10. März 2018

Aufbruchstimmung im Märchenland: „Ein Rock, ein Prinz, ein Drachenherz“

Kategorien: Autorinnen & Autoren,Bücher,Interview — Tags: , , — Michaela Didyk

Prinzessin Pauline | Interview mit Anke Gasch Foto c Kerstin Krüger

Anke Gasch / Foto © Kerstin Krüger

Vier Koffer voller Kleider müssen für eine mutige Prinzessin kein Nachteil sein

„Ich bin Autorin, Freie Lektorin, Schreibberaterin, Chefredakteurin … Genau diese Vielfalt finde ich wunderschön.“ So stellt Anke Gasch sich auf ihrer Website Frohes Schreiben! vor. Ihren Aufruf verknüpft die vielseitig ‚Wortschaffende‘ auch mit dem Anliegen der Leseförderung. Kein Wunder also, dass die Autorin mit ihrem Buch „Prinzessin Pauline zieht los“ bereits beim jungen Publikum Eindruck hinterlässt.

Dass die Abenteuer der Prinzessin aber auch Erwachsenen Vergnügen bereiten und zudem eingefahrene Denkmuster in Frage stellen, macht Anke Gasch im folgenden Interview schnell klar. Denn (nicht nur) weibliches Rollenverhalten übt sich früh ein. Aufbruch tut immer noch not. Doch es gibt Pauline. Die kleine Heldin geht als Beispiel voran. Sie besitzt genügend Mut: „Ein Rock, ein Prinz, ein Drachenherz,/ Und vorwärts, vorwärts, fix voran!“

Ein Gespräch mit Anke Gasch über ihr Bilderbuch „Prinzessin Pauline zieht los“

Prinzessin Pauline fällt in den Teich und wird vom Prinzen gerettet – das folgt bekannter Märchenart. Doch Deine Tochter, von der die Idee stammt (damals drei Jahre alt), hat den Handlungsfaden gleich weitergesponnen: Ein Drache entführt den Prinzen, den wiederum Pauline befreit.

Ganz genau war das so: Britta meinte, „Mama, mir ist da gerade eine neue Geschichte eingefallen.“ Dann berichtete sie mir vom Teichfall, der Prinzenrettung und sagte diesen Satz: „Aber dann kam ein Drache und schnappte den Prinzen weg.“ Und ich dachte nur „Wow!. Da suche ich oft stundenlang nach dem perfekten Pitch für die Geschichten, die rauswollen, und meine Tochter haut da so mir nichts dir nichts einen raus, der so viel Spannungspotenzial hat, der sofort einen inneren Film anstößt.“

Der Anfang hat sich in meinem Kopf festgesetzt und dort weitergearbeitet. Mir war klar, dass in diesem Fall nur die Prinzessin den Prinzen retten kann, völlig neu für ein Märchen, im echten Leben mit Alltagsprinzen aber durchaus normal. Also dringend Zeit, es literarisch widerzuspiegeln.

„Pauline steht zu sich und traut sich was zu“

Was hat Dich an dieser Gedankenfolge so gepackt, dass Du nicht nur gleich losgeschrieben, sondern Pauline ausgerechnet mit vier Kleiderkoffern auf den Weg geschickt hast?

Bevor ich losgeschrieben habe, musste ich mir natürlich gut überlegen, was für ein Typ Mensch Pauline sein sollte. Zu dieser Zeit zog Britta sich etliche Male am Tag um. (Und ließ die „alten“ Klamotten dann alle am Zimmerboden liegen.) Das Umziehen war ihr sehr wichtig, zu jedem Anlass gab es den richtigen Style. Ich übertrug das auf Pauline und gab einen Teil vom Anke-Kind dazu, das schon öfter mal einfach heimlich gemacht hat, was es wollte, selbst wenn es verboten war.

Und nun zu deiner Frage, was mich absolut gepackt hat. Das war der Wunsch zu zeigen, dass wir Frauen ganz Frau sein können und trotzdem zupackend und erfolgreich. Und dass es im Regelfall großartig ist, wenn ein starker Mann und eine starke Frau sich gegenseitig stützen. Ist ja erstaunlicherweise heute oft noch so, dass wir Frauen Stempel kriegen. „Emanze“, „Püppi“, „Karrierefrau“, „Hausfrau“, „Luder“ … um nur einige zu nennen.

