19. November 2017

Baustein 6: Die Wirkung gebundener Sprache

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

Wirkung gebundener Sprache Versmass Rhythmus Martin Opitz und Eichendorff - Reihen mit Kreisen aus Notenlinien und Noten

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Ist Ihre poetische Sprache von strengen Regeln bestimmt, indem Sie mit Rhythmus und Versmaß, teils auch Reim und Strophenform arbeiten, spricht man von gebundener Rede. Während in der Prosa Wortbetonung, Sprachmelodie und Tempo eher zufällig aufeinandertreffen, ist im Gedicht alles absichtsvoll gestaltet. Wer träumt da beim Lesen der „Mondnacht“ nicht gleich mit?

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus. (1)

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Die moderne Dichtung hingegen bevorzugt den freien Vers. Reim und regelmäßiges Metrum gelten als Fessel. Oder doch nicht?

ein zuckerwürfel und ein büschel gras;
ein wind auf schwarzer wiese, wo ein hund
die bäume scheuen läßt. […] (2)

Jan Wagner (*1971)

Vielleicht ist wie in Wagners Blankversen* nur Erfindergeist nötig, um den konventionellen Klang gebundener Rede zu vertreiben. Auch Bertolt Brecht (1898–1956) schlug diesen Weg ein: „Ich brauchte Rhythmus, aber nicht das übliche Klappern.“ Allerdings lag für Brecht in der freien Handhabung des Verses „die große Verführung zur Formlosigkeit“. (3) Davor hatte schon Hugo von Hofmannsthal (1874–1929) gewarnt: „Es scheint beinahe niemand mehr zu wissen, daß das [rhythmische Gefühl] der Hebel aller Wirkung ist.“ (4)

Auf Versfüßen unterwegs

Der Barockdichter Martin Opitz (1597–1639) reformierte die deutsche Dichtersprache. Der Versakzent und die natürliche Betonung eines Wortes sollten von nun an übereinstimmen. Machen Sie die Probe aufs Exempel! Denn wie hört sich dieser Blankvers an, wenn Sie nur auf das Metrum achten: ein unwetter auf der wiese, wo ein?

Opitz forderte, das Versmaß streng einzuhalten. Er favorisierte vier gängige Taktarten aus der antiken Dichtung, auch Versfüße genannt. Diese dienen als kleinste feststehende Einheit, um beliebige Versformen aufzubauen. Den zweisilbigen Versfüßen, dem Jambus |XX| (Gedicht) und Trochäus |XX| (Dichtung) gab Opitz den Vorrang. Betonte Silben (Hebungen) und unbetonte (Senkungen) folgen hier exakt aufeinander, sie alternieren. So ergeben sie eine gleichmäßige Melodie, die je nach Versanfang (unbetont/betont) heitere oder düstere Stimmung vermitteln kann.
Die beiden dreisilbigen Taktarten bringen mit zwei unbetonten und schneller gesprochenen Silben kraftvolle Bewegung: Der Anapäst |XXX| betont die dritte Silbe (analog), der Daktylus |XXX| die erste Silbe (freudige).

Im „Baukastensystem“ zum Vers

Regelmäßige Verse zeichnen sich durch eine festgelegte Anzahl und Abfolge von Versfüßen aus. Eichendorff legt der „Mondnacht“ einen dreihebigen Jambus zugrunde. Der vierhebige Trochäus bestimmt die folgenden Zeilen Heinrich Heines (1797–1856): „In dem Traum siehst du die stillen / Fabelhaften Blumen prangen“.

Fünfhebig variiert der Jambus je nach Herkunft:

  • Als Vers commun mit einer Zäsur im Versinnern ist er aus der französischen Literatur übernommen.
  • Der in Italien beliebte Endecasillabo (Elfsilber) wurde mit festem Reimschema zu einem Standardvers der deutschen Sonettdichtung.
  • Reimlos und flexibel*, diente der für Shakespeare typische Blankvers vor allem als Dramenbaustein. Friedrich Schiller (1759–1805) übernahm das Metrum auch für seine Ballade „Das verschleierte Bild zu Saïs“. Vielleicht ermuntern Jan Wagners Blankverse Sie zu einem eigenen Versuch?

