02.08.2012

Anna Fried stellt mit “pas une vie douce” das Monatsgedicht für August

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 11:36

‘Dolce vita’ lautete das Thema der Schlussrunde in der zweiten Monatsgedicht-Serie. Ob dieses Motto genug Anreiz für ein Gedicht gebe, hatte ich mit Juror Stefan Monhardt noch bei der Ausschreibung diskutiert. Die Rechnung ging auf. “Ich bin total begeistert über die so unterschiedlichen Töne und Ansätze …”, schrieb er mir nach Erhalt des Jurypakets, “Leicht wird die Auswahl ‘eines’ besten Textes aber nicht.” Anna Fried konnte sich mit ihrem Gedicht durchsetzen:

pas une vie douce

sie waren ein wenig sauer
weil die Völker das nicht wollen
weil das nicht geht
weil es stört!

il etait un peu acide
les peuples n’en veulent
parce qu’elle ne peut pas
parce qu’il derange!

© Anna Fried

Stefan Monhardt lebt als freier Autor und Übersetzer in Berlin. In seinem Essay im Sammelband Umkreisungen. 25 Auskünfte zum Gedicht verweist der Juror auf die Irritationsmöglichkeiten lyrischer Texte: “Vielleicht verhalten sich Gedichte so zur Welt wie Graupeln: sie sind in der Welt, aber gehören nicht zur Welt.” Welcher Denkraum sich aus solcher Sonderstellung ergibt, ist auch in Stefan Monhardts Urteilsbegründung spürbar:

Ein Gedicht muß nicht geheimnisvoll sein, um gut zu sein. Aber das Gedicht „pas une vie douce“ ist gut, weil es geheimnisvoll ist. Sein Geheimnis ist nichts Nebulöses und Dunkles, sondern taghelle Mystik: „Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge“.
Ungewöhnliche Dinge? Jeder Vers in diesem Gedicht ist ein knappster Satz, sein Inhalt an Gewöhnlichkeit kaum zu überbieten. Das Rätsel entsteht erst beim Zusammenbauen dieser glasklaren, banalen Sätze. ‚Sauer sein’, das bedeutet doch eine Irritation im überschaubaren Bereich des Persönlichen oder Privaten. Hier aber sind offenbar Menschen deswegen sauer, weil „die völker“ „das“ nicht wollen. Was für Ungeheuerliches muß „das“ denn sein, wenn dadurch gleich eine globale Dimension berührt wird? Und umgekehrt: Wieso löst der geballte Unwille der Völker nur etwas so Harmloses aus wie jenes „ein wenig sauer“-Sein?
So spricht dieses Gedicht in jedem Satz ganz präzise von etwas, das es uns sofort wieder entzieht. Wir bekommen es nie zu fassen, der Text geht nie auf.
Und als sei das nicht genug und als hätten wir noch nicht begriffen, daß wir es nicht begreifen werden, sagt es uns das alles gleich noch einmal auf Französisch.
Schon bei den ersten beiden Worten sehen wir aber, daß es sich bei der zweiten Strophe nicht einfach um eine Übersetzung der ersten handelt: „sie waren …“, hieß es zuvor, ‚er war …’, heißt es nun. Dann wird ganz brav wörtlich übersetzt: „… un peu acide“. Doch gerade die wörtliche Übersetzung ist hier die den Wortsinn verkehrende: Das Französische verwendet das Wort nicht metaphorisch, ‚acides’ sind allenfalls Weine und Zitronen, keine Menschen. „weil das nicht geht“, sagt der deutsche Vers, ‚weil sie nicht kann’ sagt der französische, „weil es stört“ der deutsche, ‚weil er stört’ der französische.
Ist die zweite Strophe eine Variation, Parodie, Ergänzung, ein Kommentar, eine Korrektur oder Verschlimmbesserung der ersten? Oder umgekehrt? Oder reden beide Strophen von ganz Verschiedenem, sind das eigentlich zwei Gedichte?
Mit diesem Text habe ich nicht gerechnet. Ich bin immer wieder zu ihm zurückgekehrt, und oft hat er mich auch geärgert. Führt mich dieses lapidare Gedicht an der Nase herum? Steckt dahinter vielleicht ein ganz einfacher Witz, den ich noch nicht erkannt habe? Zwingt es mich, es zum Gedicht des Monats zu ernennen, nur um als Juror nicht dumm dazustehen? Ich weiß nicht einmal, ob es die Möglichkeiten, die in ihm angelegt sind, wirklich auschöpft, ob seine Zweisprachigkeit nicht vielleicht sogar ein wenig arg schick ist. Aber merkwürdig: All diese Fragen interessieren mich gar nicht. Mich beunruhigt dieser Text, und er beunruhigt mich auf die schönste Weise, in der Gedichte uns aus unserer behaglichen Selbstverständlichkeit aufstören und eine Idee des wahren süßen Lebens evozieren können.

Meist waren es Wortspiele, die Anna Fried während des Jahres beim Projekt Monatsgedichte postete. Die Arbeit mit und an der Sprache ist bei ihr offenkundig: Der Buchstabe selbst rückt ins Rampenlicht. So fällt auch die Vita Anna Frieds, die sie mir für die Vorstellung hier im Blog schickte, ungewöhnlich aus:

Von dieser VITA aus lässt sich im “Herauspicken” weiterer Lettern und mit einem Gruß durchaus nochmals der Sprung zur ‘dolce vita’ machen: Herzlichen Glückwunsch, liebe Anna Fried!
.
Nach 13 Runden gibt es nun für das Projekt Monatsgedichte eine Pause. Die neue und dann dritte Wettbewerbs-Serie ist ab Sommer 2013 geplant. Wenn Sie in Zukunft mitmachen möchten (und bisher noch nicht dabei waren), können Sie sich in der Zwischenzeit zum für Sie kostenlosen Projekt anmelden. Sie erfahren dadurch, wann es exakt wieder weitergeht. Nähere Informationen finden Sie dafür unter www.unternehmen-lyrik.de.

03.07.2012

‘ophelia phlegmatisch’ von Sina Klein ist neues Monatsgedicht im Juli

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 13:30

Die Juli-Runde war mit dem Motto “Mondhelle Nächte” überschrieben. Der Erdtrabant, bekannt für sein stetes Wechselspiel, blieb auch in Versen eingefangen seinem Prinzip treu: Er spiegelte sich in den vielerlei Facetten der geposteten Gedichte. Sina Klein gewann mit ihrem Text, der den Sog mancher Mondnacht im ungewohnten Blickwinkel umso subtiler spüren lässt:

ophelia phlegmatisch

liegt es an der mondtablette,
halbe, volle – monatstakte -
ihrerstatt statistin einer nacht ?

halten tage die gestalt steril ?
- still, halt still für chirurgie:
wir fischen sie aus ihrem bett …

formaldehyd-getränkte sie,
ist hell von allen ethanolen,
watte innen, hüllen laken

schnitt / ein tisch – ma belle – skalpelle …
akt seziert zurück sich bis auf szene,
bis auf alles sehnen – dort wo’s klafft -
schläft hamlet.

