Setzen Sie ein Zeichen! – Gedichtimpuls

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Die Dominanz syntaktischer Regeln durchbrechen

Satzzeichen ziehen sich als feines Geflecht durch die Texte. Ohne Punkt und Komma wäre einiges im Argen und das Geschriebene ohne erkennbare Satzstruktur nur schwer zu deuten. Wollen Sie für den Gedichtimpuls mehr über die Satzzeichen erfahren, folgen Sie diesen beiden Links zur –>  Entstehung der Satzzeichen bzw. zur –> Geschichte des Ausrufezeichens

In der Lyrik verhält es sich anders; sie hat das Erbe aus der Zeit mündlicher Tradition stärker bewahrt. Atempausen, Ton und Rhythmus gehören als rhetorische Anteile zu ihrem Wesenskern und reichen über grammatikalische Festlegungen hinaus. Daher können Satzzeichen, in dichterischer Freiheit verwendet, die Dominanz  syntaktischer Entscheidungen zurückdrängen und als rhetorische Zeichen zum Zug kommen.

Setzen Sie Satzzeichen ein!

Schreiben Sie bei diesem Impuls ein Gedicht oder überarbeiten Sie einen Entwurf, indem Sie sich auf eine poetische Zeichensetzung einlassen. Die folgende Auswahl gibt Ihnen Textausschnitte zu verschiedenen Satzzeichen, an denen Sie die Wirkung der entsprechenden Interpunktion erkennen können. Lesen Sie Ihren Text immer wieder laut und hören Sie, wie die verschiedenen Zeichen die Sprache einfärben. Nutzen Sie die Interpunktion bewusst in dichterischer Freiheit, um die Aussage Ihres Textes zu verdichten und mit Klang aufzufüllen.

Nur ganz von Ferne gehört das Schriftbild oder Satzbild zu der Erscheinung der Poesie hinzu. In das schwebende Verhältnis von Klang und Sinn, das ein Gedicht ausmacht, darf sich das Schriftzeichen nicht als gleichberechtigter Partner eindrängen. Was nicht im inneren Ohre des Lesers zu hören ist, was nicht der rhythmischen Gliederung der Laut- und Sinngestalt des Gedichtes zu dienen vermag, hat kein eigentlich poetisches Dasein.

Hans-Georg Gadamer [1]

Punkte mal rasant, mal gehoben

Punkten Sie! Denn wenn Sie in einer Zeile kurz hintereinander mehrere Punkte setzen, vor allem mit Einzelwörtern oder kurzen Phrasen kombiniert, erzeugen Sie in dieser besonderer Betonung eine Art Stakkato und Nachdruck. Kommen wie im zweiten Beispiel andere Zeichen dazu, ändern sich Tonalität und Rhythmus: Das Komma schafft mehr Verbindung zwischen den Worten, verkürzt die Pause im Vergleich zum Punkt und senkt die Stimme weniger tief. Das Fragezeichen hebt dagegen die Stimme in der Mitte der Zeile:

Mißmut. Hund. Die Augen klären sich.

***

Keines. Aha. Bachufer, Verkehrhindernis
Alle kommen. Kommen Sie? Wollen passieren.

Elke Erb [2/3]

Stefan George und Raoul Schrott stellen Ihnen den schwebenden Punkt über der Zeile vor; auch bei einem Mittelpunkt bleibt die Stimme etwas erhöht:

Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·

Stefan George [4]

***
das kar · windholz auf dem jährigen schnee dürr und
zerstückelt · borstgras · in der leere die einem einsturz
vorausgeht […]

Raoul Schrott [5]

Hinweis auf einen Wendepunkt

Der Doppelpunkt lässt vor dem Zeichen anhalten, um danach zu beschleunigen. Er markiert einen Wendepunkt und steigert im Warten umso mehr die Erwartung, was nachkommt: oft ein Fazit, gängig natürlich die direkte Rede, poetisch interessant zudem eine Ergänzung, die die Bilder ausweitet und die Spannung steigert. Friederike Mayröcker gibt Ihnen entsprechende Exempel, wobei sie dem Doppelpunkt ein Leerzeichen vorausschickt und mit dem Zeichen sogar die Gedichtzeile einleitet:

das oszillierende Licht Veilchen vielleicht
violettes Veilchenlicht : Lüster :

***
: Gauguinreflexe –
bei geschminktem Äther

Friederike Mayröcker [6/7]

 

Drei Auslassungspunkte verweisen auf etwas, das unausgesprochen bleibt oder offengehalten wird – sei es, dass es schon bekannt ist oder nicht genannt werden will/ kann. Sie sind ähnlich dem Ausrufezeichen rar zu setzen, vor allem am Gedichtende, insofern sie auf eine Offenheit zielen, die dem Gedicht generell zu eigen sein sollte. Als Alternative bietet sich die Änderung der Punktanzahl an, um die recht verbrauchte Form abzulösen. Im Textinnern stehen die Auslassungspunkte für eine Pause: Sie zeigen ein Stocken, sogar den jähen Abbruch der Rede oder des Gedankengangs an.

