Marlies Blauth gewinnt mit „Nachts“ die Dezember-Runde

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Nachtgedanken Marlies Blauth- Vincent van Gogh-Sternennacht - kreisende sterngebilde in den Himmelswogen

Vincent van Gogh: Sternennacht (1889)

„Nachtgedanken“ lautete das Thema der fünften Monatsgedicht-Runde. Marlies Blauth macht mit ihrem Gedicht deutlich, was alles sich mit wachen Sinnen im Dunkel – sei es außen oder innen – vernehmen lässt. Schauer bleiben da nicht aus.

Nachts

Psst!
Sie sind wieder da.
Hörst du ihr leises Husten?
Das schlurrende Zirpen
wenn sie ihre winzigen Glaskrallen wetzen?

Spürst du das Flirren und Schlappen
mit dem ihre Lufthäute deinen Nacken streifen
riechst du den Hauch
den sie giftig hecheln?

Mit schmatzendem Schwall
werfen sie ihre Gewölle auf Teller und Tisch!

Kannst du die krausen Linien sehen
die sie so wild durch die Zimmer tanzen
bevor ihre Flügelknochen fletschend zerbrechen?
Hörst du nicht dieses rohe Krachen?
.
.
Was sagst du da –
alles ist still?


© Marlies Blauth

Als Juror dieser Runde wählte der Journalist und Literaturkritiker Günter Ott den Favoritentext aus:

Günter Ott begründet seine Gedichtwahl zum Thema Nachtgedanken

Stille Nacht – von ihr wird in diesen Tagen wieder gesungen. Doch die Nacht ist nicht still. Wer dies erfahren will, muss allerdings still sein („Psst!“), denn nur dann schärfen sich die Sinne für die Nacht draußen, mehr noch für die Nacht drinnen, für die Nacht im Menschen. Wer in seine Nacht hineinhört, in sein Dunkel geht, den überkommen Ahnungen, gespensterhafte Erscheinungen – Dinge, die vorüberwischen, vorüberzischen; die einen schrecken („deinen Nacken streifen“), die Sinne verwirren („krause Linien“, „wild … tanzen“), Abgründiges öffnen.

Natürlich lässt einen dieses Gedicht an Fledermäuse denken, zunächst. Doch es geht den entscheidenden Schritt weiter ins bedrohliche Dunkel, in eine Schattenwelt, derer wir nicht mehr Herr sind. Uns wird mitgespielt! Wir sind ausgesetzt, just da, wo wir uns unserer Häuslichkeit sicher wähnen („Gewölle auf Teller und Tisch!“).

Nachts ist der Wechsel, auch der Wechsel von Fragezeichen und Ausrufezeichen. Die Sicherungen sind durchgebrannt …
Da gibt es tatsächlich noch welche, die nichts hören, nichts sehen, nichts erahnen, die weiter von der stillen Nacht singen. Mag sein, dass sie das Lied eine Zeitlang über die Abgründe hinwegführt, aber irgendwann wird auch ihnen Hören und Sehen vergehen, wenn sie den Mut fassen, in ihr Dunkel hinabzusteigen.

Als ich den Link zum Blog von Marlies Blauth zum ersten Mal anklickte, war ich fasziniert von der Klarheit, mit der die Dichterin und Künstlerin ihre Bilder wie auch ihre Gedichte präsentiert. Inzwischen ist es immer eine besonderer Moment, Kunst Marlies Blauth aufzurufen und dort vorbeizuschauen.

Marlies Blauth

(*1957 in Dortmund; dort auch aufgewachsen; der Vater war Musiker) ist Künstlerin, studierte bei Anna Oppermann und Wil Sensen an der Universität Wuppertal
(1981 Staatsexamen Kunst/ Biologie; 1988 Diplom Kommunikationsdesign),
seit 1988 Ausstellungen im In- und Ausland (Malerei, Druckgrafik, experimentelle Techniken)
seit 2006 literarische Beiträge in Anthologien und Zeitschriften, mehrere regionale Auszeichnungen

Marlies Blauth hat in späterer Monatsgedicht-Runde nochmals gewonnen. Hier lesen Sie mehr: atomkraftwerk


„Unflugfähig“ – das Monatsgedicht für November

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

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Giuseppe Arcimboldo: Der Bibliothekar (1570)

Unflugfähig wäre wohl auch Arcimboldos Büchermensch unter dem Gewicht seiner Folianten. Doch ein „kafkaesker Traum“ im November – was könnte besser passen für diesen immer so grau empfundenen Monat. Jörg Wiedemann hebt in seinem poetischen Porträt gerade alle Schwere auf  und gibt der bizarren Welt – nicht nur der Franz Kafkas – neuen Anschein.

Unflugfähig

… im Gleichnis hast du verloren.

Kratzt sich
hinterm K. Kopf
sein Schloss und Riegel unterm
Deckflügel flügger
Vorhänge verwandelt sich
Samsalabim in
das kriechende Kerbtier

(Bitte betrachten Sie mich
nur als einen Traum
auf Stummelfüssen)

umkreist so lange heiß
den Brei bis
beim Kichern in den Schmäh
bauch es in ihm ertrinkt komplex

das eintägliche Auge schwimmt
noch oben
klettert hinaus
türmt ins Büro
zwinkert Freud zu legt
abends sich ( und eine Träne)
aufs Kanapee träumt
vom Autodafé
(von herzverbrannten Fliegen).

© Jörg Wiedemann

 

Margrit Manz traf für das Novembergedicht die Auswahl. Die Jurorin, die ihre Meriten im Aufbau zweier literarischer Einrichtungen  – 1991 die literaturWERKstatt berlin und 2000 das erste Literaturhaus der Schweiz in Basel – verdient hat, ist auch Mitbegründerin des renommierten ‚Open Mike’ sowie der Werkstatt für ‚Spoken Word’ und ‚Lyrics’ in der Schweiz. Ihre Entscheidung begründet Margrit Manz so:

 Margrit Manz über das Gedicht „Unflugfähig“ von Jörg Wiedemann

Natürlich ist ein Käfer unflugfähig, auch wenn es ihm gelingt seinen Kerbtierkörper anzuheben und in gewisse Höhen zu schrauben. Doch irgendwie landet er wieder da, wo er abgehoben hat. Es ist so wie mit dem Grashalm. Hat der Käfer die erste Hälfte erklettert, neigt sich durch sein Gewicht die vordere Halmspitze zu Boden. Ob er will oder nicht, er krabbelt an den Ausgangspunkt zurück. Erst im Traum, auf dem Käferrücken liegend, die Stummelfüße zappelnd himmelwärts gerichtet, ist eine Verwandlung erlaubt. Kichernd umkreist er im Traum den heißen Brei, in den er fast noch fällt. Freund Freud kurz zugezwinkert, hinterm Käferkopf gekratzt, trägt er seinen Schmäh-Bauch ins Büro. Verwandelt sich erneut, vielleicht in einen Menschen, und unflugfähig auch jetzt, beginnt er sein ganz alltägliches Abenteuer.

Aufgabe für das Novembergedicht war es, ein Porträt in poetischen Worten zu zeichnen.
Für mich wurden Thema und poetische Bilder am eindrucksvollsten im Gedicht „Unflugfähig“ umgesetzt. Der Dichter hat es verstanden, dem Text Leichtigkeit und Tiefe zu geben, der Sprache Humor und Virtuosität zu verleihen und den Bildern von Traum und Wirklichkeit, besser gesagt, den Mühen des Tages und der Nacht, Präsenz zu verleihen. Reich an verwandelten Materialien und Zitaten wurden die Worte präzise gesetzt, keines davon ist Zweitlösung oder Zufälligkeit.

Ob Gleichnisse gewonnen oder verloren sind, sie bleiben letztendlich Gleichnisse. Sie sind, was sie sind! So wie beim Leoparden und dem Tempel:
„Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer;
das wiederholt sich immer wieder;
schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird Teil einer Zeremonie. (Franz Kafka)

Herzlichen Glückwunsch nach Berlin zu Jörg Wiedemann, einem Autor, der voller Ideen steckt und vor allem auch als Lesender in der Literatur zuhause ist.

 Jörg Wiedemann und sein Erfahrungen mit dem Schreiben

Unter dem Motto „Rolle rückwärts oder vorwärts: Schreiben als existenzielle Turnübung“ hat Jörg Wiedemann jüngst in einer Diskussion sein Schreiben auf einen Nenner gebracht:

“Es ist das Staunen, das unbeherrschbare Hantieren mit dem Riesenspielzeug, eine Mechanik, die ich nie ganz verstehe und gerade deswegen bewundere.
Es ist Musik, Klang und besonders Rätsel, Kaleidoskop.
Dieses enigmatische Moment, das poetische, verdichtete Sprache inne hat, inauguriert, fasziniert und erschreckt mich zugleich.
Und es ist der Hiatus zur Alltagssprache zum medialen Geplapper, diesen Symplegaden, der mich antreibt und verlorenen Bedeutungen neue Gewichte verleihen möchte.

Im Schreiben, im Vers spüre ich Lebendigkeit, so wie wenn ich auf der Bühne stehe und in eine Rolle schlüpfe, es ist diese Maske, diese stets erneuerbare Larve, die mich visionär stimmt.
Oft fühle ich auch die zu großen Schuhe, Kleider, die nie passen werden.

In erster Linie schreibe ich für mich, vielleicht als psychologisches Ventil, vielleicht als opakes Teilverstehen, als nomadisches und monadisches Streifen durch die schmerzhafte allgegenwärtige Vergänglichkeit unseres Seins, einer Ontologie, der ich mich immer ein wenig ausgeliefert fühle und zu der ich beim Wortefinden um ein paar Millimeter näher zu kommen scheine.
Ich sammle schöne Worte, eindringliche Verse, verlorengehendes ‚Sprachmaterial‘ und bin am Ziel, wenn manchmal ein Satz, ein Vers, selten ein Gedicht so eine eigene Corona hat und sich illuminiert.“

Weitere biografische Daten des Gewinners, der bereits in der ersten Monatsgedicht-Serie unter den Favoriten war, erfahren Sie in der Vita an früherer Blogstelle.