13. September 2017

Spoken Word & Poetry Slam – reloaded

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Buchstaben und Wörter in Aktion

Auch diese zweite Überschrift könnte den folgenden Text gut auf den Nenner bringen. Zum Baustein Wörter als lyrischer Werkstoff kommt nun nämlich die Performance. Bühne frei also für Spoken Word / das gesprochene Wort im Poetry Slam. Und Applaus für die Protagonistin Nora Gomringer sowie ihre Kollegen Bas Böttcher und Philipp Scharrenberg. Alle drei haben in den folgenden Videos Buchstaben und Wörter zu ihrem Thema gemacht und mit Leben gefüllt.

Reloaded kann sich ebenso auf die Wiederaufname meines alten Blogbeitrags beziehen. Denn 2010 postete ich bereits Philpp Scharrenbergs Darbietung „Vom Verb“ zusammen mit Hinweisen auf einschlägige Veranstaltungen. Diese sind zwar inzwischen längst passé, doch Scharrenbergs Auftritt ist immer noch und wieder aktuell. So steht das Video in neuem und erweitertem Umfeld. Auch mit der Ergänzung, dass sich der Slammer 2016 zum zweiten Mal den deutschen Meistertitel holte und damit seinen ersten Champion-Erfolg 2009 auffrischte.

Bevor es mit „Scharri“, wie sich der Slam-Poet in frühen Jahren nannte, gleich weitergeht, noch ein paar Sätze generell zum Spoken Word & Poetry Slam:

Die Spoken Word-Bewegung

Spoken Word reiht sich als Genre in die mündliche Literatur-Tradition ein. Man versteht darunter eine darstellende Kunst, bei der die Lyrik vor dem Publikum zum gesprochenen Wort wird. Sprachspiel, Intonation und Körperbewegung sind wichtig. Musik kann wie bei Hip-Hop und Jazz Poetry den Vortrag ergänzen. Beim Poetry Slam, der am meisten verbreiteten Form des Spoken Word, fehlt sie.

Wie läuft ein Poetry Slam ab?

Im Dichterwettstreit kann ein/e jede/r selbstverfasste Texte vorlesen, sie auswendig  oder aus dem Stegreif vortragen. Das Publikum wertet mit entsprechender Beifallstärke oder mit Punkten. Die Slammer sind einem Zeitlimit unterworfen. Requistiten und Gesang sind verboten. Die Slambühne ist eine reine Sprechbühne, der Text allein soll – nur durch Mimik und Gestik unterstützt – seine Wirkung entfalten.

Philipp Scharrenberg oder das Verb hat seinen Auftritt

„Poetry, Geschichten, Raps & Reime“ versammelt Philipp Scharrenberg in seinem derzeitigen Solo „Germanistik ist heilbar“. Er muss es wissen. Denn spätestens seit 2006, als er den Poetry Slam für sich entdeckte, richtet Scharrenberg sein einstiges Studienfach nach eigener Vorstellung aus. Mit Erfolg – wie nicht nur seine mehrfachen Auszeichnungen auf der Slam-Bühne zeigen. Er ist auch  Deutscher Kabarettmeister der Saison 2013/2014.

Wie sich das Lesen von Gedichten zur lebendigen Lyrik auf der Bühne wandelt, führt Philipp Scharrenberg mit seiner Darbietung des Earlkönig vor. Von der Rezitation des Goethe-Gedichts über eine Rap-Version zur Spoken Word-Fassung wird schnell anschaulich und hörbar, worin die Unterschiede liegen. Diese und andere Performances können Sie auf der Website des „Kampfdichters“ aufrufen. Den zum Thema Wort und Werkstoff passenden Videobeitrag sehen Sie gleich unten. Viel Vergnügen bei dieser überraschenden Perspektive auf das Verb.

Spoken Word von A bis Z: Nora Gomringer spricht das „Ursprungsalphabet“

Auch Nora Gomringer stellt in ihren Auftritten ihre Sprachartistik unter Beweis. Von 2001 bis 2006 war die Lyrikerin im Slam aktiv. 2011 wurde sie  mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet, weil sie der Slam Poetry als „einer neuen Form des Dichtens“ in Deutschland zur Popularität verholfen habe.

