1. Dezember 2009

Monatsgedicht Dezember I: „Statt in der Stadt“ von Bernhard Winter

Filed under: Monatsgedichte — Tags: , , — Michaela Didyk @ 11:50

Bei dieser Entscheidung war wohl Resonanz im Spiel, die sich ungeachtet der anonymen Weitergabe der Texte auswirkte. Kulturreferentin Karin Buzeczky aus Mondsee nahe Salzburg entschied sich für das Gedicht „Statt in der Stadt“. Der Verfasser ist Bernhard Winter – seinerseits Bürgermeister von Markt Schwaben.

Statt in der Stadt

Statt in der Stadt wohnst du in dir:
Vierzehn Räume, doch kein Tisch,
Marmorbecken, doch kein Fisch.

Statt in die Stadt gehst du in dich:
Vierzehn Spiegel, keine Ohren,
dein Ich so groß, dein Du verloren.

O tritt hinaus in deinen Garten
und sieh die eine Rose warten
und trag sie heute in die Stadt.

© Bernhard Winter

Karin Buzeczky begründet ihre Wahl aus der Sicht der Kulturvermittlerin:

Ich habe mich für das Gedicht entschieden, weil es in den wenigen, sehr ausdrucksstarken Worten unser urbanes Zusammenleben widerspiegelt. Kein Raum bleibt für den Mitmenschen. Der Narzissmus scheint übermächtig zu sein. An Ende des Gedichtes kommt es dann doch zu einer Versöhnung.

In den drei Strophen setzt der Verfasser mit den stilistischen Wiederholungen, Gegenüberstellungen, schließlich dem Wortspiel von Statt und Stadt deutliche Akzente für seine visionäre Aussage. Er gibt seiner Leserschaft, vor allem auch einem Hörpublikum, einen roten Faden vor. Damit ist das gesellschaftskritische Gedicht auch für einen Nichtfachmann sehr verständlich und gut geeignet für öffentliche Lesungen in größerem Rahmen.

Bernhard Winter, am 11. Januar 1954 in Augsburg geboren, ist seit sieben Jahren Bürgermeister in Markt Schwaben (Landkreis Ebersberg in Oberbayern). Zu seiner Vita schreibt er:

Meine beruflichen Anfänge habe ich als Erzieher in der Kinder- und Jugendpsychiatrie genommen, nach dem Studium der Psychologie habe ich als Supervisor und Berater in der Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet.
In meinem Bürgermeister-Amt überrasche ich meine Umgebung manchmal, indem ich statt eines Grußworts ein Stück auf der Flöte spiele oder eine Ballade rezitiere: Ich mag Reime, ich mag das Spiel mit den Worten, ich mag die Kraft, die in einem Gedicht schlummert. Und ich spüre, dass ich mit meinen Rezitationen auch Anderen Freude machen kann.
„Statt in der Stadt“ stand am Anfang meines Schreibens. Es war mein zweites Gedicht aus dieser Zeit.

Ein Bürgermeister mit solch musischen Ambitionen kann nur Vorbild sein. Einen herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg bei künftigen Sitzungen und Veranstaltungen – mit der Lyrik im Gepäck.

Nachtrag: Inzwischen hat Bernhard Winter auch seinen Gedichtband warum der Fuchs der Apfelbaum? veröffentlicht, für dessen Vorwort er Adolf Muschg gewinnen konnte.