Monatsgedicht im November: „zeichenlese“ von Roswitha Hofmann

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

„Nummer 9 – zeichenlese“ nannte mir Literaturkritiker und Juror Günter Ott (Augsburger Allgemeine Zeitung) am Telefon als seinen Favoriten. Roswitha Hofmann (Kaufbeuren) ist die Siegerin dieser zweiten Runde. Sie hat das Monatsgedicht für November verfasst:

zeichenlese

aufgelesen
vom boden führt
die feder
leicht durch
bodenlose
lesehimmel


keine spur
am himmel bleibt
vom vogelflug
webt
dein glück nur
im auge

© Roswitha Hofmann

Günter Ott fügt seiner Wahl folgenden Kommentar bei:

Welche Bild- und Wortgewitter sind schon auf die Poesie niedergegangen! Und doch hat sie eine ihrer starken Wurzeln in dem, was man das Einfache nennt – was zu dichten alles andere als einfach ist. Wunderbare Beispiele danken wir (u.a.) der Romantik. In dieser Tradition scheint mir dieses Gedicht zu stehen, einer doppelbödigen Sprach- und Denkbewegung, die nicht allein zentrale Wörter wie „bodenlos“, „aufgelesen“ und „Feder“ (Schreibfeder, Vogelfeder) mit sich führt, sondern – vor allem – in der Drift nach oben immer den Abgrund im Auge, im Sinn hat. So beglückend der Vogelflug, so sehr bleibt er das ferne Glück – ein Glück freilich, an dem der (lesende und dichtende) Mensch unentwegt webt.

Herzlichen Glückwunsch an Roswitha Hofmann, die sich über die gute Sonntagsbotschaft gestern schon freute. Für mich ist es selber jedes Mal spannend, die Nummern der Gedichte mit den Namen zu verbinden. Welche Person hinter dem Text steckt, für den sich Günter Ott entschieden hat, erfahren Sie hier:

Roswitha Hofmann, geboren am zwanzigsten Mai neunzehnhundertachtundvierzig, liebt Gedichte, Prosaminiaturen, Texte. Schreiben heißt für sie berühren, kristallisieren, die Worte gegen den Strich bürsten. Seit 2003 ist Roswitha Hofmann Mitglied im Autorenkreis Allgäu, seit 2005 bespricht sie regelmäßig Bücher in Beckers Lesezeichen.
Veröffentlichungen: ‚Die Lust auf der Zunge zergehen lassen’ (2003), Gedichte und Prosaminiaturen in ‚harras 20’ (2004) in ‚Lust auf Erotik’ (2005). Prosaminiaturen in diversen Anthologien. Lesungen hielt Roswitha Hofmann im Allgäu, in Tannberg/ Salzburg, Meißen und Winterkasten/ Mannheim.


„auf den eisberg sehen“ von Elvira Lauscher – das Monatsgedicht für Oktober ist gekürt!

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Elvira Lauscher (Ulm) startet die Reihe der 13 Monatsgedichte, für die in erster Runde das Thema Farbe vorgegeben war. Jurorin Margrit Manz, Projektleiterin von Foodscape und vormals Intendantin im Literaturhaus Basel, wählte das folgende Gedicht unter den 22 Kandidatinnen und Kandidaten als Favoriten aus. Die Texte wurden dabei ohne Namen, nur mit Nummern versehen, weitergeleitet.——

auf den eisberg sehen

auf das weiß des eisbergs sehen
ja auf das weiß
auf das weiß des eisbergs
das blau darüber

wolke sehen
weiße wolke an blauem himmel über eisberg
weißer eisberg, blauer himmel
weißer eisberg, weiße wolke, blauer himmel
blau sehen, weiß sehen
blaues meer, weiße wolke
blauer himmel, blaues meer, weiße wolke
weißer eisberg zwischen blau das weiß das weiß das weiß

tief ist das weiß tiefes weiß
das weiß des eisbergs blau des himmels
blau des meeres

tiefes weiß
reicht in das blau
tief in das blau
reicht das weiß

blau sehen blau sehen
immer wieder blau sehen
tiefes blau sehen
blau sehen
blau sehen
blau

© Elvira Lauscher

Ihre Entscheidung begründet Margrit Manz folgendermaßen:

Hier erzählt die Dichterin anhand der Farben Weiss und Blau die Geschichte von der Wahrnehmung der Dinge. Sie lässt durch jeweils zwei weisse und zwei blaue Elemente in der Natur eine Balance entstehen, die sich unmerklich dreht, um wieder in ein neues Gleichgewicht zu geraten.
Neben dem Gedicht habe ich im Kopf eine kleine Skizze gemacht, habe mir Zeile für Zeile das Weiss des Eisbergs und der Wolke vorgestellt, dann das Blau des Himmels und des Meeres. Es ist ein tiefes Weiss und ein tiefes Blau. So bin ich dem Gedicht folgend langsam vom tiefen Weiss zum tiefen Blau gewandert und habe am Schluss mitten im tiefen Blau den noch winzigen Eisberg und die Wolke entdeckt, die sich langsam aus dem Hintergrund zu mir nach vorne schoben.
Das Gedicht hat mir besonders gefallen, weil es poetisch ist, sparsam und genau seine Worte wählt und den Leser auf einen walkabout schickt, auf dessen lyrischen Pfaden er das Wesentliche entdecken kann.

„(ach, ich freue mich so!)“ hängte Elvira Lauscher ihrem Gruß an, als sie auf die Gewinn-Nachricht ihre Vita schickte. In der finde ich die abschließende Entstehungsnotiz zu „auf den eisberg sehen“ besonders spannend: Ein Projekt, das Disziplin und Konsequenz abverlangt, sich aber gelohnt hat. Und wie es kommt: In neuer Kombination fügt sich jetzt dem Tag und der Uhrzeit noch ein Mondmonat hinzu. Herzlichen Glückwunsch!

Hier abschließend die Vita:

Elvira Lauscher, 1965 in Ulm geboren, zeigte schon immer Begeisterung für das Wort. Sie schrieb für Kulturredaktionen, arbeitete als Werbetexterin und probierte literarisch verschiedene Genres aus. Die Gattungen Märchen und Lyrik lagen ihr dabei besonders am Herzen. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Geschenkbüchern (Heyne-Verlag, Stories-and-Friends-Verlag, Wurdack Verlag u.a.) und auf Hörbuch. Auf der Website der Autorin gibt es weitere Informationen.

Derzeit hat sie mit Autorenkollege Jörg Neugebauer regelmäßig Auftritte mit dem gemeinsamen Leseprogramm Wortkunstlauf das aus selbstverfassten Gedichten und Dialogen besteht. Das Eisberg-Gedicht entstand in dem „Projekt 365 _ jeden Morgen ein Gedicht“, Tag 360 um 5.30 Uhr.