24. August 2010

Sina Klein: „stadtbausteine“ – das Monatsgedicht im August

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Gedichte aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übersetzen, ist nach Hans Magnus Enzensberger eine der besten Übungen für das eigene Dichten. Bei Sina Klein, der Gewinnerin des Monatsgedichtes zum heutigen August-Vollmond, gehört diese Praxis und Auseinandersetzung mit fremden Sprachen zum Schreiben dazu. Eine Kostprobe hierfür finden Sie über den Link am Ende des Blogbeitrags.
Doch zunächst hat Sina Klein mit dem Siegergedicht ihren Auftritt und zeigt, welche Inspiration auch ihrer eigenen Lyrik zugrunde liegt.

stadtbausteine

und wie wir umríssen des nachts,
mit weißer kreide umkreisten
die zwillinge von terrassen
ertastend sie auf den straßen
deren atem noch warm –

wie wir naschten an stillen fassaden
(selbst bloß noch silhouetten)
die einzelnen zuckerkristalle
von tischen die abzuwischen
sie vergessen hatten –

dann die nischen die uns tarnten
vor laternen denn wir eilten
zu zweit im schein uns
voraus.

© Sina Klein

Andreas Noga, selbst Lyriker sowie Lyrikredakteur der von Sandra Uschtrin herausgegebenen Zeitschrift „Federwelt“ und von Theo Breuers „Faltblatt“ hebt den besonderen Zugang hervor, den die Autorin zum Thema wählte:

Ein Schatten-Gedicht muss nicht das Wort „Schatten“ enthalten. Der Themenbezug kann sich auch durch indirekte Annäherung erschließen. Besonders überzeugt hat mich das Gedicht „stadtbausteine“, das auf die Benennung verzichtet. Ich hatte nicht den Vorsatz, ein Gedicht auszuwählen, in dem das Wort „Schatten“ fehlt. Schon nach der ersten Lektüre aller Gedichte kristallisierte sich allerdings „stadtbausteine“ als Favorit heraus. Als ich darüber nachdachte, warum das so ist, fiel mir auf, dass der Text Atmosphäre schafft, Empfindungen wachruft und Bilder im Kopf entstehen lässt, ohne die Vokabel der Themenstellung zu verwenden. Dies zudem mit sinnlich-poetischen Bruchstücken, die man nascht wie ein Lebkuchenhaus. „Show, don’t tell“ gilt auch für Gedichte. Wie beim Laternenspaziergang ist der Schatten in „stadtbausteine“ ein steter, aber unauffälliger Begleiter.

Im Kommentar ihres Postings im Monatsgedichte-Blog gab Sina Klein auch einen Bildhinweis, wie solche Zwillinge aussehen können. Ich finde den Bezug spannend, wie sich die „stadtbausteine“ so auch in ein anderes Medium ausdehnen und die Idee weitertragen. Herzlichen Glückwunsch an die facettenreiche Autorin! Und wer steckt nun hinter so viel Sprach- und Bildkraft?

Sina Klein – geboren 1983 in Düsseldorf. Lebt, studiert und arbeitet dort in mit und an Sprache (Lyrik, Übersetzungen aus dem Englischen / Französischen; französische Literatur- und Sprachwissenschaften). Lesungen u. a. mit dem Autorenkollektiv Sonny Wenzel & friends. 2010 Nominierung für den Förderpreis der Stadt Düsseldorf für Literatur. Bisherige Gedicht-Veröffentlichungen im Literaturmagazin poet (8) und auf poetenladen.de

„Reif für Kirschen“ heißt Sina Kleins eingangs erwähnte Übertragung des englischen Textes „Cherrie-ripe“ von Robert Herrick (16. Jahrhundert). Das mag zugleich eine Anregung für die 13. und vorerst letzte Runde der Monatsgedichte unter dem Titel „Paradiesgarten“ sein. Juror ist dieses Mal Klaus Seufer-Wasserthal. Er ist Leiter der renommierten Rupertus Buchhandlung Salzburg und Mitbegründer des Salzburger Literaturfestes.


25. Juli 2010

Das Monatsgedicht im Juli: „kirschrosen* / cento“ von Ingritt Sachse

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Beim Start der Monatsgedichte war die Überlegung auch, was geschieht, wenn ein/e Teilnehmer/in im Verlauf des Projekts von mehreren Juror/innen gekürt wird: Ausschluss, neuer Gewinn? Ich entschied mich damals für die zweite Variante, geht doch mit jeder Runde eine unabhängige Beurteilung der Texte einher und kommen damit unterschiedliche Maßstäbe zum Ausdruck.
Die Einleitung macht klar: Der Fall ist eingetreten. Ingritt Sachse, die im April bereits durch die Auswahl Ursula Haeusgens das Monatsgedicht bestritt, überzeugte beim Thema „Vorbilder“ mit ihrem Cento, dem „Flickenkleid“ aus Gedichtzeilen Sarah Kirschs und Rose Ausländers, nun auch den Schweizer Juror Paul Schorno.

kirschrosen* / cento

seit er fort ist fallen palmen
wie er mich jagt, sein schrei
in glitzernder luft
fliegen die elstern die
blumen waren
wohl lange verdorrt
meine worte
gehorchen mir nicht
was gibt es denn noch?

mit einer pappel /als feder
einen drachen reiten
schneewittchenweiß
dem apfelbaum gleicht
mein freund
und ich
eine helle sprache

*sarah kirsch & rose ausländer

© ATHENA-Verlag
Aus: in schattengängen streut licht. Gedichte. edition exemplum
Oberhausen 2011

Paul Schorno, der als Kritiker und vielseitiger Profi des Literaturbetriebs in Basel wirkt, leitet seine Entscheidung mit einer persönlichen Bemerkung ein:

Ich wählte nach intensivem Lesen das vielleicht schwierigste Gedicht, betitelt „kirschrosen*/cento“.

Wenn es so ist, dass ein gutes Poem die Essenz von Gelebtem ist, und manches zum Fliessen gebracht wird, so darf dieses hier ein gelungenes und ansprechendes Gedicht genannt werden. Dank etlichen Positionswechseln und verrätselten sprachlichen und gedanklichen Wendungen, braucht der Leser nicht zwingend den Sinn des Ganzen zu erspähen. Er soll beim Lesen selber zu Wort kommen und auf seine eigene Stimme hören. Dazu animieren die 7. und 8. Zeile der ersten Strophe, „meine worte/gehorchen mir nicht“. Überraschend und unvermittelt die darauffolgende Zeile: „was gibt es denn noch?“ Ich erahne dichterische Prozesse im Umfeld von Liebe, Zweifel, Verunsicherung, ein Sichaufbäumen und Weitergehen. In diesem Sinne meine Zuordnung der Zeilen der zweiten Strophe: „einen drachen reiten/ schneewittchenweiss“ und abschliessend „und ich/eine helle Sprache“. Eingeschwiegenes kann spürbar gemacht werden. Freiheiten der Poesie, die jeden Einzelnen einladen, sie zu subjektivieren.
*sarah kirsch & rose ausländer: Zu erspüren ist, dass die Autorin fasziniert und nicht ohne Gewinn für das Atmosphärische sich mit den Daseins- und metaphysischen und märchenhaften Sprachwelten der genannten Autorinnen beschäftigt hat.

Die Vita von Ingritt Sachse finden Sie bereits bei ihrem ersten Siegergedicht. Daher fragte ich dieses Mal nach, warum der Autorin das Schreiben so wichtig sei:

Im Alltag als Psychotherapeutin darauf ausgerichtet, anderen zuzuhören und präsent zu sein, schaffen die Gedichte, die in ihrer Kürze als Entwurf auch einmal zwischen zwei Sitzungen aufs Blatt fließen können, eine Gegenwelt. Lyrik schreiben heißt, mich zu sammeln und etwas vollkommen Anderes zu machen, mich sozusagen an völlig andere Orte zu begeben. Es bedeutet Entlastung und Herausforderung, bedeutet Glück und in besonderen Fällen besessen sein zu können von/mit einer Art kreativer Wut.

Die zwölfte Runde der Monatsgedichte lädt zu „Schatten“-Gedichten ein. Andreas Noga, selbst Lyriker und Lyrikredakteur bei Sandra Uschtrins „Federwelt“ und Theo Breuers „Faltblatt“, ist der Juror des nächsten Monatsgedichtes. Bis 10. August – hier die notwendigen Informationen zum Projekt Monatsgedichte – können Sie posten, am 24. August ist die Veröffentlichung des Favoritengedichtes.


