Lyrische Flaschenpost – „ungewiss Wünschbares“ von Katja Vogel

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Monatsgedicht im September - Lyrische Flaschenpost - Foto Flasche in weißem Dünensand

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Eine lyrische Flaschenpost, deren Botschaft die Suche nach sich selbst beinhaltet

Das Aufkommen der Flaschenpost ist im vergangenen Monat deutlich gestiegen :-) Ob wirklich alle Botschaften aus den Weltmeeren ins Netz gingen oder an den Strand gespült wurden, bleibt zwar fraglich. Doch die – dem Thema für das Monatsgedicht im September entsprechende – lyrische Flaschenpost gelangte ans Ziel. Katja Vogels Gedicht war dabei und ist Favorit dieser Runde.

Liebe Katja Vogel, herzlichen Glückwunsch zum Monatsgedicht im September! Ich freue mich sehr!

ungewiss Wünschbares
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… wenn ich ankäme, einmal, vielleicht mit dem Duft der Mandelblüte,

oder: mich in den verlässlichen Stelzen,
dem dichten Geflecht der Mangroven verhakte,

oder: das Schweben der dicht gedrängten Quallen störte,
dort im Yachthafen der Förde, wenn ich gläsern wie sie,
dem Gewässer lichte Struktur gäbe,

oder: klirrend gegen Eisschollen triebe, einmal vielleicht,
und den Tangduft atmete, den Fischgeruch des Sandes
oder den Atem eines betrunkenen Geliebten
der See, vielleicht käme ich an, einmal, verfinge
unter Pfahlbauten, die pazifische Landstriche säumen,

oder: schleuderte ein Sturm mich an die Küste eines
unbegangenen Landes, im Unzugänglichen geschützt, vielleicht,
dass es das noch gibt am letzten Zipfel eines Kontinents,
auslaufend in bizarren Gebirgen,

oder: spiegelte ich Lichter einer Hafenstadt, gesäumt von Brigg,
Frachtkahn, Mackerboot, hin schaukelnd zwischen Dalben,

angenippt von Fischmäulern dort oder anderswo, vielleicht einmal, käme ich an …
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© Katja Vogel

Katja Vogels Monatsgedicht im September – eine unbestimmte „Reise als Metapher des Lebens“

Die Auswahl für das Monatsgedicht im September traf die Autorin, Redakteurin und Herausgeberin Francisca Ricinski. Sie besorgte u.a. die im Sommer erschienene 43. Ausgabe des „Dichtungsring“ und ist auch für Heft 44 und den dazugehörigen Literaturwettbewerb mitverantwortlich, dessen Jury sie angehörte.

Francisca Ricinski begründet ihre Favoritenentscheidung

Ungewiss Wünschbares. Noch nichts vollzogen, alles im Konjunktiv. Die Unschärfe beginnt schon im Titel. Nichts wird genau gesagt, kein Hinweis auf irgendeine Jahres- und Tageszeit oder auf den Ausgangsort dieser breiten, melancholischen Tempi einer Rhapsodie, auf das vorher Geschehene und vor allem auf die Person. Als handelte es sich um die Fortsetzung einer Reise, und zwar in dem Augenblick, als das Wünschbare – auch wenn immer noch ungewiss – sich doch etwas deutlicher übersetzen lässt. Die Reise als Metapher des Lebens …