Ich bin gegen Stempel und dafür, sich jeden Menschen ganz genau anzuschauen in seiner wunderbaren Vielfalt. Pauline steht zu sich und traut sich was zu, sie liebt eben Kleider, also kommen die auch mit, wenn sie loszieht, den Prinzen zu retten. Letztlich ist es genau ihr Kleidertick, der zum Erfolg ihrer Mission führt. Ihre vermeintliche Schwäche entpuppt sich als besondere Stärke.

Für Kinder schreiben –

Deine von Stefanie Jeschke lebendig illustrierte Geschichte richtet sich an Vier- bis Sechsjährige. Ist es Dir durch den Austausch mit Deiner Tochter leichter gefallen, Dich auf die Sprache der Kinder einzustellen? Gab es dabei nicht auch Momente, über den eigenen Schatten als Erwachsene zu springen?

Hm. Da bin ich unsicher. Meine Agentin sagt immer, meine Kinder seien nicht das Maß der Dinge. Weil in unserer Familie eben alle viel miteinander reden, fast alle am laufenden Band lesen, zwischendurch noch Audiobücher hören. Worte, Geschichten sind bei uns omnipräsent.

Mit meiner Lektorin habe ich über zwei, drei Stellen diskutiert. Verstehen Kinder das? Gehen sie bei den literarischen Sprüngen schon mit? Aber Kinder sind sehr schlau. Schlauer, als Erwachsene oft meinen. Kinder halten das nur ganz gern von uns fern und schaffen sich ihre eigene Welt.

So haben meine Lektorin und ich wunderbare Lösungen, auch Kompromisse gefunden. Gott sei Dank ist mir dadurch auch Marcus-Cäsar geblieben. Er und seine leidige Hundeangewohnheit sollten wegen mangelndem Seitenplatz gestrichen werden: Ich habe lieber an anderer Stelle gekürzt. Insgesamt hat das Lektorat dem Buch sehr gut getan, in einer Passage hätte sonst was durchaus Missverständliches gestanden.

Über meinen Schatten springen musste ich nicht wirklich, weil ich mich an viele Kindheitserlebnisse und meine Gefühle zu der Zeit gut erinnern kann. So ist auch die eher strenge Königin-Mutter entstanden. Ebenso der Vater, der von der Prinzessinnen-Power beeindruckt ist und Pauline so weit wie möglich frei handeln lässt.

– und lesen, lesen, vorlesen


Cover zu "Pauline zieht los" von Anke Gasch und ill. von Stefanie Jeschke, erschienen 2015 bei Annette Betz in der Ueberreuter Verlag GmbH, Berlin

Anke Gasch / ill. von Stefanie Jeschke „Prinzessin Pauline zieht los – Ein Rock, ein Prinz, ein Drachenherz“ erschienen 2015 bei Annette Betz in der Ueberreuter Verlag GmbH, Berlin, 12,95 €.

Audio © Anke Gasch | Die ersten drei Seiten des Buchs gelesen von der Autorin; mit freundlicher Genehmigung des Verlags


Prinzessin Pauline als literarische Figur –

Kannst Du Dir vorstellen, dass Pauline gleichsam mit Deiner Tochter heranwächst und auf diesem Weg zu einer literarischen Figur für andere Altersstufen wird?

Nein. Weil ich denke: Das kann sie jetzt schon sein. Märchen funktionieren für mich für jedes Alter. Ich selbst habe mir im letzten Jahr erst wieder einen Schwung Bilderbücher zugelegt, von denen meine Tochter die meisten gar nicht liest, die ich aber toll finde und bei Bedarf genieße oder an Besuchskinder verleihe. Unterwegs ist gerade „Der Punkt: Kunst kann jeder“. Solche Bücher sind Schokolade für die Seele, bringen was zum Klingen, stoßen was an.

– auch über das Medium Buch hinaus

Wie wichtig ist Dir das Medium Buch? Prinzessin Pauline hatte in einem Schweizer Figurentheater schon ihren Bühnenauftritt. Hier im Blog gibt es eine Audio-Version, in der Du die ersten drei Seiten des Buchs selbst liest. Wäre für Dich auch ein Wechsel ins digitale Medium vorstellbar?

