25.07.2010

Das Monatsgedicht im Juli: “kirschrosen* / cento” von Ingritt Sachse

Abgelegt unter: AutorInnen, Monatsgedichte, Projekt, Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 22:43

Beim Start der Monatsgedichte war die Überlegung auch, was geschieht, wenn ein/e Teilnehmer/in im Verlauf des Projekts von mehreren Juror/innen gekürt wird: Ausschluss, neuer Gewinn? Ich entschied mich damals für die zweite Variante, geht doch mit jeder Runde eine unabhängige Beurteilung der Texte einher und kommen damit unterschiedliche Maßstäbe zum Ausdruck.
Die Einleitung macht klar: Der Fall ist eingetreten. Ingritt Sachse, die im April bereits durch die Auswahl Ursula Haeusgens das Monatsgedicht bestritt, überzeugte beim Thema “Vorbilder” mit ihrem Cento, dem “Flickenkleid” aus Gedichtzeilen Sarah Kirschs und Rose Ausländers, nun auch den Schweizer Juror Paul Schorno.

kirschrosen* / cento

seit er fort ist fallen palmen
wie er mich jagt, sein schrei
in glitzernder luft
fliegen die elstern die
blumen waren
wohl lange verdorrt
meine worte
gehorchen mir nicht
was gibt es denn noch?

mit einer pappel /als feder
einen drachen reiten
schneewittchenweiß
dem apfelbaum gleicht
mein freund
und ich
eine helle sprache

*sarah kirsch & rose ausländer

© Ingritt Sachse

Paul Schorno, der als Kritiker und vielseitiger Profi des Literaturbetriebs in Basel wirkt, leitet seine Entscheidung mit einer persönlichen Bemerkung ein:

Ich wählte nach intensivem Lesen das vielleicht schwierigste Gedicht, betitelt „kirschrosen*/cento“.

Wenn es so ist, dass ein gutes Poem die Essenz von Gelebtem ist, und manches zum Fliessen gebracht wird, so darf dieses hier ein gelungenes und ansprechendes Gedicht genannt werden. Dank etlichen Positionswechseln und verrätselten sprachlichen und gedanklichen Wendungen, braucht der Leser nicht zwingend den Sinn des Ganzen zu erspähen. Er soll beim Lesen selber zu Wort kommen und auf seine eigene Stimme hören. Dazu animieren die 7. und 8. Zeile der ersten Strophe, „meine worte/gehorchen mir nicht“. Überraschend und unvermittelt die darauffolgende Zeile: „was gibt es denn noch?“ Ich erahne dichterische Prozesse im Umfeld von Liebe, Zweifel, Verunsicherung, ein Sichaufbäumen und Weitergehen. In diesem Sinne meine Zuordnung der Zeilen der zweiten Strophe: „einen drachen reiten/ schneewittchenweiss“ und abschliessend „und ich/eine helle Sprache“. Eingeschwiegenes kann spürbar gemacht werden. Freiheiten der Poesie, die jeden Einzelnen einladen, sie zu subjektivieren.
*sarah kirsch & rose ausländer: Zu erspüren ist, dass die Autorin fasziniert und nicht ohne Gewinn für das Atmosphärische sich mit den Daseins- und metaphysischen und märchenhaften Sprachwelten der genannten Autorinnen beschäftigt hat.

Die Vita von Ingritt Sachse finden Sie bereits bei ihrem ersten Siegergedicht. Daher fragte ich dieses Mal nach, warum der Autorin das Schreiben so wichtig sei:

Im Alltag als Psychotherapeutin darauf ausgerichtet, anderen zuzuhören und präsent zu sein, schaffen die Gedichte, die in ihrer Kürze als Entwurf auch einmal zwischen zwei Sitzungen aufs Blatt fließen können, eine Gegenwelt. Lyrik schreiben heißt, mich zu sammeln und etwas vollkommen Anderes zu machen, mich sozusagen an völlig andere Orte zu begeben. Es bedeutet Entlastung und Herausforderung, bedeutet Glück und in besonderen Fällen besessen sein zu können von/mit einer Art kreativer Wut.

