Monatsgedicht Januar: “restposten” von Werner K. Bliß
Das erste Gedicht, das ich vor Jahren von Werner K. Bliß las, war eine Hommage an Jean Tinguely, vielmehr an dessen vielteiligen Brunnen vor dem Stadttheater in Basel. Werner Bliß, selbst Künstler, fing in seinem Text die unterschiedlichen Temperamente der einzelnen Wasserschöpfer und -speier ein. Er richtete den Blick zwar auf Ausschnitte, ließ aber die gesamte Anlage plastisch werden.
Im neuen Monatsgedicht sind es Werner K. Bliß’ “restposten”. Sie reichen aus, dem Leser existentielle Grundgegebenheiten vor Augen zu führen. Richard Mayr, Juror dieser Januar-Runde, kommt in seiner Begründung darauf zurück.
restposten
aufbruch nach allen
seiten die letztengeheimnisse eine
frage der zeitdie landung steht bevor
das fähnchen fröstelt schonwir zurückgebliebene
ordnen strandguterwarten hochwasser
© Werner K. Bliß
Richard Mayr, Journalist und Literaturkritiker (Augsburger Allgemeine Zeitung), kam zu folgendem Urteil:
Dieses Gedicht hat es in sich, so karg es sich sprachlich beim ersten Lesen auch gibt. Diese Wendung darin ist unerhört: Erst wird dem Aufbruch der Boden unter den Füßen entzogen, weil er aufs Meer verlegt wird. Dann ist der einzige Ausblick auf das verheißungsvolle Land das Frösteln des Fähnchens. Wirklich angenehm wird es dort nicht sein. Anschließend vereinnahmt das “Wir” den Leser und katapultiert ihn zurück an den Strand, an dem Hochwasser droht. Die Gegenbewegung ist perfekt.
Man mag sich getäuscht wähnen. Die Wendung ist aber mehr als ein artistischer Taschenspielertrick. Hinterfragt man den Anspruch dieses Aufbruchs, der ja nach allen Seiten geschieht, wirkt er so vermessen in der Totalität, dass das Bedrohliche schon immer da war. Der Leser hätte gewarnt sein können. So wird mit kargen Versen auf wenig Raum ein gewaltiges Geschehen eingefangen.
Ob Lyrikmail, fixpoetry, Glarean Magazin, um nur einige online-Stationen zu nennen – Werner K. Bliß setzt mit seinen Gedichten Akzente. Für mich sind es auch die Veröffentlichungen in den Katalogen, die ihn in seiner engagierten Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern ausweisen.
Ich freue mich sehr, ihn als Gewinner der Monatsgedichte anzukündigen: Herzliche Grüße nach Hausach!
Werner K. Bliß, *1950, Pädagoge, schreibt Lyrik und malt, lebt in Hausach / Schwarzwald Auslandsaufenthalt in Portugal- Deutsche Schule zu Porto- von 1985-1991
Lyrikveröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien, Ausstellungskatalogen und Internetportalen
Marianne Hopf, Malerei 1990 – 2008, Ausstellungskatalog Morat Institut, Freiburg, 2008.
Bruder Holz, Armin Göhringer, 13 lyrische Texte zu Arbeiten von Armin Göhringer, Kunsthaus Grenchen / CH, 2006
Vulkan Obsidian oder Schrittmacher des Erinnerns, handgeschriebene Gedichte mit originalen Grafiken, Künstlerbuch Edition Bauwagen, 2006, Herausgeber: Theo Breuer
Lesungen bei LeseLenz Hausach 2007 und bei Ausstellungen diverser Künstler

Herzlichen Glückwunsch für Dein poetisches Gebilde! Ein mehrschichtiges Bild des Aufbruchs in der Lyriklandschaft. Es sensibilisiert den Leser, mobilisiert innere Kräfte für das Kommende: “ordnen strandgut – erwarten hochwasser”. Was für ein krönender Abschluss mit tiefgehenden Aufbruchsgefühlen! Kompliment mit Lichtgrüßen für den Maler mit geschriebenen Bildern….
Kommentar von Gerda Steger — 30.01.2010 @ 09:27
Herzlichen Glückwunsch!
Kommentar von Johanna Klara Kuppe — 30.01.2010 @ 18:44
lieber werner,
danke für dein schönes gedicht. hölderlins klirrende fahnen höre/sehe ich. auch rilkes “wir ordnen’s, es zerfällt”.
liebe grüße, christoph
Kommentar von christoph schwarz — 30.01.2010 @ 20:13