet sie so:

In einer unwirtlichen, fast lebensfeindlichen Umgebung beharrt ein Mensch auf der Suche nach einem anderen Menschen. Süden ist hier eine Wüstenlandschaft, in der das Ich schläft, und trotz – oder angesichts – der offenen Augen ringsum die Suche fortsetzen muss. Die Dopplungen – luft alle augen weit – fokussieren die Leserin auf das Wesentliche: das Atmen, das Schauen, die Perspektive. Die äußere Landschaft spiegelt die innere, es entsteht ein starkes Bild für eine tief empfundene Einsamkeit, die allerdings nicht als ausweglos hingenommen wird: Das Du existiert irgendwo, die fortgesetzte Suche verbindet und hält das Ich am Leben.

.

Klar, zielgerichtet, zugleich offen für Neues, für Spiel auch und ausgestattet mit einer guten Portion Humor – so habe ich Dietlind Frieling im Lauf unsrer Zusammenarbeit kennengelernt. Diese Eigenschaften bringt sie auch in ihrer Kurzvita zum Ausdruck:

Geboren 1959. Lebt in Hamburg mit Kindern, Mann, Kater, Hund, Garten, Wind, Stift und Papier. Vormittags Prosa und Lyrik, nachmittags Backoffice, abends Feuer, Familie, Freunde. Reist furchtbar gern und viel zu selten.

Nachtrag: Inzwischen hat Dietlind Frieling Gedichte in “Tentakel” 2/2010 und 3/2010 veröffentlicht.

.

Thema der neuen Runde sind “Spiegelbilder”. Beim Monatsgedicht April übernimmt Ursula Haeusgen, die Gründerin des Lyrik Kabinett München, die Jury. Allgemeine Informationen finden Sie unter Lyrikprojekt Monatsgedichte.

27.02.2010

Monatsgedicht Februar: “kneipengeheimnis” von Marion Röckinghausen

“Geh nicht ins Bad vor mir/ [...] / Und putze dir nicht die Zähne leg sie ins Glas”, heißt es in einem früheren Text von Marion Röckinghausen. Für Beziehungen hat die neue Siegerin der Monatsgedichte einen speziellen Blick. Nüchtern bis lakonisch ist die Sprache, wenn das lyrische Ich seinen Alltag reflektiert und in der Desillusionierung oft sogar schockiert.
“kneipengeheimnis”, der Favorit der Februar-Runde, lässt noch die Vision einer Liebe anklingen. Sich im Lauf der Jahre fremd geworden oder noch fremd am Anfang einer jungen Beziehung – vom Prickeln bis zum schalen Nebeneinander existieren vielerlei Facetten.

kneipengeheimnis

am tisch gemein
sam mit dir
allein zu zweit

gläser halten
die blicke
gefangen

münder trinken
kein wort
aus sich raus

champagner am
nebentisch neben
dem seitenblick

prickeln augen
sterne aus
den winkeln

© Marion Röckinghausen

.

Die Jurorin Gabriele Dau lebt nahe Salzburg. Die Diplombibliothekarin und Buchhändlerin, zudem Anglistin mit Schwerpunkt Literatur, begründet ihre Wahl wie folgt:

Wer hat es nicht schon selbst erlebt: Eine zu Ende gehende Beziehung oder zumindest eine, die tief in der Krise steckt! In diesem Gedicht wird ein scheinbar alltäglicher Kneipenbesuch zur Beziehungsbilanz, die Kneipe zur Beziehungsbühne.
Schweigen, subtile Aggression (wunderbar: die Kombination von Wortspiel mit Zeilenumbruch in der ersten Strophe!), Leere, Verzweiflung: Dies sind die Gefühle, die sich am eigenen Tisch breit gemacht haben. Am Nachbartisch – vom lyrischen Ich voll heimlicher Sehnsucht beobachtet – spielt sich der Gegenentwurf ab, ein Neubeginn, verheißungsvoll – „prickelnd“ eben!
Von der ersten bis zur letzten Zeile ist der Bogen sorgsam gespannt von sparsam gewählten, jedoch punktgenau treffenden Worten, die dem Leser die Geschichte einer Beziehung und die vielfältige Gefühlswelt der sprechenden Person vermitteln.

.

Als ich Marion Röckinghausen um einige Stichpunkte zur Vita bat, war ihre erste Antwort: “Schreiben heißt für mich Leben! Nur wenn ich schreibe, lebe ich vollständig.” Dann fasste sie nach: “Das mag pathetisch klingen, aber es ist so.” Wer die Autorin kennt, weiß es. Herzlichen Glückwunsch!

Marion Röckinghausen, geboren 1952, lebt und schreibt oder schreibt und lebt in Marburg.
Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und auf Internetportalen; Lesungen im Odenwald (Jazz in Winterkasten) und in der Kulturwerkstatt Tannberg/ Salzburg, in Köln und im Landkreis Marburg-Biedenkopf; Radiosendungen in Marburg (Radio Unerhört Marburg RUM), die nächste Radiolesung ist für Mai in Vorbereitung.

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Die aktuelle Runde der Monatsgedichte läuft bis 15. März unter dem Motto Süden. Jurorin ist Ulrike Budde, vormals Journalistin, nun in zahlreichen Wort- und Bild-Projekten engagiert. Ulrike Budde bringt durch ihre Mitgliedschaft und Vorstandsarbeit in Verein, Verband und Literaturgesellschaft einen neuen Blickwinkel in die Jurygemeinschaft.
Die Teilnahme am Lyrikprojekt Monatsgedichte, das ambitionierten Dichterinnen und Dichtern zum Namensaufbau dient, ist frei.

12.01.2010

Eine neue Seidenstraße

Filed under: Kulturaustausch,Projekt — Tags: , , — Michaela Didyk @ 18:03

Ob auf dem Inka-Pfad nach Machu Picchu oder mit der transsibirischen Eisenbahn ans Ende der Welt, mit meiner Nomadenseele würde ich gern einige Traumreisen unternehmen. So auch die auf der Seidenstraße, auf der ich zumindest gedanklich schon bei meinen Recherchen zum Meißen-Projekt und den Porzellan-Gedichten unterwegs war und bin. Es ist die Vielfalt der Kulturen, die mich reizt, und wie daraus neue Formen entstehen.

-
The Silk Road Project habe ich über Twitter entdeckt. Yo Yo Ma, der künstlerische Leiter des Seidenstraßen-Projekts, sieht in der reichen Tradition der historischen Seidenstraße die große Chance, Neues zu schaffen. Durch die verschiedenen Künste zu lernen und sich dabei näher zu kommen, weckt zudem gegenseitiges Verstehen.

When we enlarge our view of the world, we deepen our understanding of our own lives. The Silk Road Project hopes to plant seeds of new cultural growth and to celebrate traditions and musical voices everywhere.

Die Musik steht im Mittelpunkt. Authentisch in ihrer Herkunft, bringt sie der Cellist Yo Yo Ma mit seinem Ensemble nicht nur in die internationalen Konzertsäle, sondern auch in die Museen und Universitäten. Der Nachbarschafts-Gedanke prägt sein Bildungsprogramm, wie anders auch – die Völkerverbindungen der historischen Seidenstraße wirken nach.

Every time I open a newspaper, I am reminded that we live in a world where we can no longer afford not to know our neighbors.

Und die Poesie? Sie zeigt sich beispielsweise in solchem Lied:

Im Silk Road Radio finden Sie noch mehr Beispiele dieser feinen Weltmusik.

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