Die zwölfte Runde der Monatsgedichte lädt zu “Schatten”-Gedichten ein. Andreas Noga, selbst Lyriker und Lyrikredakteur bei Sandra Uschtrins “Federwelt” und Theo Breuers “Faltblatt”, ist der Juror des nächsten Monatsgedichtes. Bis 10. August – hier die notwendigen Informationen zum Projekt Monatsgedichte – können Sie posten, am 24. August ist die Veröffentlichung des Favoritengedichtes.

25.06.2010

Jörg Wiedemann: “Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung” – Monatsgedicht Juni

Abgelegt unter: AutorInnen, Monatsgedichte, Projekt, Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 22:02

Jörg Wiedemann ist Gewinner in der Runde der Juni-Gedichte. Seine “Sommernacht” hat es in sich. Hitze paart sich mit Kalkül. Vorstellungen und Werte haben sich verschoben. Bereits der Titel ist Programm.

Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung

Sterne zwinkern zwielichtig
Trügerisch wie Börsenspekulanten
Die mit hochriskanten Anleihen
Von Liebe und co. handeln

Und du
Du liegst wie immer nackt
Im feuchten Gras eines Sommers
Bereits überwuchert
Von dessen kurzer Laufzeit

Willst dich an einen Kuss ketten
Seine hormonelle Rendite gleich
Eisgewürfelt auf der Zunge einfriern
(Ach so´n Geschmack wie der Stadt-
Schweiß in aller Munde diese Nacht ):

Häuser gehen wieder mit Balkonen schwanger
Leibesfrüchte schwellen dir entgegen
Das Dunkel operiert hier mit unzähl´gen
Lichten Schnitten Stimmen zerlaufen
Und fast verblühte Anästhesisten
Zerstäuben Düfte in viel zu hohen Dosen

Mag der Morgen schon
Silberne Skalpelle wetzen
Aus herzförmigen Blättern
Helle Formen ritzen
Du liegst da
Noch unberührt ungerührt
Bar jeder Unterschrift
Die Zungenspitze purpurn verfärbt

© Jörg Wiedemann

Barbara Wettstein, Journalistin, Lektorin und Autorin, hatte die Jury der zehnten Runde inne. Ihre Begründung macht die Vielschichtigkeit des Gedichtes deutlich:

Die patentierbare Überschrift ist die erste Überraschung. Ich empfinde dieses Gedicht als ein Konglomerat mehrerer Sommer und wie eine Bilanz unseres modernen Lebens, in der Sehnsucht, Liebe, Körperlichkeit offene Posten sind, Gewinn und Verlust ablesbar werden. Erotik, Finanzwesen, Medizin und Natur verschmelzen zu einer Einheit, die Mischung schmeckt bitter und ein wenig nach gegorener Süße. Die visuelle Sprache verführt zum Erinnern, weckt Assoziationen, Vorahnungen. Die Vergänglichkeit des Sommers, der Reiz der Überreife und der Überdruss werden sinnlich erfahrbar, gebrochen von nüchternen Wörtern, die uns in den Medien anfallen. Die Balance zwischen Ratio und Emotion erweist sich als trügerisch, Wissenschaft und Wirtschaft werfen sich brutal in die Waagschalen, erzeugen Gefühle von Ohnmacht und Skepsis, übertragen sich auf die Art, wie wir andere Menschen betrachten, unsere Liebespartner eingeschlossen. Der Sprachduktus ist melodisch und trotz der analytischen Aussage dem verlangsamten Tempo, der Trägheit der Nacht entlehnt.

Herzlichen Glückwunsch an den neuen Monatsgedicht-Sieger! Aus dem Urlaub noch Murmeltierpfeifen und Gämsengemecker im Ohr (“gute angenehme lautmalerische Poeme!”), schickte Jörg Wiedemann seine “biografischen Sentenzen”.

