10. März 2018

Aufbruchstimmung im Märchenland: „Ein Rock, ein Prinz, ein Drachenherz“

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Prinzessin Pauline | Interview mit Anke Gasch Foto c Kerstin Krüger

Anke Gasch / Foto © Kerstin Krüger

Vier Koffer voller Kleider müssen für eine mutige Prinzessin kein Nachteil sein

„Ich bin Autorin, Freie Lektorin, Schreibberaterin, Chefredakteurin … Genau diese Vielfalt finde ich wunderschön.“ So stellt Anke Gasch sich auf ihrer Website Frohes Schreiben! vor. Ihren Aufruf verknüpft die vielseitig ‚Wortschaffende‘ auch mit dem Anliegen der Leseförderung. Kein Wunder also, dass die Autorin mit ihrem Buch „Prinzessin Pauline zieht los“ bereits beim jungen Publikum Eindruck hinterlässt.

Dass die Abenteuer der Prinzessin aber auch Erwachsenen Vergnügen bereiten und zudem eingefahrene Denkmuster in Frage stellen, macht Anke Gasch im folgenden Interview schnell klar. Denn (nicht nur) weibliches Rollenverhalten übt sich früh ein. Aufbruch tut immer noch not. Doch es gibt Pauline. Die kleine Heldin geht als Beispiel voran. Sie besitzt genügend Mut: „Ein Rock, ein Prinz, ein Drachenherz,/ Und vorwärts, vorwärts, fix voran!“

Ein Gespräch mit Anke Gasch über ihr Bilderbuch „Prinzessin Pauline zieht los“

Prinzessin Pauline fällt in den Teich und wird vom Prinzen gerettet – das folgt bekannter Märchenart. Doch Deine Tochter, von der die Idee stammt (damals drei Jahre alt), hat den Handlungsfaden gleich weitergesponnen: Ein Drache entführt den Prinzen, den wiederum Pauline befreit.

Ganz genau war das so: Britta meinte, „Mama, mir ist da gerade eine neue Geschichte eingefallen.“ Dann berichtete sie mir vom Teichfall, der Prinzenrettung und sagte diesen Satz: „Aber dann kam ein Drache und schnappte den Prinzen weg.“ Und ich dachte nur „Wow!. Da suche ich oft stundenlang nach dem perfekten Pitch für die Geschichten, die rauswollen, und meine Tochter haut da so mir nichts dir nichts einen raus, der so viel Spannungspotenzial hat, der sofort einen inneren Film anstößt.“

Der Anfang hat sich in meinem Kopf festgesetzt und dort weitergearbeitet. Mir war klar, dass in diesem Fall nur die Prinzessin den Prinzen retten kann, völlig neu für ein Märchen, im echten Leben mit Alltagsprinzen aber durchaus normal. Also dringend Zeit, es literarisch widerzuspiegeln.

„Pauline steht zu sich und traut sich was zu“

Was hat Dich an dieser Gedankenfolge so gepackt, dass Du nicht nur gleich losgeschrieben, sondern Pauline ausgerechnet mit vier Kleiderkoffern auf den Weg geschickt hast?

Bevor ich losgeschrieben habe, musste ich mir natürlich gut überlegen, was für ein Typ Mensch Pauline sein sollte. Zu dieser Zeit zog Britta sich etliche Male am Tag um. (Und ließ die „alten“ Klamotten dann alle am Zimmerboden liegen.) Das Umziehen war ihr sehr wichtig, zu jedem Anlass gab es den richtigen Style. Ich übertrug das auf Pauline und gab einen Teil vom Anke-Kind dazu, das schon öfter mal einfach heimlich gemacht hat, was es wollte, selbst wenn es verboten war.