© Sina Klein

Annette Bitsch, Privatdozentin im Bereich Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist mit dem Thema “Mond” vertraut. Im weiten Bogen der Forschungsschwerpunkte von Medien-/ Kulturwissenschaft und Psychoanalyse bis hin zur Französischen Gegenwartsphilosophie und zum Posthumanismus hat die Literatur und Lyrik der Avantgarde 1900 (insbesondere Surrealismus und Expressionismus) einen festen Platz. Die Jurorin begründet ihr Urteil wie folgt:

Das Gedicht „ophelia phlegmatisch“ codiert eine Situation gegenwärtig-alltäglicher Lebenswelt, eine literarische Tragödie und wissenschaftliches Datenmaterial zu einer mondhellen Saga, blitzartig, surreal, en miniature. Nach einer langen Reise aus dem Jahr 1602 ist Ophelia, „ma belle“, morbide Schönheit mit langer literarischer Tradition, in der Chirurgie des 21. Jahrhunderts gelandet. Der Tod vermochte die Wunde, die Hamlet zufügte, nicht zu schließen. 400 Jahre später schluckt sie „mondtabletten“ und ist zur „formaldehyd-getränkten sie“, „hell von allen ethanolen“, geworden. Doch auch Anästhesie, auch der „schnitt“ mit den „skalpellen“, können den unsühnbaren Schmerz, „alles sehnen“, die Blutung — „dort wo’s klafft‘ — nicht heilen. Die Szene steht in mondheller Bestrahlung wie in einem Fluidum, sterile Essenzen, weiße „watte“ und „laken“ emanieren Licht zum Mond zurück. Etwas entgleitet ins Geisterhafte, in die Irrealität. Wo sind wir wirklich? Ist das noch die Wirklichkeit und unser vertrauter, allnächtlich wiederkehrender Mond? Oder sind wir bereits weitergereist und eingezogen in den Radius einer weiteren Ophelia, in den Radius des zweiten von den 27 Monden des Planeten Uranus? Das Gedicht verzichtet auf ein klassisches Versmaß und verwendet freie Rhythmen, doch gleich lange, vorwiegend parataktische Zeilen und zahlreiche Assonanzen (ophelia/phlegmatisch, mondtablette/volle monatstakte) erzeugen formale Regelmäßigkeit. Die Sätze sind knapp, anakoluthisch, gehen oft in Stakkato über, aber all diese Brüche führen nicht in Desintegration, sondern sind mit kalkulierter Symmetrie arrangiert. Die formgebende Strenge korrespondiert inhaltlich den in der Chirurgie eingesetzten Maßnahmen zur Desinfektion von Psyche und versehrtem Körper — jedoch bebt darunter das ganz Andere wie ein unheimliches, unberechenbares Ticken. Das überträgt sich auch in den Worten. Kühl sind die Worte, kühl, steril, emotionsfern wie die Ethanole und Seziergeräte, sie sind frei von Trillern, Schnörkeln und adverbialem Plüsch. Und doch pulsieren in ihnen Dionysie und Blutaroma — Worte mit gefährlich scharfer sinnlicher Ladung. Es sind Worte, Chiffren, Allusionen, die mit dem Skalpell geschliffen wurden. Denn dies Gedicht entstand in der Chirurgie, oder, um es mit Gottfried Benn, dem Spezialisten für die Artistik des Gedichts, zu sagen: im „Laboratorium der Worte“. Es zeugt von brillanter Intelligenz und großem literarischen Können.

An dieses Urteil schließe ich mich gerne mit einem herzlichen Glückwunsch an Dich, Sina, an! – Mit ‘stadtbausteine’ gehörte die Lyrikerin schon in der ersten Reihe der Monatsgedichte zu den Sieger/innen.

Sina Kleins Vita aus dem Vorjahr lässt sich nun “weiterführen”. Die Autorin schließt derzeit ihr Romanistik-Studium ab. In ihrer Magisterarbeit setzte sie sich mit 14 Übertragungen von Rimbauds “Ophélie” auseinander. Der Übergang von Übersetzung zu eigenständiger Lyrik bzw. die Wechselwirkung untereinander und wie die Begriffe Nach- und Umdichtung gebraucht werden, standen im Mittelpunkt ihrer Untersuchung.
Der erste Gedichtband ist im Entstehen. Einzelveröffentlichungen gibt es neben den Texten auf poetenladen.de, wo Sina Klein als Autorin vertreten ist, auch in den Zeitschriften Poet, Federwelt, lauter niemand und Proto.
In Zusammenarbeit mit dem Proto-Magazin und der Essener Post-Rock-Band ‘Volvo Penta’ veranstaltet Sina Klein seit vergangenem Jahr auch musikalische Lyriklesungen. Bei ihren Lesungen in Düsseldorf gibt es heute, am 3. Juli, ganz aktuell einen Termin im LiteraturClub Düsseldorf (genaue Ort- und Zeitangabe hier).

Die 13. Runde der Monatsgedichte dreht sich um ‘dolce vita’. Der in Berlin lebende Autor und Übersetzer Stefan Monhardt ist Juror dieser vorerst wieder letzten Ausschreibung der Montasgedicht-Reihe 2011/12. Sie können die Details zum Wettbewerb wie gewohnt auch herunterladen. Wenn Sie neu zum Projekt Monatsgedichte hinzukommen möchten, finden Sie hier die notwendigen Informationen.

04.06.2012

Monatsgedicht im Juni: “lepanto” von Werner K. Bliß – eine Hommage an Cy Twombly

Als Werner Bliß mir bei einem München-Besuch erzählte, dass er im Museum Brandhorst Cy Twomblys Zyklus “Lepanto” (Bild 11 bis 22 anklicken) anschauen wolle, bat ich ihn, ein Gedicht dazu zu schreiben. Ich hatte gerade mit meinem eigenen Lyrikkurs im Museum die ersten Erfahrungen gemacht und war neugierig auf alle Art von Lepanto-Gedichten.
Zur damals schon in sich runden Version schickte Werner Bliß nun gut ein Jahr später zum Monatsgedicht eine neue Fassung. Das passt genau zur folgenden Stelle aus Klaus-Peter Busses neu erschienenem Band “o.T. Über Cy Twombly” (Athena Verlag): “Der Umgang mit dem Bild ist von Beginn seiner Entstehung bis zu seiner Rezeption [...] selbst eine fortwährende Übermalung oder eine Schichtung. Der Betrachter malt gewissermaßen an dem Bild mit, das ihn beschäftigt.” (S. 22)
Um wieviel mehr gilt dies noch für einen Betrachter, der schreibt und das Ergebnis seiner Mitarbeit auch für andere sichtbar festhält:

lepanto

am anderen morgen diese
farbenpracht beinahe ein
bild des friedens
wären da
nicht

fahnenteile
holzplanken
ruderschaufeln
lederriemen
blutrot begrenzt
ein arm der nicht
fuß fassen will
haarbüschel

ein stück kommandobrücke
im lichten dunst
landeplatz einer lachmöve
.
© Werner K. Bliß

“Die Entscheidung ist klar für mich. The winner is: 8, lepanto”, schrieb die Wiener Verlagsleiterin und Philosophin Viktoria Frysak, in der Antwortmail mit ihrem Urteil:

Ein Kunstwerk erscheint mir immer dann gelungen, wenn es neue Gedanken anstößt, einen Eindruck hinterlässt, irgendeine Art der inneren Beschäftigung nach sich zieht.
Das aktuelle Monatsgedicht war diesbezüglich doppelt spannend: Zunächst muss ein gegenständliches Kunstwerk einen Menschen derart in seinen Bann schlagen, dass er bereit ist, in Anlehnung daran ein literarisches Kunstwerk zu schaffen. Das Geschriebene muss dann seinerseits als eigenständiges Kunstwerk existieren und seine Wirkung entfalten können. Darüber hinaus muss es jedoch auch irgendeine Art der Rückbindung an das Ausgangswerk enthalten.

“Lepanto” hat mit seiner Eigenständigkeit ebenso überzeugt wie mit seinem Zusammenhang. Der Text eröffnet einen interessanten Blick auf die Bilder Cy Twomblys, er lenkt die Aufmerksamkeit auf ungesehene Aspekte. Zugleich enthält das Gedicht eine ganz eigene Aussage.
Seine Sprache ist unaufdringlich und nachdrücklich: Gewaltige Worte, die sofort Bilder erstehen lassen, deren Eindringlichkeit subversiv wirkt, ohne damit in die Nähe der Platitüde zu kommen.
Der Rhythmus des Gedichts trägt zur Wirkung der Worte bei. Die Wahrnehmung wechselt von der beschaulichen Szenerie zur Dissektion. Dieser Umbruch ist sprachlich, rhythmisch und inhaltlich konzipiert. Im dritten Schritt wird die Wahrnehmung zurück in eine – nur vermeintliche? – Beschaulichkeit geführt.
Die Dreiteilung des Gedichtes zeichnet einen Weg, der vielleicht die Dialektik aller Veränderung im Feld von Vergänglichkeit und Neubeginn zum Thema hat …

Der glückliche Gewinner dieser Runde weiß noch gar nichts von seinem Erfolg. Telefonbeantworter und Mailbox warten noch auf die Heimkehr des Urlaubers. Dennoch: einen herzlichen Glückwunsch in den Schwarzwald!

Werner K. Bliß kennt beides: das Schreiben, ob Lyrik oder Erzählwerk, und das Malen, Zeichnen oder auch Herstellen von Collage und Skulptur. Immer im regen Austausch mit anderen finden sich viele seiner veröffentlichten Gedichte in Katalogen. Seine Texte ergänzen u.a. Kunstwerke von Armin Göhringer oder Marianne Hopf.
Werner Bliss, 1950 geboren und von Beruf Pädagoge in Hausach/ Schwarzwald, ist in Theo Breuers siebenter handgeschriebener Anthologie Vulkan Obsidian genauso vertreten wie digital bei Lyrikmail oder Fixpoetry.
Sein Gedicht “restposten” war übrigens auch hier im Blog bereits Monatsgedicht im Januar 2010.

“Mondhelle Nächte” laden Sie zum Schreiben und Posten für das Monatsgedicht im Juli ein. Als Jurorin steht Annette Bitsch zur Verfügung, die als Privatdozentin im Bereich Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt.
Die Ausschreibung finden Sie als Download, zur generellen Erstanmeldung, wenn Sie beim “Projekt Monatsgedichte” neu mitmachen wollen, führt Sie dieser Link.

06.05.2012

Marion Röckinghausen: “der kleine Schlaf” – Monatsgedicht für Mai

„Versunkene Welten“ war die Monatsgedicht-Runde für Mai überschrieben. Favoritin ist Marion Röckinghausen, die in ihrem Gedicht mehrfach perspektiviert Vergängliches ans Licht holt:

der kleine Schlaf

ein Löwenmaul ein Grab ein Schweigen
ein Angesicht ein Augenblick
im Weiß des Herbstes ein Verweilen
auf rotem Laub ein Missgeschick

der überreifen Früchte Abend
der Sinn im Unsinn – greifbar nah
im Traumgesang der Lerche schlafend
ein Heut ein Hier ein Ist ein War

im Pinselstrich der Lüge Ende
ein Tropfen wie als Punkt gesetzt
vorbei – Geschichte wird Legende
ein Löwenmaul mit Tau benetzt

Marion Röckinghausen © Athena Verlag

André Schinkel war Juror des zehnten Monatsgedichtes. Der Autor und Lektor aus Halle, der u.a. die Redaktionsleitung der Literaturzeitschrift „oda – Ort der Augen“ inne hat, begründet sein Votum wie folgt:

Zugegeben, dieses Gedicht reibt sich an einem großen Vorbild – Benn in seiner Rückzugs-Phase, es nimmt im Ton die Gestik von „Ein Wort“ auf und variiert die Benn’sche Blumen-Metaphorik zu einem durchaus ambivalent aufzufassenden Löwenmaul hin. Es konterkariert zudem die vorgebliche poetische Regung unserer Zeit, mit der selbsternannte Lyriker aus Unkenntnis der Zusammenhänge de facto Anti-Lyrik betreiben. Man höre noch immer das weltliche Gekicher angesichts gereimter Gedichte – als resultierte nicht jede Befreiung aus dem Metrum zuvor aus einer Überwindung von Strenge. Die Verfasserin des „kleinen Schlafs“ beweist, indem sie etwas in den Augen Vieler Überkommenes aufgreift, Mut und vor allem eine Kraft der Beharrlichkeit, die auch etwas von Reverenz, Respekt vor der Dichtkunst in sich trägt. Mit Epigonentum hat dies jedoch nichts zu tun, man sieht das u. a. im durchaus eigenwilligen Gebrauch (oder Nichtgebrauch) der Interpunktion im Text, in der Traute, sich dem Wagnis teils nicht ganz reiner Reime auszusetzen. Beachtlich die zielstrebige Dynamik im Gedicht, die etwas Rondellhaftes hat und ein menuettartiges Ende baut, das frappierend das Erhabene im Mikrokosmos aussetzt: „vorbei – Geschichte wird Legende / ein Löwenmaul mit Tau besetzt“. Dieser Kosmos besteht aus Werden und Vergehen, die Lyrik ist, so man sie ernst nimmt, prädestiniert für derlei ‚letzte Dinge‘. Die Metaphern dafür sind zweischneidig und paradox: der Sinn wird bereits im Unsinn gespiegelt; das Löwenmäulchen übersteht die Geschichte, die, wie alles, im Rachen des Raubtiers verschwindet. „Grab“ und „Schweigen“ wohnen darin genauso wie das vitale Glitzern des Taus, sei es, dass er sich auf den Blättern der Pflanze oder auf den Lefzen des Mantikors findet. Der Schlaf als Bote des Sinkens, das Leuchten als flüchtiges Aggregat der Dunkelheit, die kommen wird. Indes, welch Trost zugleich, diesen Umstand der Welt wenigstens zeitweise bei Licht besehen zu dürfen. Es unterscheidet uns von den Steinen. Im Glücksfall kreuzt sich an diesem Punkt das Zeitliche mit dem Überzeitlichen – und es entsteht ein schönes, ein würdiges Gedicht.