Ich liebe Bücher! Bin auf Fuchurs Rücken geritten und war mit Pippi Sachen suchen, habe mit dem Sams „Frau Rosenkohl ist innen hohl“ gesungen, habe mit Amanda X ermittelt. Mit Jean Perdu war ich auf der Seine unterwegs und beim Tango tanzen … Ich mag den haptischen Genuss, das Geräusch beim Umblättern, den Papiergeruch. Vor allem dass Bilder entstehen, die nur ich so sehe, ausgelöst von fremden Schilderungen und doch ganz meine Welt, etwas, das ich beim Lesen miterschaffe.

Dennoch sind für mich alle Medien denkbar, die Geschichten lebendig machen. Denn die sind für mich das letztlich Zentrale: horizont-erweiternd, abenteuer-im-sicheren-hafen-bietend, seelenknoten-auflösend. Also ja, ich bin auch für digitale Veröffentlichungen zu haben, für alles, was da so denkbar ist, bin auch experimentierfreudig. Doch mein Herz geht so richtig auf, wenn ich ein Buch, das mich berührt, streicheln kann, und ja, ich habe das mit meinem Kindle E-Reader versucht, aber das Gefühl ist nicht dasselbe …

Vielen Dank für unser Gespräch und Deine Lesung!

 

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© Jörg Wiedemann

Mit dem Lyriker Jörg Wiedemann im Gespräch

Du liest sehr viel, nicht nur Lyrik, sondern Du befasst dich ebenso mit poetologischen und philosophischen Texten, du besuchst als begeisterter Zuhörer das Poesiefestival in Berlin. Was bedeutet Lesen für Dich, wie triffst Du die Auswahl Deiner Lektüre und wie beeinflusst es Dein Schreiben?

Ich glaube, dass es im Leben mehrere Geburten gibt, die leibliche natürlich, aber auch etliche postnatale. Eine für mich sehr entscheidende sind die Wehen der Sprache, des Sprechens gewesen und dann etwas zeitversetzt die des Lesens. Ich kann mich sehr genau an die Haltung meiner Mutter erinnern vor dem aufgeschlagenen Buch – abends im Bett oder in einem Wartezimmer. Als ich selbst lesen lernte, war keine Bibliothek vor mir sicher. Die Dame an der Ausleihe schaute (nur) am Anfang sehr skeptisch, wenn ich mit einem Bücherstapel – meist Märchen und fast so groß wie ich selbst – vor ihr auftauchte. Es gibt ein tolles Kinderbuch über einen Fuchs, der so buchverliebt ist, dass er alle seine gelesenen Exemplare wahrhaftig auffrisst. Ein wenig fühle ich mich diesem speziellen Meister Reineke verbunden.

Das Lesen in Büchern wurde zu einer wachsenden Haut. Die Unterhaltung mit ihnen, ihren (fiktiven) Protagonisten, ihren Ideen und Sehnsüchten war und ist existenzieller Atem. Ich verlasse nie meine Wohnung, ohne mindestens ein Buch, Stift und Notizheft in der Tasche zu haben. Früher fand ich meine Bücher oft im Kanon der Weltliteratur, dann über die Feuilletons großer Zeitungen, jetzt auch im Internet. Oder – und das waren oft die besten Tipps – in den Büchern selbst über Verweise auf andere Autoren.

© Jörg Wiedemann | Haargenau so war es

Vom Lesen zum Schreiben

Erst das Lesen, lange Zeit und intensiv, führt zum eigenen Schreibimpuls. So war es jedenfalls bei mir. Als müsste man sich allmählich an das Raubtier Sprache von außen gewöhnen, ehe man sich in den Käfig hineinwagt – die Hand ausgestreckt vor dem zähnebestückten Maul des Alphabets (vom Streicheln des Fells will ich hier gar nicht reden). Jetzt ist es so, dass ich beim Lesen von Prosa und Lyrik stets einen Bleistift zur Hand habe und für mich schöne Episoden, Passagen, Sätze, Verse markiere oder ebenso eigene Gedanken dazu notiere.