1970 bin ich in Berlin geboren. Habe Biologie, Germanistik, Sozialpädagogik und Erzieher studiert, auf Bauernhöfen gearbeitet, bin im praktischen Umweltschutz aktiv gewesen.
Unterwegs zu sein in Worten, Gedanken und Taten ist wie der rote Faden, der aus meiner Hosentasche schaut. Im Moment arbeite ich mit Kindern und beziehe daher die existenzialistischen, manchmal minimalistischen oder auch ironisch gebrochenen Sprachfetzen meiner Lyrik (schreibe ebenso gern Gedichte mit/für Kinder) wie auch aus dem aktiven Lauschen des Großstadtstimmengewirrs. Lesen und Schreiben ist wie Ein- und Ausatmen für mich … ja und der Humor, besonders der schwarze, bevölkert überbordend mein etwas wirres “Köpfchen”.
Habe an verschiedenen Lyrikwettbewerben teilgenommen und noch nichts veröffentlicht.

In der elften Runde entscheidet der Schweizer Literaturkritiker Paul Schorno, wessen “Vorbild” – das neue Thema der Monatsgedichte im Juli – zu Ehren kommt.

28.05.2010

“praep.spiele” von Carla Capellmann – das neue Monatsgedicht für Mai

Abgelegt unter: AutorInnen, Monatsgedichte, Projekt, Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:38

Eine echte Sprachspielerin ist “themengerecht” zur Siegerin gekürt. Wer Carla Capellmanns Gedichte liest, wird immer wieder ihre Einfälle und den Sprachwitz entdecken und bestaunen. Ein Hoch auf die leichte, sprich: erfrischende Sprache, die sehr wohl das dafür entsprechende Know-how voraussetzt. Hallo, Carla, herzlich willkommen in der FavoritInnen-Runde!

praep.spiele

an.spiel
sie an der bar
er an der …
___ru
_____tsc
_______ht an sie
(engl.: her) heran
(hör mal) auch ein …?

zu.spiel
blicke : hin und
her und en
passant und weg und
hin (und him)
ein auge
(zwink.er.t)
auf ein …?

auf.spiel
(let’s go) zum
wo.[vor].spiel
(bei dir / bei mir)
bei.bye
__(hey!)

foul.spiel – das wird ein

nach.spiel
ha
_(ha!)
___ben …

© Carla Capellmann

Carmen Winter, Autorin, Publizistin und Leiterin von Schreibwerkstätten, gefällt die klare Sprache, die unkonventionell auch Satzzeichen, Fremdwörter einbezieht:

Spielerisch geht die Autorin des Gedichtes „praep.spiele“ mit dem Wort und mit den Zeichen um, die uns für Dichtung zur Verfügung stehen. Sie beschreibt ein Spiel, ein Liebesspiel, die Annäherung zwischen ihr (engl.: her) und ihm (engl.: him). Mit ganz wenigen Worten gelingt es ihr, eine ganze Geschichte zu erzählen. Zwei sitzen an der Bar, kommen einander näher, verabreden sich (bei dir/bei mir) und schon könnte alles vorbei sein, wenn nicht einer von beiden foul gespielt hätte und es nun ein nach.spiel geben wird. Vielleicht eine Schwangerschaft, vielleicht eine Dreiecksbeziehung.
So wie es auch im Leben manchmal nur weniger Worte und Blicke bedarf, um sich zu verabreden, braucht auch dieses Gedicht nur wenig Sprache. Sportlich ist hier der Ton mit an.spiel, zu.spiel, auf.spiel, foul.spiel und nach.spiel. Und modern sieht alles aus, internetgerecht mit Punkten und Klammern. Aber – das Ende ist klassisch und wird schon seit Jahrhunderten immer wieder bedichtet, aus dem Spiel wird Ernst. Beim Gedicht “praep.spiele” bleibt einem zum Glück nicht das Lachen im Halse stecken. Es behält seine spielerische Leichtigkeit von der ersten bis zur letzten Zeile. Und lockt ein Lächeln auf die Lippen, wenn es laut vor Publikum gelesen wird, bestimmt auch ein Lachen.