Marion Röckinghausen, die schon in der ersten Monatsgedichtserie mit „kneipengeheimnis“ eine Runde für sich entscheiden konnte, braucht “das Schreiben wie die Luft zum Atmen”. Gedichte um sich, ob als inspirierende Buchlektüre oder auf eigenen Manuskriptseiten, und selbst mittendrin ins Schreiben versunken – das ist der Gewinnerin daher ein vertrauter Zustand.

Eine erste Vita der 1952 geborenen Bankkauffrau und Betriebswirtin finden Sie bereits hier. 2011 sind weitere Lesungen in Wien sowie im Radio dazugekommen. Ein Lyrikband ist im Entstehen, zu dem der neue Erfolg hoffentlich noch eine Extraportion Schwung bringt :-)
Einen herzlichen Glückwunsch an Dich, Marion, nach Marburg!

Nachtrag April 2013: Marion Röckinghausens oben bereits angekündigter Gedichtband ist gerade erschienen. Unter dem Titel die spur zurück geträumt versammelt die Autorin Liebesgedichte, in denen das lyrische Ich Entfremdung und Desillusion zurücklässt, um ähnlich einem Initiationsweg zur eigenen Vision zu finden. Marion Röckinghausen versteht sich auf die Kunst, mit teils schonungslosem Blick Alltagssituationen ins poetische Bild zu holen und die unterschwelligen Gefühlsdimensionen aufzudecken. Wie spritzig und leicht sich dabei Beziehungskrisen – zumindest lyrisch – bemerkbar machen können, zeigt kneipengeheimnis, das frühere Favoritengedicht.

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Die Juni-Runde der Monatsgedichte ist der Kunst gewidmet. “Gedichte auf Bilder und Skulpturen” sind dieses Mal gefragt, die Wiener Verlegerin Viktoria Frysak hat die Jury übernommen. Die Ausschreibung können Sie hier herunterladen, die Details zum Projekt Monatsgedichte generell erfahren Sie hier.

07.04.2012

“Hey Ariadne” – Jörg Wiedemann stellt das Monatsgedicht für April

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 14:36

Die Mythen- und Sagenbände waren in meiner Kindheit immer die dicksten Bände im Regal und gern verschwand ich lesend für Stunden in einer anderen Welt. Jörg Wiedemann zeigt, dass aus langen Geschichten auch kurze Texte werden können und dennoch alle Fülle enthalten ist. Frech kommt da sein Anfang, wenn er Ariadne freundschaftlichen Rat gibt.

Hey Ariadne
wirf dein Wollknäuel
in die Meute
streunender Katzen zer

beiß die Ordnung zer
kratz das blanke Gesicht
der Antwort nimm
den Plan auf die Hörner und komm

lass uns mal wieder
gegen Mauern laufen ver
irrt in der eigenen
Wohnung ver
strickt ins Spiel weglos ins
Rätsel (Du weißt ja: Alle Kreter lügen) der

Weingott reicht dir
den Becher Ariadne los zer
schneid alle Fäden
und lass Theseus die dunklen
Segel hissen.
.
© Jörg Wiedemann

Barbara Ter-Nedden war Jurorin der “Labyrinth”-Runde. Die engagierte Inhaberin der Parkbuchhandlung und Literaturveranstalterin, die neben ihrer erfogreichen Lesereihe im vergangenen Jahr auch den Bad Godesberger Literaturwettbewerb ins Leben gerufen hat, kam zu folgendem Ergebnis:

Das Gedicht besteht aus einer Sequenz von Apostrophen, die an Ariadne gerichtet sind, die hier gleichsam als Muse des Labyrinthischen fungiert. Ariadne, die Tochter des Königs Minos, hatte sich in den griechischen Helden Theseus verliebt, und ihm geholfen, den im Innern des Labyrinths von Knossos auf Kreta hausenden Minotaurus zu töten. Mit Hilfe des von ihr selbst gesponnenen roten Fadens hatte er den Weg zurück aus dem Labyrinth finden können. Das Paar floh auf die Insel Naxos, wo der Gott des Weins Dionysos sich in Ariadne verliebte. Theseus verließ Ariadne und segelte zurück nach Athen. Weil er vergessen hatte, die schwarzen Segel durch weiße auszutauschen, stürzte sich sein Vater Aegeus ins Meer, in der Meinung, sein Sohn sei auf Kreta umgekommen. Das ist das mythische Material, das hier zu einer spielerischen Abfolge von Vorstellungen anregt, die alle darauf hinauslaufen, sich der Erfahrung des Labyrinthischen auszusetzen, also den roten Faden der Ariadne reißen zu lassen. Das Wollknäuel verbindet sich mit dem Bild der Katzen, die den Faden im Spiel zerreißen, die Ordnung zerbeißen und eine Abfolge analoger Zerstörungen und Verirrungen assoziieren lassen: das Zerkratzen des blanken Gesichts der Antwort, das Auf-die-Hörner-Nehmen des Plans, der Lauf gegen die Mauern, das Verirren in der eigenen Wohnung, und der spielerische Weg in die logische Aporie, also in die Weglosigkeit, für die der Satz des Kreters Epimendes, dass alle Kreter lügen, einsteht. Das anspielungsreiche- und geistreiche Spiel der Assoziationen endet mit der Rückkehr zum mythischen Ursprung: Das labyrinthische Leben ergibt sich dem Rausch und endet im Tod.

Einen herzlichen Gruß schicke ich nach Berlin, wo ich Jörg Wiedemann vor kurzem persönlich kennenlernen konnte. Nicht nur die Liebe zu Mythen, sondern auch die zu (kilo)meterlangen Buchregalen teilen wir. :-)

Für Jörg Wiedemann gilt die magische Formel, dass aller guten Dinge drei sind. Seine “dritte Vita” besteht daher in den Verweisen auf seine frühere Favoritengedichte, mit denen er zwei andere Jurorinnen schon überzeugte. Dort finden Sie auch sein Statement zum eigenen Schaffen.

