„praep.spiele“ von Carla Capellmann – das neue Monatsgedicht für Mai

Kategorien: Projekt Monatsgedichte — Tags: — Michaela Didyk

bunte Luftballons fliegen spielerisch und darin passend zum Sprachspiel von Carla Capellmann
© wolke09429 | pixelio

Eine echte Sprachspielerin ist „themengerecht“ zur Siegerin gekürt. Wer Gedichte von Carla Capellmann liest, wird immer wieder ihre Einfälle und den Sprachwitz entdecken und bestaunen. Ein Hoch auf die leichte, sprich: erfrischende Sprache, die sehr wohl das dafür entsprechende Know-how voraussetzt. Hallo, Carla, herzlich willkommen in der Runde der Favoritinnen und Favoriten!

praep.spiele

an.spiel
sie an der bar
er an der …
___ru
_____tsc
_______ht an sie
(engl.: her) heran
(hör mal) auch ein …?

zu.spiel
blicke : hin und
her und en
passant und weg und
hin (und him)
ein auge
(zwink.er.t)
auf ein …?

auf.spiel
(let’s go) zum
wo.[vor].spiel
(bei dir / bei mir)
bei.bye
__(hey!)

foul.spiel – das wird ein

nach.spiel
ha
_(ha!)
___ben …

© Carla Capellmann

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Carmen Winter, Autorin, Publizistin und Leiterin von Schreibwerkstätten, gefällt die klare Sprache, die unkonventionell auch Satzzeichen, Fremdwörter einbezieht:

Die Urteilsbegründung der Jurorin

Spielerisch geht die Autorin des Gedichtes „praep.spiele“ mit dem Wort und mit den Zeichen um, die uns für Dichtung zur Verfügung stehen. Sie beschreibt ein Spiel, ein Liebesspiel, die Annäherung zwischen ihr (engl.: her) und ihm (engl.: him). Mit ganz wenigen Worten gelingt es ihr, eine ganze Geschichte zu erzählen. Zwei sitzen an der Bar, kommen einander näher, verabreden sich (bei dir/bei mir) und schon könnte alles vorbei sein, wenn nicht einer von beiden foul gespielt hätte und es nun ein nach.spiel geben wird. Vielleicht eine Schwangerschaft, vielleicht eine Dreiecksbeziehung.

So wie es auch im Leben manchmal nur weniger Worte und Blicke bedarf, um sich zu verabreden, braucht auch dieses Gedicht nur wenig Sprache. Sportlich ist hier der Ton mit an.spiel, zu.spiel, auf.spiel, foul.spiel und nach.spiel. Und modern sieht alles aus, internetgerecht mit Punkten und Klammern. Aber – das Ende ist klassisch und wird schon seit Jahrhunderten immer wieder bedichtet, aus dem Spiel wird Ernst. Beim Gedicht „praep.spiele“ bleibt einem zum Glück nicht das Lachen im Halse stecken. Es behält seine spielerische Leichtigkeit von der ersten bis zur letzten Zeile. Und lockt ein Lächeln auf die Lippen, wenn es laut vor Publikum gelesen wird, bestimmt auch ein Lachen.

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„Wie Du sehen wirst, kann ich einfach nicht geradeaus schreiben„, kommentierte Carla Capellmann ihre Vita, die sie mir mailte. Ich finde, sie passt bestens, und sie macht in der Einheit mit dem Gedicht die Vorstellung rund.
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vita von carla capellmann

geboren 1963 / jülich / lebt in / königswinter / schreibt / veröffentlichungen in
literatur / zeitschriften & anthologien / dritter // preis // bei den literaturtagen
rheinland-pfalz 2009 / mitarbeit im: redaktionsteam der eXperimenta /
gemeinsamer // lyrik // band mit anne mai : wortlose // gedichte // die : von einem
losungswort / ausgehen / sich von ihm / entfernen es um / kreisen um / am ende
zu ihm zurückzukehren / athena-verlag 2010
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Was Sie beim Dichten generell mit einem Buchstabenspiel auslösen und woran das liegt, erfahren Sie mit diesem Link:

 


Dichten, ganz praktisch: Malen Sie mit Worten ein Porträt!

Kategorien: Schreibimpulse — Tags: , — Michaela Didyk

dichten, ganz praktisch allegorie unternehmen lyrik portraet rudolf II. als vertumnus gemaelde arcimboldo
Giuseppe Arcimboldo: „Rudolf II. als Vertumnus“ (1591)

Werden Sie bei Dichten, ganz praktisch mit einer Allegorie zu Verwandlungskünstler/innen

Ich – drei Buchstaben von Bedeutung“ – die Unterscheidung von Autor/in und dem im Gedicht sprechenden Ich ist als neunter Lyrik-Baustein in der Federwelt Nr. 127 (Heft 6/2017) erschienen.

Die Einladung zum Federwelt-Wettbewerb Dichten, ganz praktisch ist zwar inzwischen überholt, aber der Schreibimpuls  an sich behält seine Gültigkeit. Verfassen Sie also nun zum Vergnügen und eigenen Gewinn eine Allegorie. Die spezielle Gedichtform eignet sich vortrefflich, um beide Positionen, Autor/in und lyrisches Ich, zu trennen und dabei auch Persönliches zu verfremden. Gönnen Sie sich also eine neue Identität!

Schreiben Sie ein (Selbst-)Porträt und nehmen Sie dabei Tiergestalt an oder werden Sie Pflanze. Vielleicht passt ein Instrument besser oder (mit einer Prise Humor) ein Küchenutensil? Giuseppe Arcimboldo steuert mit seinen Gemälden sicherlich weitere Ideen bei.

Heinrich von Kleist als Mentor

Ein Brief Heinrich von Kleists an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge gibt Ihnen genaue Anleitung. Denn darauf sollten Sie achten: Die Eigenschaften der Person müssen mit dem gewählten Objekt möglichst zur Deckung kommen. Den Ratschlag des Dichters finden Sie hier (→ 31. An Wilhelmine von Zenge; Brief vom 29./30. November 1800).



Und die Gewinnerin: Carla Capellmann

Carla Capellmann hat mit ihrem Selbstporträt „all die meere / meine landschaften“ gewonnen. Ihr Gedicht ist in der Federwelt (Heft 129) veröffentlicht. Wenn Sie über das lyrische Ich hinaus auch über die Autorin etwas erfahren möchten, haben Sie hier in der Vita von Carla Capellmann Gelegenheit.


  • Wenn Sie noch weitere Schreibideen suchen, dann: Zaubern Sie mit Klang! So lautete der Schreibimpuls im Federwelt-Magazin Nr. 125.
  • Johann Seidl nimmt als Sieger dieser Impuls-Runde auf Minotaurus, das stierköpfige Wesen der griechischen Mythologie, Bezug und webt daraus einen Traum voll Klang. Lesen Sie den Text in der Federwelt (Heft 127) oder hier auf der Website des Dichters: „Minotaurus“ von Johann Seidl.

[Der Beitrag wurde im April 2018 aktualisiert]