“Wie Du sehen wirst, kann ich einfach nicht ‘geradeaus schreiben’”, kommentierte Carla Capellmann ihre Vita in der Mail. Ich finde, sie passt bestens und macht in der Einheit mit dem Gedicht die Vorstellung rund.

carla capellmann

geboren 1963 / jülich / lebt in / königswinter / schreibt / veröffentlichungen in
literatur / zeitschriften & anthologien / dritter // preis // bei den literaturtagen
rheinland-pfalz 2009 / mitarbeit im: redaktionsteam der eXperimenta /
gemeinsamer // lyrik // band mit anne mai : wortlose // gedichte // die : von einem
losungswort / ausgehen / sich von ihm / entfernen es um / kreisen um / am ende
zu ihm zurückzukehren / athena-verlag 2010

Bis 12. Juni können die Gedichte für die aktuelle Runde “Sommernacht” gepostet werden. Barbara Wettstein, Journalistin in Hamburg, Lektorin und Autorin, wählt zum 26. Juni das zehnte Monatsgedicht. Weitere Infos finden Sie in der Projektbeschreibung der Monatsgedichte.

28.04.2010

Monatsgedicht April: “im abendzug” von Ingritt Sachse

Abgelegt unter: AutorInnen, Monatsgedichte, Projekt, Wettbewerb — Tags: , , , — Michaela Didyk @ 00:36

Man sollte Ingritt Sachse hören, wenn sie ihre Gedichte liest. Ihre kraftvolle, etwas raue Stimme steht zum leicht singenden Ton im Gegensatz. Distanz teilt sich da im Vortrag mit, genaue Beobachtung und doch zugleich intensive Nähe. In solchem Oszillieren spürt man, dass beim Schreiben bereits die Antennen ausgefahren sind, Stimmungen, Eindrücke aufzufangen und ans Publikum weiterzugeben. Das Überblenden unterschiedlicher Wahrnehmungen – im neuen Monatsgedicht wird dieses Prinzip Ingritt Sachses auch sichtbar.

im Abendzug
durch das Gesicht im
weichen Spiegel
ziehn Wolken Bäume
Drähte ziehn
Geschichten
durch das Gesicht es
schaut auf mich er-
kennt mich nicht
neben mir
der Blick reist mit dem
Abendzug im
weichen Spiegel

© Ingritt Sachse

Ursula Haeusgen, Gründerin des Lyrik-Kabinett München, nimmt in ihrer Begründung das Spiel mit dem Spiegelbild auf:

Zwei reisen im Zug durch den Abend. Ich und Ich. Immer, wenn das Ich aus dem Zugfenster schaut, erblickt es ein Gesicht, sein Gesicht, gespiegelt im Fenster. Sein Gesicht? Nicht ganz. Ein zweites Gesicht? Vielleicht. Geisterhaft durchsichtig wie ein surreales Bild, ziehen hinter seiner Stirn die Wolken vorbei, hinter den Wangen und Augen Bäume und Drähte. Es spricht nicht. Aber es erzählt – Geschichten und Gedanken huschen vorbei und werden vom Ich aufgefangen. Das Spiegelgesicht erkennt das Ich nicht – aber das Ich erkennt sich. Das Ich schaut weg, aber es weiß, dass das andere Ich da ist, auch wenn es nicht angeschaut wird. Es reist mit – nicht nur im Zug – immer. Ein tröstlicher Gedanke? Das kommt darauf an. Sie haben so eine Situation sicher auch schon erlebt.

Ich konnte mit Ingritt Sachse zusammen schon einige Lesungen bestreiten; daher die mir so vertraute Stimme. Ich freue mich nach diesen Begegnungen umso mehr über Ursula Haeusgens Wahl. Herzliche Glückwünsche, Ingritt, nach Bonn.