Das Monatsgedicht für Mai steht unter dem Motto “Versunkene Welten” André Schinkel, freier Autor, Germanist und Archäologe steht als Juror der zehnten Runde zur Verfügung. Sie haben bis 21. April 2012 zum Posten Zeit. Informationen, auch wenn Sie neu zum Projekt dazukommen möchten, finden Sie bei Unternehmen Lyrik

07.03.2012

“flieg gedanke – va, pensiers, sullali dorate” – Gerda Steger stellt das Monatsgedicht für März

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 22:00

“Ein Tag ohne Poesie ist ein verlorener Lebenstag!”, heißt es für Gerda Steger, die Gedichte nicht nur liest, schreibt und vorträgt, sondern sich auch in ungewöhnlichen Aktionen für die Poesie einsetzt. So steht für die Dichterin nicht nur manches Gartenfest unter lyrischem Motto, sondern macht sie schon auch mitunter – ein entsprechend beschriftetes Schild umgehängt – als “wandelndes Gedicht” am Tag der Lyrik auf die geliebte Wortkunst aufmerksam. Für “Verwehrtes Glück”, das Thema dieser Monatsgedicht-Runde, griff Gerda Steger auf ein Zitat aus Giuseppe Verdis “Gefangenenchor” zurück:

*flieg gedanke – va, pensiers, sullali dorate

stacheldraht zähne
in erstarrten augen
blut gefroren
die kanäle – warum

kniet hilflosigkeit
zerstückelt, fesseln
ketten die skelette
die barfüßigen
ohne boden – warum

hungerblind, dämpft satt
gestanknebel die zellen
haut eis nägelritze — why
waterboarding – warum

in der bucht
karibischer nächte
der himmel fiel
ins gras?

* Giuseppe Verdi, Nabucco – der „Gefangenenchor“

© Gerda Steger

Alice Grünfelder, Literaturvermittlerin, Lektorin und Übersetzerin aus Zürich, die als Sinologin auch längere Zeit in Asien und China lebte, kennt die Herausforderung politischer Dichtung, wie sie gerade beim März-Thema gefragt war:

Wohin soll der Gedanke nur fliegen, wenn ein Stacheldrahtverhau den Blick in den Himmel verwehrt? Mit vier Fragen enden die vier Strophen, und mit jeder einzelnen steigert sich die Verzweiflung. Als könne die Anrufung des Universums in einer „karibischen“ Nacht eine Überlebensstrategie sein, mit letzter Willenskraft aufgeboten.
„Politik und Lyrik, geht das überhaupt zusammen?“, fragten sich unlängst Lyriker bei einem Treffen in Zürich. Die Gefahr des Plakativen lauere in jeder Zeile, Worte würden für politische Ziele instrumentalisiert, jeder Lyriker, der sich diesen ungleichen Zwillingen stelle, laufe Gefahr, Plattitüden und Stereotypen in allzu offensichtliche Verse zu zwängen.
Und dennoch gibt es immer wieder Zeiten, in denen sich Lyriker bemüßigt fühlen, das Wort zu ergreifen – sei es wegen eines gewissen Unbehagens, sei es wegen gewaltiger politischer Misstände so wie im Gedicht „flieg gedanke“, das ich gewählt habe, weil mir die Bilder nicht mehr aus dem Kopf gingen.
Könnte sich der Krieg in der ersten Strophe noch irgendwo irgendwann zugetragen haben, zeugt die zweite Strophe bereits vom Leid eines Einzelnen, dem der „Boden“ unter den Füßen weggezogen wurde, der in einer stinkigen Zelle seine Haut malträtiert und die Wände. Dann, in der dritten, „Waterboarding“. Ein Wort, das auf einen Schlag das Leid unter karibischem Himmel verortet. Was bleibt, ist der Gedanke, der fliegt und frei ist – auch und hoffentlich jenseits von Stacheldrähten und Foltern, möchte man hoffen.
Ich fühlte mich geneigt, nach dem Blick auf den Zellenboden den Kopf zu heben ins karibische Blau. Doch nein, der Himmel fällt ins Gras. Was auch immer das bedeuten mag: sich ins Gras fallen lassen, erleichtert, oder womöglich ins Gras beißen? Die Frage nach dem Warum dieses „verwehrten Glücks“ skandiert wie das „J’accuse“ eines Émile Zola die Dringlichkeit der existentiellen Angelegenheiten, die letzten Endes ungelöst bleiben. Sollten tatsächlich da, wo Himmel und Erde sich berühren, keine Menschenrechte mehr gelten, weil die Erde sich anmaßt, über alles zu regieren?

Bei den Salzburger Festspielen 2008 lasen Vanessa Redgrave und Jürgen Flimm Gedichte von Gefangenen aus Guantanamo. Lyrik als Mittel zum Überleben – in Gerda Stegers lyrischem Engagement ist das Verständnis für solche existentielle Notwendigkeit zu spüren.

Gerda Steger, *1947 in Temeswar (Banat), Germanistikstudium – 13 Jahre als Deutschlehrerin tätig, lebt in Worms.
Seit der Schulzeit schlägt ihr Herz für die Poesie, hier liegen auch die Schreibanfänge: Gelegenheitsgedichte, Berichte für eine Tageszeitung und Märchen für die deutschsprachige Kindersendung bei Radio Bukarest.
Veröffentlichungen: “Lebenssteine” (2001) und “Lichtklangkaskaden” (2008). Neben diesen beiden Büchern sind lyrische Texte und Kurzgeschichten in zahlreichen Anthologien und Jahrbüchern erschienen.
Seit 2001 hält Gerda Steger Lesungen in Worms und Umgebung, in Mainz; sie war mehrmals auch auf der Frankfurter Buchmesse vertreten.

Die neue Runde der Monatsgedichte für April widmet sich dem Labyrinth. Jurorin ist Barbara Ter-Nedden, Kulturveranstalterin und Inhaberin der Parkbuchhandlung in Bad Godesberg. Die Details der Ausschreibung finden Sie hier zum Herunterladen. Sie können bis 22. März 2012 Ihre Texte im Monatsgedichte-Blog posten oder zum Projekt Monatsgedichte auch neu dazustoßen.