Zerbrochen ist die Klaviatür . . . . .
Ich beweine die blaue Tote

Else Lasker-Schüler [8]

***
[…] mir flieszen
die Tränen, oder die sämtlichen
wilden Augen und Veilchen . .

Friederike Mayröcker [9]

Die Parenthese schichtet Ebenen auf

Auch der Gedankenstrich markiert eine Pause. Doch hier ist es eine Lücke, in der sich ein Wendepunkt abzeichnet: Eine Bewegung hält inne und richtet sich neu aus. Ein Durchbruch steht im Raum. Das Zeichen kündigt an, dass nach der Leere etwas Unerwartetes oder Wichtiges folgt.

reglos der reiher –
rüstung, die ein samurai
stehenließ, schimmernd.

Jan Wagner [10]

***
Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie „sommerlich“ hat –
es wird nichts mehr kommen.

Ingeborg Bachmann [11]

 

Das Gedankenstrichpaar umschließt eine Erläuterung (als Einzelwort oder vollständigen Satz) und fügt sie in den Haupttext ein. Das Satzzeichen wird am Beginn und Ende des Einschubs zu einer Grenze, die beim Sprechen eine kurze Pause erfordert, meist auch die Veränderung der Stimme. Sie kann kräftiger werden, um die Aussage des Hauptsatzes zu bestätigen, oder in einen Flüsterton übergehen, der die Ergänzung leise ins Spiel bringt.

und als folgten auch sie
ebbe und flut – einer eigenen, im rhythmus
der woche –,

Reiner Kunze [12]

***

SPRACHLOS UND KALT: mein Herz schlägt gegen vieles
– nicht nur die Gitterstäbe in der Brust –  Echterm. S. 846]

Barbara Köhler [13]

Die Klammern – ob rund oder eckig, geschweift oder gebrochen – schließen wie Gedankenstrich und Kommapaar einen Einschub vom Haupttext ab (Parenthese). Dabei kann sich der Klammersatz im Widerspruch zum Hauptsatz befinden und seinen Kontext wie im „Klammergedicht“ Enzensbergers in nicht mehr nachvollziehbarer Erweiterung zersetzen. In den unterschiedlichen Klammertypen verzahnen sich Ebenen und schaffen hierarchische Strukturen, die zugleich in ironischer Distanz des Autors ihre Absurdität preisgeben.

Bewegung (Luft), Meerfarbe (grün), ein Igel (die Technik eines Coyoten
ihn auf den Rücken zu drehen) – dein Herz, der nahe Hafen

Steffen Popp [14]

***

Hiermit wird [sagte die Stimme (leise) (nicht donnernd)
(von oben)] (im Rahmen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen)
Herrn A.A. (wenngleich widerwillig) (doch ((halbwegs)) eingedenk
seiner {(((gerüchtweise) bekannten)) ((wenn auch
unklaren))} Verdienste)

Hans Magnus Enzensberger [15]

 

Viel Spaß und Inspiration! Setzen Sie in und mit Ihrem Gedicht Zeichen in der Welt!

 


Quellen:

[1] Hans-Georg Gadamer: Poesie und Interpunktion. Zitiert aus: Nebrig, Alexander u. Spoerhase, Carlos: Die Poesie der Zeichensetzung. Studien zur Stilistik der Interpunktion. Bern: Peter Lang 2012, S. 62
[2] Elke Erb: Unwirsch, doch was meint das „Hund“? /Es. In: Dies.: Sonanz. 5–Minuten–Notate. 2. Aufl. Weil am Rhein: Urs Engeler 2019, S. 188 / S. 156
[4] Stefan George: Komm in den totgesagten park und schau. In: Sprachspeicher. 200 Gedichte auf deutsch vom achten bis zum zwanzigsten Jahrhundert. Hrsg. v. Thomas Kling. Köln: DuMont 2001, S. 208
[5] Raoul Schrott: graukogel. Ebd. S. 324
[6/7] Friederike Mayröcker: Wie schnell dieser Winter vergangen ist dieser JUPITER / Telefunkengedicht. In: Dies.: Gesammelte Gedichte 1939-2003. Hrsg. Marcel Beyer. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2004, S. 603/ S. 602
[8] Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier. In: Sprachspeicher. A.a.O. S. 226
[9] Friederike Mayröcker:  . . als Seelenmaler, und Schmetterlinge. In: Gesammelte Gedichte. A.a.O. S. 748
[10] Jan Wagner: ein japanischer ofen im norden. X. In: Ders.: Selbstporträt mit Bienenschwarm. Ausgew. Gedichte 2001-2015. Berlin: Hanser 2016, S. 48
[11] Ingeborg Bachmann: Enigma. In: Dies.: Sämtliche Gedichte. 5. Aufl. München Zürich: Pieper Verlag 2002, S. 181
[12] Reiner Kunze: Bei Porto, Sonntagnachmittag. In: Ders.: eines jeden einziges leben. gedichte. 2. Aufl. Frankfurt/Main: S. Fischer 1986, S. 79
[13] Barbara Köhler: Endstelle. In: Dies.: Deutsches Roulette. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1991, S. 39
[14] Steffen Popp: Betonstufen, die Meere. In: Lyrik von Jetzt. Hrsg. v. Björn Kuhligk und Jan Wagner. Köln: DuMont 2003, S. 315
[15] Hans Magnus Enzensberger: Klammergedicht. In: Ders.: Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2009, S. 46 f.

 

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