Bei den Barockdichtern war gerade beim Sonett der Alexandriner beliebt. Dieser Vers setzt – gereimt und aus sechs Jamben bestehend – nach der dritten Hebung einen deutlichen Einschnitt: „Der schnelle Tag ist hin || Die Nacht schwingt ihre Fahn“, heißt es bei Andreas Gryphius (1616-1664). Ingeborg Bachmann sprengt die überlieferte Form – reimlos und mit teils verkürzter Zeile:

[…]
Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.
[…] (5)

Ingeborg Bachmann (1926–1973)

Strenges Versmaß oder das lebendige Wort

Takte, also Hebung für Hebung, zählen, sogar mit einem Metronom, wie es Gerhard Rühm (*1930) in seinem Sonettenkranz ironisch unternahm, hat das für die Lyrik heute noch Sinn? Der Wiener Dichter füllte die herangezogenen Zeitungsberichte durch Wortwiederholung zum exakt betonten Elfsilber auf: „auch áuch in díesem jáhr hat sích der grósse“ (6)

Diesem starren Skandieren steht das Rezitieren gegenüber. „Ein Metrum besteht theoretisch, der Rhythmus nur praktisch“, (7) heißt die Formel, die den Vers aus dem Klappern befreit.

Verszeile und Satzeinheit, Atempause und Verseinschnitt, der im sinngemäßen Sprechen die Zeile gliedert, führen zum Rhythmus, der in unserem Körper verankert ist. Unser Herzschlag und Atem setzen ein eigenes „Versmaß“, das die Bewegung ins Gedicht überträgt und daran erinnert, dass die Lyrik ursprünglich mit Musik und Tanz einherging.

Die „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff als Beispiel

Das Zusammenspiel von Metrum und Rhythmus kann das eingangs zitierte Gedicht von Joseph von Eichendorff veranschaulichen: Der exakt gebaute dreihebige Jambus unterstreicht die Klarheit der Sternennacht und die Harmonie zwischen Himmel und Erde. „Leichtfüßig“ im unbetonten Versauftakt, steht dieses Metrum für eine aufsteigende Bewegung. Die poetischen Bilder sprechen alle Sinne an und laden mit im Lufthauch wogenden Korn ein, sich auf den Seelenflug durch eine magische Mondnacht einzulassen.
Im Gleichmaß des Taktes fallen jedoch Änderungen in der Schlussstrophe auf. Betonungen verschieben sich an die für die Aussage wichtige Stelle.

  • Mit dem Zeilenumbruch spannte / Weit beginnt Eichendorff diesen Wechsel rhythmisch aufzubauen und die Aufmerksamkeit seiner Leser/innen umzulenken. Das Enjambement, das Übergreifen des Satzes in den nächsten Vers, erzeugt eine Pause am Zeilenende und betont im Übergang zur neuen Zeile Weit. Der Akzent verlagert sich und ermöglicht einen machtvollen Daktylus mit drei Silben am Versanfang: Weit ihre Flügel aus.
  • Die Alliteration Flügel / flog / als flöge bindet die drei Schlusszeilen eng aneinander. Das ebenfalls am Zeilenbeginn unregelmäßig betonte flog wird zum Höhepunkt, an dem der Traum Wirklichkeit zu werden scheint.
  • In der letzten Zeile flauen die in den beiden Daktylen intensivierte Atembewegung und die dreifache Steigerung (Rhythmus) ab: Der Vers kehrt in den „regulären“ dreihebigen Jambus zurück (Metrum).

 

  • Quellenangaben:

    * siehe: wortwuchs.net
    (1) Mondnacht. Eichendorff, Joseph von. In: Siehst du den Mond? (Hg. Dietrich Bode). Reclam 2010, S. 52 f.
    (2) grubenpferde. Wagner, Jan. In: Zwischen den Zeilen, Nummer 25. Urs Engeler 2006, S. 70
    (3) Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen. Brecht, Bertolt. In: Gesammelte Werke, Band 19, Suhrkamp 1973, S. 396 und 402
    (4) Poesie und Leben. Hofmannsthal, Hugo von. In: Der Brief des Lord Chandos, Reclam 2000, S. 40 f.
    (5) Böhmen liegt am Meer. Bachmann, Ingeborg. In: Sämtliche Gedichte. Piper 1998, S. 177
    (6) dokumentarische sonette, dienstag, 29. 7. 1969, publikumsjubel um die „meistersinger“. Rühm, Gerhard. In: um zwölf uhr ist es sommer, Reclam 2000, S. 167
    (7) Frey, Daniel: Einführung in die deutsche Metrik mit Gedichtmodellen. Wilhelm Fink 1996, S. 18

Dieser Artikel erschien leicht variiert zunächst in der Federwelt (Nr. 119 August 2016)

Zum Thema „Klang“ passen auch diese beiden Artikel:


30. September 2017

Baustein 5: Lyrischer Klang im Spiel mit den Buchstaben

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk
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Die suggestive Melodie der Vokale und Konsonanten

Da die Ohren von Natur aus auf Empfang eingestellt sind, können Sie mit der Melodie und Klangfarbe Ihres Gedichts „Zauber“ wirken.

Singet leise, leise, leise,
singt ein flüsternd Wiegenlied,
[…]
Singt ein Lied so süß gelinde,
wie die Quellen auf den Kieseln,
wie die Bienen um die Linde
summen, murmeln, flüstern, rieseln. (1)

Clemens Brentano, 1778–1842

Vor allem die Dichter der Romantik sind Klangkünstler. In Clemens Brentanos Versen finden Sie hohe und weiche Vokale, die sich erst in den letzten Zeilen zum U verdunkeln. Ebenso zart wirken die Konsonanten, wenn sie den Flüsterton und das Rieseln der Quelle aufnehmen. Es sind beruhigende Zeilen; in den kleinen Satzeinheiten mit Wiederholung übertragen sie Ruhe und Geborgenheit .

Auch Rainer Maria Rilke ist ein Meister des Klangs:

Da drin: das träge Treten ihrer Tatzen
macht eine Stille, die dich fast verwirrt;
und wie dann plötzlich eine von den Katzen
den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,
[…] (2)

Rainer Maria Rilke, 1875–1926

Hier fallen zum betonten I und A die Alliterationen auf, die mehrfachen Wortanlaute auf D und T, die beim Lesen sofort einen Sog ausüben.
Es lohnt sich, die Laute herauszufinden, die Stimmungen erzeugen und wiedergeben. Auch wenn einschlägige Untersuchungen vorliegen – beginnen Sie bei sich selbst! Wie hört sich ein Jubelschrei an, wie reagieren Sie auf eine Überraschung? Meist sind Sie von ah, oh bis ui bei einzelnen Lauten angelangt. Mit ihnen halten Sie den Zauberschlüssel für Klang und Gefühl in der Hand.

Buchstaben auf dem Prüfstand

„Die Buchstaben sind bereit, durcheinandergewürfelt zu werden.“ (3) Die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada, die auch auf Deutsch schreibt, vermittelt in ihren Sprachreflexionen oft erstaunliche Einsichten.
Vielleicht geht es Ihnen bei dem einen oder anderen folgenden Lautgedicht ähnlich wie ihr: „Wenn ich deutsch spreche, komme ich mir manchmal vor wie eine Komponistin, die in einem Wald steht und versucht, die Musik der Vögel zu hören, zu notieren und nachzuahmen.“ (4)
Machen Sie die Probe aufs Exempel und versuchen Sie, dem „buchstabierdialog“ Ernst Jandls zu folgen:

: S.T.S.T.S.T.S.T.E.

: H.B.
K.N.E.
Z.

[…] (5)

Ernst Jandl, 1925–2000

Dass der zunächst Gefragte keine Zeit hat, hören Sie in diesem Zwiegespräch nur, wenn Sie die Zeilen laut lesen und sich so Vokalanklänge zwischen die Konsonanten schleichen.
1956 begann Jandl seine Experimente, in denen er Worte in Silben und Buchstaben zerlegte. Sein sprachspielerischer Ansatz wurde in den 1960ern zur Provokation, da er scheinbar mit Unsinn aufwartete. Zu Jandls großen Leistungen gehört jedoch, dass er die Sprache bis in kleinste Einheiten bewusst macht. (6)

Kurt Bartsch vereinheitlicht Konsonanten und setzt F gleichwertig für V und W. Im so nur „angenäherten“ Wortklang verfremdet sich die Aussage: Der Weltuntergang verliert an Pathos und bleibt doch eindringlich. Zudem schieben sich Worte ein, die ihren alltäglichen Sinn beibehalten: fiese könnte über wiese hinaus Hintergründe für den Weltzustand andeuten oder zusammen mit der Anfangszeile sogar ein Aufruf sein:

fom fleck feg
fald und fiese
feltuntergang
[…] (7)

Kurt Bartsch, 1937–2010

Nonsens oder Sprachaufbruch im Lautgedicht

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts stimmte Christian Morgenstern das Große Lalula an. Die Dadaisten, einer davon Hugo Ball, luden ebenfalls zum „Klang-Happening“ ein. Nonsens-Dichtung lautete das ablehnende Urteil.