Ingritt Sachse (*1946 in Bremen) lebt und arbeitet als Psychotherapeutin in freier Praxis in Bonn. Dichten bedeutet ihr Freiraum und Eintauchen in immer wieder neue Welten.
1999 Veröffentlichung von Prosatexten; 2003 bis heute Lyrikveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und Jahrbüchern.
Seit 2004 kontinuierlich öffentliche Lesungen mit Musik (Einzellesungen und Gemeinschaftslesungen) in Köln, Bonn, Ratingen bei Düsseldorf, in Winterkasten und Meißen, zuletzt im März 2010 in der Parkbuchhandlung Bad Godesberg. Die nächste Lesung am 27. Juni 2010 ist in Vorbereitung. Die Lyriklesungen Ingritt Sachses sind teilweise als Live-Mitschnitt oder als Studioaufnahme auf CD erhältlich.

In der Mai-Runde der Monatsgedichte lautet das Thema “Spiel mit Sinn, Wort und Form”. Carmen Winter ist die neue Jurorin.

30.03.2010

“Wüstenstadt” von Dietlind Frieling – Monatsgedicht März

Abgelegt unter: AutorInnen, Monatsgedichte, Projekt, Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:34

Keine Oliven oder Zitronen, kein Meer. Dietlind Frieling malt ein anderes Bild vom Süden. Sie lässt Hitze aufsteigen, reibt die Wörter in Alliteration und Stilfigur aneinander. Neun Zeilen, die es in sich haben und – Favorit für März wurden: Herzlichen Glückwunsch!.

wüstenstadt

wo der wind
weiß weht die luft
aber die luft
rot brennt
wo ich schlafe die
augen alle
alle augen offen weit weit
weiter ich
suche dich

© Dietlind Frieling

.

Ulrike Budde, in vielfältiger Weise engagiert für Wort und Bild, fällte die Entscheidung und begründet sie so:

In einer unwirtlichen, fast lebensfeindlichen Umgebung beharrt ein Mensch auf der Suche nach einem anderen Menschen. Süden ist hier eine Wüstenlandschaft, in der das Ich schläft, und trotz – oder angesichts – der offenen Augen ringsum die Suche fortsetzen muss. Die Dopplungen – luft alle augen weit – fokussieren die Leserin auf das Wesentliche: das Atmen, das Schauen, die Perspektive. Die äußere Landschaft spiegelt die innere, es entsteht ein starkes Bild für eine tief empfundene Einsamkeit, die allerdings nicht als ausweglos hingenommen wird: Das Du existiert irgendwo, die fortgesetzte Suche verbindet und hält das Ich am Leben.

.

Klar, zielgerichtet, zugleich offen für Neues, für Spiel auch und ausgestattet mit einer guten Portion Humor – so habe ich Dietlind Frieling im Lauf unsrer Zusammenarbeit kennengelernt. Diese Eigenschaften bringt sie auch in ihrer Kurzvita zum Ausdruck:

Geboren 1959. Lebt in Hamburg mit Kindern, Mann, Kater, Hund, Garten, Wind, Stift und Papier. Vormittags Prosa und Lyrik, nachmittags Backoffice, abends Feuer, Familie, Freunde. Reist furchtbar gern und viel zu selten.

.

Thema der neuen Runde sind “Spiegelbilder”. Beim Monatsgedicht April übernimmt Ursula Haeusgen, die Gründerin des Lyrik Kabinett München, die Jury. Allgemeine Informationen finden Sie unter Lyrikprojekt Monatsgedichte.