Die sinnbildliche Suchreise nach dem Selbst

Die Sehnsucht nach Veränderung und vielfacher Verwandlung scheint sie zu überfahren (wenigstens hier besteht kein Zweifel, dass eine sie ihre Träume und Wünsche in die Welt schickt). Stets unschlüssig, daher fortwährend, tauscht sie mental ihren statischen Sitz im Leben gegen abgeschiedene, fernste Naturecken, wo winziges oder großes, elementares Leben pulsiert. Ob die Sprechende sich selbst als unscheinbare, lichtbringende Flaschenpost sieht, die auf den Weltmeeren und Flüssen kreuzt, oder nur ihre Botschaft, alles wird diffus und keineswegs programmatisch gehalten, als wenn sich Sender und Sendung – Subjekt und Objekt – nicht mehr abgrenzen ließen. In solcher absichtlichen Ambiguität bzw. Ambivalenz liegt der eigentliche Reiz dieser lyrischen Komposition. Aus einem eindringlichen Verlangen heraus, sich neu zu entdecken und zu positionieren, „endlich anzukommen“ tritt sie diese sinnbildliche Suchreise nach ihrem Selbst und ihrer Bestimmung an, nicht ohne Hoffnung auf Geborgenheit und wohltuende Berührungen, und letztlich auf eine andere Daseinsform und Vereinigung mit der umgebenden Materie.

Die Rolle des abbrechenden Oder

Vor unserem inneren Auge rotieren wie in einem kindlichen Kaleidoskop wunderbare Farben und Formen. Aber genau so schnell lösen sie sich auf, durch das launige Wirken eines einzigen Wortes: Oder. Mal beschleunigt diese Konjunktion das Tempo des Gedichts, mal verlangsamt sie es, je nach Stimmung und Wunsch. Anderenorts verweilt die Wanderin noch kürzer, wechselt die Richtung oder lässt sich von neuen Strömungen ihrer Fantasie und Empfindsamkeit führen.

Wie eine Sandmalerin geht sie dann mit ihrer Hand darüber und löscht Stationen und Bilder aus, als fürchte sie sich vor zu viel Schönheit oder vor dem, was sich dahinter verbergen könnte. Einmal, vielleicht mit dem Duft der Mandelblüte [ankommend] und … dort oder anderswo, vielleicht einmal, käme ich an … Die letzte Zeile ist nicht zufällig die längste. Der Leser trifft quasi auf die gleichen Wörter wie im ersten Vers, nur in einer anderen Disposition oder Form, und das reicht schon, um eine leichte Nuancenverschiebung festzustellen: Anfangs noch das Präludium einer versprechenden Reise, am Ende die Ahnung des Unerfüllbaren.

Wahrnehmungsebenen wirken ineinander

Das abbrechende Oder taucht (ähnlich wie bei Wolfgang Borchert in Laternentraum) wiederholt auf, jede vorangegangene Aussage in Frage stellend, aber dieser effektvolle Spontaneitätseindruck täuscht. Das Gedicht hat eine durchdachte Struktur und vor allem komplexe Mischklänge, die unterschiedliche Wahrnehmungsebenen zugleich zum Schwingen bringen.

Im Schreiben „sehend werden“ – Katja Vogel gibt Auskunft über sich und ihr literarisches Schaffen

Die Zeilen Katja Vogels ergänzen nicht nur Francisca Ricinskis Textanalyse und Urteilsbegründung, sondern sie lassen Gedicht, die Deutung der Jurorin und die eigene Sicht der Autorin zu einem „Dreiklang“ werden:

Geboren wurde ich 1972 in Heitersheim, Baden-Württemberg. Nach Studien- und Ausbildungsjahren in Freiburg, Berlin, Heidelberg und Ludwigsburg lebe ich in Freiburg im Breisgau, wo ich als Fachkraft in der ambulanten Pflege tätig bin.
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Bisher liegen Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften vor (Der Dreischneuss, Dichtungsring). Im August 2014 wurde mir ein mehrmonatiges Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg für ein Prosa-Projekt zuerkannt. „In der Darstellung von zerfransenden Entwürfen soll nach einer (möglicherweise fragwürdig gewordenen) Würde gesucht werden. Im Namenlosen, in einsamen Augenblicken des Verschwindens ist sie aufzuspüren – bedroht, geleugnet, preisgegeben oder auf unscheinbare Weise behauptet – als unzerstörbarer Nukleus der Existenz.“ [Aus dem Exposé]
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Das ist letztlich der Grund, der mich zum Schreiben veranlasst – sei es Prosa oder Gedicht: wissend, in einer zerbrechlichen Welt zerbrechliche Geschichte mit-leben zu müssen, verletzbar, vorläufig, aber auch stark und voller – zum Teil verborgener – Würde und Geheimnis. Dem möchte ich sprachlich Ausdruck verleihen. Schreiben heißt für mich: sehend werden.

