Lyriklesungen, inspiriert und klassisch. Loriot darf da nicht fehlen!

Kategorien: Fundstücke,Lesungen — Tags: , — Michaela Didyk

Lesungen - aufgeschlagenes Buch mit buntem Schnitt

© Raffaela / Pixelio

Tisch und Stuhl, eine Lampe, ein Glas Wasser. Das sind die ersten Assoziationen beim Wort Lesung. Die Einsamkeit des Dichters ist hinter dem Tisch zu spüren, oft auch die Einsamkeit in Form leerer Stuhlreihen davor, zumindest wenn Lyrik angesagt ist. Doch Lesungen sind im Aufwind. Das gesprochene Wort hat in den letzten Jahren mehr Gewicht bekommen. Der immer noch anhaltende Trend der Hörbücher zeigt es.

Der Klang der Stimme, ebenso der unmittelbare Kontakt zwischen Lesendem und Publikum setzen eine andere Wahrnehmung frei. Ein Gedicht zu hören und – das zeigt auch ein Experiment in meinen Lyrikkursen – beispielsweise darauf ein Antwortgedicht zu schreiben, lässt dieses viel emotionaler ausfallen, als wenn der Ausgangstext in einem Buch gelesen wird. Das Hören zieht uns in das Geschehen, während wir über das Sehen eher Distanz aufbauen. Ein spannendes Kapitel der Philosophie ließe sich hier anschließen, in dem deutlich wird, wie sehr wir auf das Auge und seinen Blick ausgerichtet sind und dadurch unsere Weltsicht oder Weltanschauung ordnen.

Lesungen auf ein spezifisches Publikum ausrichten und im Detail planen

Zurück zur Lesung. Autorinnen und Autoren sind oft froh, überhaupt lesen zu dürfen, und verlieren darüber teils ihr Publikum aus dem Blick. Sich der Leserschaft bewusst zu werden, auch hier Zielgruppen wie bei beruflichen Erfolgsstrategien ausfindig zu machen und den Auftritt entsprechend auszurichten, ist ein wichtiger Faktor für die gelungene Veranstaltung. Neben der Frage, wen will ich ansprechen, ist genauso das Wie zu klären.

Stimmen die klassischen Rahmenbedingungen – siehe oben – oder bietet sich eher eine Performance an. Gar ein Event? Lesungen zu organisieren und zu gestalten, ist in der Vielfalt ein weites Feld. Wer hier Anregungen braucht, kann im Sammelband Auf kurze Distanz. Die Autorenlesung: O-Töne, Geschichten, Ideen fündig werden, den Thomas Böhm, Programmleiter im Literaturhaus Köln, herausgegeben hat. Dichter, Rezitatoren und Literaturveranstalter reflektieren in den diversen Beiträgen das Thema.

Die klassische Lesung: Loriot alias Lothar Frohwein im Musenhain

Damit sich die Lektüre gleich mit Anschaulichkeit verbindet, sind Sie zum Schluss zu einer ganz besonderen Dichterlesung eingeladen: „Krawehl, Krawehl! / Taubtrüber Ginst am Musenhain / Trübtauber Hain am Musenginst!“ Kein Wunder, dass es mit solchen Versen bei Dichter und Zuhörer zum Schluckauf kommt.

Ob sich eine Lesung dieser Art für Ihren Auftritt bewährt? Man muss wohl mit Loriot im Bunde sein, um mit einer solch „klassischen Lesung“ Erfolg zu haben und  lyrische Erhabenheit so vergnüglich zu inszenieren. Viel Spaß beim Zuschauen!

 


Lyrik, die vom Himmel fällt – doch Inspiration ist nicht alles

mehrere-federn-von-oben-herabhaengend-als-zeichen-der-inspiration-unternehmen-lyrik

Lyrik zwischen Inspiration und Handwerk – im Interview, das Die Zeit im März 2008 veröffentlicht hat, bestimmt Altmeister Peter Rühmkorf Einfälle und Aha-Erlebnisse als Ausgangspunkt eines Textes. Gedichte sind seines Erachtens nicht, wie Gottfried Benn im Anschluss an Stéphane Mallarmé formuliert, „aus Wörtern gemacht“, sondern ein „Gedicht besteht aus mehreren Grundeinfällen“: Halbsätze, flüchtig Notiertes, Beobachtungen, die Assoziationen auslösen und den poetischen Funken zünden, gehören in diesen Fundus. Was bei alledem direkt vom Himmel komme, so Rühmkorf, nämlich „die guten Zeilen, die herabregnen wie Sterntaler“, könne man in der Qualität sofort erkennen.

Heißt das, dass das alte Genie wieder aufersteht? Eher nein, denn auch bei Rühmkorf lässt sich die Wichtigkeit des Handwerks nicht leugnen. Das „Selbstgemachte“ muss dem „vom Himmel Gefallenen“ entsprechen. Genau darin besteht die Kunst, die – so Rühmkorfs vernichtendes Urteil – die meisten nicht beherrschen.

Inspiration aus dem Wörterbuch und Lexikon

Es geht zunächst um Wörter. Die muss ein Dichter, eine Dichterin finden. Ein Stapel Lexika gehört daher unverzichtbar zur Grundausstattung eines Lyrikers: Mit dieser Empfehlung steht Rühmkorf nicht allein.

Die dänische Lyrikerin Inger Christensen überwand eigener Aussage nach eine schwere Schreibkrise, indem sie Einzelbegriffe auf leeren Blättern zusammenfasste und in diesem intuitiven Tun zufällig das Wachstumsprinzip der Fibonacci-Reihen entdeckte. Ihr bekanntes Gedicht alphabet resultiert daraus. Auch Paul Celan zog wie kein anderer Dichter Wörterbücher und Fachlexika zu Rate.

Ohne Inspiration kein gelungenes Gedicht – aber ebenso keines ohne Können, Handwerk und Zuarbeit. Nur so entsteht jener Zauber, der sich bei Peter Rühmkorf oft mit Ironie verbindet. Das zeigt er auch in seinem jüngsten Band Paradiesvogelschiß. Gedichte:

 Ich zog die Wörter auf Zeilchen, / da schwebten sie locker ein Weilchen.

 

Fotonachweis: © Marina Gorskaya | Fotolia