„ophelia phlegmatisch“ von Sina Klein ist im Juli Monatsgedicht

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Die Juli-Runde war mit dem Motto „Mondhelle Nächte“ überschrieben. Der Erdtrabant, bekannt für sein stetes Wechselspiel, blieb auch in Versen eingefangen seinem Prinzip treu: Er spiegelte sich in den vielerlei Facetten der geposteten Gedichte. Sina Klein gewann mit „ophelia phlegmatisch“, einem Text, der den Sog mancher Mondnacht im ungewohnten Blickwinkel umso subtiler spüren lässt:

ophelia phlegmatisch

liegt es an der mondtablette,
halbe, volle – monatstakte –
ihrerstatt statistin einer nacht ?

halten tage die gestalt steril ?
– still, halt still für chirurgie:
wir fischen sie aus ihrem bett …

formaldehyd-getränkte sie,
ist hell von allen ethanolen,
watte innen, hüllen laken

schnitt / ein tisch – ma belle – skalpelle …
akt seziert zurück sich bis auf szene,
bis auf alles sehnen – dort wo’s klafft –
schläft hamlet.

© Sina Klein

Annette Bitsch, Privatdozentin im Bereich Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist mit dem Thema „Mond“ vertraut. Im weiten Bogen der Forschungsschwerpunkte – Medien-/ Kulturwissenschaft, Psychoanalyse, Französische Gegenwartsphilosophie und Posthumanismus – hat die Literatur und Lyrik der Avantgarde 1900 (insbesondere Surrealismus und Expressionismus) bei der Jurorin einen festen Platz. Sie begründet ihr Urteil wie folgt:

Annette Bitsch hat sich für „ophelia phlegmatisch“ von Sina Klein entschieden

Das Gedicht „ophelia phlegmatisch“ codiert eine Situation gegenwärtig-alltäglicher Lebenswelt, eine literarische Tragödie und wissenschaftliches Datenmaterial zu einer mondhellen Saga, blitzartig, surreal, en miniature. Nach einer langen Reise aus dem Jahr 1602 ist Ophelia, „ma belle“, morbide Schönheit mit langer literarischer Tradition, in der Chirurgie des 21. Jahrhunderts gelandet.

Der Tod vermochte die Wunde, die Hamlet zufügte, nicht zu schließen. 400 Jahre später schluckt sie „mondtabletten“ und ist zur „formaldehyd-getränkten sie“, „hell von allen ethanolen“, geworden. Doch auch Anästhesie, auch der „schnitt“ mit den „skalpellen“, können den unsühnbaren Schmerz, „alles sehnen“, die Blutung — „dort wo’s klafft‘ — nicht heilen. Die Szene steht in mondheller Bestrahlung wie in einem Fluidum, sterile Essenzen, weiße „watte“ und „laken“ emanieren Licht zum Mond zurück.

Etwas entgleitet ins Geisterhafte, in die Irrealität. Wo sind wir wirklich? Ist das noch die Wirklichkeit und unser vertrauter, allnächtlich wiederkehrender Mond? Oder sind wir bereits weitergereist und eingezogen in den Radius einer weiteren Ophelia, in den Radius des zweiten von den 27 Monden des Planeten Uranus?

Das Gedicht verzichtet auf ein klassisches Versmaß und verwendet freie Rhythmen, doch gleich lange, vorwiegend parataktische Zeilen und zahlreiche Assonanzen (ophelia/phlegmatisch, mondtablette/volle monatstakte) erzeugen formale Regelmäßigkeit. Die Sätze sind knapp, anakoluthisch, gehen oft in Stakkato über, aber all diese Brüche führen nicht in Desintegration, sondern sind mit kalkulierter Symmetrie arrangiert.

Die formgebende Strenge korrespondiert inhaltlich den in der Chirurgie eingesetzten Maßnahmen zur Desinfektion von Psyche und versehrtem Körper — jedoch bebt darunter das ganz Andere wie ein unheimliches, unberechenbares Ticken. Das überträgt sich auch in den Worten. Kühl sind die Worte, kühl, steril, emotionsfern wie die Ethanole und Seziergeräte, sie sind frei von Trillern, Schnörkeln und adverbialem Plüsch. Und doch pulsieren in ihnen Dionysie und Blutaroma — Worte mit gefährlich scharfer sinnlicher Ladung.

Es sind Worte, Chiffren, Allusionen, die mit dem Skalpell geschliffen wurden. Denn dies Gedicht entstand in der Chirurgie, oder, um es mit Gottfried Benn, dem Spezialisten für die Artistik des Gedichts, zu sagen: im „Laboratorium der Worte“. Es zeugt von brillanter Intelligenz und großem literarischen Können.

An dieses Urteil schließe ich mich gerne mit einem herzlichen Glückwunsch an Dich, Sina, an! – Mit „stadtbausteine“ gehörte die Lyrikerin schon in der ersten Reihe der Monatsgedichte zu den Sieger/innen.

Die Vita von Sina Klein, ergänzt

Sina Kleins Vita aus dem Vorjahr lässt sich nun „weiterführen“. Die Autorin schließt derzeit ihr Romanistik-Studium ab. In ihrer Magisterarbeit setzte sie sich mit 14 Übertragungen von Rimbauds „Ophélie“ auseinander. Der Übergang von Übersetzung zu eigenständiger Lyrik bzw. die Wechselwirkung untereinander und wie die Begriffe Nach- und Umdichtung gebraucht werden, standen im Mittelpunkt ihrer Untersuchung.

Der erste Gedichtband ist im Entstehen. Einzelveröffentlichungen gibt es neben den Texten auf poetenladen.de, wo Sina Klein als Autorin vertreten ist, auch in den Zeitschriften Poet, Federwelt, lauter niemand und Proto.

In Zusammenarbeit mit dem Proto-Magazin und der Essener Post-Rock-Band ‚Volvo Penta‘ veranstaltet Sina Klein seit vergangenem Jahr auch musikalische Lyriklesungen.


Werner K. Bliß und seine Hommage an Cy Twombly

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Cy Twombly und lepanto gewinnen beim Monatsgedicht Kunst und Skulptur. Das gezeigte Aquarell Paul Klees lud zum Wettbewerb ein.

Paul Klee: „Einst dem Grau der Nacht enttaucht“ Aquarell 1918)

„lepanto“ als Favorit beim Monatsgedicht-Thema „Kunst und Skulptur“

Als Werner K. Bliß mir bei einem München-Besuch erzählte, dass er im Museum Brandhorst Cy Twomblys Zyklus „Lepanto“ anschauen wolle, bat ich ihn, ein Gedicht dazu zu schreiben. Ich hatte gerade mit meinem eigenen Lyrikkurs im Museum die ersten Erfahrungen gemacht und war neugierig auf alle Art von Lepanto-Gedichten.

Zur damals an sich schon runden Version schickte Werner Bliß nun gut ein Jahr später zum Monatsgedicht eine neue Fassung. Das passt genau zur folgenden Stelle aus Klaus-Peter Busses neu erschienenem Band „o.T. Über Cy Twombly“ [Amazon-Link]:

„Der Umgang mit dem Bild ist von Beginn seiner Entstehung bis zu seiner Rezeption […] selbst eine fortwährende Übermalung oder eine Schichtung. Der Betrachter malt gewissermaßen an dem Bild mit, das ihn beschäftigt.“ (S. 22) Um wieviel mehr gilt dies noch für einen Betrachter, der schreibt und das Ergebnis seiner Mitarbeit auch für andere sichtbar festhält.

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lepanto

am anderen morgen diese
farbenpracht beinahe ein
bild des friedens
wären da
nicht

fahnenteile
holzplanken
ruderschaufeln
lederriemen
blutrot begrenzt
ein arm der nicht
fuß fassen will
haarbüschel

ein stück kommandobrücke
im lichten dunst
landeplatz einer lachmöve
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Werner K. Bliß
[inzwischen veröffentlicht in Werner K. Bliß: „Gekämmte Zeit“. © Pop Verlag Ludwigsburg 2019]

Cy Twomblys Bild wird Literatur – das Urteil der Jurorin Viktoria Frysak

„Die Entscheidung ist klar für mich. The winner is: 8, lepanto“, schrieb mir die Wiener Verlagsleiterin und Philosophin Viktoria Frysak in ihrer Antwortmail mit der Urteilsbegründung:

Ein Kunstwerk erscheint mir immer dann gelungen, wenn es neue Gedanken anstößt, einen Eindruck hinterlässt, irgendeine Art der inneren Beschäftigung nach sich zieht.

Das aktuelle Monatsgedicht war diesbezüglich doppelt spannend: Zunächst muss ein gegenständliches Kunstwerk einen Menschen derart in seinen Bann schlagen, dass er bereit ist, in Anlehnung daran ein literarisches Kunstwerk zu schaffen. Das Geschriebene muss dann seinerseits als eigenständiges Kunstwerk existieren und seine Wirkung entfalten können. Darüber hinaus muss es jedoch auch irgendeine Art der Rückbindung an das Ausgangswerk enthalten.

„Lepanto“ hat mit seiner Eigenständigkeit ebenso überzeugt wie mit seinem Zusammenhang. Der Text eröffnet einen interessanten Blick auf die Bilder Cy Twomblys, er lenkt die Aufmerksamkeit auf ungesehene Aspekte. Zugleich enthält das Gedicht eine ganz eigene Aussage.

Sprache und Aufbau des Gedichts „lepanto“

Seine Sprache ist unaufdringlich und nachdrücklich: Gewaltige Worte, die sofort Bilder erstehen lassen, deren Eindringlichkeit subversiv wirkt, ohne damit in die Nähe der Platitüde zu kommen.

Der Rhythmus des Gedichts trägt zur Wirkung der Worte bei. Die Wahrnehmung wechselt von der beschaulichen Szenerie zur Dissektion. Dieser Umbruch ist sprachlich, rhythmisch und inhaltlich konzipiert. Im dritten Schritt wird die Wahrnehmung zurück in eine – nur vermeintliche? – Beschaulichkeit geführt.

Die Dreiteilung des Gedichtes zeichnet einen Weg, der vielleicht die Dialektik aller Veränderung im Feld von Vergänglichkeit und Neubeginn zum Thema hat …

Der glückliche Gewinner dieser Runde weiß noch gar nichts von seinem Erfolg. Telefonbeantworter und Mailbox warten auf die Heimkehr des Urlaubers. Dennoch: einen herzlichen Glückwunsch in den Schwarzwald!

Die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern

Werner K. Bliß kennt beides: das Schreiben, ob Lyrik oder Erzählwerk, und das Malen, Zeichnen oder auch Herstellen von Collage und Skulptur. Immer im regen Austausch mit Künstlern finden sich viele seiner veröffentlichten Gedichte in Katalogen. Seine Texte ergänzen unter anderem Kunstwerke von Armin Göhringer oder Marianne Hopf.

Der Lyriker, 1950 geboren und von Beruf Pädagoge in Hausach/Schwarzwald, ist in Theo Breuers siebenter handgeschriebener Anthologie Vulkan Obsidian genauso vertreten wie digital bei Lyrikmail oder Fixpoetry.
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Vor „lepanto“ war Werner K. Bliss bereits mit seinem Gedicht „restposten“ Sieger beim
Monatsgedicht im Januar 2010.