 


Ein „Dinggedicht“ ist im August Favorit

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Dinggedicht als Thema beim Projekt Monatsgedichte Blick suf ein buntes Kettenkarussell

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Marlies Blauth gewinnt mit ihrem besonderen Dinggedicht atomkraftwerk beim Projekt Monatsgedichte

Rainer Maria Rilkes Dinggedicht „Das Karussell“ gehört zu den bekannten Beispielen dieser lyrischen Gattung. Doch hat ein Dinggedicht in unserer Zeit noch Bestand? Richard Mayr, Juror für das Monatsgedicht im August, geht dieser Frage nach. Er spricht Marlies Blauths  moderner Version den Lorbeerkranz zu. Mit „atomkraftwerk“ hat die Künstlerin und Lyrikerin dem Dinggedicht eine neue Ausrichtung gegeben.

atomkraftwerk
.
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überall
streift dich dieser schatten
aus beton.
nein –
der reißt nie
sagt man.
aber hinter den zäunen
der eingemauerte gott
ist alt geworden.
an manchen tagen
regiert er mit zitternder hand.
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© Marlies Blauth

Richard Mayr, Kulturredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung – als Literaturkritiker auch selbst Autor – kommt zu folgendem Urteil:

„Eine technisch geprägte Ding-Welt“ – Richard Mayrs Urteilsbegründung

Dinggedichte gehören zu einer schwierigen, vielleicht auch aussterbenden lyrischen Form. Die Dinge sprechen zu uns heutigen anders, als noch vor 100 oder vor 200 Jahren, als sie Lyriker inspirierten. Unsere Ding-Welt ist technisch geprägt, in ihr verbirgt sich der Ingenieursgeist. Diesen Geist lyrisch zu bergen, dort mit Worten hinabzureichen, fällt den Dichtern, fällt der Dichtung schwer. Je moderner die Technik wird, desto rätselhafter, desto verborgener, desto spezieller ist sie. Unsere Ding-Welt will sich der Sprache entziehen.

Die Technik als Thema im Dinggedicht

Genau dort müssten moderne Ding-Gedichte die Sprache hintragen. Eines der eingereichten Ding-Gedichte geht diesen Weg. Es stellt ein Groß-Ding, ein Symbol-Ding in den Mittelpunkt. Es ist „atomkraftwerk“ betitelt. Der Weg, der nun beschritten wird, führt nicht ins technische Innenleben hinein, sondern daran vorbei. Ein „Schatten aus Beton“ versperrt den Blick. Damit steht das Atomkraftwerk auch sinnbildlich für die meisten unserer technischen Gerätschaften. Und das wache, betrachtende Auge wird beschwichtigt und gleichzeitig ermutigt. Der Schatten reißt nicht. Dort, wo die Gefahr verortet wird, muss es nicht hinblicken. Alles ist in Ordnung. Und dann springt das Gedicht. Sagt es doch, was hinter dem Schatten aus Beton, hinter den Zäunen eingesperrt ist. Ein eingemauerter Gott, der alt geworden ist. Und wir stellen uns diesen Gott nicht freundlich vor. Welcher Gott freut sich schon, wenn er anstelle eines Tempels in einer Bunker-ähnlichen Anlage verwahrt wird.

