Auf ein Neues: Johanna Klara Kuppe stellt mit ihrer Übersetzung auch das Monatsgedicht im September

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

Glück ist verschwenderisch und lässt sich gerne dort nieder, wo es schon einmal war. Zumindest verhält es sich so bei den Monatsgedichten. Vier Favoriten hatte Jurorin Barbara Yurtdas für ihre abschließende Entscheidung „feinsortiert“. Johanna Klara Kuppe machte mit ihrer Übersetzung eines „Chanson Populaire“ aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts das Rennen.
Ein schlichtes Lied bekam vor anspruchsvolleren Vorlagen Vorrang. Die waren in Teilen zwar außergewöhnlich übersetzt, aber der eine oder andere Übertragungsfehler hatte sich dabei eingeschlichen. In ihrer Beurteilung, die Sie weiter unten lesen können, macht Barbara Yurtdas deutlich, warum sie Johanna Kuppe und ihrer Übersetzung den Lorbeer zusprach.

Volkslied

O Gott, wie Liebe bringt doch Leid
Weiß gut, wovon ich rede:
Kommt in mein Herz Erinnerung
An die, für die ich lebe

Ich traf Sie eines Tages:
„Mein Lieb, wie geht es dir?“
„Mir geht es gut so ohne dich,
Ganz kurz gesagt, ich lieb dich nicht!“

Die Schiffe auf der Seine
Gehören nicht nur einem
Und ich gehör nicht mehr zu dir
Vergeude meine Leiden

Ade du weißer Majoran,
Ade auch Rosmarin,
Gepflückt hab‘ ich euch Tag und Nacht
Hab auf die Liebste nur gewart‘

Wie Liebende doch leiden
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Übersetzung © Johanna Klara Kuppe

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Chanson Populaire

Vrai Dieu, qu’amoureux ont de peine!
Je sai bien à quoi m’en tenir:
Au cuer me vient un souvenir
De la belle que mon cuer aime

Je la fus veoir l’autre semaine:
„Belle,comment vous portez vous?“
„Je me porte tres bien sans vous;
A bref parler, point ne vous aime.

Tous les bateaux qui sont sur Seine
Ne sont pas tout à un seigneur;
Aussi ne suis je pas à vous:
Qui bien vous aime y pert sa peine.

Adieu la blanche marjolaine,
Aussi la fleur de romarin,
Que j’ai cueuilli soir et matin
En attendant celle que j’aime.
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Aus einer Liedersammlung, zweite Hälfte des 15.Jahrhunderts

 

Barbara Yurtdas, selbst Übersetzerin, Roman- und Sachbuchautorin sowie Lyrikerin, war angetan von den hochkarätigen Vorlagen sowie der Übersetzungsleistung und den „kreativen poetischen Lösungen“ der Teilnehmer/innen. Von Sir Philip Sidney und William Shakespeare über Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Elisabeth Barrett Browning, Robinson Jeffers, David Allen Evans und Sylvia Plath zu Yves Bonnefoy, Denise Desautels, schließlich Gonca Özmen reichte die Reihe der übertragenen Originalautor/innen, um nur einige von ihnen zu nennen.
Lesen Sie hier nun Barbara Yurtdas‘ Begründung ihrer Monatsgedicht-Auswahl:

Mein Favorit ist die Übersetzung des französischen Volkslieds VraiDieu, qu’amoureux ont de peine eines unbekannten Verfassers, aus einer Sammlung des 15. Jahrhunderts. Die Aufgabe, in der deutschen Übersetzung die Balance zwischen Textreue und kreativer Gestaltung zu wahren und ein in Form und Ton stimmiges Gedicht zu schaffen, wird im vorliegenden Beispiel gut gelöst. Der Text liest sich wie ein deutsches ‚Volkslied’ und erinnert nur durch die Erwähnung der „Schiffe auf der Seine“ an die Verankerung des Originals im französischen Sprachraum.

Die Übersetzung bedient sich in freier Form der sogenannten ‚Volksliedstrophe’. In den vierzeiligen Strophen wechseln viertaktige und dreitaktige Verse mit männlichen und weiblichen Versenden ab, jedoch nicht regelmäßig. Am ehesten entspricht noch die erste Strophe dem Schema. Anstatt der im Original vorherrschenden Reime werden Assonanzen und Waisen verwendet. Diese Freiheit ist im Volkslied durchaus erlaubt, sie ermöglicht eine größere Freiheit der Wortwahl, so dass sich zum Beispiel nicht „Herz“ auf „Schmerz“ reimen muss. Regelmäßiger als im französischen Original ist im deutschen Text hingegen der Wechsel zwischen betonten und unbetonten Silben, so dass – trotz des tragischen Themas – ein Plauderton entsteht, der an Heine erinnert. Der Dialog der Liebenden in der zweiten Strophe klingt in seiner Knappheit und Ironie geradezu modern. Durch Zeichensetzung am Ende der zweiten Strophe (Gänsefüßchen fehlen im Original) hat die Übersetzung entschieden, dass hier die Rede der Frau endet, so dass die dritte und vierte Strophe, ebenso wie die erste, den Kommentar des ‚lyrischen Ich’, d.h. des Mannes darstellt.

Eine Besonderheit der Übersetzung ist die angefügte Schlusszeile, die sich auf den Anfang bezieht – eigentlich eine genauere Übersetzung der Aussage der ersten Zeile (ohne die Anrufung Gottes). Die Übersetzung schafft so einen Rahmen, der durch die im Volkslied gebräuchliche Alliteration ‚Liebe/Leid’ betont wird.

Eine geglückte, kreative, in sich stimmige Übersetzung.

Da kann ich nur mit einem Bravo und Hoch auf  Dich, Johanna, anschließen :-)
Da Sie einiges über die Gewinnerin schon beim Monatsgedicht für August nachlesen können, stellt sich die Autorin im September nun mit Buch und Projekten vor:

„Projekte mit anderen Künstlern finde ich sehr spannend, da sie ‚lebendig‘ sind und ganz neue Einblicke gewähren, sowohl in die Arbeit der Anderen als auch in die eigene, anders ausgedrückt … mit Augen und Worten wie eine Gemse die Grenzen überspringen.“

Mit diesem Statement nimmt Johanna Klara Kuppe auf ihren Band „Cassiopeia“ Bezug, in dem sie ihre Gedichte mit Graphiken von Sven Oliver Wangemann paart. Doch diese Einstellung gilt für Johanna Kuppe ganz allgemein, sei es dass sie seit vielen Jahren mit ihrem Mann Andreas Kuppe Lyrik und Fotografie in Ausstellungen und Leseveranstaltungen kombiniert, sei es dass sie nun in ihrem nächsten Lyrikprojekt gemeinsam mit vier anderen Autorinnen – genannt „HandvollReim“ – auf „Schwarz – Weiss“ setzt und diesem Thema einen Lesungsabend in Waiblingen (25. November 2011) und Esslingen (Februar 2012) widmet.
Intensivieren will Johanna Kuppe auch ihre Lyrikerfahrungen mit Jugendlichen. Am 23. September liest sie vor Gymnasiasten und will ihnen in ihrer Performance den Zugang zu Gedichten erschließen. Die Planung und Organisation für Lesungen und lyrische Projekte laufen auch für 2012 bei Johanna Kuppe auf Hochtouren.

Ein Lesungshinweis für München schließt sich noch an: Wer – ortsnah – Barbara Yurtdas live erleben möchte, hat am Donnerstag, den 29. September 2011, um 19.30 Uhr Gelegenheit:

In der Reihe TEXTE & TÖNE stellt Barbara Yurtdas zusammen mit Angela Kreuz eigene Texte vor, unter anderem ein gemeinsames Projekt mit zweisprachiger Lyrik. Janine Schrader improvisiert auf dem Saxophon. So entsteht ein spannender Austausch zwischen den Generationen genauso wie zwischen Musik und Dichtung.

Veranstaltunsort ist die Seidlvilla in München.

Das Monatsgedicht für Oktober wird ein Liebesgedicht sein. Sarah Ines Struck hat die Jury dieser dritten Wettbewerbsrunde übernommen.


„sterne fallen nicht“ – Johanna Klara Kuppe ist Favoritin für das Monatsgedicht im August

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Johanna Klara Kuppe eröffnet als Siegerin die neue 13er-Reihe der Monatsgedichte. Unter dem Motto „Berge über Berge“ gelingt ihr, wie Juror Richard Mayr (Literaturspezialist und Kulturredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung) in seiner Urteilsbegründung weiter unten ausführt, bei aller Knappheit der Sprache ein dichter Bildbogen.

sterne fallen nicht
auf dächer aus
gneis brennt
unter den füßen
der kalte fels blick
gesenkt auf das
wesentliche im
fenster der
berg

© Johanna Klara Kuppe

Richard Mayr kennt sich nicht nur als Kritiker in der Literatur aus, sondern ist selbst auch Autor. Für seine Erzählung „Feltys Berg“ erhielt er 2010 den Schwäbischen Literaturpreis. Richard Mayr ist außerdem häufig in den Bergen unterwegs; Theorie und Praxis kommen bei seinem Urteil also zusammen.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, aus Wörtern Sätze zu bilden. Und wenn man es sich richtig überlegt, geht die bloße Zahl der Wörter gegen unendlich, auch wenn die Wortzähler behaupten, dass es so um die 40000 wären, die wir im Deutschen benutzen. Aus der unüberschaubaren Fülle hat der Dichter/ die Dichterin dieses Gedichts lediglich 21 benutzt, wobei zwei doppelt verwendet werden. Aus der Beschränkung erwächst aber die Fülle. Das Gedicht hebt an mit den Sternen, es endet mit dem Berg, der thematischen Klammer dieser Monatsgedichte. Von den Sternen zum Berg in 23 Wörtern. Dazu die Verben: fallen, brennen und gesenkt. Die Sterne fallen nicht auf Dächer aus Gneis. Sie bleiben bestehen, sie bleiben stabil. Wohingegen die Dächer aus Gneis unter dieser Optik zu einem fragilen Gebilde werden. Der Gneis brennt denn auch unter den Füßen. Da läuft also ein Mensch. Oder handelt es sich vielmehr um eine Frage: Brennt unter den Füßen der kalte Fels? Auch in diesem Satz löst sich das scheinbar Feste auf. Wo die Sterne nicht fallen, der Fels aber brennt oder wenigstens brennen könnte, wird der Blick auf das Wesentliche gesenkt. Nicht in der Höhe, weder an den Sternen, noch an den Dächern aus Gneis kann er sich halten. Im Fenster dieses Blicks, der nun ja der Bewegung nach nach unten gerichtet ist, im Fenster aber dieses Blick findet sich der Berg. Oder kann man das Ganze viel einfacher und weniger hochtrabend lesen? Wandert hier schlichtweg jemand einen Berg hinauf. Brennen die Fußsohlen vom vielen Laufen? Kann man es nicht mehr ertragen, nach oben zu blicken, weil der Weg so lang ist? Bleibt der Berg aber trotzdem noch im Fenster? Wird der Wanderer oben ankommen? Er wird, wünschen wir ihm. Und schon wird deutlich, dass hier mit wenigen Worten etwas eingefangen ist, das nicht mehr nur eindeutig gelesen werden kann, dass hier Sprache im besten Sinne verdichtet wurde, zur Dichtung wurde.

Herzlichen Glückwunsch an Dich, Johanna! Wer die Autorin kennt, ist oft verblüfft über ihre Ideenfülle, sei es beim Schreiben, sei es in der Ausrichtung ihrer zahlreichen Lesungen. Bei Johanna Klara Kuppe ist Dichtung sinnlich und lebendiges Wort, mit dem sie – sensibel und aus der Erfahrung ihrer beruflichen Tätigkeit – auch die flüchtigen Grenzbereiche zum Tod in einer mitunter fast ätherischen Sprache vermittelt.

Johanna Klara Kuppe – geboren in Wuppertal, lebt seit 1992 in Waiblingen (B.-W.), Erzieherin und Musikalienhändlerin, zuletzt (und noch zeitweise) in der Demenz – und Alzheimerarbeit tätig. Lesungen,  Literaturprojekt „Schwarz-Weiss“ der Gruppe „Handvollreim“, Gedichte erschienen in Anthologien und Online-Magazinen.
Ihre Lyrik möchte die Türen zu Klangräumen öffnen und einladen, „Zwischenraum-Blicke“ zu riskieren, um dann eigene Wege anhand der Texte zu gehen.

In der zweiten Runde der Monatsgedichte 2011/12 geht es um Übersetzung und Nachdichtung. Barbara Yurtdas trifft als neue Jurorin die Auswahl für das Monatsgedicht im September.