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
[…] (8)

Christian Morgenstern, 1871–1914

Morgensterns Lautgedicht war jedoch ein Abgesang auf eine hehre Verskunst, die sich im Pathos verlor. Hugo Ball dagegen wollte das Wort aus seinem Bedeutungskorsett befreien und in reiner Klanggestalt zur Wirkung bringen. Dadurch würden die Lesenden selbst zu Sprachmagiern, da sie mit dem Aussprechen des „Wortes“ bereits beeinflusst würden. Unterschiedliche Schrifttypen sollten die Lautstärke, Tonhöhe oder Stimmung optisch vermitteln.

Lautgedicht Karawane von Hugo Ball in verschiedenen Schrifttypen für unterschiedlichen Klang , teils Reim Reim (9)

  Hugo Ball, 1886–1927

Im Zertrümmern der herkömmlichen Worte und in der Neukombination der Buchstaben ergeben sich fremde Sprachen. Möchten Sie nicht mit einer Geheimsprache aus Kindertagen mithalten? Lassen Sie die Buchstaben purzeln! Mit seinem Gedicht in Bi-Sprache lädt Joachim Ringelnatz dazu ein:

Ibich habibebi dibich,
Lobittebi, sobi liebib.

[…] (10)

Joachim Ringelnatz, 1883-1934

 Jeder Reim belebt den Klang – doch nutzen Sie Vielfalt!

Allem Sprachaufbruch steht der Reim als konventionelle Gegenkraft gegenüber. So scheint es, beachtet man nur den herkömmlichen Endreim. Doch Reime sind vielfältig und bieten mehr als bloßen Zierrat am Versschluss.
Anfangsreim, Schlagreim, Binnenreim, Mittenreim, unreiner Reim, Halbreim, Assonanz sind Reimformen (11), die durch den Rap wieder stärker ins Rampenlicht gerückt sind.

Häng deine Hoffnung an ein Plastikschwein made in Taiwan,
häng deine Hoffnung an ein Pflasterstein und andern Kleinkram.
Zur Show gibt es Kitsch,
zum Popstar das Image,
[…]
Dran glauben!
Kram kaufen!
[…] (12)

Bas Böttcher, *1974

Wenn Sie über das Gedicht hinweg Reimworte einstreuen, wirken sie wie ein Echo. Beim Lesen fällt eine Klangspur auf, die durch das Gedicht führt.
Setzen Sie regelmäßig den Endreim, verlagern Sie dagegen den Schwerpunkt auf die Schlussworte. Achten Sie deshalb darauf, vor allem die sinntragenden Worte im Klang zu verketten.
Der Reimklang bringt übermächtig alles, auch Widersprüche, in eine harmonische Ordnung und wirkt dadurch in unserer Zeit oft überholt. Da die deutsche Sprache zudem für Reime wenig geeignet ist, kommen „verbrauchte“ Reimpaare hinzu. Bas Böttcher hält allerdings ein Rezept dagegen bereit und frischt mit Fremdwort Kitsch/Image und Umgangssprache Dran/Kram auf.

  • Quellenangaben:

