„flieg gedanke – va, pensiers, sullali dorate“ – Gerda Steger ist Favoritin

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

„Ein Tag ohne Poesie ist ein verlorener Lebenstag!“, heißt es für Gerda Steger, die Gedichte nicht nur liest, schreibt und vorträgt, sondern sich auch in ungewöhnlichen Aktionen für die Poesie einsetzt. So steht für die Dichterin nicht nur manches Gartenfest unter lyrischem Motto, sondern macht sie schon auch mitunter – ein entsprechend beschriftetes Schild umgehängt – als „wandelndes Gedicht“ am Tag der Lyrik auf die geliebte Wortkunst aufmerksam. Für „Verwehrtes Glück“, das Thema dieser Monatsgedicht-Runde, griff Gerda Steger auf ein Zitat aus Giuseppe Verdis „Gefangenenchor“ zurück:

*flieg gedanke – va, pensiers, sullali dorate

stacheldraht zähne
in erstarrten augen
blut gefroren
die kanäle – warum

kniet hilflosigkeit
zerstückelt, fesseln
ketten die skelette
die barfüßigen
ohne boden – warum

hungerblind, dämpft satt
gestanknebel die zellen
haut eis nägelritze — why
waterboarding – warum

in der bucht
karibischer nächte
der himmel fiel
ins gras?

* Giuseppe Verdi, Nabucco – der „Gefangenenchor“

© Gerda Steger

Alice Grünfelder, Literaturvermittlerin, Lektorin und Übersetzerin aus Zürich, die als Sinologin auch längere Zeit in Asien und China lebte, kennt die Herausforderung politischer Dichtung, wie sie gerade beim März-Thema gefragt war:

Wohin soll der Gedanke nur fliegen, wenn ein Stacheldrahtverhau den Blick in den Himmel verwehrt? Mit vier Fragen enden die vier Strophen, und mit jeder einzelnen steigert sich die Verzweiflung. Als könne die Anrufung des Universums in einer „karibischen“ Nacht eine Überlebensstrategie sein, mit letzter Willenskraft aufgeboten.
„Politik und Lyrik, geht das überhaupt zusammen?“, fragten sich unlängst Lyriker bei einem Treffen in Zürich. Die Gefahr des Plakativen lauere in jeder Zeile, Worte würden für politische Ziele instrumentalisiert, jeder Lyriker, der sich diesen ungleichen Zwillingen stelle, laufe Gefahr, Plattitüden und Stereotypen in allzu offensichtliche Verse zu zwängen.
Und dennoch gibt es immer wieder Zeiten, in denen sich Lyriker bemüßigt fühlen, das Wort zu ergreifen – sei es wegen eines gewissen Unbehagens, sei es wegen gewaltiger politischer Misstände so wie im Gedicht „flieg gedanke“, das ich gewählt habe, weil mir die Bilder nicht mehr aus dem Kopf gingen.
Könnte sich der Krieg in der ersten Strophe noch irgendwo irgendwann zugetragen haben, zeugt die zweite Strophe bereits vom Leid eines Einzelnen, dem der „Boden“ unter den Füßen weggezogen wurde, der in einer stinkigen Zelle seine Haut malträtiert und die Wände. Dann, in der dritten, „Waterboarding“. Ein Wort, das auf einen Schlag das Leid unter karibischem Himmel verortet. Was bleibt, ist der Gedanke, der fliegt und frei ist – auch und hoffentlich jenseits von Stacheldrähten und Foltern, möchte man hoffen.
Ich fühlte mich geneigt, nach dem Blick auf den Zellenboden den Kopf zu heben ins karibische Blau. Doch nein, der Himmel fällt ins Gras. Was auch immer das bedeuten mag: sich ins Gras fallen lassen, erleichtert, oder womöglich ins Gras beißen? Die Frage nach dem Warum dieses „verwehrten Glücks“ skandiert wie das „J’accuse“ eines Émile Zola die Dringlichkeit der existentiellen Angelegenheiten, die letzten Endes ungelöst bleiben. Sollten tatsächlich da, wo Himmel und Erde sich berühren, keine Menschenrechte mehr gelten, weil die Erde sich anmaßt, über alles zu regieren?

Bei den Salzburger Festspielen 2008 lasen Vanessa Redgrave und Jürgen Flimm Gedichte von Gefangenen aus Guantanamo. Lyrik als Mittel zum Überleben – in Gerda Stegers lyrischem Engagement ist das Verständnis für solche existentielle Notwendigkeit zu spüren.

Gerda Steger, *1947 in Temeswar (Banat), Germanistikstudium – 13 Jahre als Deutschlehrerin tätig, lebt in Worms.
Seit der Schulzeit schlägt ihr Herz für die Poesie, hier liegen auch die Schreibanfänge: Gelegenheitsgedichte, Berichte für eine Tageszeitung und Märchen für die deutschsprachige Kindersendung bei Radio Bukarest.
Veröffentlichungen: „Lebenssteine“ (2001) und „Lichtklangkaskaden“ (2008). Neben diesen beiden Büchern sind lyrische Texte und Kurzgeschichten in zahlreichen Anthologien und Jahrbüchern erschienen.
Seit 2001 hält Gerda Steger Lesungen in Worms und Umgebung, in Mainz; sie war mehrmals auch auf der Frankfurter Buchmesse vertreten.


Das Spiel im Februar – Ingritt Sachse stellt mit „der letzte mensch“ das neue Monatsgedicht

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Paul Klee hat beim neuen Monatsgedicht seine Hand mit im Spiel. Seine Zeichnung Lied des Spottvogels inspirierte Ingritt Sachse zu ihren Versen, mit denen sie die Februar-Runde gewann. Herzlichen Glückwunsch!

der letzte mensch

…………….zu paul klee: lied des spottvogels

in seinen händen hält
als machtsymbol das
glockenspiel er spinnt
stahlfäden sich zu harten
hirngespinnsten die er für
adlerschwingen hält und
reist im goldnen glanz auf
breiten schwingen durchs
adlerflügeltor zur
hohen wacht. nun
regnets steine auf ihn
erde. der graue große vogel kreischt
zum mond zur nacht
und lacht

Ingritt Sachse/ © Athena Verlag

Die Jurorin für Februar war Annette Stroux, selbst Lyrik schreibend, mit der sie ihre Theaterarbeit begleitet. Nach ihren Stationen als Theaterregisseurin in München, Hamburg, Berlin, Glasgow und Edinburgh  realisiert Annette Stroux seit 1998 Theater– und Filmprojekte mit Kindern und Jugendlichen, darunter auch Figurentheater. Der Schwerpunkt ist das Verfassen der jeweiligen Stücke und Textvorlagen. In Annette Stroux‘ Urteil zum neuen Monatsgedicht wird ihr szenischer Blick deutlich:

Das Gedicht „der letzte mensch“ ist ein überraschender und eigenständiger Kommentar zu Paul Klees Bild „Lied des Spottvogels“ und zum Thema „Spiel“ überhaupt.
Während das Bild von Paul Klee die Konkurrenz von Mensch und Vogel bei der Klangerzeugung sowie die Überlegenheit des Vogels zu beschreiben scheint, entwirft die Autorin des Gedichts in drei sehr verknappten Momenten das Szenario einer Endwelt.

Es ist wie eine kleine dramatische Skizze:

Das Glockenspiel in der Hand des letzten Menschen ist kein Musikinstrument. Er nutzt es nicht zum Spielen, sondern nur als Vehikel für Macht- und Größenphantasien.
Er sieht sich selbst als Adler im Glanze und in luftiger Höhe während doch letzten Endes nur Steine und Erde auf ihn regnen und ein unansehnlich grauer Vogel ihn unbarmherzig auslacht.

Das Lachen und Kreischen des Spottvogels gibt dem gesamten Gedicht im Abschluss Komik.

Die Sprache ist spannend und verdichtet.  Mit wenigen Worten wird eine außergewöhnliche Bildlichkeit aufgebaut, die drei szenischen Momente sind klar durch einzelne sparsam gesetzte Adjektive voneinander abgegrenzt.  Auch im Sprechrhythmus scheint sich das Phantasieren, das Abstürzen sowie das Kreischen des Spottvogels widerzuspiegeln.

Wenn am Ende Lachen bleibt, ist das doch eine tröstliche Perspektive! Deshalb wähle ich „der letzte mensch“ zum Monatsgedicht.

Zur Vita Ingritt Sachses ist hier im Blog schon einiges gesagt :-)
Ihre regelmäßigen Lesungen führen sie immer wieder nach Köln, aber auch nach Berlin und Wien. Dass die Monatsgedichte auch neue Verbindungen schaffen, zeigt ihr letzter Leseauftritt, den sie u.a. zusammen mit Monatsgedicht-Gewinnerin Carla Capellmann veranstaltete. Ein kurzes Profil nochmals angefügt:

Ingritt Sachse (*1946 in Bremen) lebt und arbeitet als Psychotherapeutin in freier Praxis in Bonn.
1999 Veröffentlichung von Prosatexten; seit 2003 Lyrikpublikationen in verschiedenen Anthologien und Jahrbüchern. Ingritt Sachses erster Lyrikband in schattengängen streut licht erschien 2011 im Athena Verlag. Eine Rezension lesen Sie auch in der Literaturzeitschrift Am Erker.
Im vergangenen Oktober war die Autorin zudem beim Literaturwettbewerb in Bonn-Bad Godesberg in der Endrunde und erhielt bei der Abschlusslesung der sieben ausgewählten Kandidat/innen vom Publikum den dritten Preis zugesprochen.
Der Weg zur Website Ingritt Sachses

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