27.02.2010

Monatsgedicht Februar: “kneipengeheimnis” von Marion Röckinghausen

Abgelegt unter: AutorInnen, Monatsgedichte, Projekt, Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 23:54

“Geh nicht ins Bad vor mir/ [...] / Und putze dir nicht die Zähne leg sie ins Glas”, heißt es in einem früheren Text von Marion Röckinghausen. Für Beziehungen hat die neue Siegerin der Monatsgedichte einen speziellen Blick. Nüchtern bis lakonisch ist die Sprache, wenn das lyrische Ich seinen Alltag reflektiert und in der Desillusionierung oft sogar schockiert.
“kneipengeheimnis”, der Favorit der Februar-Runde, lässt noch die Vision einer Liebe anklingen. Sich im Lauf der Jahre fremd geworden oder noch fremd am Anfang einer jungen Beziehung – vom Prickeln bis zum schalen Nebeneinander existieren vielerlei Facetten.

kneipengeheimnis

am tisch gemein
sam mit dir
allein zu zweit

gläser halten
die blicke
gefangen

münder trinken
kein wort
aus sich raus

champagner am
nebentisch neben
dem seitenblick

prickeln augen
sterne aus
den winkeln

© Marion Röckinghausen

.

Die Jurorin Gabriele Dau lebt nahe Salzburg. Die Diplombibliothekarin und Buchhändlerin, zudem Anglistin mit Schwerpunkt Literatur, begründet ihre Wahl wie folgt:

Wer hat es nicht schon selbst erlebt: Eine zu Ende gehende Beziehung oder zumindest eine, die tief in der Krise steckt! In diesem Gedicht wird ein scheinbar alltäglicher Kneipenbesuch zur Beziehungsbilanz, die Kneipe zur Beziehungsbühne.
Schweigen, subtile Aggression (wunderbar: die Kombination von Wortspiel mit Zeilenumbruch in der ersten Strophe!), Leere, Verzweiflung: Dies sind die Gefühle, die sich am eigenen Tisch breit gemacht haben. Am Nachbartisch – vom lyrischen Ich voll heimlicher Sehnsucht beobachtet – spielt sich der Gegenentwurf ab, ein Neubeginn, verheißungsvoll – „prickelnd“ eben!
Von der ersten bis zur letzten Zeile ist der Bogen sorgsam gespannt von sparsam gewählten, jedoch punktgenau treffenden Worten, die dem Leser die Geschichte einer Beziehung und die vielfältige Gefühlswelt der sprechenden Person vermitteln.

.

Als ich Marion Röckinghausen um einige Stichpunkte zur Vita bat, war ihre erste Antwort: “Schreiben heißt für mich Leben! Nur wenn ich schreibe, lebe ich vollständig.” Dann fasste sie nach: “Das mag pathetisch klingen, aber es ist so.” Wer die Autorin kennt, weiß es. Herzlichen Glückwunsch!

Marion Röckinghausen, geboren 1952, lebt und schreibt oder schreibt und lebt in Marburg.
Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und auf Internetportalen; Lesungen im Odenwald (Jazz in Winterkasten) und in der Kulturwerkstatt Tannberg/ Salzburg, in Köln und im Landkreis Marburg-Biedenkopf; Radiosendungen in Marburg (Radio Unerhört Marburg RUM), die nächste Radiolesung ist für Mai in Vorbereitung.

.

Die aktuelle Runde der Monatsgedichte läuft bis 15. März unter dem Motto Süden. Jurorin ist Ulrike Budde, vormals Journalistin, nun in zahlreichen Wort- und Bild-Projekten engagiert. Ulrike Budde bringt durch ihre Mitgliedschaft und Vorstandsarbeit in Verein, Verband und Literaturgesellschaft einen neuen Blickwinkel in die Jurygemeinschaft.
Die Teilnahme am Lyrikprojekt Monatsgedichte, das ambitionierten Dichterinnen und Dichtern zum Namensaufbau dient, ist frei.