Das Dinggedicht als Experiment

Die Technik bekommt an dieser Stelle göttliche Kräfte zugesprochen. Es ist der stärkste Moment des Gedichts. Ein Gedanke bricht ein, der nicht abwegig ist. Die moderne Technik ist weit in göttliche Sphären eingedrungen. Sie ist dafür da, die großen Menschheitsprobleme qua Fortschritt zu lösen.
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So weit die Ahnung in diesem Gedicht trug, die letzten beiden Verse trüben den Eindruck. Dunkelheit fällt nun dorthin, wo davor Klarheit war. Der eingemauerte Gott soll einer sein, der an manchen Tagen mit zitternder Hand regiert. Ist er böse? Vernichtet er dann die Menschen? Schickt er seine Becquerel-Einheiten dann aus? Wofür steht dann dieser Gott? Nur Ahnungen bleiben und eben der Eindruck, dass dieses Ding-Gedicht im Trüben endet.
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Trotzdem: Es war derjenige Versuch, den fernsten Ort der technischen Ding-Welt aufzusuchen. Deshalb gebührt ihm der Lorbeer.

In mehreren Künsten zuhause – Marlies Blauths „Zusammenschau“ und Vita

Die Siegerin beim Thema „Dinggedicht“ ist schon bei einem Monatsgedicht früherer Serie vertreten. Ihr Beitrag zu den „Nachtgedanken“ im Dezember 2011 hatte ein Schattenthema anderer Art behandelt. – Zum neuen Gewinn, Marlies, herzliche Glückwünsche!
Vita und Statement der Lyrikerin zeigen, dass Marlies Blauth nicht nur in der Wortkunst zuhause ist und ihre Impulse aus allen Sparten künstlerischen Schaffens empfängt:

Marlies Blauth (*1957 in Dortmund) studierte bei Anna Oppermann, Wil Sensen und Bazon Brock an der Universität Wuppertal (1981 Staatsexamen Kunst/ Biologie; 1988 Diplom Kommunikationsdesign), einige Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Rainer K. Wick (Forschungsschwerpunkt: Bauhaus), bis 2011 Lehrbeauftragte für Grundlagen der Gestaltung und Freie Grafik
Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, Themenbereiche Mensch – Natur – Metamorphosen / Zeit – Spiritualität
Seit 2006 literarische Beiträge in Anthologien und Zeitschriften, u. a. in verschiedenen Jahrgängen der Versnetze (Hrsg. Axel Kutsch), mehrere regionale Auszeichnungen (z. B. Dorstener Lyrikpreis 2013)

Nachtrag: 2015 erschien der Lyrikband zarte takte tröpfelt die zeit (Nordpark Verlag, Wuppertal), 2017 Dornröschenhaus (Athena-Verlag, Oberhausen). Inzwischen ist Marlies Blauth auch Mitglied bei der GEDOK (Bildende Kunst und Literatur).

Nicht nur in der Kunst, auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit verankert

„Mein Vater war Musiker, ich wuchs mit täglichen Klängen auf, und die Berührung mit lyrischen Texten war selbstverständlich. Beeinflusst hat mich andererseits auch das Leben in einer Region, die sich damals durch Bergbau und Stahlproduktion definierte, deren Kultur, inmitten von so rauen wie herzensguten Menschen, immer am Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit festhielt. Mein interdisziplinär-künstlerisches Empfinden und Denken wurde mir gleichsam in die Wiege gelegt, weil ich Synästhetikerin bin; später wurde es innerhalb meines Studiums verfeinert und vertieft. Visuelle und verbale Äußerungen sind in meiner Arbeit vielfach verbunden; ich finde es immer wieder reizvoll, mit bekannten, ja alltäglichen Mitteln neue Zusammenhänge zu schaffen und auf diese Weise zu ent-decken. Dass ein Gedicht die Worte, die wir sprechen, auf seine unnachahmliche Weise nuanciert, erstaunt und begeistert mich ständig.“
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Unter KUNST | Marlies Blauth, dem Blog der Lyrikerin und Künstlerin, finden Sie zahlreiche Bilder und weitere Texte.