Und nun zu deiner Frage, was mich absolut gepackt hat. Das war der Wunsch zu zeigen, dass wir Frauen ganz Frau sein können und trotzdem zupackend und erfolgreich. Und dass es im Regelfall großartig ist, wenn ein starker Mann und eine starke Frau sich gegenseitig stützen. Ist ja erstaunlicherweise heute oft noch so, dass wir Frauen Stempel kriegen. „Emanze“, „Püppi“, „Karrierefrau“, „Hausfrau“, „Luder“ … um nur einige zu nennen.

Ich bin gegen Stempel und dafür, sich jeden Menschen ganz genau anzuschauen in seiner wunderbaren Vielfalt. Pauline steht zu sich und traut sich was zu, sie liebt eben Kleider, also kommen die auch mit, wenn sie loszieht, den Prinzen zu retten. Letztlich ist es genau ihr Kleidertick, der zum Erfolg ihrer Mission führt. Ihre vermeintliche Schwäche entpuppt sich als besondere Stärke.

Für Kinder schreiben –

Deine von Stefanie Jeschke lebendig illustrierte Geschichte richtet sich an Vier- bis Sechsjährige. Ist es Dir durch den Austausch mit Deiner Tochter leichter gefallen, Dich auf die Sprache der Kinder einzustellen? Gab es dabei nicht auch Momente, über den eigenen Schatten als Erwachsene zu springen?

Hm. Da bin ich unsicher. Meine Agentin sagt immer, meine Kinder seien nicht das Maß der Dinge. Weil in unserer Familie eben alle viel miteinander reden, fast alle am laufenden Band lesen, zwischendurch noch Audiobücher hören. Worte, Geschichten sind bei uns omnipräsent.

Mit meiner Lektorin habe ich über zwei, drei Stellen diskutiert. Verstehen Kinder das? Gehen sie bei den literarischen Sprüngen schon mit? Aber Kinder sind sehr schlau. Schlauer, als Erwachsene oft meinen. Kinder halten das nur ganz gern von uns fern und schaffen sich ihre eigene Welt.

So haben meine Lektorin und ich wunderbare Lösungen, auch Kompromisse gefunden. Gott sei Dank ist mir dadurch auch Marcus-Cäsar geblieben. Er und seine leidige Hundeangewohnheit sollten wegen mangelndem Seitenplatz gestrichen werden: Ich habe lieber an anderer Stelle gekürzt. Insgesamt hat das Lektorat dem Buch sehr gut getan, in einer Passage hätte sonst was durchaus Missverständliches gestanden.

Über meinen Schatten springen musste ich nicht wirklich, weil ich mich an viele Kindheitserlebnisse und meine Gefühle zu der Zeit gut erinnern kann. So ist auch die eher strenge Königin-Mutter entstanden. Ebenso der Vater, der von der Prinzessinnen-Power beeindruckt ist und Pauline so weit wie möglich frei handeln lässt.

– und lesen, lesen, vorlesen


Cover zu "Pauline zieht los" von Anke Gasch und ill. von Stefanie Jeschke, erschienen 2015 bei Annette Betz in der Ueberreuter Verlag GmbH, Berlin

Anke Gasch / ill. von Stefanie Jeschke „Prinzessin Pauline zieht los – Ein Rock, ein Prinz, ein Drachenherz“ erschienen 2015 bei Annette Betz in der Ueberreuter Verlag GmbH, Berlin, 12,95 €.

Audio © Anke Gasch | Die ersten drei Seiten des Buchs gelesen von der Autorin; mit freundlicher Genehmigung des Verlags


Prinzessin Pauline als literarische Figur –

Kannst Du Dir vorstellen, dass Pauline gleichsam mit Deiner Tochter heranwächst und auf diesem Weg zu einer literarischen Figur für andere Altersstufen wird?

Nein. Weil ich denke: Das kann sie jetzt schon sein. Märchen funktionieren für mich für jedes Alter. Ich selbst habe mir im letzten Jahr erst wieder einen Schwung Bilderbücher zugelegt, von denen meine Tochter die meisten gar nicht liest, die ich aber toll finde und bei Bedarf genieße oder an Besuchskinder verleihe. Unterwegs ist gerade „Der Punkt: Kunst kann jeder“. Solche Bücher sind Schokolade für die Seele, bringen was zum Klingen, stoßen was an.