30.01.2010

Monatsgedicht Januar: “restposten” von Werner K. Bliß

Abgelegt unter: AutorInnen, Monatsgedichte — Tags: , — Michaela Didyk @ 00:43

Das erste Gedicht, das ich vor Jahren von Werner K. Bliß las, war eine Hommage an Jean Tinguely, vielmehr an dessen vielteiligen Brunnen vor dem Stadttheater in Basel. Werner Bliß, selbst Künstler, fing in seinem Text die unterschiedlichen Temperamente der einzelnen Wasserschöpfer und -speier ein. Er richtete den Blick zwar auf Ausschnitte, ließ aber die gesamte Anlage plastisch werden.
Im neuen Monatsgedicht sind es Werner K. Bliß’ “restposten”. Sie reichen aus, dem Leser existentielle Grundgegebenheiten vor Augen zu führen. Richard Mayr, Juror dieser Januar-Runde, kommt in seiner Begründung darauf zurück.

restposten

aufbruch nach allen
seiten die letzten

geheimnisse eine
frage der zeit

die landung steht bevor
das fähnchen fröstelt schon

wir zurückgebliebene
ordnen strandgut

erwarten hochwasser

© Werner K. Bliß

Richard Mayr, Journalist und Literaturkritiker (Augsburger Allgemeine Zeitung), kam zu folgendem Urteil:

Dieses Gedicht hat es in sich, so karg es sich sprachlich beim ersten Lesen auch gibt. Diese Wendung darin ist unerhört: Erst wird dem Aufbruch der Boden unter den Füßen entzogen, weil er aufs Meer verlegt wird. Dann ist der einzige Ausblick auf das verheißungsvolle Land das Frösteln des Fähnchens. Wirklich angenehm wird es dort nicht sein. Anschließend vereinnahmt das “Wir” den Leser und katapultiert ihn zurück an den Strand, an dem Hochwasser droht. Die Gegenbewegung ist perfekt.
Man mag sich getäuscht wähnen. Die Wendung ist aber mehr als ein artistischer Taschenspielertrick. Hinterfragt man den Anspruch dieses Aufbruchs, der ja nach allen Seiten geschieht, wirkt er so vermessen in der Totalität, dass das Bedrohliche schon immer da war. Der Leser hätte gewarnt sein können. So wird mit kargen Versen auf wenig Raum ein gewaltiges Geschehen eingefangen.

Ob Lyrikmail, fixpoetry, Glarean Magazin, um nur einige online-Stationen zu nennen – Werner K. Bliß setzt mit seinen Gedichten Akzente. Für mich sind es auch die Veröffentlichungen in den Katalogen, die ihn in seiner engagierten Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern ausweisen.
Ich freue mich sehr, ihn als Gewinner der Monatsgedichte anzukündigen: Herzliche Grüße nach Hausach!

Werner K. Bliß, *1950, Pädagoge, schreibt Lyrik und malt, lebt in Hausach / Schwarzwald Auslandsaufenthalt in Portugal- Deutsche Schule zu Porto- von 1985-1991
Lyrikveröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien, Ausstellungskatalogen und Internetportalen
Marianne Hopf, Malerei 1990 – 2008, Ausstellungskatalog Morat Institut, Freiburg, 2008.
Bruder Holz, Armin Göhringer, 13 lyrische Texte zu Arbeiten von Armin Göhringer, Kunsthaus Grenchen / CH, 2006
Vulkan Obsidian oder Schrittmacher des Erinnerns, handgeschriebene Gedichte mit originalen Grafiken, Künstlerbuch Edition Bauwagen, 2006, Herausgeber: Theo Breuer
Lesungen bei LeseLenz Hausach 2007 und bei Ausstellungen diverser Künstler

18.01.2010

“Der, die, das Fremde” als Thema der sechsten Monatsgedicht-Runde

Abgelegt unter: Monatsgedichte — Michaela Didyk @ 19:17

In der sechsten Runde der Monatsgedichte ist die Bibliothekarin und Buchhändlerin Gabriele Dau Jurorin. Sie ist als Anglistin mit langen Auslandsaufenthalten – darunter Südafrika – gerade für das Thema der Fremde versiert.
Um Ihre Gedichte bis zum 14. Februar zu posten, brauchen Sie Zugang zum Projekt ‘Monatsgedichte’. Sie sind zur Teilnahme herzlich eingeladen. Die Informationen zum aktuellen Thema “Der, die, das Fremde” stehen zum Download bereit.