07.02.2012

Das Spiel im Februar – Ingritt Sachse stellt mit “der letzte mensch” das neue Monatsgedicht

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 10:55

Paul Klee hat beim neuen Monatsgedicht seine Hand mit im Spiel. Seine Zeichnung Lied des Spottvogels inspirierte Ingritt Sachse zu ihren Versen, mit denen sie die Februar-Runde gewann. Herzlichen Glückwunsch!

der letzte mensch

…………….zu paul klee: lied des spottvogels

in seinen händen hält
als machtsymbol das
glockenspiel er spinnt
stahlfäden sich zu harten
hirngespinnsten die er für
adlerschwingen hält und
reist im goldnen glanz auf
breiten schwingen durchs
adlerflügeltor zur
hohen wacht. nun
regnets steine auf ihn
erde. der graue große vogel kreischt
zum mond zur nacht
und lacht

Ingritt Sachse/ © Athena Verlag

Die Jurorin für Februar war Annette Stroux, selbst Lyrik schreibend, mit der sie ihre Theaterarbeit begleitet. Nach ihren Stationen als Theaterregisseurin in München, Hamburg, Berlin, Glasgow und Edinburgh  realisiert Annette Stroux seit 1998 Theater– und Filmprojekte mit Kindern und Jugendlichen, darunter auch Figurentheater. Der Schwerpunkt ist das Verfassen der jeweiligen Stücke und Textvorlagen. In Annette Stroux’ Urteil zum neuen Monatsgedicht wird ihr szenischer Blick deutlich:

Das Gedicht „der letzte mensch“ ist ein überraschender und eigenständiger Kommentar zu Paul Klees Bild „Lied des Spottvogels“ und zum Thema „Spiel“ überhaupt.
Während das Bild von Paul Klee die Konkurrenz von Mensch und Vogel bei der Klangerzeugung sowie die Überlegenheit des Vogels zu beschreiben scheint, entwirft die Autorin des Gedichts in drei sehr verknappten Momenten das Szenario einer Endwelt.

Es ist wie eine kleine dramatische Skizze:

Das Glockenspiel in der Hand des letzten Menschen ist kein Musikinstrument. Er nutzt es nicht zum Spielen, sondern nur als Vehikel für Macht- und Größenphantasien.
Er sieht sich selbst als Adler im Glanze und in luftiger Höhe während doch letzten Endes nur Steine und Erde auf ihn regnen und ein unansehnlich grauer Vogel ihn unbarmherzig auslacht.

Das Lachen und Kreischen des Spottvogels gibt dem gesamten Gedicht im Abschluss Komik.

Die Sprache ist spannend und verdichtet.  Mit wenigen Worten wird eine außergewöhnliche Bildlichkeit aufgebaut, die drei szenischen Momente sind klar durch einzelne sparsam gesetzte Adjektive voneinander abgegrenzt.  Auch im Sprechrhythmus scheint sich das Phantasieren, das Abstürzen sowie das Kreischen des Spottvogels widerzuspiegeln.

Wenn am Ende Lachen bleibt, ist das doch eine tröstliche Perspektive! Deshalb wähle ich „der letzte mensch“ zum Monatsgedicht.

Zur Vita Ingritt Sachses ist hier im Blog schon einiges gesagt :-)
Ihre regelmäßigen Lesungen führen sie immer wieder nach Köln, aber auch nach Berlin und Wien. Dass die Monatsgedichte auch neue Verbindungen schaffen, zeigt ihr letzter Leseauftritt, den sie u.a. zusammen mit Monatsgedicht-Gewinnerin Carla Capellmann veranstaltete. Ein kurzes Profil nochmals angefügt:

Ingritt Sachse (*1946 in Bremen) lebt und arbeitet als Psychotherapeutin in freier Praxis in Bonn.
1999 Veröffentlichung von Prosatexten; seit 2003 Lyrikpublikationen in verschiedenen Anthologien und Jahrbüchern. Ingritt Sachses erster Lyrikband in schattengängen streut licht erschien 2011 im Athena Verlag. Eine Rezension lesen Sie auch in der Literaturzeitschrift Am Erker.
Im vergangenen Oktober war die Autorin zudem beim Literaturwettbewerb in Bonn-Bad Godesberg in der Endrunde und erhielt bei der Abschlusslesung der sieben ausgewählten Kandidat/innen vom Publikum den dritten Preis zugesprochen.
Der Weg zur Website Ingritt Sachses

.
In der neuen Monatsgedicht-Runde lautet das Thema “Verwehrtes Glück”. Ein politisches Gedicht steht im Mittelpunkt. Wie zeigt sich Glück, wenn es seine eigenen Wege gehen will? Wenn es Gedankenfreiheit und uneingeschränkte Meinungsäußerung im Sinn hat? Die Kulturvermittlerin Alice Grünfelder übernimmt für das März-Gedicht die Jury.
Hier finden Sie den Link zur Ausschreibung mit weiteren Details – auch zum Herunterladen.

09.01.2012

Oliver Füglister ist mit “Unstille” Gewinner der Januar-Runde

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Im Januar schlägt das Pendel in die andere Richtung. Auf die Stille des letzten Monats folgt nun die “Unstille”. Beim Thema Film- und Kinogedicht hat Oliver Füglister gerade durch seinen humorvollen Einschlag die Monatsgedicht-Runde für sich entschieden. Die besten Glückwünsche gehen dieses Mal nach Basel.

Rauschen. Sirren. Piepsen.
Ameisenlauf
Opa sitzt im Sofa und schläft
Oma sitzt im Sofa und schläft.
Ameisenlauf
Schwirren. Rauschen. Zirpen.
Filmspule schlappt
Abgerollt. Hitze der Maschine.
Im Heizungskörper Rasseln.
Oma schläft – die Zähne!
Opa schläft – die Nase!
Ameisenrennen
Die Zeit gewinnt.
Schemen eines Bildes
Still in der Unstille
Der 100’000 Punkte.
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© Oliver Füglister

Katrin Greiner traf die Auswahl für das Monatsgedicht im Januar. Für die Lektorin, Journalistin und Germanistin aus Halle, die 2011 auch der Jury für den MDR-Literaturpreis angehörte, spielt sich der Film gleich auf mehreren Ebenen ab.

Profanes Equipment: ein Sofa, ein imaginärer Filmvorführapparat (wie heißen bloß diese Dinger?), eine Filmspule, eine Heizung und falsche Zähne. Das Personal: Oma und Opa (und natürlich das beobachtende lyrische Ich, das sich hier aber weitgehend raushält mit Kommentaren). So weit, so gut. Und daraus soll ein Gedicht entstehen? Eines, das die Welt ver-dichtet in wenige Zeilen? Genau das.
“Unstille”, der Text, für den ich mich entschieden habe, kommt mit einfachen, aber sinnlichen Worten aus: rauschen, zirren, schwirren, piepsen, rasseln. Weniger ist hier eindeutig mehr. Das ist Lyrik, die sich selbst nicht zu ernst nimmt, sondern eine gewisse Leichtigkeit suggeriert. Hier braucht es weder bedeutungsschwangere Metaphern noch Welthaltigkeit mit der Holzkeule. Oma und Opa schlafen, der Film, vorher noch im “Ameisenlauf”, ist nach einem Rennen zu Ende, die Spule schlappt und die Zeit ist Erster. Das genügt. Der Text gerät selbst zu einer kurzen (Film-)Sequenz, die im Leser eine ganz neue, ganz eigene Reihe von Bildern anstößt. Welcher/wessen Film ist gemeint? Warum – verdammt! – ist es still trotz des Ratterns der Spule? Welches 100000-Pixel-Bild bleibt stehen?
Nun also bin ich doch dem Regisseur des Ganzen auf den Leim gegangen: Eine einfach anmutende Inszenierung genügt und ich finde mich in meinem eigenen Film wieder, kann nicht einfach abhaken und weitergehen, sondern drehe und wende die mir offerierte Szenerie immer wieder. Und das ist gut.