– auch über das Medium Buch hinaus

Wie wichtig ist Dir das Medium Buch? Prinzessin Pauline hatte in einem Schweizer Figurentheater schon ihren Bühnenauftritt. Hier im Blog gibt es eine Audio-Version, in der Du die ersten drei Seiten des Buchs selbst liest. Wäre für Dich auch ein Wechsel ins digitale Medium vorstellbar?

Ich liebe Bücher! Bin auf Fuchurs Rücken geritten und war mit Pippi Sachen suchen, habe mit dem Sams „Frau Rosenkohl ist innen hohl“ gesungen, habe mit Amanda X ermittelt. Mit Jean Perdu war ich auf der Seine unterwegs und beim Tango tanzen … Ich mag den haptischen Genuss, das Geräusch beim Umblättern, den Papiergeruch. Vor allem dass Bilder entstehen, die nur ich so sehe, ausgelöst von fremden Schilderungen und doch ganz meine Welt, etwas, das ich beim Lesen miterschaffe.

Dennoch sind für mich alle Medien denkbar, die Geschichten lebendig machen. Denn die sind für mich das letztlich Zentrale: horizont-erweiternd, abenteuer-im-sicheren-hafen-bietend, seelenknoten-auflösend. Also ja, ich bin auch für digitale Veröffentlichungen zu haben, für alles, was da so denkbar ist, bin auch experimentierfreudig. Doch mein Herz geht so richtig auf, wenn ich ein Buch, das mich berührt, streicheln kann, und ja, ich habe das mit meinem Kindle E-Reader versucht, aber das Gefühl ist nicht dasselbe …

Vielen Dank für unser Gespräch und Deine Lesung!

 

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22. Januar 2018

„Das Alphabet des Denkens“ – oder wie Wörter wirken

Kategorien: Bücher,Buchserie | Dichten,Sprache — Tags: , , — Michaela Didyk

Dass Sprach- und Hirnforschung kurzweilig und vor allem verständlich sein kann, beweist das „Alphabet des Denkens“ von Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen.
Günter Ott bespricht als Gastautor das Buch. Erfahren Sie an so manchem Beispiel, wie und warum Wörter wirken.

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Wörter wirken, das zeigt das Alphabet des Denkens - bunte Buchstaben im Raum kreisend angeordnet

Visuelle Vorstellungen beim Klang von Wörtern

Stellen Sie sich ein gezacktes Gebilde vor und daneben ein anderes mit runden Ausstülpungen. Wenn Sie nun diese beiden Darstellungen mit einem Fantasienamen versehen sollten: Welche würden Sie als „Kiki“, welche als „Bouba“ bezeichnen?

Die große Mehrheit, so der Test eines Neurowissenschaftlers, entschied, die rundliche Figur solle „Bouba“, die zackige „Kiki“ heißen. Warum? Weil „Bouba“ weicher klingt als das schrill-harte „Kiki“. Dieses Experiment zeigt, dass mit dem Klang von Wörtern visuelle Vorstellungen verbunden sind.

Das ist nicht so überraschend. Man sehe nur auf die Poesie und ihre Lautmalereien (und Synästhesien). Oder zitiere Christian Morgenstern: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen.“

Wie steht es um die Wörter? Spielen sie ein doppeltes Spiel mit uns? Eines, das wir zu beherrschen glauben, und eines, das „unter der Hand“ mitläuft? Wir wissen (im besten Fall), was wir sagen, aber wir wissen längst nicht immer, warum und wie wir dies tun.

Dem Alphabet des Denkens auf der Spur

Wie wirken also Wörter? Welche Macht haben sie über uns? Was verraten sie über unser Denken? Solche grundlegenden, spannenden Fragen verhandelt das aufsehenerregende Buch „Das Alphabet des Denkens“ der beiden Zeit-Autorinnen Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen.

Sie haben sich durch neuere und neueste Untersuchungen von Sprach- und Hirnforschern gearbeitet und die Ergebnisse kurzweilig und verständlich komprimiert – zudem mit dem nötigen Abstand zweier Wissenschafts-Redakteurinnen. Sie teilen eine Fülle von Erstaunlichem über Sprache und Denken mit, wissen aber auch um vorläufige, nicht ausreichend gestützte Testergebnisse, kurz: um die noch ungelösten Rätsel der Wissenschaft.

Nach der Lektüre weiß der Leser besser, was ihm von der Zunge und was ihm in Ohr und Gehirn geht.

Laute und Wörter setzen emotionale Schwingungen in Gang. Das macht sich nicht zuletzt die Werbung zunutze. Wohlklingende Namen können die Vorliebe für ein Produkt steigern. Versuchspersonen schätzten eine Seife als milder ein, wenn sie „Iseck“ und nicht „Oseck“ hieß. Ein Bier namens „Teyag“ stellten sie sich heller vor als eines mit dem Namen „Teyog“.

Nicht ohne – die Kraftausdrücke

Besonders emotionale Wörter sind Kraftausdrücke. Was sind die letzten Worte von Menschen, die ahnen, dass sie in einem abstürzenden Flugzeug sitzen? Nicht selten, so übermitteln es Aufzeichnungen von Flugschreibern, stoßen sie in ihrer ausweglosen Verzweiflung Schimpfwörter aus: „Was für einen Scheiß haben die gemacht?“ „Das war’s Leute! Fuck!“ Oder einfach: „Fuckkkkkk!“

Warum fluchen Deutsche anders? Schreit der Engländer „fuck“, schimpft der Deutsche „scheiße“. Dem Sexuellen steht das Exkrementelle gegenüber – allerdings nicht durchgängig. Man höre auf die Jugendlichen: „Fick dich!“, „Wichser“. Schimpfwörter, so wurde gemessen, können gegen Schmerzen helfen. Sie lösen Stress aus und steigern die Leistungsfähigkeit.

Ein Psychologe forderte Probanden auf, ihre Hände in eiskaltes Wasser zu tauchen – was sehr bald wehtut. Die Testpersonen durften entweder laut schimpfen oder harmloses Zeug reden. Haben sie geflucht, hielten sie es im Schnitt 40 Sekunden länger im Eiswasser aus als die andere Gruppe.

Der „sprachliche Fingerabdruck“

Die renommierten Experten (die im Buch alle ausgewiesen sind) nehmen längst nicht mehr nur das große Ganze unter die Lupe, sondern etwa die Menge der in einem Text verwendeten Artikel, Personalpronomen, Konjunktionen. In Teilen vermögen sie, daraus so etwas wie einen „sprachlichen Fingerabdruck“ zu erstellen – was sogleich Detektive und Geheimdienste aufhorchen lässt.

Sagt jemand häufiger „ich“ und „mein“ als „du“, „er“, „wir“, „sie“? Die Tonbandaufnahmen zum Watergate-Skandal (die geheime Abhöraktion gegen das Hauptquartier der US-Demokraten) ergaben, wie der amtierende Präsident Nixon immer stärker unter Druck kam, wie sich seine sprachliche Dominanz minderte und am Ende statt des vorher viel beschworenen „wir“ nur noch „ich“ übrig blieb.

Der (manipulativen) Politiker-Sprache ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie der „Heilkraft der Worte“. Im Übrigen bietet die Wissenschaft genügend Belege für die Horizonterweiterung durch Zweisprachigkeit. Dazu eine Psychologin: „Einwandererkinder werden oft gedrängt, ihre Herkunftssprache aufzugeben. Das ist aus mehreren Gründen ein Fehler. Es ist ein Verlust für die Familien, und es ist eine Vergeudung von Chancen.“

Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen: „Das Alphabet des Denkens. Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt“ [Amazon-Link zum Buch]

Günter Ott leitete das Feuilleton der Augsburger Allgemeinen Zeitung und arbeitet weiterhin als freier Journalist und Literaturkritiker.


2. November 2017

Begehbare Künstlerbücher

Kategorien: Ausstellungen,Bücher,Fundstücke — Tags: , — Michaela Didyk

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Erró in: Infra noir, 1972. Foto © Erró, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Erró in: Infra noir, 1972. Buch sowie 12 illustrierende Kuben aus Polyesterharz, mit Skulptur-Collagen von Erró im Inneren der Kuben. / Foto: © Erró, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Ausstellung „Showcase“ in der Bayerischen Staatsbibliothek München

Zwölf Würfel in einem Metallgestell – soll das ein Buch sein? Der isländische Künstler Erró hat in Formen aus Polyesterharz surreal anmutende Objekte eingeschlossen: Ein Känguru springt durch einen pompösen Bilderrahmen, ein Schwein liegt auf dem Hausdach, ein zweites fährt Motorrad. Einige Kuben bergen Texte und Gemälderreproduktionen. Da man die Würfel im Ständer beliebig ordnen kann, entsteht eine Vielzahl von Geschichten. Doch es geht nicht nur um Deutungsvielfalt und die Kunst generell. Erró bezieht seine Arbeit auf Texte von Claude Pélieu, die er mit den „Ereignisse-Collagen“ illustriert. Pélieus Gedichtband steckt in einem Schuber und bildet den Sockel des variablen Objekts.

Über 14.000 Künstlerbücher verfügt die spezielle Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München. 72 Exponate, darunter Werke von Pablo Picasso, Joan Miró und Max Ernst, sind bis Januar unter dem Motto „Showcase“ zu sehen. Die Bücher sind – das zeigt die repräsentative wie illustre Auswahl – nicht mit bibliophilen Ausgaben zu verwechseln, die sich meist durch Aufmachung und kostbares Material auszeichnen. Denn dem Künstlerbuch sind selbst billige Herstellung und Massenware nicht fremd.

Künstlerbücher im groß angelegten Format

Seit den 1950er Jahren etablieren sich Künstlerbücher als eigenständige Kunstwerke. Sie bilden den Schwerpunkt der Münchner Schau. „Alles auf der Welt ist da, um in ein Buch zu münden“, so zitiert Anselm Kiefer den Dichter Stéphane Mallarmé. Das Buch wird zum Medium künstlerischen Ausdrucks und verwischt die Grenze zum Objekt. Kiefer führt es bei „Euridike“ vor: Fotos sind auf massive Kartonblätter geklebt, zugleich aber unter einer dunklen, mit Asche vermischten Schicht begraben.

Fast 40 Jahre hielt die Bildhauerin Louise Bourgeois den teils autobiographischen Roman „The Puritan“ zurück, bis sie den Text 1990 veröffentlichte. Sie ergänzte ihn um acht Stiche mit geometrischen Zeichnungen, die sie von Hand weiterbearbeitete. Das großzügige Format und die ordnende Kraft der Bilder, halten Ruhe und Distanz zum erzählten Geschehen.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Emil Siemeister: Die Sieben Bußpsalmen, 2016-2017 Signatur: 2 L.sel.III 493 | Foto: © Emil Siemeister, BSB

Emil Siemeister: Die Sieben Bußpsalmen, 2016-2017 Signatur: 2 L.sel.III 493 / Foto: © Emil Siemeister, BSB

Raumgreifende Buchprojekte

Katharina Gaenssler schafft digitale Rauminstallationen, die sie im Anschluss dokumentiert. Großaufnahmen, in denen sie Raffaels „Sixtinische Madonna“ Ausschnitt für Ausschnitt fotografisch festhält, vereint die Künstlerin zum Buch. Es erinnert in seiner Farbpracht und Monumentalität an einen wertvollen Codex, wie man ihn aus dem reichen Handschriften-Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek kennt.

Eine Besonderheit ist auch das größte Künstlerbuch der Ausstellung. Emil Siemeister hat ein begehbares Unikatbuch geschaffen! Ihm liegt die imposante Musikhandschrift „Sieben Bußpsalmen“ mit der Vertonung von Orlando di Lasso zugrunde. Siemeister greift auf Hans Mielichs aufwändige Ausmalung der beiden Chorbücher aus dem 16. Jahrhundert zurück und überträgt Motive mit Nachleuchtfarbe auf Kunststofffolien. Betritt man den abgedunkelten „Buch-Raum“, strahlen die Bilder abwechselnd in geheimnisvollem Grün kurz auf und verblassen dann wieder.

Konzeptkunst und Fluxus – Schachtel, Naturalien, Leporello

Bereits 1964 veröffentlichte George Maciunas in New York die Anthologie „Fluxus 1“. Zu sehen ist eine schmale Holzkiste, deren Inhalt sich über den Schaukasten verteilt: 15 Künstler steuerten Objekte wie Eventkarten, Briefmarken, Origamifigürchen, Fotografien und Tonbandstreifen bei.

Nahezu alles kann Eingang finden ins Künstlerbuch. Dafür steht vor allem der Name von Joseph Beuys. Er bereichert die Präsentation durch seine „1a gebratene Fischgräte“. Unter diesem Titel verweist ein beschrifteter Karton mit Gräte nebst Garnrolle, Schere und Gesprächsprotokoll auf eine Aktion des Künstlers von 1970. Beuys‘ Motto: „Ich bin interessiert an der Verbreitung von physischen Vehikeln in Form von Editionen, weil ich an der Verbreitung von Ideen interessiert bin.“

Dieter Roths Halbjahresschrift „Poeterei“ von 1967/68 würde übel und ranzig riechen, läge sie nicht – zum Glück für die Betrachter/innen – hinter Glas. In Stanniol eingewickeltes fettiges Fleisch ist als „Originalobjekt“ einer Bleistiftzeichnung zugefügt, die sinnigerweise einen Hammel zeigt. Laut Ausstellungskatalog existieren auch Varianten mit Sauerkohl, Würstchen und Käse.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - George Maciunas: Fluxus 1, 1964. Signatur: L.sel.III 38 | Foto: © George Maciunas, George Maciunas Foundation/VG Bild-Kunst , Bonn 2017

George Maciunas: Fluxus 1, 1964. Signatur: L.sel.III 38 / Foto: © George Maciunas, George Maciunas Foundation/VG Bild-Kunst , Bonn 2017

Leporellos, soweit die Straße reicht

Ed Ruschas berühmtes Leporello „Every Building on the Sunset Strip“ misst ausgelegt 7,5 Meter! Es zeigt die spiegelbildlich gegenübergestellten Straßenseiten des legendären Boulevards, die Ruscha 1966 während der Autofahrt mit laufender Kamera aufnahm. Der weiße Mittelstreifen zwischen den beiden Panorama-Ansichten führt Hausnummern und die Namen der Querstraßen auf.

In der Vitrine daneben ist eine Art Vorläufer-Arbeit zu sehen. Yoshikazu Suzukis Leporello von 1954 enthält in ebenfalls gespiegelter Reihung Fotos aus dem Geschäfts- und Vergnügungsviertel Tokios. In diesem Leporello verzeichnet der Mittelstreifen zwischen den Bildsequenzen Veränderungen der Umgebung.

Die typografische Revolution – Künstlerbücher der Avantgarde

In welcher Form und Ausführung auch immer  – die Buchobjekte eröffneten den Urheber/innen einen neuen Markt, der sie von Galerien unabhängiger machte. Vor allem die gesellschaftskritischen Impulse gaben den Künstlereditionen Auftrieb. Mit ihrer Verbreitung rückte auch die Avantgarde von ehedem wieder in den Blick.

Denn schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts griffen Futuristen und Dadisten auf schmale, oft billig hergestellte Bücher und Hefte zurück, um ihre Ideen kundzutun. Filippo Tommaso Marinetti, der Begründer des italienischen Futurismus, propagierte die „Befreiung der dichterischen Wörter“. Dieser Appell zog zwangsläufig die Freiheit der typografischen Gestaltung nach sich, die für die Künstlerbücher jener Epoche typisch ist. Kein Wunder, dass der konventionelle Buchdruck mit gleichlaufendem Schriftbild im ausgestellten Exponat Marinettis in Aufruhr gerät. Buchstaben und Zahlen unterschiedlicher Größe und voller Dynamik besetzen die Fläche und muten wie eine spielerische Collage an.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - Kasimir Malewitsch in: Troe, 1913. Umschlagvorderseite: Lithografie von Kasimir Malewitsch. Signatur: L.sel.III 26 | Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

Kasimir Malewitsch in: Troe, 1913. Umschlagvorderseite: Lithografie von Kasimir Malewitsch. Signatur: L.sel.III 26 / Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

Entschiedener noch rief der russische Futurist Alexej Krutschonych in seiner berühmten Deklaration zur Befreiung des „in Ketten“ liegenden Wortes auf. Er kündigte für die Zukunft die experimentelle poetische „Zaum-Sprache“ an. Kasimir Malewitsch schuf 1913 den Umschlag des Sammelbands „Troe“, der dieses Manifest enthält. Wassili Kamenski wiederum realisierte die sprachlichen Experimente auf gemustertem Tapetenpapier. Für seine „Stahlbetongedichte“ teilte er die Seiten in eckige Flächen, die er mit vielfach variierten Buchstaben und Ziffern füllte.

Die Anfänge des Dadaismus im Jahr 1916 beschwört schließlich Hugo Balls Heft „Cabaret Voltaire“ herauf. Es ist in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen und versammelt unter seinem leuchtend roten Deckblatt künstlerische und literarische Beiträge der wichtigsten Dada-Künstler.

William Blake als ‚Urvater‘ der Künstlerbücher

Den anderen Exponaten in „Showcase“ zeitlich weit vorausgreifend, setzt William Blakes „The Song of Los“ (1795) einen Meilenstein in der Geschichte der Künstlerbücher. Um die einzelnen Seiten mit der von ihm erfundenen Reliefätzung zu drucken, schrieb William Blake die Wörter mit der Feder seitenverkehrt auf die Kupferplatten und führte die Bildelemente mit dem Pinsel aus. Nach dem Druck kolorierte er die Zeichnungen von Hand mit Wasserfarbe.

Den Ausstellungsmachern der Bayerischen Staatsbibliothek gilt der Dichter und Maler der englischen Romantik als „quasi mythischer Urvater“. Denn in seiner Doppelrolle führte Blake alle Arbeitsgänge selbst aus, die für die Gestaltung und Herstellung seiner Bücher notwendig waren.

Künstlerbücher in der Bayerischen Staatsbibliothek - William Blake: The song of Los, 1795. Signatur: Chalc. 160 (frühere Signatur: 2 L.sel.l 45) | Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

William Blake: The Song of Los, 1795. Signatur: Chalc. 160 (frühere Signatur: 2 L.sel.l 45) / Foto: © Bayerische Staatsbibliothek

  • „Showcase“ – Künstlerbücher aus der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München

Die sehenswerte Ausstellung in den Schatzkammern der Staatsbibliothek dauert bis zum 7. Januar 2018. Der unter dem Titel „Showcase“ erschienene  Katalog zeigt die 72 Exponate in Farbabbildung und dokumentiert die vielfältigen Erscheinungsformen des Künstlerbuchs.

In einer Begleitveranstaltung diskutieren am 7. November 2017, 19 Uhr, Hubert Kretschmer und Reinhard Grüner über die Aufgaben und Möglichkeiten, die das Sammeln von Künstlerbüchern mit sich bringt:  We keep on fighting … – zwei Sammler, zwei Konzepte zum wahren Künstlerbuch