In meine Gedichte gehen auf diese Weise mehr oder weniger versteckt erlesene Gestalten (aus Mythologie, Märchen, Roman) ein. Außerdem gelangen Ideen, Erkenntnisse (aus Psychologie, Philosophie, aus den Naturwissenschaften) in die Texte. Da das Gedicht mir das renitenteste Genre zu sein scheint, erlaube ich mir, das zu tun. Es geht mir dabei allerdings wie den Ureinwohnern Nordamerikas, die für das Töten eines Tiers und das damit verbundene Sakrileg rituelle Abbitte leisteten.

Manchmal veranlasst mich der Klang eines Verses oder einer gelungenen Prosa-Passage zum Schreiben. Es wird quasi zu einem Schatten, zu einer Variation des Gelesenen. Ich bin dabei Gast in beiden Welten, ein Geschenk, eine Tortur und eigentlich eine Unmöglichkeit. Mit dieser extremen Koexistenz muss der Autor leben (lernen).

© Jörg Wiedemann | Tiden Pantum

Im Dialog mit Ovid moderne Schreibanregung finden

Lesen steht für Kommunikation. Du redest also mit vielen – auch toten – Dichtern. Was reizt Dich daran, beispielsweise mit Ovid einen Dialog zu führen?

Das ist genau das Spannende am Lesen – dieser Dialog. Ich selbst fühle schon einige Stimmen in meiner Brust. Doch das Stimmengewirr in den Büchern erschallt so mannigfaltig, dass mir von diesem Kopfkino fast schwindlig werde könnte. Ich liebe dieses „Kommunizieren“. Das liegt vor allem daran, dass ich es jederzeit tun kann, Zeit und Raum kaum eine Rolle spielen und ich mir die Person aussuchen kann.
Im Dialog mit Ovid beziehungsweise mit dem, was er in seinen Werken spricht, liegen zwei Jahrtausende zwischen uns. Ich wäre also sein Ur-Ur-Ur-…-Urahn. Trotzdem spricht er mich an, und ich kann ihm antworten. Das ist grandios und nur über Sprache und Bücher vermittelbar.

Die Metamorphosen des ‚Naso‘ sind in Hexametern gedichtet. Wenn ich Latein gut könnte, würde ich diesen Klangteppich im Original genießen. So bin ich auf Übertragungen angewiesen, die mir den Inhalt möglichst nahe bringen, aber Lautgestalt, Andeutungen und Wortspiel nur unvollständig wiedergeben.
Die Idee eines in strenger Form verfassten Werkes ist für mich die einer geschlossenen Welt, in der alles aus allem entsteht und nichts verloren geht – wie beim Energie-Erhaltungssatz. Wenn ich also diese Verwandlungen heute lese, verstehe ich sie vielfach anders, als Ovid sie wahrscheinlich gemeint hat. Aber der Impuls zum eigenen Schreiben, Denken, Interpretieren steigt auf.

Die Metamorphose als Bild für das Schreiben

Außerdem gibt es Ausfällungen, die konstant bleiben und ich versuche diese Lösungen zu schütteln, – bis der Niederschlag sichtbar wird. Mit diesem Extrakt experimentiere ich und kippe eigene Substanzen aus meiner Zeit, Kultur und Einstellung hinzu. Ich reibe mich auch an der Versform Ovids. So habe ich den Anfang jedes Buchs im Hexameter verfasst. Ich kündige ihn aber sonst auf, weil ich weiß, dass die Welt heute kein Ganzes mehr ist, und die strenge Form auch nicht meine Art zu schreiben ist. Wortspiel und Andeutungen versuche ich dagegen in moderne Befindlichkeiten zu übersetzen.