(1) Singet leise, leise, leise. Brentano, Clemens: Gedichte, Reclam 1995, S. 85
(2) Die Fensterrose. Rilke, Rainer Maria. In: Sprachspeicher (Hg. Thomas Kling), DuMont 2001, S. 212
(3) Tawada, Yoko: Sprachpolizei und Spielpolyglotte. Konkursbuch 2007, S. 28
(4) Dieselbe: Verwandlungen. Konkursbuch 1998, S. 22
(5) buchstabierdialog. Jandl, Ernst: Sprechblasen, Reclam 1979, S. 58
(6) Ernst Jandls Lesungen sind im Archiv seiner Website zu sehen und hören
(7) felt futsch. Bartsch, Kurt. In: Poetische Sprachspiele (Hg. Klaus Peter Dencker), Reclam 2002, S. 318
(8) Das große Lalula. Morgenstern, Christian: In: Echtermeyer. Deutsche Gedichte. (Hg. Elisabeth K. Paefgen, Peter Geist), 20. Auflage, Cornelsen 2010, S. 502
(9) Karawane. Ball, Hugo: Ebd. S. 616.  Zu hören auf lyrikline mit Christian Bök
(10) Gedicht in Bi-Sprache. Ringelnatz, Joachim. Ebd. S. 125
(11) wortwuchs.net/reimformen
(12) Dran glauben. Böttcher, Bas: Neonomade, Voland & Quist 2009, S. 08. Vom Autor auf lyrikline gesprochen

Dieser Artikel erschien leicht variiert zunächst in der Federwelt (Nr. 117 April/Mai 2016)

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Einen Überblick, was ein gelungenes Gedicht ausmacht, finden Sie  hier:


13. September 2017

Spoken Word & Poetry Slam – reloaded

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Spoken Word & Poetry Slam — Tags: — Michaela Didyk

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Buchstaben und Wörter in Aktion

Auch diese zweite Überschrift könnte den folgenden Text gut auf den Nenner bringen. Zum Baustein Wörter als lyrischer Werkstoff kommt nun nämlich die Performance. Bühne frei also für Spoken Word / das gesprochene Wort im Poetry Slam. Und Applaus für die Protagonistin Nora Gomringer sowie ihre Kollegen Bas Böttcher und Philipp Scharrenberg. Alle drei haben in den folgenden Videos Buchstaben und Wörter zu ihrem Thema gemacht und mit Leben gefüllt.

Reloaded kann sich ebenso auf die Wiederaufname meines alten Blogbeitrags beziehen. Denn 2010 postete ich bereits Philpp Scharrenbergs Darbietung „Vom Verb“ zusammen mit Hinweisen auf einschlägige Veranstaltungen. Diese sind zwar inzwischen längst passé, doch Scharrenbergs Auftritt ist immer noch und wieder aktuell. So steht das Video in neuem und erweitertem Umfeld. Auch mit der Ergänzung, dass sich der Slammer 2016 zum zweiten Mal den deutschen Meistertitel holte und damit seinen ersten Champion-Erfolg 2009 auffrischte.

Bevor es mit „Scharri“, wie sich der Slam-Poet in frühen Jahren nannte, gleich weitergeht, noch ein paar Sätze generell zum Spoken Word & Poetry Slam:

Die Spoken Word-Bewegung

Spoken Word reiht sich als Genre in die mündliche Literatur-Tradition ein. Man versteht darunter eine darstellende Kunst, bei der die Lyrik vor dem Publikum zum gesprochenen Wort wird. Sprachspiel, Intonation und Körperbewegung sind wichtig. Musik kann wie bei Hip-Hop und Jazz Poetry den Vortrag ergänzen. Beim Poetry Slam, der am meisten verbreiteten Form des Spoken Word, fehlt sie.

Wie läuft ein Poetry Slam ab?

Im Dichterwettstreit kann ein/e jede/r selbstverfasste Texte vorlesen, sie auswendig  oder aus dem Stegreif vortragen. Das Publikum wertet mit entsprechender Beifallstärke oder mit Punkten. Die Slammer sind einem Zeitlimit unterworfen. Requistiten und Gesang sind verboten. Die Slambühne ist eine reine Sprechbühne, der Text allein soll – nur durch Mimik und Gestik unterstützt – seine Wirkung entfalten.

Philipp Scharrenberg oder das Verb hat seinen Auftritt

„Poetry, Geschichten, Raps & Reime“ versammelt Philipp Scharrenberg in seinem derzeitigen Solo „Germanistik ist heilbar“. Er muss es wissen. Denn spätestens seit 2006, als er den Poetry Slam für sich entdeckte, richtet Scharrenberg sein einstiges Studienfach nach eigener Vorstellung aus. Mit Erfolg – wie nicht nur seine mehrfachen Auszeichnungen auf der Slam-Bühne zeigen. Er ist auch  Deutscher Kabarettmeister der Saison 2013/2014.