Im folgenden Video stellt Nora Gomringer sich mit ihrem „Ursprungsalphabet“  vor: „Ich bin / Ariadne, die dem Faden, dem roten, wollenen folgt“. Einen freien Hörbuch-Download mit dieser Präsentation von A bis Z gibt es bei Vorleser.net. Auf der Website der Lyrikerin warten weitere eindrucksvolle Projekte und Clips auf Sie.

2011 widmete die Schweizer Literaturzeitschrift Orte ein Heft Nora und ihrem Vater Eugen Gomringer. In einem der Artikel blickt die Tochter auf das Haus ihrer Kindheit zurück und kommt auf die Bedeutung der Wörter darin zu sprechen:

Das Haus meines Vaters ist die Adresse seiner Wörter […] Und in diesem Haus war auch Platz für meine ersten Wörter, die ersten Schriften, die Texte meiner Mutter, ihre Vorlesungen, denen ich am Badewannenrand lauschte. Das Gretchen Sackmaier, die Märchenwesen Becksteins, der Grimms, Friedrich Rückert und Heinrich Heine und die Erzählungen über eine weit ausgestreute Familie, die wir sind in vielen Häusern.

Häuser, die uns dienen als Erinnerungsspeicher mit der menschlichen Speichereinheit Sprache.

Bas Böttcher und die Logik der Doppelwörter

Bas Böttcher war in den 1990er Jahren Mitbegründer der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. 1997 gewann er die ersten deutschen Meisterschaften. Inzwischen tourt(e) er hoch anerkannt mit seinen Texten rund um die  Welt. Böttchers Erfindung der Textbox wurde im Pariser Centre Pompidou und der Neuen Nationalgalerie in Berlin ausgestellt. Sie war auf der Buchmesse in Peking zu erleben. Auf kleinstem Raum und trotz lauter Kulisse können Performances stattfinden, indem das Publikum mit Kopfhörern ausgestattet der/dem Vortragenden lauscht.

Die Wirkung der Gedichte ist bei solcher Abschirmung von der Außenwelt intensiv und steigert den von Böttcher gewünschten Effekt.  Denn die Präsentation macht für den Dichter erst Lyrik aus: „Gedanken werden poetisch durch Klang und Rhythmus vermittelt.“ Das zeigt der Slam-Poet auch mit seinen Doppelwörtern, deren Zusammensetzung er im Hin und Her der Worte aufdeckt.

Auch hier lädt natürlich Bas Böttchers Website zu weiteren Entdeckungen ein. Mit seinen Poetry Clips gibt er der Lyrik ein neues Format. Denn während Buch und CD der Performance nur anteilig gerecht werden, können die kurzen Filmsequenzen auch die Mimik und Körperbewegung einfangen. Bestes Beispiel, um damit gleich zu punkten: der Poetry Clip Dot Matrix.

Zum zwanzigsten Jubiläum der deutschsprachigen Poetry-Slam-Bewegung erschien 2014 die von Bas Böttcher und Julian Heun besorgte Textsammlung Die Poetry-Slam-Fibel: 20 Jahre Werkstatt der Sprache. 55 Autorinnen und Autoren stellen in 86 Texten die Sprache als ihren Werkstoff ins Rampenlicht. Dieses Thema ist wohl für alle Lyriker/innen relevant und von Gewinn.

[Die erste Fassung des Beitrags von 2010 wurde aktualisiert und erweitert.]


9. August 2017

Baustein 2: Wörter als lyrischer Werkstoff

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

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Wörter und Wortarten – anders als in der Alltagssprache

Im Atelier eines Bildhauers sehen Sie es sofort: Die Skulptur entsteht, indem der Künstler sie aus dem Rohstein herausschlägt. Das ist Knochenarbeit und setzt das Wissen um die Eigenschaften dieser Gesteinsart voraus. Und überhaupt – wählt er Basalt, wählt er Marmor?

Beim Dichten vergessen wir durch den Alltagsgebrauch der Sprache oft, dass sie ebenfalls Ausgangsmaterial ist, das erst Verwandlung braucht. Auf welche Wörter greifen Sie also zurück? Wie gut kennen Sie Ihren Werkstoff? Das lyrische Handwerk kommt hier ins Spiel.

Die drei grundlegenden Wortarten – Substantiv, Verb und Adjektiv – bilden das Ausgangsmaterial für Ihre Gedichte. Wie Sie bereits aus der Zutatenliste für Gedichte und aus dem ersten Baustein wissen, setzt die lyrische Sprache auf Lücken. Sie braucht Klarheit, aber nicht die Eindeutigkeit der Alltagssprache, die auf ein direktes Verstehen angewiesen ist.