Die Metamorphose kann generell ein Bild für das Schreiben (und Lesen) sein. Somit ist der Grundton in Ovids Werk sehr modern – oder zeitlos. Wenn zum Beispiel die Waffen des toten Achill vergeben werden und die geschliffene, kluge Rede des Odysseus über die rohe Muskelgewalt des Ajax siegt, so fühle ich, wie auch Ovid diese Wendung von der Tat zum Wort und Denken gefällt und er sie sprachlich zelebriert. Weil wir uns Dinge in unserer Phantasie vorstellen und sie lediglich überlegen, anstatt sie ausführen zu müssen, hat sich unser Menschsein auch kultiviert und unsere Ängste wahrscheinlich relativiert. Diese moderne Idee ist für mich schon bei Ovid angelegt. Die vielen Einschübe, in denen Rückschau gehalten wird, sind bemerkenswert. Das heißt nun nicht, dass die Metamorphosen ein Lagerfeuer-Buch sind, in dem alle friedlich zusammen singen. Aber der moderne Akzent, den ich heraushöre, fasziniert mich bei dem zweitausend Jahre alten Dichter aus Sulmo.

© Jörg Wiedemann | Ein Nasobem als Welttheater

Sprache – zum Sprechen gemacht

Du bist auch im Theater zuhause, stehst selbst auf der Bühne und einige Gedichte sind hier im Rahmen des Interviews zu hören. Wie verhalten sich das „stille Wort“ während der Lektüre und der gesprochene Text zueinander? Was geschieht hier mit der Sprache?

Das ist eine wunderbare Frage und wahrscheinlich ist jeder, der schreibt, beeindruckt und überrascht von diesem dynamischen Verhältnis.
Zunächst – das Theater ist so etwas wie meine zweite Heimat (ähnlich wie die Bibliotheken). Das hat mit den Möglichkeiten der Rolle und vor allem mit der Unmittelbarkeit und Direktheit des Dramatischen, der Bühne zu tun: In einer beschienenen Rotunde schlüpfen die Akteure in Kostüme ihres Selbst und befreien das geschriebene Wort. Sie machen es lebendig und dreidimensional. Aus der Stille eines beschriebenen Blattes wird das Anrufen, der Aufschrei und somit der Pfeil abgeschossen coram publico.

Ein solcher Auftritt hat etwas mit dem Gedicht gemeinsam. Der Verfasser verkleidet sich ebenfalls. Seine Person ist hinter den Worten, Zeilen, Versen und Bildern eingekleidet und versteckt. Das Wesen der Rolle ermöglicht es, Dinge so kunstvoll zu verschleiern, dass der Leser sich danach sehnt, über die Schemen  die Umrisse für sich zu erkennen. Der Vorgang erinnert an Platons Höhlengleichnis, dem gemäß wir zunächst die Schatten der Dinge wahrnehmen. Erst die Drehung, erst der Wechsel der Perspektive führt dazu, die wahre Natur außerhalb der Höhle zu bewundern.

© Jörg Wiedemann | Stimmgabel Stimmbabel

Von der Lektüre zum Auftritt

Die Sprache ist meines Erachtens für das Sprechen gemacht. Ob der gemeinsame Tanz ums Feuer oder andere Einflüsse zum Wortklang, zur Wortbildung führten – wer weiß. Erst im zweiten Schritt gab es die Besinnung auf die stille Sprache, das Schreiben, Lesen, das ged(r)uckte Wort. Nur wer als ein Schlangenbeschwörer diese lautlose Augenmotorik aus den Buchseiten über den Mund in die Welt befördert, kann mit seiner Flöte erahnen, welche ästhetische Bewegung und Musik der Sprache innewohnt. Wie sie sich hochringelt, zischend, gefährlich, überbordend, und ein Gedicht dadurch zum Erlebnis wird, zu Rhythmus und Lautgestalt.

Doch ohne die stille Arbeit vorab geht es nicht. Beim Drama nicht und nicht beim Vers. Sie ist der Boden und zugleich der Bogen, der sich für den singenden Pfeil spannt. Der Kreislauf von oraler Kultur zu geschriebener und wieder zurück macht die Dynamik und das Lebendige unseres Denkens und Fühlens spürbar. Als Autor verstehe ich mich als Dolmetscher, als einen Übersetzer im doppelten Sinn, der den Nachen von einem Ufer zum anderen begleiten darf.

Ich danke Dir für unser Gespräch!

 

Auf den folgenden Seiten können Sie noch mehr über Jörg Wiedemann erfahren und seine von den jeweiligen Jurorinnen gekürten Monatsgedichte lesen: