27. Februar 2010

Monatsgedicht Februar: „kneipengeheimnis“ von Marion Röckinghausen

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

„Geh nicht ins Bad vor mir/ […] / Und putze dir nicht die Zähne leg sie ins Glas“, heißt es in einem früheren Text von Marion Röckinghausen. Für Beziehungen hat die neue Siegerin der Monatsgedichte einen speziellen Blick. Nüchtern bis lakonisch ist die Sprache, wenn das lyrische Ich seinen Alltag reflektiert und in der Desillusionierung oft sogar schockiert.
„kneipengeheimnis“, der Favorit der Februar-Runde, lässt noch die Vision einer Liebe anklingen. Sich im Lauf der Jahre fremd geworden oder noch fremd am Anfang einer jungen Beziehung – vom Prickeln bis zum schalen Nebeneinander existieren vielerlei Facetten.

kneipengeheimnis

am tisch gemein
sam mit dir
allein zu zweit

gläser halten
die blicke
gefangen

münder trinken
kein wort
aus sich raus

champagner am
nebentisch neben
dem seitenblick

prickeln augen
sterne aus
den winkeln

Marion Röckinghausen © Athena Verlag

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Die Jurorin Gabriele Dau lebt nahe Salzburg. Die Diplombibliothekarin und Buchhändlerin, zudem Anglistin mit Schwerpunkt Literatur, begründet ihre Wahl wie folgt:

Wer hat es nicht schon selbst erlebt: Eine zu Ende gehende Beziehung oder zumindest eine, die tief in der Krise steckt! In diesem Gedicht wird ein scheinbar alltäglicher Kneipenbesuch zur Beziehungsbilanz, die Kneipe zur Beziehungsbühne.
Schweigen, subtile Aggression (wunderbar: die Kombination von Wortspiel mit Zeilenumbruch in der ersten Strophe!), Leere, Verzweiflung: Dies sind die Gefühle, die sich am eigenen Tisch breit gemacht haben. Am Nachbartisch – vom lyrischen Ich voll heimlicher Sehnsucht beobachtet – spielt sich der Gegenentwurf ab, ein Neubeginn, verheißungsvoll – „prickelnd“ eben!
Von der ersten bis zur letzten Zeile ist der Bogen sorgsam gespannt von sparsam gewählten, jedoch punktgenau treffenden Worten, die dem Leser die Geschichte einer Beziehung und die vielfältige Gefühlswelt der sprechenden Person vermitteln.

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Als ich Marion Röckinghausen um einige Stichpunkte zur Vita bat, war ihre erste Antwort: „Schreiben heißt für mich Leben! Nur wenn ich schreibe, lebe ich vollständig.“ Dann fasste sie nach: „Das mag pathetisch klingen, aber es ist so.“ Wer die Autorin kennt, weiß es. Herzlichen Glückwunsch!

Marion Röckinghausen, geboren 1952, lebt und schreibt oder schreibt und lebt in Marburg.
Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und auf Internetportalen; Lesungen im Odenwald (Jazz in Winterkasten) und in der Kulturwerkstatt Tannberg/ Salzburg, in Köln und im Landkreis Marburg-Biedenkopf; Radiosendungen in Marburg (Radio Unerhört Marburg RUM), die nächste Radiolesung ist für Mai in Vorbereitung.

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Die aktuelle Runde der Monatsgedichte läuft bis 15. März unter dem Motto Süden. Jurorin ist Ulrike Budde, vormals Journalistin, nun in zahlreichen Wort- und Bild-Projekten engagiert. Ulrike Budde bringt durch ihre Mitgliedschaft und Vorstandsarbeit in Verein, Verband und Literaturgesellschaft einen neuen Blickwinkel in die Jurygemeinschaft.
Die Teilnahme am Lyrikprojekt Monatsgedichte, das ambitionierten Dichterinnen und Dichtern zum Namensaufbau dient, ist frei.


30. Januar 2010

Monatsgedicht Januar: „restposten“ von Werner K. Bliß

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Das erste Gedicht, das ich vor Jahren von Werner K. Bliß las, war eine Hommage an Jean Tinguely, vielmehr an dessen vielteiligen Brunnen vor dem Stadttheater in Basel. Werner Bliß, selbst Künstler, fing in seinem Text die unterschiedlichen Temperamente der einzelnen Wasserschöpfer und -speier ein. Er richtete den Blick zwar auf Ausschnitte, ließ aber die gesamte Anlage plastisch werden.
Im neuen Monatsgedicht sind es Werner K. Bliß‘ „restposten“. Sie reichen aus, dem Leser existentielle Grundgegebenheiten vor Augen zu führen. Richard Mayr, Juror dieser Januar-Runde, kommt in seiner Begründung darauf zurück.

restposten

aufbruch nach allen
seiten die letzten

geheimnisse eine
frage der zeit

die landung steht bevor
das fähnchen fröstelt schon

wir zurückgebliebene
ordnen strandgut

erwarten hochwasser

© Werner K. Bliß

Richard Mayr, Journalist und Literaturkritiker (Augsburger Allgemeine Zeitung), kam zu folgendem Urteil:

Dieses Gedicht hat es in sich, so karg es sich sprachlich beim ersten Lesen auch gibt. Diese Wendung darin ist unerhört: Erst wird dem Aufbruch der Boden unter den Füßen entzogen, weil er aufs Meer verlegt wird. Dann ist der einzige Ausblick auf das verheißungsvolle Land das Frösteln des Fähnchens. Wirklich angenehm wird es dort nicht sein. Anschließend vereinnahmt das „Wir“ den Leser und katapultiert ihn zurück an den Strand, an dem Hochwasser droht. Die Gegenbewegung ist perfekt.
Man mag sich getäuscht wähnen. Die Wendung ist aber mehr als ein artistischer Taschenspielertrick. Hinterfragt man den Anspruch dieses Aufbruchs, der ja nach allen Seiten geschieht, wirkt er so vermessen in der Totalität, dass das Bedrohliche schon immer da war. Der Leser hätte gewarnt sein können. So wird mit kargen Versen auf wenig Raum ein gewaltiges Geschehen eingefangen.

Ob Lyrikmail, fixpoetry, Glarean Magazin, um nur einige online-Stationen zu nennen – Werner K. Bliß setzt mit seinen Gedichten Akzente. Für mich sind es auch die Veröffentlichungen in den Katalogen, die ihn in seiner engagierten Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern ausweisen.
Ich freue mich sehr, ihn als Gewinner der Monatsgedichte anzukündigen: Herzliche Grüße nach Hausach!

Werner K. Bliß, *1950, Pädagoge, schreibt Lyrik und malt, lebt in Hausach / Schwarzwald Auslandsaufenthalt in Portugal- Deutsche Schule zu Porto- von 1985-1991
Lyrikveröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien, Ausstellungskatalogen und Internetportalen
Marianne Hopf, Malerei 1990 – 2008, Ausstellungskatalog Morat Institut, Freiburg, 2008.
Bruder Holz, Armin Göhringer, 13 lyrische Texte zu Arbeiten von Armin Göhringer, Kunsthaus Grenchen / CH, 2006
Vulkan Obsidian oder Schrittmacher des Erinnerns, handgeschriebene Gedichte mit originalen Grafiken, Künstlerbuch Edition Bauwagen, 2006, Herausgeber: Theo Breuer
Lesungen bei LeseLenz Hausach 2007 und bei Ausstellungen diverser Künstler


12. Januar 2010

Die vielen Klänge der Seidenstraße

Kategorien: Fundstücke,Kulturprojekte — Tags: , , — Michaela Didyk

Handel auf der alten Seidenstraße

Handel auf der alten Seidenstraße

Ob auf dem Inka-Pfad oder mit der transsibirischen Eisenbahn – mit meiner Nomadenseele würde ich gern einige Traumreisen unternehmen. Auch eine auf der Seidenstraße. Auf der war ich zwar tatsächlich schon ein kurzes Stück unterwegs. Aber das war natürlich viel zu wenig, als dass es reichte :-(

So ziehe ich also weiter in Gedanken durch die fremden Länder. Ausstellungen oder Recherchen wie bei meinem Meißen-Projekt und den „Porzellan-Gedichten“ helfen mir dabei. Es ist die Vielfalt der Kulturen, die mich reizt, und wie sich auf dieser Begegnungsachse seit Jahrtausenden Formen überlagert haben und dabei befruchteten.

Die Idee der neuen Seidenstraße – Menschen mit der Musik unterschiedlicher Kulturen verbinden

The Silk Road Project habe ich über Twitter entdeckt. Yo Yo Ma ist der künstlerische Leiter des Seidenstraßen-Projekts. Er sieht in der reichen Tradition der historischen Seidenstraße die große Chance, Neues zu schaffen. Durch die verschiedenen Künste zu lernen und sich dabei näher zu kommen, weckt vor allem ein gegenseitiges Verstehen.

When we enlarge our view of the world, we deepen our understanding of our own lives. The Silk Road Project hopes to plant seeds of new cultural growth and to celebrate traditions and musical voices everywhere.

Die Musik steht im Mittelpunkt. Authentisch in ihrer Herkunft, bringt sie der Cellist Yo Yo Ma mit seinem Ensemble in internationale Konzertsäle, genauso aber auch in Museen und Universitäten. Der Nachbarschafts-Gedanke prägt sein Bildungsprogramm, wie anders auch – die Völkerverbindungen der historischen Seidenstraße wirken nach.

Every time I open a newspaper, I am reminded that we live in a world where we can no longer afford not to know our neighbors.

Wie steht es dabei um die Poesie? Sie zeigt sich beispielsweise im folgenden Liebeslied oder im Rhythmus des „Arabian Waltz“:

Auf der Website von Silkroad und auf YouTube finden Sie nicht nur weitere Beispiele dieser hoch artistischen Weltmusik aus Konzert-Mitschnitten und Aufführungen. Sie lernen auch die Mitglieder des Ensembles kennen, ihre teils ungewohnten Instrumente und erfahren noch mehr über die Mission, die die Künstler beflügelt.

Listen and Watch heißt das Motto für die Website-Besucher/innen. Es lädt sicherlich auch dazu ein, einmal live bei einer Performance dabei zu sein, um auf dieser Seidenstraße mit ihren vielen Stimmen Fremden gleich Freunden zu begegnen.