Im Gedicht befreien sich die Wörter von festgelegten Bedeutungen und können so ungewohnte Verbindungen eingehen. Nicht fest verfugte Sätze, sondern mehr oder weniger lose Wortreihen und Satzfetzen, absichtliche Wiederholungen oder Gegensätze bauen eine neue Syntax auf, in der das Sprachmaterial seinen poetischen Zauber entfalten kann. Die verschiedenen Wortarten setzen dabei spezifische Akzente in Ihrem Gedicht.

Der Nominalstil für flexiblen Worteinsatz 

Hätten Sie das gedacht? Den Substantiven kommt beim Dichten die Favoritenrolle zu. Lassen Sie mit vielen Hauptwörtern den Nominalstil überwiegen, erreichen Sie größere Abstraktion. Denn sie lassen sich leicht aus dem gewohnten Satzbau herausreißen und isolieren. So ziehen sie – oft in loser Reihung – die Assoziationen des Lesers auf sich.

Brille, Buch, Uhr liegen /
neben dem Bett wie Notizen, /
[…] [1]

Hendrik Rost, *1969

Die dänische Dichterin Inger Christensen (1935-2009) vergleicht Substantive mit einem Kristall, der zwar Wissen in sich abkapselt, uns jedoch zugleich Perspektiven eröffnet:

Seide ist ein Substantiv. Substantive sind sehr einsam. Sie sind wie Kristalle, […] betrachte sie genau in all ihren Graden der Durchsichtigkeit. […] Schreib [das Wort Seide] auf ein Stück Papier, und es bleibt unbeweglich stehen, aber deine Gedanken und Gefühle sind schon unterwegs zu den fernsten Winkeln der Welt. [2]

Ein Vorteil für die lyrische Aussage – Wortarten gehen ineinander auf

Oft übernimmt auch ein Verb in seiner Grundform diese Funktion (siehe unten: im gehen). Kommt hinzu, dass der Dichter generell kleinschreibt, verschwimmen die Grenzen der Wortart. Ob ein Substantiv oder ein Verb vorliegt (tritt//… hervor), klärt sich nicht immer eindeutig und kann feine Sinnverschiebungen ergeben.

klare abende im gehen. /
die stufen im kies /
an den füßen tritt /
die mechanik der steine /
noch einmal hervor /
[…] [3]

Lutz Seiler, *1963

  • Tipp: Prüfen Sie, ob Substantive (vor allem im Singular) nicht zu abgehackt wirken, wenn Sie auf den Artikel verzichten.

Die anhänglichen Adjektive – nur bedingt geeignet für die lyrische Sprache

Im Verbund mit den Substantiven tauchen in der Alltagssprache oft Adjektive auf. Während sie hier eine Sache lebendig ausmalen, hängt ihnen lyrisch ein schlechter Ruf an. Die Dichterin Ulla Hahn (*1945) geht hart mit ihnen ins Gericht und nennt sie „emotionales Schmieröl“, vor dessen Einsatz man sich hüten solle. [4]

Vorschnell nehmen Adjektive die Substantive in Beschlag und schränken so bei der Gedichtlektüre den Raum für Assoziationen ein. Setzen Sie daher die „anhänglichen“ Eigenschaftswörter bewusst und vor allem gegenläufig zu stereotypen Verbindungen (wie blauer Himmel, schwarze Nacht et cetera). Oft hilft es, Adjektive hinter ihr Bezugswort zu stellen. Dadurch sind sie ebenfalls isoliert und aus der Verklammerung gelöst. Zudem kann sich – wie in den folgenden Zeilen – über den Umbruch hinweg sogar eine neue Wort- und Gedankenverbindung ergeben:

[…]
Äpfel rot /
Blühendes Herbstblatt /
[…] [5]

Marie Luise Kaschnitz, 1901-1974

Möglich ist auch, kontroverse Adjektive oder Wortkombinationen aneinanderzureihen. Das Oxymoron ist ein Stilmittel, das auf extremen Widerspruch setzt: Schwarze Milch (Paul Celan, 1920-1970), Sachliche Romanze (Erich Kästner, 1899-1974) oder traurigfroh (Friedrich Hölderlin, 1770-1843).

  • Tipp: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Leser/innen mit eigenen Vorstellungen in einen „offenen“ Text einsteigen können: Vermeiden Sie das Auschmücken Ihrer Verse durch unnötige Adjektive, Adverbien oder Füllwörter.

Mit Verben beschleunigen und Gefühle ansprechen

Tätigkeitswörter vervielfältigen sich ins Uferlose. Sie lassen sich nicht nur in den Dienst unterschiedlicher Personen (ich, du, er/sie/es, wir, ihr, sie) stellen, sondern durchwandern sämtliche Zeitebenen und Möglichkeitsformen.

[…]
ich liebe den Herbst er /
wittert, posaunt die Farben heraus, brennt /
[…] [6]

Friederike Mayröcker, *1924

Verben bringen so nicht nur eine Fülle, sondern auch Bewegung ins Gedicht, die häufig auf das Tempo Einfluss nimmt, beschleunigt und sich dazu eignet, starke Empfindungen zu vermitteln.

Im ausgefeilten Wortspiel mit geringfügigen Nuancierungen – Wortfamilien bieten sich dafür an – kann eine solche Ansammlung durchaus gewünschte Irritation hervorrufen. Denn so folgen Ihre LeserInnen Ihren Zeilen aufmerksamer. Texte mit einem Übergewicht an Verben entwickeln meist einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

[…]
ich bin würde ich nicht sein wäre ich /
war ich nicht werde ich sein bin ich nicht /
[…] [7]

Günther Schulz, *1946

Poetische Neuwortbildungen, um  den Werkstoff Sprache zu erweitern

Seepferdchen und Flugfische betitelt der Dadaist Hugo Ball sein Gedicht. Welche Wortart würden Sie folgenden Klanggebilden zuweisen?

tressli bessli nebogen leila /
flusch kata /
[…]

Hugo Ball, 1886-1927

Poetische Neuschöpfungen müssen nicht immer so extrem ausfallen, dass der Klang jede Wortart außer Kraft setzt. Doch sie stechen aus einem Gedicht heraus und verdeutlichen, dass die Lyrik in unentdecktes Sprachgebiet vordringt.

Zwei Verfahren für Neuwortschöpfungen

  • Verschmelzen Sie mehrere Wörter. Else Lasker-Schüler versinnbildlicht so in Ein alter Tibetteppich die Seelenverwobenheit der Liebenden und unterstreicht die Intensität der Beziehung bereits optisch:

[…]
Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit /
Maschentausendabertausendweit. /
[…]

Else Lasker Schüler, 1869-1945

  • Umgekehrt lassen sich Wörter verkürzen, durch den Umbruch aufspalten oder im Klang stark einfärben. Thomas Kling setzt in seinem Werk auf das „Hörbarmachen der Texte, also in der Performance“. Dafür müsse alles dem Gedicht eingeschrieben sein. [8]

[…]
ATEM-SCHUTZ-GERÄTE-TRÄGER-LEHRGANG was /
für ssauntz! unter pokalen, fuß- /
balltrophäen die azurminiträgerin the- /
knblond. – GERÄTETRÄGERLEHRGANG IN A. /
[…] [9]

Thomas Kling, 1957-2009

Auch wenn Sie in Ihren Experimenten weniger weit gehen, sammeln Sie mit neu gebildeten Worten Erfahrungen und lernen Ihren Werkstoff kennen. Sie spüren, wie die Sprache sich „unter ihren Händen“ formt – und sich Ihnen widersetzt oder fügt. Wichtig bleibt, dass Ihre Worterfindung in den Sinnaufbau Ihres Gedichts eingebettet ist, zugleich aber genug Spielraum hat, als Besonderheit zu wirken.

Im Baustein zur lyrischen Bildsprache werde ich das Thema nochmals aufgreifen. Denn auch im gleichzeitigen Ansprechen verschiedener Sinne entstehen Neuschöpfungen: Golden wehn die Töne nieder, dichtet Clemens Brentano (1778-1842). Wem die Beispiele von Hugo Ball oder Thomas Kling zu ungewohnt sind, wird mit diesem Vers, der die Sinne verschmilzt, wahrscheinlich versöhnt sein.

 


Die Qualität Ihres poetischen Handwerks zeigt sich im gelungenen Vers.
Dazu gehört, dass Sie es unserer Zeit entsprechend anwenden.

  Für das zeitgenössische Schreiben sind die folgenden Formen tabu:

  • Der vorangestellte Genitiv – des Königs Palast, (des) Mannes Mut – spart in Versen, die ein bestimmtes Maß erfordern, Silben. Verwenden Sie diese Genitivform nur vereinzelt und verzichten Sie zugleich auf weitere konventionelle Mittel.

→ Ersatz kann die zusammengesetzte Form sein (Königspalast) oder ein Enjambement, das die Stellung trennt (Mut des/ Mannes).

  • Das Partizip Präsens – kommend, singend – lässt sich mühelos isolieren und verknappt so Sätze. Doch auch diese Form wirkt antiquiert, mehr noch – sie macht den Text schnell schwerfällig.

→ Ein einfacher Infinitiv oder ein Präpositionalgefüge schaffen Abhilfe.

  • Er blühet, schweiget – diese Formen gehören der Vergangenheit an.

→ Eine „Überlebenschance“ besteht nur bei stilistischer Verfremdung und Ironisierung.


  • Quellenangaben:

[1] Schlaflosigkeit III. Rost, Hendrik: Im Atemweg des Passagiers. Wallstein 2006. S. 34
[2] Christensen, Inger: Der Geheimniszustand und das „Gedicht vom Tod“. Essays. Carl Hanser 1999. S. 32
[3] heimleuchten. Seiler, Lutz: im felderlatein. Suhrkamp 2010. S. 48
[4] Hahn, Ulla: Klima für Engel. Deutscher Taschenbuchverlag 1993. S. 111
[5] Wenn aber die Kinder. Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke. Bd.5. Insel 1985. S. 281
[6] Furor: Klage Anklage Ohnmacht. Mayröcker, Friederike: Gesammelte Gedichte (1939-2003). Suhrkamp 2004. S. 460
[7| Hamlet-Monolog. Schulz, Günther: Rezensierte Gedichte. LCB-Editionen 24. Literarisches Colloquium 1971. S. 23
[8] Balmes, Hans Jürgen: Lippenlesen, Ohrenbelichtung. Ein Gespräch mit Thomas Kling. Text + Kritik 147 / Thomas Kling. Richard Boorberg Verlag 2000. S. 15
[9] taunusprobe. lehrgang im hessischn. Kling, Thomas: Gesammelte Gedichte 1981-2005. DuMont 2006. S. 229

 

Dieser Artikel ist leicht abgewandelt in der Federwelt (Nr. 114 Oktober/November 2015) erschienen. Hier können Sie gleich weitere „Bausteine“ lesen:


29. Juli 2017

Lyrik-Baustein 3: Mit rhetorischen Figuren die Aussage verdichten

Kategorien: Lyrisches Handwerk,Themen der Lyrik — Tags: — Michaela Didyk

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Gedichte wollen aus der Schublade „hinaus in die Welt“. Das liegt in der Natur der Sprache als Kommunikationsmittel. Sie meinen, Sie schreiben für sich selbst? Irrtum, Ihre Texte zielen bereits auf ein Publikum. Für diesen Brückenschlag zur Leserschaft bieten sich die sprachlichen Stilmittel oder Figuren an. Der dritte Lyrik-Baustein sorgt daher für die Klarheit und Ausrichtung Ihrer Aussage.

Oft nutzen Sie Stilmittel schon intuitiv. Mit ihnen strukturieren Sie Ihre Verszeilen, die –  im Satzbau poetisch gelockert – nach einer Neuordnung verlangen. Gleichzeitig dient Ihnen das seit der Antike entwickelte Instrumentarium, Ihre Leser/innen zu lenken, wie sie Ihr Gedicht deuten sollten.

Mit Stilmitteln Schwerpunkte setzen

Zu den rhetorischen Figuren zählen alle mehr oder weniger beabsichtigten Sprachgestaltungen, die ein Textelement hervorheben und in der Wirkung betonen. Sie gliedern das Sprachmaterial meist durch Wiederholung und Gegensatz. Auf diese Weise zieht sich ein roter Faden durch das Gedicht, der den Sinnaufbau leitet. Oft überlagern sich sogar mehrere Figuren, sodass sich die Aussage an solchen Knotenpunkten intensiviert und Leserinnen und Zuhörer in den Text „zieht“.