“Kleine autobiografische Skizze” nannte der Gewinner seine Vita, um die ich ihn bat. Sie macht den Beitrag mit Gedicht und Urteilsbegründung nicht nur im leichten Ton, sondern auch im weiteren “Film” rund und “entspricht”, so Oliver Füglister,” grade sehr gut meiner jetzigen Stimmung, launisch, unernst und ernst in einem.”

Oliver Füglister, * 1974 in Lausanne, Schweiz
Seit April 2011 ist er Hausmann, kümmert sich um seine beiden Kinder (9 und 2 ½ Jahre) und versucht, sich in einer Existenz einzurichten, die mit der Arbeitswelt, die er zur Genüge kennen gelernt hat – zuletzt als Geschäftsführer einer kleinen Marketingfirma -, nichts mehr zu tun hat: sich nur mit Worten und Gedanken, mit Bildern und Abbildern beschäftigend.
Ausgebildeter Mittelalter-Historiker, widmet er sich zurzeit einerseits dem Schreiben von Gedichten, wobei er Mühe hat, dem freien Vers etwas Eigenes abzugewinnen, nachdem er monatelang nur Sestinen geschrieben hat, und möchte bis Frühling 2012 erstmals mit einer poetisch-absurden Nachrichtenrevue an die Öffentlichkeit treten (vorzugsweise in einem Café seines jetzigen Wohnorts Basel).
Oliver Füglister hat folgende Prägungen aufzuweisen, die in sein Schreiben einfließen: Kindheit in katholischem Hinterland, grüblerische Mutter, frühe Fabulierlust, als Lügen tituliert, erste Liebe, Entdeckung Rimbauds, zweite Liebe, Entdeckung Dostojewskis, dritte Liebe, Berlin (rund 6 Jahre), Entdeckung der Haiku-Kunst, Entdeckung Prousts, 1. Kind, Entdeckung Joyces, 2. Kind, Burnout, Entdeckung des Prinzips „reduce to the max“ im freien Vers anhand der Lyrik von Samuel Menashe. (Einziges poetisches Idol: Jaan Kaplinski.) Ist jetzt gerade in der Waschküche am Wäschehängen, sein Junge rast donnernd auf seinem blauen Auto unter den Laken hindurch.

Da kommen mit Oma und Opa Generationen zusammen und der Film hat seine neue Episode. Im Web ist Oliver Füglister übrigens unter www.faime.ch zu finden und seine Tweets lesen Sie unter @ofueglister.
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Wenn das in der Leichtigkeit der Darstellung nicht auch gleich eine Überleitung zum neuen Monatsgedicht-Thema ist! Im Februar geht es nämlich um “Spiel”. Jurorin ist Annette Stroux, die als Theaterfrau – und dabei selbst Lyrik schreibend – diesen Blickwinkel gut kennt.

10.12.2011

Marlies Blauth stellt mit „Nachts“ das Monatsgedicht für Dezember

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‚Nachtgedanken’ lautete das Thema der fünften Monatsgedicht-Runde. Was sich mit wachen Sinnen im Dunkel – sei es außen oder innen – alles vernehmen lässt und Schauer erzeugt, macht Marlies Blauth mit ihrem Gedicht deutlich.

Nachts

Psst!
Sie sind wieder da.
Hörst du ihr leises Husten?
Das schlurrende Zirpen
wenn sie ihre winzigen Glaskrallen wetzen?

Spürst du das Flirren und Schlappen
mit dem ihre Lufthäute deinen Nacken streifen
riechst du den Hauch
den sie giftig hecheln?

Mit schmatzendem Schwall
werfen sie ihre Gewölle auf Teller und Tisch!

Kannst du die krausen Linien sehen
die sie so wild durch die Zimmer tanzen
bevor ihre Flügelknochen fletschend zerbrechen?
Hörst du nicht dieses rohe Krachen?
.
.
Was sagst du da –
alles ist still?

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© Marlies Blauth

Als Juror dieser Runde wählte der Journalist und Literaturkritiker Günter Ott den Favoritentext aus:

Stille Nacht – von ihr wird in diesen Tagen wieder gesungen. Doch die Nacht ist nicht still. Wer dies erfahren will, muss allerdings still sein („Psst!“), denn nur dann schärfen sich die Sinne für die Nacht draußen, mehr noch für die Nacht drinnen, für die Nacht im Menschen. Wer in seine Nacht hineinhört, in sein Dunkel geht, den überkommen Ahnungen, gespensterhafte Erscheinungen – Dinge, die vorüberwischen, vorüberzischen; die einen schrecken („deinen Nacken streifen“), die Sinne verwirren („krause Linien“, „wild … tanzen“), Abgründiges öffnen.
Natürlich lässt einen dieses Gedicht an Fledermäuse denken, zunächst. Doch es geht den entscheidenden Schritt weiter ins bedrohliche Dunkel, in eine Schattenwelt, derer wir nicht mehr Herr sind. Uns wird mitgespielt! Wir sind ausgesetzt, just da, wo wir uns unserer Häuslichkeit sicher wähnen („Gewölle auf Teller und Tisch!“).
Nachts ist der Wechsel, auch der Wechsel von Fragezeichen und Ausrufezeichen. Die Sicherungen sind durchgebrannt …
Da gibt es tatsächlich noch welche, die nichts hören, nichts sehen, nichts erahnen, die weiter von der stillen Nacht singen. Mag sein, dass sie das Lied eine Zeitlang über die Abgründe hinwegführt, aber irgendwann wird auch ihnen Hören und Sehen vergehen, wenn sie den Mut fassen, in ihr Dunkel hinabzusteigen.

Als ich den Link zu Marlies Blauths Blog zum ersten Mal anklickte, war ich fasziniert von der Klarheit, mit der sie ihre Kunst wie auch ihre Gedichte präsentiert. Inzwischen ist es immer eine besonderer Moment, dort vorbeizuschauen: KUNST Marlies Blauth

Marlies Blauth (*1957 in Dortmund; aufgewachsen in Dortmund, Vater war Musiker) ist Künstlerin, studierte bei Anna Oppermann und Wil Sensen an der Universität Wuppertal
(1981 Staatsexamen Kunst/ Biologie; 1988 Diplom Kommunikationsdesign),
seit 1988 Ausstellungen im In- und Ausland (Malerei, Druckgrafik, experimentelle Techniken)
seit 2006 literarische Beiträge in Anthologien und Zeitschriften, mehrere regionale Auszeichnungen

Die sechste Runde der Monatsgedichte dauert noch bis Heiligabend. Die Germanistin und Lektorin Katrin Greiner (Halle) wählt aus diesen Posts im Blog Monatsgedichte dann den Siegertext für Januar. Thema sind Film- und Kinogedichte

10.11.2011

“Unflugfähig” von Jörg Wiedemann – Monatsgedicht für November

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , , — Michaela Didyk @ 17:11

Ein “kafkaesker Traum” im November – was könnte besser passen für diesen immer so grau empfundenen Monat. Jörg Wiedemann hebt in seinem poetischen Porträt  alle Schwere auf  und gibt der bizarren Welt – nicht nur der Franz Kafkas – neuen Anschein.

Unflugfähig

… im Gleichnis hast du verloren.

Kratzt sich
hinterm K. Kopf
sein Schloss und Riegel unterm
Deckflügel flügger
Vorhänge verwandelt sich
Samsalabim in
das kriechende Kerbtier

(Bitte betrachten Sie mich
nur als einen Traum
auf Stummelfüssen)

umkreist so lange heiß
den Brei bis
beim Kichern in den Schmäh
bauch es in ihm ertrinkt komplex

das eintägliche Auge schwimmt
noch oben
klettert hinaus
türmt ins Büro
zwinkert Freud zu legt
abends sich ( und eine Träne)
aufs Kanapee träumt
vom Autodafé
(von herzverbrannten Fliegen).

© Jörg Wiedemann

Margrit Manz traf für das Novembergedicht die Auswahl. Die Jurorin, die ihre Meriten im Aufbau zweier literarischer Einrichtungen  – 1991 die literaturWERKstatt berlin und 2000 das erste Literaturhaus der Schweiz in Basel – verdient hat, ist auch Mitbegründerin des renommierten ‚Open Mike’ sowie der Werkstatt für ‚Spoken Word’ und ‚Lyrics’ in der Schweiz. Ihre Entscheidung begründet Margrit Manz so:

Natürlich ist ein Käfer unflugfähig, auch wenn es ihm gelingt seinen Kerbtierkörper anzuheben und in gewisse Höhen zu schrauben. Doch irgendwie landet er wieder da, wo er abgehoben hat. Es ist so wie mit dem Grashalm. Hat der Käfer die erste Hälfte erklettert, neigt sich durch sein Gewicht die vordere Halmspitze zu Boden. Ob er will oder nicht, er krabbelt an den Ausgangspunkt zurück. Erst im Traum, auf dem Käferrücken liegend, die Stummelfüße zappelnd himmelwärts gerichtet, ist eine Verwandlung erlaubt. Kichernd umkreist er im Traum den heißen Brei, in den er fast noch fällt. Freund Freud kurz zugezwinkert, hinterm Käferkopf gekratzt, trägt er seinen Schmäh-Bauch ins Büro. Verwandelt sich erneut, vielleicht in einen Menschen, und unflugfähig auch jetzt, beginnt er sein ganz alltägliches Abenteuer.

Aufgabe für das Novembergedicht war es, ein Porträt in poetischen Worten zu zeichnen.
Für mich wurden Thema und poetische Bilder am eindrucksvollsten im Gedicht „Unflugfähig“ umgesetzt. Der Dichter hat es verstanden, dem Text Leichtigkeit und Tiefe zu geben, der Sprache Humor und Virtuosität zu verleihen und den Bildern von Traum und Wirklichkeit, besser gesagt, den Mühen des Tages und der Nacht, Präsenz zu verleihen. Reich an verwandelten Materialien und Zitaten wurden die Worte präzise gesetzt, keines davon ist Zweitlösung oder Zufälligkeit.

Ob Gleichnisse gewonnen oder verloren sind, sie bleiben letztendlich Gleichnisse. Sie sind, was sie sind! So wie beim Leoparden und dem Tempel:
„Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer;
das wiederholt sich immer wieder;
schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird Teil einer Zeremonie. (Franz Kafka)

Herzlichen Glückwunsch nach Berlin zu Jörg Wiedemann, einem Autor, der voller Ideen steckt und vor allem auch als Lesender in der Literatur zuhause ist.

Unter dem Motto “Rolle rückwärts oder vorwärts: Schreiben als existenzielle Turnübung” brachte Jörg Wiedemann jüngst in einer Diskussion sein Schreiben auf einen Nenner:
 
“Es ist das Staunen, das unbeherrschbare Hantieren mit dem Riesenspielzeug, eine Mechanik, die ich nie ganz verstehe und gerade deswegen bewundere.
Es ist Musik, Klang und besonders Rätsel, Kaleidoskop.
Dieses enigmatische Moment, das poetische, verdichtete Sprache inne hat, inauguriert, fasziniert und erschreckt mich zugleich.
Und es ist der Hiatus zur Alltagssprache zum medialen Geplapper, diesen Symplegaden, der mich antreibt und verlorenen Bedeutungen neue Gewichte verleihen möchte.
Im Schreiben, im Vers spüre ich Lebendigkeit, so wie wenn ich auf der Bühne stehe und in eine Rolle schlüpfe, es ist diese Maske, diese stets erneuerbare Larve, die mich visionär stimmt.
Oft fühle ich auch die zu großen Schuhe, Kleider, die nie passen werden.
In erster Linie schreibe ich für mich, vielleicht als psychologisches Ventil, vielleicht als opakes Teilverstehen, als nomadisches und monadisches Streifen durch die schmerzhafte allgegenwärtige Vergänglichkeit unseres Seins, einer Ontologie, der ich mich immer ein wenig ausgeliefert fühle und zu der ich beim Wortefinden um ein paar Millimeter näher zu kommen scheine.
Ich sammle schöne Worte, eindringliche Verse, verlorengehendes ‘Sprachmaterial’ und bin am Ziel, wenn manchmal ein Satz, ein Vers, selten ein Gedicht so eine eigene Corona hat und sich illuminiert.”
 
Weitere biografische Daten des Gewinners, der bereits in der ersten Monatsgedicht-Serie unter den Favoriten war, erfahren Sie in der Vita an früherer Blogstelle.

Das fünfte Monatsgedicht ist dem Thema Nachtgedanken gewidmet. Der Literaturkritiker Günter Ott wird den Sieger im Dezember küren. Bis zum 25. November haben Sie noch Zeit, Ihr Gedicht zu posten.
Die Details finden Sie unter dem Stichwort Förderprojekt Monatsgedichte. Sie können bei diesem Lyrikprojekt zu jeder Runde neu dazustoßen.

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