4. Oktober 2009

„auf den eisberg sehen“ von Elvira Lauscher – das Monatsgedicht für Oktober ist gekürt!

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Elvira Lauscher (Ulm) startet die Reihe der 13 Monatsgedichte, für die in erster Runde das Thema Farbe vorgegeben war. Jurorin Margrit Manz, Projektleiterin von Foodscape und vormals Intendantin im Literaturhaus Basel, wählte das folgende Gedicht unter den 22 Kandidatinnen und Kandidaten als Favoriten aus. Die Texte wurden dabei ohne Namen, nur mit Nummern versehen, weitergeleitet.——

auf den eisberg sehen

auf das weiß des eisbergs sehen
ja auf das weiß
auf das weiß des eisbergs
das blau darüber

wolke sehen
weiße wolke an blauem himmel über eisberg
weißer eisberg, blauer himmel
weißer eisberg, weiße wolke, blauer himmel
blau sehen, weiß sehen
blaues meer, weiße wolke
blauer himmel, blaues meer, weiße wolke
weißer eisberg zwischen blau das weiß das weiß das weiß

tief ist das weiß tiefes weiß
das weiß des eisbergs blau des himmels
blau des meeres

tiefes weiß
reicht in das blau
tief in das blau
reicht das weiß

blau sehen blau sehen
immer wieder blau sehen
tiefes blau sehen
blau sehen
blau sehen
blau

© Elvira Lauscher

Ihre Entscheidung begründet Margrit Manz folgendermaßen:

Hier erzählt die Dichterin anhand der Farben Weiss und Blau die Geschichte von der Wahrnehmung der Dinge. Sie lässt durch jeweils zwei weisse und zwei blaue Elemente in der Natur eine Balance entstehen, die sich unmerklich dreht, um wieder in ein neues Gleichgewicht zu geraten.
Neben dem Gedicht habe ich im Kopf eine kleine Skizze gemacht, habe mir Zeile für Zeile das Weiss des Eisbergs und der Wolke vorgestellt, dann das Blau des Himmels und des Meeres. Es ist ein tiefes Weiss und ein tiefes Blau. So bin ich dem Gedicht folgend langsam vom tiefen Weiss zum tiefen Blau gewandert und habe am Schluss mitten im tiefen Blau den noch winzigen Eisberg und die Wolke entdeckt, die sich langsam aus dem Hintergrund zu mir nach vorne schoben.
Das Gedicht hat mir besonders gefallen, weil es poetisch ist, sparsam und genau seine Worte wählt und den Leser auf einen walkabout schickt, auf dessen lyrischen Pfaden er das Wesentliche entdecken kann.

„(ach, ich freue mich so!)“ hängte Elvira Lauscher ihrem Gruß an, als sie auf die Gewinn-Nachricht ihre Vita schickte. In der finde ich die abschließende Entstehungsnotiz zu „auf den eisberg sehen“ besonders spannend: Ein Projekt, das Disziplin und Konsequenz abverlangt, sich aber gelohnt hat. Und wie es kommt: In neuer Kombination fügt sich jetzt dem Tag und der Uhrzeit noch ein Mondmonat hinzu. Herzlichen Glückwunsch!

Hier abschließend die Vita:

Elvira Lauscher, 1965 in Ulm geboren, zeigte schon immer Begeisterung für das Wort. Sie schrieb für Kulturredaktionen, arbeitete als Werbetexterin und probierte literarisch verschiedene Genres aus. Die Gattungen Märchen und Lyrik lagen ihr dabei besonders am Herzen. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Geschenkbüchern (Heyne-Verlag, Stories-and-Friends-Verlag, Wurdack Verlag u.a.) und auf Hörbuch (www.Elvira-Lauscher.de). Derzeit hat sie mit Autorenkollege Jörg Neugebauer regelmäßig Auftritte mit dem gemeinsamen Leseprogramm Wortkunstlauf (www.wortkunstlauf.de), das aus selbstverfassten Gedichten und Dialogen besteht. Das Eisberg-Gedicht entstand in dem „Projekt 365 _ jeden Morgen ein Gedicht“, Tag 360 um 5.30 Uhr.


6. Mai 2008

Lyrik, die vom Himmel fällt – doch Inspiration ist nicht alles

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Lyrisches Handwerk — Tags: , — Michaela Didyk

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Lyrik zwischen Inspiration und Handwerk – im Interview, das Die Zeit im März 2008 veröffentlicht hat, bestimmt Altmeister Peter Rühmkorf Einfälle und Aha-Erlebnisse als Ausgangspunkt eines Textes. Gedichte sind seines Erachtens nicht, wie Gottfried Benn im Anschluss an Stéphane Mallarmé formuliert, „aus Wörtern gemacht“, sondern ein „Gedicht besteht aus mehreren Grundeinfällen“: Halbsätze, flüchtig Notiertes, Beobachtungen, die Assoziationen auslösen und den poetischen Funken zünden, gehören in diesen Fundus. Was bei alledem direkt vom Himmel komme, so Rühmkorf, nämlich „die guten Zeilen, die herabregnen wie Sterntaler“, könne man in der Qualität sofort erkennen.

Heißt das, dass das alte Genie wieder aufersteht? Eher nein, denn auch bei Rühmkorf lässt sich die Wichtigkeit des Handwerks nicht leugnen. Das „Selbstgemachte“ muss dem „vom Himmel Gefallenen“ entsprechen. Genau darin besteht die Kunst, die – so Rühmkorfs vernichtendes Urteil – die meisten nicht beherrschen.

Inspiration aus dem Wörterbuch und Lexikon

Es geht zunächst um Wörter. Die muss ein Dichter, eine Dichterin finden. Ein Stapel Lexika gehört daher unverzichtbar zur Grundausstattung eines Lyrikers: Mit dieser Empfehlung steht Rühmkorf nicht allein.
Die dänische Lyrikerin Inger Christensen überwand eigener Aussage nach eine schwere Schreibkrise, indem sie Einzelbegriffe auf leeren Blättern zusammenfasste und in diesem intuitiven Tun zufällig das Wachstumsprinzip der Fibonacci-Reihen entdeckte. Ihr bekanntes Gedicht alphabet resultiert daraus. Auch Paul Celan zog wie kein anderer Dichter Wörterbücher und Fachlexika zu Rate.

Ohne Inspiration kein gelungenes Gedicht – aber ebenso keines ohne Können, Handwerk und Zuarbeit. Nur so entsteht jener Zauber, der sich bei Peter Rühmkorf oft mit Ironie verbindet. Das zeigt es auch in seinem jüngsten Band Paradiesvogelschiß. Gedichte [Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg]

 Ich zog die Wörter auf Zeilchen, / da schwebten sie locker ein Weilchen. (S. 84)

 

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