Monatsgedicht April: „im abendzug“ von Ingritt Sachse

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Man sollte Ingritt Sachse hören, wenn sie ihre Gedichte liest. Ihre kraftvolle, etwas raue Stimme steht zum leicht singenden Ton im Gegensatz. Distanz teilt sich da im Vortrag mit, genaue Beobachtung und doch zugleich intensive Nähe. In solchem Oszillieren spürt man, dass beim Schreiben bereits die Antennen ausgefahren sind, Stimmungen, Eindrücke aufzufangen und ans Publikum weiterzugeben. Das Überblenden unterschiedlicher Wahrnehmungen – im neuen Monatsgedicht wird dieses Prinzip Ingritt Sachses auch sichtbar.

im Abendzug
durch das Gesicht im
weichen Spiegel
ziehn Wolken Bäume
Drähte ziehn
Geschichten
durch das Gesicht es
schaut auf mich er-
kennt mich nicht
neben mir
der Blick reist mit dem
Abendzug im
weichen Spiegel

© Ingritt Sachse

Ursula Haeusgen, Gründerin des Lyrik-Kabinett München, nimmt in ihrer Begründung das Spiel mit dem Spiegelbild auf:

Zwei reisen im Zug durch den Abend. Ich und Ich. Immer, wenn das Ich aus dem Zugfenster schaut, erblickt es ein Gesicht, sein Gesicht, gespiegelt im Fenster. Sein Gesicht? Nicht ganz. Ein zweites Gesicht? Vielleicht. Geisterhaft durchsichtig wie ein surreales Bild, ziehen hinter seiner Stirn die Wolken vorbei, hinter den Wangen und Augen Bäume und Drähte. Es spricht nicht. Aber es erzählt – Geschichten und Gedanken huschen vorbei und werden vom Ich aufgefangen. Das Spiegelgesicht erkennt das Ich nicht – aber das Ich erkennt sich. Das Ich schaut weg, aber es weiß, dass das andere Ich da ist, auch wenn es nicht angeschaut wird. Es reist mit – nicht nur im Zug – immer. Ein tröstlicher Gedanke? Das kommt darauf an. Sie haben so eine Situation sicher auch schon erlebt.

Ich konnte mit Ingritt Sachse zusammen schon einige Lesungen bestreiten; daher die mir so vertraute Stimme. Ich freue mich nach diesen Begegnungen umso mehr über Ursula Haeusgens Wahl. Herzliche Glückwünsche, Ingritt, nach Bonn.

Ingritt Sachse (*1946 in Bremen) lebt und arbeitet als Psychotherapeutin in freier Praxis in Bonn. Dichten bedeutet ihr Freiraum und Eintauchen in immer wieder neue Welten.
1999 Veröffentlichung von Prosatexten; 2003 bis heute Lyrikveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und Jahrbüchern.
Seit 2004 kontinuierlich öffentliche Lesungen mit Musik (Einzellesungen und Gemeinschaftslesungen) in Köln, Bonn, Ratingen bei Düsseldorf, in Winterkasten und Meißen, zuletzt im März 2010 in der Parkbuchhandlung Bad Godesberg. Die nächste Lesung am 27. Juni 2010 ist in Vorbereitung. Die Lyriklesungen Ingritt Sachses sind teilweise als Live-Mitschnitt oder als Studioaufnahme auf CD erhältlich.

In der Mai-Runde der Monatsgedichte lautet das Thema „Spiel mit Sinn, Wort und Form“. Carmen Winter ist die neue Jurorin.


„Wüstenstadt“ von Dietlind Frieling – Monatsgedicht März

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Keine Oliven oder Zitronen, kein Meer. Dietlind Frieling malt ein anderes Bild vom Süden. Sie lässt Hitze aufsteigen, reibt die Wörter in Alliteration und Stilfigur aneinander. Neun Zeilen, die es in sich haben und – Favorit für März wurden: Herzlichen Glückwunsch!.

wüstenstadt

wo der wind
weiß weht die luft
aber die luft
rot brennt
wo ich schlafe die
augen alle
alle augen offen weit weit
weiter ich
suche dich

© Dietlind Frieling

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Ulrike Budde, in vielfältiger Weise engagiert für Wort und Bild, fällte die Entscheidung und begründet sie so:

In einer unwirtlichen, fast lebensfeindlichen Umgebung beharrt ein Mensch auf der Suche nach einem anderen Menschen. Süden ist hier eine Wüstenlandschaft, in der das Ich schläft, und trotz – oder angesichts – der offenen Augen ringsum die Suche fortsetzen muss. Die Dopplungen – luft alle augen weit – fokussieren die Leserin auf das Wesentliche: das Atmen, das Schauen, die Perspektive. Die äußere Landschaft spiegelt die innere, es entsteht ein starkes Bild für eine tief empfundene Einsamkeit, die allerdings nicht als ausweglos hingenommen wird: Das Du existiert irgendwo, die fortgesetzte Suche verbindet und hält das Ich am Leben.

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Klar, zielgerichtet, zugleich offen für Neues, für Spiel auch und ausgestattet mit einer guten Portion Humor – so habe ich Dietlind Frieling im Lauf unsrer Zusammenarbeit kennengelernt. Diese Eigenschaften bringt sie auch in ihrer Kurzvita zum Ausdruck:

Geboren 1959. Lebt in Hamburg mit Kindern, Mann, Kater, Hund, Garten, Wind, Stift und Papier. Vormittags Prosa und Lyrik, nachmittags Backoffice, abends Feuer, Familie, Freunde. Reist furchtbar gern und viel zu selten.

Nachtrag: Inzwischen hat Dietlind Frieling Gedichte in „Tentakel“ 2/2010 und 3/2010 veröffentlicht.

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Thema der neuen Runde sind „Spiegelbilder“. Beim Monatsgedicht April übernimmt Ursula Haeusgen, die Gründerin des Lyrik Kabinett München, die Jury. Allgemeine Informationen finden Sie unter Lyrikprojekt Monatsgedichte.