Wie sich das Lesen von Gedichten zur lebendigen Lyrik auf der Bühne wandelt, führt Philipp Scharrenberg mit seiner Darbietung des Earlkönig vor. Von der Rezitation des Goethe-Gedichts über eine Rap-Version zur Spoken Word-Fassung wird schnell anschaulich und hörbar, worin die Unterschiede liegen. Diese und andere Performances können Sie auf der Website des „Kampfdichters“ aufrufen. Den zum Thema Wort und Werkstoff passenden Videobeitrag sehen Sie gleich unten. Viel Vergnügen bei dieser überraschenden Perspektive auf das Verb.

Spoken Word von A bis Z: Nora Gomringer spricht das „Ursprungsalphabet“

Auch Nora Gomringer stellt in ihren Auftritten ihre Sprachartistik unter Beweis. Von 2001 bis 2006 war die Lyrikerin im Slam aktiv. 2011 wurde sie  mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet, weil sie der Slam Poetry als „einer neuen Form des Dichtens“ in Deutschland zur Popularität verholfen habe.

Im folgenden Video stellt Nora Gomringer sich mit ihrem „Ursprungsalphabet“  vor: „Ich bin / Ariadne, die dem Faden, dem roten, wollenen folgt“. Einen freien Hörbuch-Download mit dieser Präsentation von A bis Z gibt es bei Vorleser.net. Auf der Website der Lyrikerin warten weitere eindrucksvolle Projekte und Clips auf Sie.

2011 widmete die Schweizer Literaturzeitschrift Orte ein Heft Nora und ihrem Vater Eugen Gomringer. In einem der Artikel blickt die Tochter auf das Haus ihrer Kindheit zurück und kommt auf die Bedeutung der Wörter darin zu sprechen:

Das Haus meines Vaters ist die Adresse seiner Wörter […] Und in diesem Haus war auch Platz für meine ersten Wörter, die ersten Schriften, die Texte meiner Mutter, ihre Vorlesungen, denen ich am Badewannenrand lauschte. Das Gretchen Sackmaier, die Märchenwesen Becksteins, der Grimms, Friedrich Rückert und Heinrich Heine und die Erzählungen über eine weit ausgestreute Familie, die wir sind in vielen Häusern.

Häuser, die uns dienen als Erinnerungsspeicher mit der menschlichen Speichereinheit Sprache.

Bas Böttcher und die Logik der Doppelwörter

Bas Böttcher war in den 1990er Jahren Mitbegründer der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. 1997 gewann er die ersten deutschen Meisterschaften. Inzwischen tourt(e) er hoch anerkannt mit seinen Texten rund um die  Welt. Böttchers Erfindung der Textbox wurde im Pariser Centre Pompidou und der Neuen Nationalgalerie in Berlin ausgestellt. Sie war auf der Buchmesse in Peking zu erleben. Auf kleinstem Raum und trotz lauter Kulisse können Performances stattfinden, indem das Publikum mit Kopfhörern ausgestattet der/dem Vortragenden lauscht.

Die Wirkung der Gedichte ist bei solcher Abschirmung von der Außenwelt intensiv und steigert den von Böttcher gewünschten Effekt.  Denn die Präsentation macht für den Dichter erst Lyrik aus: „Gedanken werden poetisch durch Klang und Rhythmus vermittelt.“ Das zeigt der Slam-Poet auch mit seinen Doppelwörtern, deren Zusammensetzung er im Hin und Her der Worte aufdeckt.

Auch hier lädt natürlich Bas Böttchers Website zu weiteren Entdeckungen ein. Mit seinen Poetry Clips gibt er der Lyrik ein neues Format. Denn während Buch und CD der Performance nur anteilig gerecht werden, können die kurzen Filmsequenzen auch die Mimik und Körperbewegung einfangen. Bestes Beispiel, um damit gleich zu punkten: der Poetry Clip Dot Matrix.

Zum zwanzigsten Jubiläum der deutschsprachigen Poetry-Slam-Bewegung erschien 2014 die von Bas Böttcher und Julian Heun besorgte Textsammlung Die Poetry-Slam-Fibel: 20 Jahre Werkstatt der Sprache. 55 Autorinnen und Autoren stellen in 86 Texten die Sprache als ihren Werkstoff ins Rampenlicht. Dieses Thema ist wohl für alle Lyriker/innen relevant und von Gewinn.

[Die erste Fassung des Beitrags von 2010 wurde aktualisiert und erweitert.]