25. Juni 2010

Jörg Wiedemann siegt mit „Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung“

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Jörg Wiedemann ist Gewinner in der Runde der Juni-Gedichte. Seine „Sommernacht“ hat es in sich. Hitze paart sich mit Kalkül. Vorstellungen und Werte haben sich verschoben. Bereits der Titel ist Programm.

monatsgedichte-unternehmen-lyrik-sommernacht-siegergedicht-joerg-wiedemann

© Mozasaur | wikimedia

Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung

Sterne zwinkern zwielichtig
Trügerisch wie Börsenspekulanten
Die mit hochriskanten Anleihen
Von Liebe und co. handeln

Und du
Du liegst wie immer nackt
Im feuchten Gras eines Sommers
Bereits überwuchert
Von dessen kurzer Laufzeit

Willst dich an einen Kuss ketten
Seine hormonelle Rendite gleich
Eisgewürfelt auf der Zunge einfriern
(Ach so´n Geschmack wie der Stadt-
Schweiß in aller Munde diese Nacht ):

Häuser gehen wieder mit Balkonen schwanger
Leibesfrüchte schwellen dir entgegen
Das Dunkel operiert hier mit unzähl´gen
Lichten Schnitten Stimmen zerlaufen
Und fast verblühte Anästhesisten
Zerstäuben Düfte in viel zu hohen Dosen

Mag der Morgen schon
Silberne Skalpelle wetzen
Aus herzförmigen Blättern
Helle Formen ritzen
Du liegst da
Noch unberührt ungerührt
Bar jeder Unterschrift
Die Zungenspitze purpurn verfärbt

© Jörg Wiedemann

Barbara Wettstein, Journalistin, Lektorin und Autorin, hatte die Jury der zehnten Runde inne. Ihre Begründung macht die Vielschichtigkeit des Gedichtes deutlich:

Begründung der Gedicht-Auswahl | Barbara Wettstein

Die patentierbare Überschrift ist die erste Überraschung. Ich empfinde dieses Gedicht als ein Konglomerat mehrerer Sommer und wie eine Bilanz unseres modernen Lebens, in der Sehnsucht, Liebe, Körperlichkeit offene Posten sind, Gewinn und Verlust ablesbar werden. Erotik, Finanzwesen, Medizin und Natur verschmelzen zu einer Einheit, die Mischung schmeckt bitter und ein wenig nach gegorener Süße.

Die visuelle Sprache verführt zum Erinnern, weckt Assoziationen, Vorahnungen. Die Vergänglichkeit des Sommers, der Reiz der Überreife und der Überdruss werden sinnlich erfahrbar, gebrochen von nüchternen Wörtern, die uns in den Medien anfallen. Die Balance zwischen Ratio und Emotion erweist sich als trügerisch, Wissenschaft und Wirtschaft werfen sich brutal in die Waagschalen, erzeugen Gefühle von Ohnmacht und Skepsis, übertragen sich auf die Art, wie wir andere Menschen betrachten, unsere Liebespartner eingeschlossen.

Der Sprachduktus ist melodisch und trotz der analytischen Aussage dem verlangsamten Tempo, der Trägheit der Nacht entlehnt.

Herzlichen Glückwunsch an den neuen Monatsgedicht-Sieger! Aus dem Urlaub noch „Murmeltierpfeifen und Gämsengemecker“ im Ohr („gute angenehme lautmalerische Poeme!“), schickte Jörg Wiedemann seine „biografischen Sentenzen“.

Vita | Jörg Wiedemann

1970 bin ich in Berlin geboren. Habe Biologie, Germanistik, Sozialpädagogik und Erzieher studiert, auf Bauernhöfen gearbeitet, bin im praktischen Umweltschutz aktiv gewesen.

Unterwegs zu sein in Worten, Gedanken und Taten ist wie der rote Faden, der aus meiner Hosentasche schaut. Im Moment arbeite ich mit Kindern und beziehe daher die existenzialistischen, manchmal minimalistischen oder auch ironisch gebrochenen Sprachfetzen meiner Lyrik (schreibe ebenso gern Gedichte mit/für Kinder) wie auch aus dem aktiven Lauschen des Großstadtstimmengewirrs.

Lesen und Schreiben ist wie Ein- und Ausatmen für mich … ja und der Humor, besonders der schwarze, bevölkert überbordend mein etwas wirres „Köpfchen“.

 

Weitere Texte von Jörg Wiedemann: