03.07.2012

‘ophelia phlegmatisch’ von Sina Klein ist neues Monatsgedicht im Juli

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 13:30

Die Juli-Runde war mit dem Motto “Mondhelle Nächte” überschrieben. Der Erdtrabant, bekannt für sein stetes Wechselspiel, blieb auch in Versen eingefangen seinem Prinzip treu: Er spiegelte sich in den vielerlei Facetten der geposteten Gedichte. Sina Klein gewann mit ihrem Text, der den Sog mancher Mondnacht im ungewohnten Blickwinkel umso subtiler spüren lässt:

ophelia phlegmatisch

liegt es an der mondtablette,
halbe, volle – monatstakte -
ihrerstatt statistin einer nacht ?

halten tage die gestalt steril ?
- still, halt still für chirurgie:
wir fischen sie aus ihrem bett …

formaldehyd-getränkte sie,
ist hell von allen ethanolen,
watte innen, hüllen laken

schnitt / ein tisch – ma belle – skalpelle …
akt seziert zurück sich bis auf szene,
bis auf alles sehnen – dort wo’s klafft -
schläft hamlet.

© Sina Klein

Annette Bitsch, Privatdozentin im Bereich Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist mit dem Thema “Mond” vertraut. Im weiten Bogen der Forschungsschwerpunkte von Medien-/ Kulturwissenschaft und Psychoanalyse bis hin zur Französischen Gegenwartsphilosophie und zum Posthumanismus hat die Literatur und Lyrik der Avantgarde 1900 (insbesondere Surrealismus und Expressionismus) einen festen Platz. Die Jurorin begründet ihr Urteil wie folgt:

Das Gedicht „ophelia phlegmatisch“ codiert eine Situation gegenwärtig-alltäglicher Lebenswelt, eine literarische Tragödie und wissenschaftliches Datenmaterial zu einer mondhellen Saga, blitzartig, surreal, en miniature. Nach einer langen Reise aus dem Jahr 1602 ist Ophelia, „ma belle“, morbide Schönheit mit langer literarischer Tradition, in der Chirurgie des 21. Jahrhunderts gelandet. Der Tod vermochte die Wunde, die Hamlet zufügte, nicht zu schließen. 400 Jahre später schluckt sie „mondtabletten“ und ist zur „formaldehyd-getränkten sie“, „hell von allen ethanolen“, geworden. Doch auch Anästhesie, auch der „schnitt“ mit den „skalpellen“, können den unsühnbaren Schmerz, „alles sehnen“, die Blutung — „dort wo’s klafft‘ — nicht heilen. Die Szene steht in mondheller Bestrahlung wie in einem Fluidum, sterile Essenzen, weiße „watte“ und „laken“ emanieren Licht zum Mond zurück. Etwas entgleitet ins Geisterhafte, in die Irrealität. Wo sind wir wirklich? Ist das noch die Wirklichkeit und unser vertrauter, allnächtlich wiederkehrender Mond? Oder sind wir bereits weitergereist und eingezogen in den Radius einer weiteren Ophelia, in den Radius des zweiten von den 27 Monden des Planeten Uranus? Das Gedicht verzichtet auf ein klassisches Versmaß und verwendet freie Rhythmen, doch gleich lange, vorwiegend parataktische Zeilen und zahlreiche Assonanzen (ophelia/phlegmatisch, mondtablette/volle monatstakte) erzeugen formale Regelmäßigkeit. Die Sätze sind knapp, anakoluthisch, gehen oft in Stakkato über, aber all diese Brüche führen nicht in Desintegration, sondern sind mit kalkulierter Symmetrie arrangiert. Die formgebende Strenge korrespondiert inhaltlich den in der Chirurgie eingesetzten Maßnahmen zur Desinfektion von Psyche und versehrtem Körper — jedoch bebt darunter das ganz Andere wie ein unheimliches, unberechenbares Ticken. Das überträgt sich auch in den Worten. Kühl sind die Worte, kühl, steril, emotionsfern wie die Ethanole und Seziergeräte, sie sind frei von Trillern, Schnörkeln und adverbialem Plüsch. Und doch pulsieren in ihnen Dionysie und Blutaroma — Worte mit gefährlich scharfer sinnlicher Ladung. Es sind Worte, Chiffren, Allusionen, die mit dem Skalpell geschliffen wurden. Denn dies Gedicht entstand in der Chirurgie, oder, um es mit Gottfried Benn, dem Spezialisten für die Artistik des Gedichts, zu sagen: im „Laboratorium der Worte“. Es zeugt von brillanter Intelligenz und großem literarischen Können.

An dieses Urteil schließe ich mich gerne mit einem herzlichen Glückwunsch an Dich, Sina, an! – Mit ‘stadtbausteine’ gehörte die Lyrikerin schon in der ersten Reihe der Monatsgedichte zu den Sieger/innen.

Sina Kleins Vita aus dem Vorjahr lässt sich nun “weiterführen”. Die Autorin schließt derzeit ihr Romanistik-Studium ab. In ihrer Magisterarbeit setzte sie sich mit 14 Übertragungen von Rimbauds “Ophélie” auseinander. Der Übergang von Übersetzung zu eigenständiger Lyrik bzw. die Wechselwirkung untereinander und wie die Begriffe Nach- und Umdichtung gebraucht werden, standen im Mittelpunkt ihrer Untersuchung.
Der erste Gedichtband ist im Entstehen. Einzelveröffentlichungen gibt es neben den Texten auf poetenladen.de, wo Sina Klein als Autorin vertreten ist, auch in den Zeitschriften Poet, Federwelt, lauter niemand und Proto.
In Zusammenarbeit mit dem Proto-Magazin und der Essener Post-Rock-Band ‘Volvo Penta’ veranstaltet Sina Klein seit vergangenem Jahr auch musikalische Lyriklesungen. Bei ihren Lesungen in Düsseldorf gibt es heute, am 3. Juli, ganz aktuell einen Termin im LiteraturClub Düsseldorf (genaue Ort- und Zeitangabe hier).

Die 13. Runde der Monatsgedichte dreht sich um ‘dolce vita’. Der in Berlin lebende Autor und Übersetzer Stefan Monhardt ist Juror dieser vorerst wieder letzten Ausschreibung der Montasgedicht-Reihe 2011/12. Sie können die Details zum Wettbewerb wie gewohnt auch herunterladen. Wenn Sie neu zum Projekt Monatsgedichte hinzukommen möchten, finden Sie hier die notwendigen Informationen.

24.08.2010

Sina Klein: “stadtbausteine” – das Monatsgedicht im August

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 15:07

Gedichte aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übersetzen, ist nach Hans Magnus Enzensberger eine der besten Übungen für das eigene Dichten. Bei Sina Klein, der Gewinnerin des Monatsgedichtes zum heutigen August-Vollmond, gehört diese Praxis und Auseinandersetzung mit fremden Sprachen zum Schreiben dazu. Eine Kostprobe hierfür finden Sie über den Link am Ende des Blogbeitrags.
Doch zunächst hat Sina Klein mit dem Siegergedicht ihren Auftritt und zeigt, welche Inspiration auch ihrer eigenen Lyrik zugrunde liegt.

stadtbausteine

und wie wir umríssen des nachts,
mit weißer kreide umkreisten
die zwillinge von terrassen
ertastend sie auf den straßen
deren atem noch warm -

wie wir naschten an stillen fassaden
(selbst bloß noch silhouetten)
die einzelnen zuckerkristalle
von tischen die abzuwischen
sie vergessen hatten -

dann die nischen die uns tarnten
vor laternen denn wir eilten
zu zweit im schein uns
voraus.

© Sina Klein

Andreas Noga, selbst Lyriker sowie Lyrikredakteur der von Sandra Uschtrin herausgegebenen Zeitschrift “Federwelt” und von Theo Breuers “Faltblatt” hebt den besonderen Zugang hervor, den die Autorin zum Thema wählte:

Ein Schatten-Gedicht muss nicht das Wort „Schatten“ enthalten. Der Themenbezug kann sich auch durch indirekte Annäherung erschließen. Besonders überzeugt hat mich das Gedicht „stadtbausteine“, das auf die Benennung verzichtet. Ich hatte nicht den Vorsatz, ein Gedicht auszuwählen, in dem das Wort „Schatten“ fehlt. Schon nach der ersten Lektüre aller Gedichte kristallisierte sich allerdings „stadtbausteine“ als Favorit heraus. Als ich darüber nachdachte, warum das so ist, fiel mir auf, dass der Text Atmosphäre schafft, Empfindungen wachruft und Bilder im Kopf entstehen lässt, ohne die Vokabel der Themenstellung zu verwenden. Dies zudem mit sinnlich-poetischen Bruchstücken, die man nascht wie ein Lebkuchenhaus. „Show, don’t tell“ gilt auch für Gedichte. Wie beim Laternenspaziergang ist der Schatten in „stadtbausteine“ ein steter, aber unauffälliger Begleiter.

Im Kommentar ihres Postings im Monatsgedichte-Blog gab Sina Klein auch einen Bildhinweis, wie solche Zwillinge aussehen können. Ich finde den Bezug spannend, wie sich die “stadtbausteine” so auch in ein anderes Medium ausdehnen und die Idee weitertragen. Herzlichen Glückwunsch an die facettenreiche Autorin! Und wer steckt nun hinter so viel Sprach- und Bildkraft?

Sina Klein – geboren 1983 in Düsseldorf. Lebt, studiert und arbeitet dort in mit und an Sprache (Lyrik, Übersetzungen aus dem Englischen / Französischen; französische Literatur- und Sprachwissenschaften). Lesungen u. a. mit dem Autorenkollektiv Sonny Wenzel & friends. 2010 Nominierung für den Förderpreis der Stadt Düsseldorf für Literatur. Bisherige Gedicht-Veröffentlichungen im Literaturmagazin poet (8) und auf poetenladen.de

“Reif für Kirschen” heißt Sina Kleins eingangs erwähnte Übertragung des englischen Textes “Cherrie-ripe” von Robert Herrick (16. Jahrhundert). Das mag zugleich eine Anregung für die 13. und vorerst letzte Runde der Monatsgedichte unter dem Titel “Paradiesgarten” sein. Juror ist dieses Mal Klaus Seufer-Wasserthal. Er ist Leiter der renommierten Rupertus Buchhandlung Salzburg und Mitbegründer des Salzburger Literaturfestes.