30.12.2009

Monatsgedicht Dezember II: “märzschnee” von Kristin Winter

Abgelegt unter: AutorInnen, Monatsgedichte, Projekt — Tags: , , — Michaela Didyk @ 23:44

Bis März mag es noch eine Weile dauern. Doch die Tage werden schon länger. Für Kristin Winter und ihr Gedicht “märzschnee” bedeutet die Entscheidung von Viktoria Frysak auf jeden Fall ein rundes Jahresende und den Auftakt für ein erfolgreiches Weiterdichten in 2010. – Herzlichen Glückwunsch!

märzschnee
hattest schon an
eine amsel gedacht

da stellt der winter
noch einen fuß
auf das land

anfangsfarbig
die welt

und du
und du

© Kristin Winter

Für diese Runde mit Gedichten rund um Schnee, Eis und Kristall hat Viktoria Frysak das Jurorenamt übernommen. Sie leitete von 2003 – 2008 einen Wiener Belletristikverlag. 2005 gründete sie gemeinsam mit dem Autor Thomas Wollinger den Texthobel, die Werkstatt für Texttechnik. Seit 2007 betreibt Viktoria Frysak einen Verlag für historische Texte aus dem interkulturellen Bereich.
Ihre Entscheidung begründet die Jurorin so:

Dieses Gedicht ist bei mir sofort hängen geblieben. Die wenigen Worte ergeben auf mehreren Ebenen Sinn. Es scheint dem Raum, dem Inhalt nachzuspüren und ihn mit Emotion zu füllen, – in eben rechtem Maß gewählt.
Der Text verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger und jegliche vorweg genommene Wertungen. Gerade in diesem Aussparen und durch die Beschränkung auf eine fast karg zu nennende Darstellung wird die emotionale Tiefe und Ausdrucksstärke erzeugt.
Auch die Wahl der Zeilenumbrüche und Strophen, die Ordnung der Gedanken und ihre Abfolge, kurzum die lyrische Komposition zeugen von sprachlicher Kompetenz, einer konsequenten Wortwahl und Genauigkeit des Ausdrucks. Für mich haben sich in diesem Gedicht starke Anklänge an Erich Fried gezeigt.

Kristin Winter stellt sich in ihrer Vita vor allem über ihre Bücher vor:

Jahrgang 1958, Jugend in Namibia, drei erwachsene Söhne , lebt als Malerin und Autorin in Wangen im Allgäu.
Veröffentlichungen in verschiedenen Literaturzeitschriften und Anthologien, vier Gedichtbände: „Wie wach du mich machst“ (2003), „Muschelworte“ (2004), „Fischlieder“ (2005), „Wandelworte“ (2007), (alle erschienen im Athena-Verlag/Oberhausen),
ebenso „Goldfische“/Kurzprosa (2007), „Die Sonne im Gesicht“/ Erzählung (2007, BoD)

22.12.2009

Aufruf zur fünften Runde der Monatsgedichte

Abgelegt unter: Monatsgedichte — Tags: , , — Michaela Didyk @ 14:57

Das Thema “Aufbruch” steht passend zum Jahresanfang. In welche Richtung sich solcher Titel öffnet, ist Teil des poetischen Geheimnisses.

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Der Juror dieser Runde ist wiederum ein Zeitungsmann: Richard Mayr, Kulturredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Sein Schwerpunkt ist die Literatur, die er nicht nur in seinen Artikeln und Rezensionen vorstellt und bespricht, sondern auch beim Literarischen Salon im Theater Augsburg diskutiert. Ebenso ist ihm die Juryarbeit vertraut, jüngst beispielsweise bei der Auswahl der Kunst- und Förderpreisträger der Stadt Kaufbeuren.

Wenn Sie Lust haben, mitzumachen: Sie können in jeder Runde neu dazustoßen oder auch nur bei einzelnen Themenbereichen “mitmischen”. Nähere Informationen zum Projekt Monatsgedichte finden Sie auf meiner Website. Dort können Sie sich auch zur Teilnahme an den Monatsgedichten anmelden.

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