„auf den eisberg sehen“ von Elvira Lauscher – das Monatsgedicht für Oktober ist gekürt!

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Elvira Lauscher (Ulm) startet die Reihe der 13 Monatsgedichte, für die in erster Runde das Thema Farbe vorgegeben war. Jurorin Margrit Manz, Projektleiterin von Foodscape und vormals Intendantin im Literaturhaus Basel, wählte das folgende Gedicht unter den 22 Kandidatinnen und Kandidaten als Favoriten aus. Die Texte wurden dabei ohne Namen, nur mit Nummern versehen, weitergeleitet.——

auf den eisberg sehen

auf das weiß des eisbergs sehen
ja auf das weiß
auf das weiß des eisbergs
das blau darüber

wolke sehen
weiße wolke an blauem himmel über eisberg
weißer eisberg, blauer himmel
weißer eisberg, weiße wolke, blauer himmel
blau sehen, weiß sehen
blaues meer, weiße wolke
blauer himmel, blaues meer, weiße wolke
weißer eisberg zwischen blau das weiß das weiß das weiß

tief ist das weiß tiefes weiß
das weiß des eisbergs blau des himmels
blau des meeres

tiefes weiß
reicht in das blau
tief in das blau
reicht das weiß

blau sehen blau sehen
immer wieder blau sehen
tiefes blau sehen
blau sehen
blau sehen
blau

© Elvira Lauscher

Ihre Entscheidung begründet Margrit Manz folgendermaßen:

Hier erzählt die Dichterin anhand der Farben Weiss und Blau die Geschichte von der Wahrnehmung der Dinge. Sie lässt durch jeweils zwei weisse und zwei blaue Elemente in der Natur eine Balance entstehen, die sich unmerklich dreht, um wieder in ein neues Gleichgewicht zu geraten.
Neben dem Gedicht habe ich im Kopf eine kleine Skizze gemacht, habe mir Zeile für Zeile das Weiss des Eisbergs und der Wolke vorgestellt, dann das Blau des Himmels und des Meeres. Es ist ein tiefes Weiss und ein tiefes Blau. So bin ich dem Gedicht folgend langsam vom tiefen Weiss zum tiefen Blau gewandert und habe am Schluss mitten im tiefen Blau den noch winzigen Eisberg und die Wolke entdeckt, die sich langsam aus dem Hintergrund zu mir nach vorne schoben.
Das Gedicht hat mir besonders gefallen, weil es poetisch ist, sparsam und genau seine Worte wählt und den Leser auf einen walkabout schickt, auf dessen lyrischen Pfaden er das Wesentliche entdecken kann.

„(ach, ich freue mich so!)“ hängte Elvira Lauscher ihrem Gruß an, als sie auf die Gewinn-Nachricht ihre Vita schickte. In der finde ich die abschließende Entstehungsnotiz zu „auf den eisberg sehen“ besonders spannend: Ein Projekt, das Disziplin und Konsequenz abverlangt, sich aber gelohnt hat. Und wie es kommt: In neuer Kombination fügt sich jetzt dem Tag und der Uhrzeit noch ein Mondmonat hinzu. Herzlichen Glückwunsch!

Hier abschließend die Vita:

Elvira Lauscher, 1965 in Ulm geboren, zeigte schon immer Begeisterung für das Wort. Sie schrieb für Kulturredaktionen, arbeitete als Werbetexterin und probierte literarisch verschiedene Genres aus. Die Gattungen Märchen und Lyrik lagen ihr dabei besonders am Herzen. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Geschenkbüchern (Heyne-Verlag, Stories-and-Friends-Verlag, Wurdack Verlag u.a.) und auf Hörbuch. Auf der Website der Autorin gibt es weitere Informationen.

Derzeit hat sie mit Autorenkollege Jörg Neugebauer regelmäßig Auftritte mit dem gemeinsamen Leseprogramm Wortkunstlauf das aus selbstverfassten Gedichten und Dialogen besteht. Das Eisberg-Gedicht entstand in dem „Projekt 365 _ jeden Morgen ein Gedicht“, Tag 360 um 5.30 Uhr.


Lyriklesungen, inspiriert und klassisch. Loriot darf da nicht fehlen!

Kategorien: Fundstücke,Lesungen — Tags: , — Michaela Didyk

Lesungen - aufgeschlagenes Buch mit buntem Schnitt

© Raffaela / Pixelio

Tisch und Stuhl, eine Lampe, ein Glas Wasser. Das sind die ersten Assoziationen beim Wort Lesung. Die Einsamkeit des Dichters ist hinter dem Tisch zu spüren, oft auch die Einsamkeit in Form leerer Stuhlreihen davor, zumindest wenn Lyrik angesagt ist. Doch Lesungen sind im Aufwind. Das gesprochene Wort hat in den letzten Jahren mehr Gewicht bekommen. Der immer noch anhaltende Trend der Hörbücher zeigt es.

Der Klang der Stimme, ebenso der unmittelbare Kontakt zwischen Lesendem und Publikum setzen eine andere Wahrnehmung frei. Ein Gedicht zu hören und – das zeigt auch ein Experiment in meinen Lyrikkursen – beispielsweise darauf ein Antwortgedicht zu schreiben, lässt dieses viel emotionaler ausfallen, als wenn der Ausgangstext in einem Buch gelesen wird. Das Hören zieht uns in das Geschehen, während wir über das Sehen eher Distanz aufbauen. Ein spannendes Kapitel der Philosophie ließe sich hier anschließen, in dem deutlich wird, wie sehr wir auf das Auge und seinen Blick ausgerichtet sind und dadurch unsere Weltsicht oder Weltanschauung ordnen.

Lesungen auf ein spezifisches Publikum ausrichten und im Detail planen

Zurück zur Lesung. Autorinnen und Autoren sind oft froh, überhaupt lesen zu dürfen, und verlieren darüber teils ihr Publikum aus dem Blick. Sich der Leserschaft bewusst zu werden, auch hier Zielgruppen wie bei beruflichen Erfolgsstrategien ausfindig zu machen und den Auftritt entsprechend auszurichten, ist ein wichtiger Faktor für die gelungene Veranstaltung. Neben der Frage, wen will ich ansprechen, ist genauso das Wie zu klären.

Stimmen die klassischen Rahmenbedingungen – siehe oben – oder bietet sich eher eine Performance an. Gar ein Event? Lesungen zu organisieren und zu gestalten, ist in der Vielfalt ein weites Feld. Wer hier Anregungen braucht, kann im Sammelband Auf kurze Distanz. Die Autorenlesung: O-Töne, Geschichten, Ideen fündig werden, den Thomas Böhm, Programmleiter im Literaturhaus Köln, herausgegeben hat. Dichter, Rezitatoren und Literaturveranstalter reflektieren in den diversen Beiträgen das Thema.

Die klassische Lesung: Loriot alias Lothar Frohwein im Musenhain

Damit sich die Lektüre gleich mit Anschaulichkeit verbindet, sind Sie zum Schluss zu einer ganz besonderen Dichterlesung eingeladen: „Krawehl, Krawehl! / Taubtrüber Ginst am Musenhain / Trübtauber Hain am Musenginst!“ Kein Wunder, dass es mit solchen Versen bei Dichter und Zuhörer zum Schluckauf kommt.

Ob sich eine Lesung dieser Art für Ihren Auftritt bewährt? Man muss wohl mit Loriot im Bunde sein, um mit einer solch „klassischen Lesung“ Erfolg zu haben und  lyrische Erhabenheit so vergnüglich zu inszenieren. Viel Spaß beim Zuschauen!