Kein Räderspiel /
kein Wagenprellen /
kein Seiltanz mehr /
[…] [1]

Kurt Küther, 1929 – 2012

  • Am Beispiel verdeutlicht

Dreimal wiederholt Kurt Küther das Anfangswort (Anapher). Zeile für Zeile hängt er in gleicher Bauweise ein anderes Substantiv an (Parallelismus). Die losen Satzfetzen – optisch schon auffallend – kommen schnell zueinander in Bezug.

Die drei Zeilen steigern sich sogar in der Abfolge (Klimax). Der Dichter spitzt die Strophe auf das Wörtchen „mehr“ zu, das aus allem Gleichlauf herausfällt. Es verschwindet fast im massiven Block oder soll sich vielleicht – so einzeln gesetzt – gerade behaupten.

Im Gegensatz zum vorgeführten Stillstand, so kann man deuten, gab es früher wohl eine Bewegung („kein … mehr“). Der Verlust löst in der mehrfachen Wiederholung und Figuren-Kombination auch eine Emotion aus.

Doch geht es nur um Rückschau? Oder steckt im Strophenschluss „mehr“ noch eine zweite Botschaft? Dass es nämlich mehr gab. Etwas, das nicht gleichgeschaltet war. Eine Quantität, die auch zur Qualität werden kann, schwingt mit. Die Strophe bleibt nicht bei der Erinnerung, sondern öffnet den Blick für Alternativen, die beim Lesen nachdenklich machen.

Die Vielfalt rhetorischer Figuren

Rhetorische Stilmittel begegnen Ihnen auch im Alltag: in der Werbung, in Reden von Politikern, eigentlich immer, sobald ein Ziel kraft Überzeugung erreicht werden soll. Die Lyrik holt allerdings weiter aus.

Mit den Figuren stellen Sie mit wenigen Worten komplexe Zusammenhänge her. Sie inszenieren Ihren Text, damit sich die spezifische Aussage aus vielerlei Deutungsmöglichkeiten  herauskristallisiert. Sie wiederholen Wörter und Satzteile, um sich in unbekanntes „Sprachland“ vorzuwagen. Sie ändern gebräuchliche Wortbedeutungen, erfinden Sinnzusammenhänge.

Indem Sie wiederholen oder variieren, indem Sie auf Gegensätze zurückgreifen, geben Sie Ihren Leser/innen Anhaltspunkte. Sie markieren eine Spur, auf der man Ihrem Text folgen und ihn verstehen kann.

  • Die rhetorischen Stilmittel in vier Gruppen gegliedert

Auf welchen Gestaltungsebenen Sie Ihr rhetorisches Werkzeug einsetzen können, zeigt Ihnen ein Überblick über die vier grundlegenden Figurengruppen: [2] Weiterführende Links zu Stilmittel-Sammlungen finden Sie am Schluss des Beitrags.

  • Wortfiguren stärken oder schwächen ein Wort in seiner Wichtigkeit für die Aussage: Nachdruck (Emphase) oder Untertreibung (Litotes)
  • Satzfiguren regeln die Position von Wort und Satzglied, halten unterschiedliche Wortverbindungsarten bereit, häufen Wörter oder sparen sie ein: Stilmittel sind die Unverbundenheit (Asyndeton) und Vielverbundenheit (Polysyndeton), die Auslassung (Ellipse), Stufenfolge (Klimax), der Gleichlauf (Parallelismus) und  die Überkreuzstellung (Chiasmus), schließlich die Umkehrung der üblichen Satzstellung (Inversion)
  • Gedankenfiguren bestimmen die Satzform, aber auch wie Sie Ihre Kernbotschaft – direkt oder verschleiernd – aufbauen: Rhetorische Frage und Gegensatz (Antithese) stehen Ihnen zur Verfügung.
  • Klangfiguren bauen auf Wiederholung. Durch Gleichlaut oder Doppelung kurzer Spracheinheiten können Sie die Versmelodie modulieren: Die Wiederholungen von Wort- und Satzteilen finden Sie am Anfang beziehungsweise Ende der Verszeilen (Anapher und Epipher), der Anlautreim (Alliteration) kann einzelne Passagen oder das gesamte Gedicht durchziehen.

Durch den Einsatz der Stilmittel Leser/innen beeinflussen

Anapher, Parallelismus und Klimax haben Sie bereits in Kurt Küthers Strophe kennengelernt. Sie können dort mit der losen Reihe der Kurzzeilen noch die Figur der Unverbundenheit hinzufügen, sowie die Ellipse, die auf alles Unwichtige im Satz verzichtet. Die Tote Zeche, die der Autor laut Gedichttitel darstellt, ist klar umrissen. Der reduzierte Satzbau passt zur Stilllegung. Beide Stilmittel beschleunigen zudem den Sprachfluss und verstärken die emotionale Wirkung.

und weiß und Schnee und mitten im Sommer /
Papptellers Spuren und Wischtuch Kufen und Tassenrand /
[…] /
…….auf weißem /
Tuch, und ach wie die Augen baden im salzigen Quell, usw. [3]

Friederike Mayröcker, *1924

Insgesamt elfmal das „und“ (Vielverbundenheit) setzt Friederike Mayröcker in ihrem Gedicht. Sie lässt die Leser/innen am Assoziationsstrom teilhaben, der – ausgelöst durch einen Pappteller – einen Augenblick reflektiert.

In der und-Verkettung unterschiedlicher wie auch gegensätzlicher Dinge entsteht eine Botschaft, die von subjektivem Empfinden getragen wird. Ihre Ausrichtung scheint sich in der Fülle der Gedanken immer wieder zu verlieren. Doch diese, durch die Figur angelegte, Offenheit lädt gerade bei der Lektüre ein, eigene Erfahrungen mit einem weiteren „und“ anzuschließen.

„ach wie die Augen“ setzt emphatisch einen Ausruf. Aber auch dieser Gefühlsausdruck relativiert sich, vor allem durch das banalisierend angefügte „usw.“ am Gedichtende.

  • Der Lyrik-Baustein, der Ihrem Gedicht zu wirkungsvoller Struktur verhilft

Wollen Sie Ihre Leser/innen in Stimmung versetzen, einen Dialog anregen? Wollen Sie schockieren? Soll Humor zum Ziel führen? Ob Sie Ihr literarisches Gegenüber subtil beeinflussen oder – mit Fragen beispielsweise – direkt ansprechen, – ein reicher Fundus an Figuren wartet auf Sie, um die Wirkung Ihrer Aussage zu steuern:

Zikade zuwenig? Zikade zuviel? /
Wer zählt die Stimmen /
………………………………….unterm Basalt /
im Geröll in den Sümpfen /
in den Savannen die Stimmen /

[…] [4]

Hans Magnus Enzensberger, *1929

Anapher und Klimax, die gerne mit Parallelismus einhergehen, gehören zu den meistverwendeten Figuren. Die  Satzanfänge können sich dabei ebenso innerhalb einer Zeile wiederholen.

Auf zweifach „Zikade“ folgt allerdings ein Gegensatz („zuwenig … zuviel“), der in dieser Verdichtung zu einer Stellungnahme auffordert. Ob das in der fest verfugten Ausgangslage gelingt? Denn Enzensberger verschmilzt die Doppelfrage mit dem  Anlaut Z zu einer Klangeinheit, die sich über die Anfangszeile hinaus fortsetzt und mit S/St variiert (Alliteration): Die Zikaden sind deutlich zu hören.

Um „Stimmen“ geht es auch am gleich endenden Versschluss (Epipher). In der Wiederholung verändert sich die Stellung im Satz (Inversion) und zieht eine leichte Überkreuzung (Chiasmus) – einmal „Stimmen“ in der Satzmitte, dann am Satzende – nach.

Unser Blick richtet sich an diesen auffällig gesetzten Worten und Stellen anders aus: Wir folgen den Zeilen nicht nur von links nach rechts, vorwärts oder rückwärts, sondern „verweben“ den Text in Querverbindungen. So entstehen Hinweise auf eine Deutung. Die komplex vermittelte Situation wird transparent, und es eröffnen sich Perspektiven, die neue Wort- und Sinnzuordnungen zulassen.

  • Quellenangaben und Links zu Stilmittel-Sammlungen

[1] Tote Zeche. Küther, Kurt: Ein Direktor geht vorbei. Peter Hammer, 1974, S. 45
[2] Vgl. Braak, Ivo: Poetik in Stichworten. 8. Auflage. Ferdinand Hirt, 2001, S. 53
[3] auf einen Pappteller. Mayröcker, Friederike: Mein Arbeitstirol. Suhrkamp, 2003, S. 82
[4] Zikade. Enzensberger, Hans Magnus: Verteidigung der Wölfe. [Gedichte. 6 Bände in Kassette]. Suhrkamp, 1999, S. 9

www.wortwuchs.net
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