10.11.2011

“Unflugfähig” von Jörg Wiedemann – Monatsgedicht für November

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , , — Michaela Didyk @ 17:11

Ein “kafkaesker Traum” im November – was könnte besser passen für diesen immer so grau empfundenen Monat. Jörg Wiedemann hebt in seinem poetischen Porträt  alle Schwere auf  und gibt der bizarren Welt – nicht nur der Franz Kafkas – neuen Anschein.

Unflugfähig

… im Gleichnis hast du verloren.

Kratzt sich
hinterm K. Kopf
sein Schloss und Riegel unterm
Deckflügel flügger
Vorhänge verwandelt sich
Samsalabim in
das kriechende Kerbtier

(Bitte betrachten Sie mich
nur als einen Traum
auf Stummelfüssen)

umkreist so lange heiß
den Brei bis
beim Kichern in den Schmäh
bauch es in ihm ertrinkt komplex

das eintägliche Auge schwimmt
noch oben
klettert hinaus
türmt ins Büro
zwinkert Freud zu legt
abends sich ( und eine Träne)
aufs Kanapee träumt
vom Autodafé
(von herzverbrannten Fliegen).

© Jörg Wiedemann

Margrit Manz traf für das Novembergedicht die Auswahl. Die Jurorin, die ihre Meriten im Aufbau zweier literarischer Einrichtungen  – 1991 die literaturWERKstatt berlin und 2000 das erste Literaturhaus der Schweiz in Basel – verdient hat, ist auch Mitbegründerin des renommierten ‚Open Mike’ sowie der Werkstatt für ‚Spoken Word’ und ‚Lyrics’ in der Schweiz. Ihre Entscheidung begründet Margrit Manz so:

Natürlich ist ein Käfer unflugfähig, auch wenn es ihm gelingt seinen Kerbtierkörper anzuheben und in gewisse Höhen zu schrauben. Doch irgendwie landet er wieder da, wo er abgehoben hat. Es ist so wie mit dem Grashalm. Hat der Käfer die erste Hälfte erklettert, neigt sich durch sein Gewicht die vordere Halmspitze zu Boden. Ob er will oder nicht, er krabbelt an den Ausgangspunkt zurück. Erst im Traum, auf dem Käferrücken liegend, die Stummelfüße zappelnd himmelwärts gerichtet, ist eine Verwandlung erlaubt. Kichernd umkreist er im Traum den heißen Brei, in den er fast noch fällt. Freund Freud kurz zugezwinkert, hinterm Käferkopf gekratzt, trägt er seinen Schmäh-Bauch ins Büro. Verwandelt sich erneut, vielleicht in einen Menschen, und unflugfähig auch jetzt, beginnt er sein ganz alltägliches Abenteuer.

Aufgabe für das Novembergedicht war es, ein Porträt in poetischen Worten zu zeichnen.
Für mich wurden Thema und poetische Bilder am eindrucksvollsten im Gedicht „Unflugfähig“ umgesetzt. Der Dichter hat es verstanden, dem Text Leichtigkeit und Tiefe zu geben, der Sprache Humor und Virtuosität zu verleihen und den Bildern von Traum und Wirklichkeit, besser gesagt, den Mühen des Tages und der Nacht, Präsenz zu verleihen. Reich an verwandelten Materialien und Zitaten wurden die Worte präzise gesetzt, keines davon ist Zweitlösung oder Zufälligkeit.

Ob Gleichnisse gewonnen oder verloren sind, sie bleiben letztendlich Gleichnisse. Sie sind, was sie sind! So wie beim Leoparden und dem Tempel:
„Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer;
das wiederholt sich immer wieder;
schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird Teil einer Zeremonie. (Franz Kafka)

Herzlichen Glückwunsch nach Berlin zu Jörg Wiedemann, einem Autor, der voller Ideen steckt und vor allem auch als Lesender in der Literatur zuhause ist.

Unter dem Motto “Rolle rückwärts oder vorwärts: Schreiben als existenzielle Turnübung” brachte Jörg Wiedemann jüngst in einer Diskussion sein Schreiben auf einen Nenner:
 
“Es ist das Staunen, das unbeherrschbare Hantieren mit dem Riesenspielzeug, eine Mechanik, die ich nie ganz verstehe und gerade deswegen bewundere.
Es ist Musik, Klang und besonders Rätsel, Kaleidoskop.
Dieses enigmatische Moment, das poetische, verdichtete Sprache inne hat, inauguriert, fasziniert und erschreckt mich zugleich.
Und es ist der Hiatus zur Alltagssprache zum medialen Geplapper, diesen Symplegaden, der mich antreibt und verlorenen Bedeutungen neue Gewichte verleihen möchte.
Im Schreiben, im Vers spüre ich Lebendigkeit, so wie wenn ich auf der Bühne stehe und in eine Rolle schlüpfe, es ist diese Maske, diese stets erneuerbare Larve, die mich visionär stimmt.
Oft fühle ich auch die zu großen Schuhe, Kleider, die nie passen werden.
In erster Linie schreibe ich für mich, vielleicht als psychologisches Ventil, vielleicht als opakes Teilverstehen, als nomadisches und monadisches Streifen durch die schmerzhafte allgegenwärtige Vergänglichkeit unseres Seins, einer Ontologie, der ich mich immer ein wenig ausgeliefert fühle und zu der ich beim Wortefinden um ein paar Millimeter näher zu kommen scheine.
Ich sammle schöne Worte, eindringliche Verse, verlorengehendes ‘Sprachmaterial’ und bin am Ziel, wenn manchmal ein Satz, ein Vers, selten ein Gedicht so eine eigene Corona hat und sich illuminiert.”
 
Weitere biografische Daten des Gewinners, der bereits in der ersten Monatsgedicht-Serie unter den Favoriten war, erfahren Sie in der Vita an früherer Blogstelle.

Das fünfte Monatsgedicht ist dem Thema Nachtgedanken gewidmet. Der Literaturkritiker Günter Ott wird den Sieger im Dezember küren. Bis zum 25. November haben Sie noch Zeit, Ihr Gedicht zu posten.
Die Details finden Sie unter dem Stichwort Förderprojekt Monatsgedichte. Sie können bei diesem Lyrikprojekt zu jeder Runde neu dazustoßen.

12.10.2011

Monatsgedicht im Oktober: “das schweigen” von Klaus Roth

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , , — Michaela Didyk @ 07:40

“Liebesgedichte” lautete das Thema für Oktober. Die “absinthgrünen träume”, das Bild Klaus Roths gleich in der ersten Gedichtzeile, tauchte schon intern beim Austausch der Teilnehmer/innen als starker Magnet auf und zog die Lesenden ins Gedicht. Dass der Text bis zum Schluss hält, was er mit diesem Einstieg verspricht, lesen Sie im Urteil von Sarah Ines Struck, der Jurorin dieser Monatsgedicht-Runde.

das schweigen

absinthgrüne träume
in deinen augen
wenn die nacht
auf den nägeln brennt
und unter die haut dringt
wenn niedere minne sich ankündigt
und das schweigen vibriert
wenn wir auf hautfühlung gehen
zwischen achselhöhle nabel kleinem zeh
und den schlüssel finden
zum herzschlag des begehrens

© Klaus Roth

Die Lektorin und Verlegerin Sarah Ines Struck, selbst Autorin und auch in dieser Rolle mit Lyrik intensiv befasst, sieht vor allem in der Bildsprache die Stärke des neuen Favoriten.

„Liebe ist die Poesie der Sinne“, soll der französische Schriftsteller Honoré de Balzac einmal gesagt haben. Mein Favorit aus den Einsendungen für die Monatsgedichte Oktober 2011 zum Thema „Liebesgedichte“, das Gedicht „das schweigen“, tanzt auf genau diesem Grat und Dreiklang. Eine Poesie der Liebe hat immer auch einen sinnlichen Aspekt, der nicht zwingend sexuell sein muss, immer aber emotional.
Im Siegergedicht für Oktober wird eine Liebesminiatur in elf Zeilen erzählt. Mit Mitteln der Synästhesie projiziert der Dichter sinnliche Eindrücke in den Kopf der Leser – „absinthgrüne träume in deinen augen“ – und lässt fühlen, was das lyrische Ich fühlt, „wenn wir auf hautfühlung gehen zwischen achselhöhle nabel kleinem zeh“. Zugleich wird jedoch die körperliche und geistige Ebene konterkariert. Schließlich ist die Liebe immer mehr als „niedere minne“. Wo „das schweigen vibriert“, bleiben Fragen offen. Und wenn die Liebenden auf „hautfühlung gehen“, finden sie schließlich „den schlüssel … zum herzschlag des begehrens“.
Schlicht und doch bildhaft ist die Sprache dieser Liebesgeschichte in Versen, eine klassische Ästhetik bemüht sie nicht, und doch findet sich in ihr Form jenseits von Metren und Reimschemen, durch versteckte Alliterationen zwischen den Zeilen beispielsweise, vor allem aber durch eine Folge klarer schlichter Bilder, die den Grenzgang der Liebe spiegeln.

Bei vielen Teilnehmer/innen der Monatsgedichte kenne ich nur Namen und Mail-Adresse. So bin ich bei mir unbekannten Gewinnern immer selber gespannt, wer hinter dem Gedicht steckt. Klaus Roth belohnt solche Neugier mit einladender Website und Bildergalerie. Auch dort gibt es einige Favoriten zu entdecken!
Die Adressen für dieses Vergnügen finden Sie am Ende der folgenden Vita.

Klaus Roth, 1957 geboren, lebt in München, übersetzt Kunst- und Theaterbücher, schreibt Lyrik, Kurzprosa und Essays, malt Horizonte und Köpfe, fotografiert die Ränder des Alltags.
Zahlreiche Bild- und Textbeiträge in Anthologien sowie in Kultur- und Literaturzeitschriften.
Auszeichnungen und Stipendien: Diploma di Merito / Premio “Città di Napoli” (Accademia Internazionale Partenopea Federico II), Neapel 2011. Autorenwerkstatt des Lyrik-Kabinetts München, 2005/2006.
Auf der Autorenseite und Kunstseite Klaus Roths erfahren Sie noch mehr über den neuen “Monatsdichter” im Oktober.

Poetische Porträts” sind in der gegenwärtigen Monatsgedichtrunde bis zum 26. Oktober gefragt. Jurorin für das Novembergedicht ist Margrit Manz. Die ausführlichen Informationen finden Sie unter der Rubrik Förderprojekte von Unternehmen Lyrik. Sie können in jeder Runde der Monatsgedichte neu hinzustoßen.

12.08.2011

“sterne fallen nicht” – Johanna Klara Kuppe ist Favoritin für das Monatsgedicht im August

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , , — Michaela Didyk @ 21:19

Johanna Klara Kuppe eröffnet als Siegerin die neue 13er-Reihe der Monatsgedichte. Unter dem Motto “Berge über Berge” gelingt ihr, wie Juror Richard Mayr (Literaturspezialist und Kulturredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung) in seiner Urteilsbegründung weiter unten ausführt, bei aller Knappheit der Sprache ein dichter Bildbogen.

sterne fallen nicht
auf dächer aus
gneis brennt
unter den füßen
der kalte fels blick
gesenkt auf das
wesentliche im
fenster der
berg

© Johanna Klara Kuppe

Richard Mayr kennt sich nicht nur als Kritiker in der Literatur aus, sondern ist selbst auch Autor. Für seine Erzählung “Feltys Berg” erhielt er 2010 den Schwäbischen Literaturpreis. Richard Mayr ist außerdem häufig in den Bergen unterwegs; Theorie und Praxis kommen bei seinem Urteil also zusammen.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, aus Wörtern Sätze zu bilden. Und wenn man es sich richtig überlegt, geht die bloße Zahl der Wörter gegen unendlich, auch wenn die Wortzähler behaupten, dass es so um die 40000 wären, die wir im Deutschen benutzen. Aus der unüberschaubaren Fülle hat der Dichter/ die Dichterin dieses Gedichts lediglich 21 benutzt, wobei zwei doppelt verwendet werden. Aus der Beschränkung erwächst aber die Fülle. Das Gedicht hebt an mit den Sternen, es endet mit dem Berg, der thematischen Klammer dieser Monatsgedichte. Von den Sternen zum Berg in 23 Wörtern. Dazu die Verben: fallen, brennen und gesenkt. Die Sterne fallen nicht auf Dächer aus Gneis. Sie bleiben bestehen, sie bleiben stabil. Wohingegen die Dächer aus Gneis unter dieser Optik zu einem fragilen Gebilde werden. Der Gneis brennt denn auch unter den Füßen. Da läuft also ein Mensch. Oder handelt es sich vielmehr um eine Frage: Brennt unter den Füßen der kalte Fels? Auch in diesem Satz löst sich das scheinbar Feste auf. Wo die Sterne nicht fallen, der Fels aber brennt oder wenigstens brennen könnte, wird der Blick auf das Wesentliche gesenkt. Nicht in der Höhe, weder an den Sternen, noch an den Dächern aus Gneis kann er sich halten. Im Fenster dieses Blicks, der nun ja der Bewegung nach nach unten gerichtet ist, im Fenster aber dieses Blick findet sich der Berg. Oder kann man das Ganze viel einfacher und weniger hochtrabend lesen? Wandert hier schlichtweg jemand einen Berg hinauf. Brennen die Fußsohlen vom vielen Laufen? Kann man es nicht mehr ertragen, nach oben zu blicken, weil der Weg so lang ist? Bleibt der Berg aber trotzdem noch im Fenster? Wird der Wanderer oben ankommen? Er wird, wünschen wir ihm. Und schon wird deutlich, dass hier mit wenigen Worten etwas eingefangen ist, das nicht mehr nur eindeutig gelesen werden kann, dass hier Sprache im besten Sinne verdichtet wurde, zur Dichtung wurde.

Herzlichen Glückwunsch an Dich, Johanna! Wer die Autorin kennt, ist oft verblüfft über ihre Ideenfülle, sei es beim Schreiben, sei es in der Ausrichtung ihrer zahlreichen Lesungen. Bei Johanna Klara Kuppe ist Dichtung sinnlich und lebendiges Wort, mit dem sie – sensibel und aus der Erfahrung ihrer beruflichen Tätigkeit – auch die flüchtigen Grenzbereiche zum Tod in einer mitunter fast ätherischen Sprache vermittelt.

Johanna Klara Kuppe – geboren in Wuppertal, lebt seit 1992 in Waiblingen (B.-W.), Erzieherin und Musikalienhändlerin, zuletzt (und noch zeitweise) in der Demenz – und Alzheimerarbeit tätig. Lesungen,  Literaturprojekt “Schwarz-Weiss” der Gruppe “Handvollreim”, Gedichte erschienen in Anthologien und Online-Magazinen.
Ihre Lyrik möchte die Türen zu Klangräumen öffnen und einladen, “Zwischenraum-Blicke” zu riskieren, um dann eigene Wege anhand der Texte zu gehen.

In der zweiten Runde der Monatsgedichte 2011/12 geht es um Übersetzung und Nachdichtung. Barbara Yurtdas trifft als neue Jurorin die Auswahl für das Monatsgedicht im September.

24.09.2010

13. Monatsgedicht: “unter dem stein die pumpe” von Ingritt Sachse

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:32

Dreimal ausgewählt von jeweils unterschiedlichem Juror bzw. Jurorin, das spricht für die Autorin: Ingritt Sachse hat die Monatsgedichte mehr zu ihren Favoriten gemacht als umgekehrt. Ihre Version eines Paradiesgartens beschließt nun den ersten Zyklus der 13 Monatsgedichte, die im vergangenen September starteten.

unter dem stein die pumpe
springt der bach hell
über die kiesel silber
rispen auf hohen halmen
schaukeln leise im wind die
seerosen aus dem garten
center die goldigen
fische im teich nebenan
so ein räuber
hat schon der reiher die
gehören doch uns

© Ingritt Sachse

Juror war in dieser Runde Klaus Seufer-Wasserthal, Leiter der renommierten Rupertus Buchhandlung und Mitbegründer des Salzburger Literaturfestes. Er kam zu folgendem Urteil:

Paradise lost?
Unser Garten(teich) ist unser Paradies.
Paradies wo? Paradies wie? Gibt es dieses?
Die Natur scheint bezwungen, doch Einbrüche gibt es. Räuber? Bedrohen sie uns oder doch nur das (kleine) Paradies, das wir uns erträumen, auch schaffen?
Die Dichterin erzählt uns in diesem Gedicht auf ganz wunderbare Weise eine Geschichte von unserem kleinen Paradies (so wir denn einen Gartenteich haben). Sie bricht ironisch die reine Naturbeschreibung, pumpt Worte aus dem ökonomischen Gartenleben ins Gedicht.
Und doch ist auch diese Idylle bedroht, wir haben keine “Sicherheit”, die Natur kommt unweigerlich wieder, zu Beginn holt sie sich nur die goldigen Fische. Doch was kommt noch auf uns zu?
Ich finde, dass dieses Gedicht ganz viele Fragen aufwirft und keine Antworten sucht und doch gibt.
Wir haben keinen Anspruch auf Besitz. Wir dürfen zuschauen und betrachten, ein bisschen kommentieren, ein bisschen empört sein, aber das eigentlich Bestimmende ist was anderes!

Aufs Neue also herzlichen Glückwunsch nach Bonn! Und wer ist die Autorin? Da gibt es schon einige Information:

Die Vita Ingritt Sachses finden Sie beim Monatsgedicht April. Was ihr das Schreiben bedeutet, lesen Sie bei den “kirschrosen” im Juli. Und über die 13. Runde hinaus? Da ist (nicht nur) eine neue Lesung geplant. Es ist gerade auch ein Buch im Erscheinen. Bis dieses im Januar auf dem Markt ist, können Sie weitere Texte von Ingritt Sachse auf ihrer Website lesen und hören. Dann entgeht Ihnen auch nicht, wenn ihr neuer Gedichtband dort oder hier in den Beiträgen aktuell angekündigt wird.

Nachtrag: Ingritt Sachses Gedichtband “in schattengängen streut licht ” ist inzwischen erschienen. Die Lektüre lohnt!

Wie geht es bei den Monatsgedichten weiter? Ein zweiter Zyklus, leicht variiert, ist geplant. Doch bis zum Frühjahr ist nun erst einmal Pause. Näheres erfahren Sie unter www.unternehmen-lyrik.de

24.08.2010

Sina Klein: “stadtbausteine” – das Monatsgedicht im August

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 15:07

Gedichte aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übersetzen, ist nach Hans Magnus Enzensberger eine der besten Übungen für das eigene Dichten. Bei Sina Klein, der Gewinnerin des Monatsgedichtes zum heutigen August-Vollmond, gehört diese Praxis und Auseinandersetzung mit fremden Sprachen zum Schreiben dazu. Eine Kostprobe hierfür finden Sie über den Link am Ende des Blogbeitrags.
Doch zunächst hat Sina Klein mit dem Siegergedicht ihren Auftritt und zeigt, welche Inspiration auch ihrer eigenen Lyrik zugrunde liegt.

stadtbausteine

und wie wir umríssen des nachts,
mit weißer kreide umkreisten
die zwillinge von terrassen
ertastend sie auf den straßen
deren atem noch warm -

wie wir naschten an stillen fassaden
(selbst bloß noch silhouetten)
die einzelnen zuckerkristalle
von tischen die abzuwischen
sie vergessen hatten -

dann die nischen die uns tarnten
vor laternen denn wir eilten
zu zweit im schein uns
voraus.

© Sina Klein

Andreas Noga, selbst Lyriker sowie Lyrikredakteur der von Sandra Uschtrin herausgegebenen Zeitschrift “Federwelt” und von Theo Breuers “Faltblatt” hebt den besonderen Zugang hervor, den die Autorin zum Thema wählte:

Ein Schatten-Gedicht muss nicht das Wort „Schatten“ enthalten. Der Themenbezug kann sich auch durch indirekte Annäherung erschließen. Besonders überzeugt hat mich das Gedicht „stadtbausteine“, das auf die Benennung verzichtet. Ich hatte nicht den Vorsatz, ein Gedicht auszuwählen, in dem das Wort „Schatten“ fehlt. Schon nach der ersten Lektüre aller Gedichte kristallisierte sich allerdings „stadtbausteine“ als Favorit heraus. Als ich darüber nachdachte, warum das so ist, fiel mir auf, dass der Text Atmosphäre schafft, Empfindungen wachruft und Bilder im Kopf entstehen lässt, ohne die Vokabel der Themenstellung zu verwenden. Dies zudem mit sinnlich-poetischen Bruchstücken, die man nascht wie ein Lebkuchenhaus. „Show, don’t tell“ gilt auch für Gedichte. Wie beim Laternenspaziergang ist der Schatten in „stadtbausteine“ ein steter, aber unauffälliger Begleiter.

Im Kommentar ihres Postings im Monatsgedichte-Blog gab Sina Klein auch einen Bildhinweis, wie solche Zwillinge aussehen können. Ich finde den Bezug spannend, wie sich die “stadtbausteine” so auch in ein anderes Medium ausdehnen und die Idee weitertragen. Herzlichen Glückwunsch an die facettenreiche Autorin! Und wer steckt nun hinter so viel Sprach- und Bildkraft?

Sina Klein – geboren 1983 in Düsseldorf. Lebt, studiert und arbeitet dort in mit und an Sprache (Lyrik, Übersetzungen aus dem Englischen / Französischen; französische Literatur- und Sprachwissenschaften). Lesungen u. a. mit dem Autorenkollektiv Sonny Wenzel & friends. 2010 Nominierung für den Förderpreis der Stadt Düsseldorf für Literatur. Bisherige Gedicht-Veröffentlichungen im Literaturmagazin poet (8) und auf poetenladen.de

“Reif für Kirschen” heißt Sina Kleins eingangs erwähnte Übertragung des englischen Textes “Cherrie-ripe” von Robert Herrick (16. Jahrhundert). Das mag zugleich eine Anregung für die 13. und vorerst letzte Runde der Monatsgedichte unter dem Titel “Paradiesgarten” sein. Juror ist dieses Mal Klaus Seufer-Wasserthal. Er ist Leiter der renommierten Rupertus Buchhandlung Salzburg und Mitbegründer des Salzburger Literaturfestes.

25.07.2010

Das Monatsgedicht im Juli: “kirschrosen* / cento” von Ingritt Sachse

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 22:43

Beim Start der Monatsgedichte war die Überlegung auch, was geschieht, wenn ein/e Teilnehmer/in im Verlauf des Projekts von mehreren Juror/innen gekürt wird: Ausschluss, neuer Gewinn? Ich entschied mich damals für die zweite Variante, geht doch mit jeder Runde eine unabhängige Beurteilung der Texte einher und kommen damit unterschiedliche Maßstäbe zum Ausdruck.
Die Einleitung macht klar: Der Fall ist eingetreten. Ingritt Sachse, die im April bereits durch die Auswahl Ursula Haeusgens das Monatsgedicht bestritt, überzeugte beim Thema “Vorbilder” mit ihrem Cento, dem “Flickenkleid” aus Gedichtzeilen Sarah Kirschs und Rose Ausländers, nun auch den Schweizer Juror Paul Schorno.

kirschrosen* / cento

seit er fort ist fallen palmen
wie er mich jagt, sein schrei
in glitzernder luft
fliegen die elstern die
blumen waren
wohl lange verdorrt
meine worte
gehorchen mir nicht
was gibt es denn noch?

mit einer pappel /als feder
einen drachen reiten
schneewittchenweiß
dem apfelbaum gleicht
mein freund
und ich
eine helle sprache

*sarah kirsch & rose ausländer

© ATHENA-Verlag
Aus: in schattengängen streut licht. Gedichte. edition exemplum
Oberhausen 2011

Paul Schorno, der als Kritiker und vielseitiger Profi des Literaturbetriebs in Basel wirkt, leitet seine Entscheidung mit einer persönlichen Bemerkung ein:

Ich wählte nach intensivem Lesen das vielleicht schwierigste Gedicht, betitelt „kirschrosen*/cento“.

Wenn es so ist, dass ein gutes Poem die Essenz von Gelebtem ist, und manches zum Fliessen gebracht wird, so darf dieses hier ein gelungenes und ansprechendes Gedicht genannt werden. Dank etlichen Positionswechseln und verrätselten sprachlichen und gedanklichen Wendungen, braucht der Leser nicht zwingend den Sinn des Ganzen zu erspähen. Er soll beim Lesen selber zu Wort kommen und auf seine eigene Stimme hören. Dazu animieren die 7. und 8. Zeile der ersten Strophe, „meine worte/gehorchen mir nicht“. Überraschend und unvermittelt die darauffolgende Zeile: „was gibt es denn noch?“ Ich erahne dichterische Prozesse im Umfeld von Liebe, Zweifel, Verunsicherung, ein Sichaufbäumen und Weitergehen. In diesem Sinne meine Zuordnung der Zeilen der zweiten Strophe: „einen drachen reiten/ schneewittchenweiss“ und abschliessend „und ich/eine helle Sprache“. Eingeschwiegenes kann spürbar gemacht werden. Freiheiten der Poesie, die jeden Einzelnen einladen, sie zu subjektivieren.
*sarah kirsch & rose ausländer: Zu erspüren ist, dass die Autorin fasziniert und nicht ohne Gewinn für das Atmosphärische sich mit den Daseins- und metaphysischen und märchenhaften Sprachwelten der genannten Autorinnen beschäftigt hat.

Die Vita von Ingritt Sachse finden Sie bereits bei ihrem ersten Siegergedicht. Daher fragte ich dieses Mal nach, warum der Autorin das Schreiben so wichtig sei:

Im Alltag als Psychotherapeutin darauf ausgerichtet, anderen zuzuhören und präsent zu sein, schaffen die Gedichte, die in ihrer Kürze als Entwurf auch einmal zwischen zwei Sitzungen aufs Blatt fließen können, eine Gegenwelt. Lyrik schreiben heißt, mich zu sammeln und etwas vollkommen Anderes zu machen, mich sozusagen an völlig andere Orte zu begeben. Es bedeutet Entlastung und Herausforderung, bedeutet Glück und in besonderen Fällen besessen sein zu können von/mit einer Art kreativer Wut.

Die zwölfte Runde der Monatsgedichte lädt zu “Schatten”-Gedichten ein. Andreas Noga, selbst Lyriker und Lyrikredakteur bei Sandra Uschtrins “Federwelt” und Theo Breuers “Faltblatt”, ist der Juror des nächsten Monatsgedichtes. Bis 10. August – hier die notwendigen Informationen zum Projekt Monatsgedichte – können Sie posten, am 24. August ist die Veröffentlichung des Favoritengedichtes.

25.06.2010

Jörg Wiedemann: “Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung” – Monatsgedicht Juni

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 22:02

Jörg Wiedemann ist Gewinner in der Runde der Juni-Gedichte. Seine “Sommernacht” hat es in sich. Hitze paart sich mit Kalkül. Vorstellungen und Werte haben sich verschoben. Bereits der Titel ist Programm.

Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung

Sterne zwinkern zwielichtig
Trügerisch wie Börsenspekulanten
Die mit hochriskanten Anleihen
Von Liebe und co. handeln

Und du
Du liegst wie immer nackt
Im feuchten Gras eines Sommers
Bereits überwuchert
Von dessen kurzer Laufzeit

Willst dich an einen Kuss ketten
Seine hormonelle Rendite gleich
Eisgewürfelt auf der Zunge einfriern
(Ach so´n Geschmack wie der Stadt-
Schweiß in aller Munde diese Nacht ):

Häuser gehen wieder mit Balkonen schwanger
Leibesfrüchte schwellen dir entgegen
Das Dunkel operiert hier mit unzähl´gen
Lichten Schnitten Stimmen zerlaufen
Und fast verblühte Anästhesisten
Zerstäuben Düfte in viel zu hohen Dosen

Mag der Morgen schon
Silberne Skalpelle wetzen
Aus herzförmigen Blättern
Helle Formen ritzen
Du liegst da
Noch unberührt ungerührt
Bar jeder Unterschrift
Die Zungenspitze purpurn verfärbt

© Jörg Wiedemann

Barbara Wettstein, Journalistin, Lektorin und Autorin, hatte die Jury der zehnten Runde inne. Ihre Begründung macht die Vielschichtigkeit des Gedichtes deutlich:

Die patentierbare Überschrift ist die erste Überraschung. Ich empfinde dieses Gedicht als ein Konglomerat mehrerer Sommer und wie eine Bilanz unseres modernen Lebens, in der Sehnsucht, Liebe, Körperlichkeit offene Posten sind, Gewinn und Verlust ablesbar werden. Erotik, Finanzwesen, Medizin und Natur verschmelzen zu einer Einheit, die Mischung schmeckt bitter und ein wenig nach gegorener Süße. Die visuelle Sprache verführt zum Erinnern, weckt Assoziationen, Vorahnungen. Die Vergänglichkeit des Sommers, der Reiz der Überreife und der Überdruss werden sinnlich erfahrbar, gebrochen von nüchternen Wörtern, die uns in den Medien anfallen. Die Balance zwischen Ratio und Emotion erweist sich als trügerisch, Wissenschaft und Wirtschaft werfen sich brutal in die Waagschalen, erzeugen Gefühle von Ohnmacht und Skepsis, übertragen sich auf die Art, wie wir andere Menschen betrachten, unsere Liebespartner eingeschlossen. Der Sprachduktus ist melodisch und trotz der analytischen Aussage dem verlangsamten Tempo, der Trägheit der Nacht entlehnt.

Herzlichen Glückwunsch an den neuen Monatsgedicht-Sieger! Aus dem Urlaub noch Murmeltierpfeifen und Gämsengemecker im Ohr (“gute angenehme lautmalerische Poeme!”), schickte Jörg Wiedemann seine “biografischen Sentenzen”.

1970 bin ich in Berlin geboren. Habe Biologie, Germanistik, Sozialpädagogik und Erzieher studiert, auf Bauernhöfen gearbeitet, bin im praktischen Umweltschutz aktiv gewesen.
Unterwegs zu sein in Worten, Gedanken und Taten ist wie der rote Faden, der aus meiner Hosentasche schaut. Im Moment arbeite ich mit Kindern und beziehe daher die existenzialistischen, manchmal minimalistischen oder auch ironisch gebrochenen Sprachfetzen meiner Lyrik (schreibe ebenso gern Gedichte mit/für Kinder) wie auch aus dem aktiven Lauschen des Großstadtstimmengewirrs. Lesen und Schreiben ist wie Ein- und Ausatmen für mich … ja und der Humor, besonders der schwarze, bevölkert überbordend mein etwas wirres “Köpfchen”.
Habe an verschiedenen Lyrikwettbewerben teilgenommen und noch nichts veröffentlicht.

In der elften Runde entscheidet der Schweizer Literaturkritiker Paul Schorno, wessen “Vorbild” – das neue Thema der Monatsgedichte im Juli – zu Ehren kommt.

28.05.2010

“praep.spiele” von Carla Capellmann – das neue Monatsgedicht für Mai

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:38

Eine echte Sprachspielerin ist “themengerecht” zur Siegerin gekürt. Wer Carla Capellmanns Gedichte liest, wird immer wieder ihre Einfälle und den Sprachwitz entdecken und bestaunen. Ein Hoch auf die leichte, sprich: erfrischende Sprache, die sehr wohl das dafür entsprechende Know-how voraussetzt. Hallo, Carla, herzlich willkommen in der FavoritInnen-Runde!

praep.spiele

an.spiel
sie an der bar
er an der …
___ru
_____tsc
_______ht an sie
(engl.: her) heran
(hör mal) auch ein …?

zu.spiel
blicke : hin und
her und en
passant und weg und
hin (und him)
ein auge
(zwink.er.t)
auf ein …?

auf.spiel
(let’s go) zum
wo.[vor].spiel
(bei dir / bei mir)
bei.bye
__(hey!)

foul.spiel – das wird ein

nach.spiel
ha
_(ha!)
___ben …

© Carla Capellmann

Carmen Winter, Autorin, Publizistin und Leiterin von Schreibwerkstätten, gefällt die klare Sprache, die unkonventionell auch Satzzeichen, Fremdwörter einbezieht:

Spielerisch geht die Autorin des Gedichtes „praep.spiele“ mit dem Wort und mit den Zeichen um, die uns für Dichtung zur Verfügung stehen. Sie beschreibt ein Spiel, ein Liebesspiel, die Annäherung zwischen ihr (engl.: her) und ihm (engl.: him). Mit ganz wenigen Worten gelingt es ihr, eine ganze Geschichte zu erzählen. Zwei sitzen an der Bar, kommen einander näher, verabreden sich (bei dir/bei mir) und schon könnte alles vorbei sein, wenn nicht einer von beiden foul gespielt hätte und es nun ein nach.spiel geben wird. Vielleicht eine Schwangerschaft, vielleicht eine Dreiecksbeziehung.
So wie es auch im Leben manchmal nur weniger Worte und Blicke bedarf, um sich zu verabreden, braucht auch dieses Gedicht nur wenig Sprache. Sportlich ist hier der Ton mit an.spiel, zu.spiel, auf.spiel, foul.spiel und nach.spiel. Und modern sieht alles aus, internetgerecht mit Punkten und Klammern. Aber – das Ende ist klassisch und wird schon seit Jahrhunderten immer wieder bedichtet, aus dem Spiel wird Ernst. Beim Gedicht “praep.spiele” bleibt einem zum Glück nicht das Lachen im Halse stecken. Es behält seine spielerische Leichtigkeit von der ersten bis zur letzten Zeile. Und lockt ein Lächeln auf die Lippen, wenn es laut vor Publikum gelesen wird, bestimmt auch ein Lachen.

“Wie Du sehen wirst, kann ich einfach nicht ‘geradeaus schreiben’”, kommentierte Carla Capellmann ihre Vita in der Mail. Ich finde, sie passt bestens und macht in der Einheit mit dem Gedicht die Vorstellung rund.

carla capellmann

geboren 1963 / jülich / lebt in / königswinter / schreibt / veröffentlichungen in
literatur / zeitschriften & anthologien / dritter // preis // bei den literaturtagen
rheinland-pfalz 2009 / mitarbeit im: redaktionsteam der eXperimenta /
gemeinsamer // lyrik // band mit anne mai : wortlose // gedichte // die : von einem
losungswort / ausgehen / sich von ihm / entfernen es um / kreisen um / am ende
zu ihm zurückzukehren / athena-verlag 2010

Bis 12. Juni können die Gedichte für die aktuelle Runde “Sommernacht” gepostet werden. Barbara Wettstein, Journalistin in Hamburg, Lektorin und Autorin, wählt zum 26. Juni das zehnte Monatsgedicht. Weitere Infos finden Sie in der Projektbeschreibung der Monatsgedichte.

28.04.2010

Monatsgedicht April: “im abendzug” von Ingritt Sachse

Man sollte Ingritt Sachse hören, wenn sie ihre Gedichte liest. Ihre kraftvolle, etwas raue Stimme steht zum leicht singenden Ton im Gegensatz. Distanz teilt sich da im Vortrag mit, genaue Beobachtung und doch zugleich intensive Nähe. In solchem Oszillieren spürt man, dass beim Schreiben bereits die Antennen ausgefahren sind, Stimmungen, Eindrücke aufzufangen und ans Publikum weiterzugeben. Das Überblenden unterschiedlicher Wahrnehmungen – im neuen Monatsgedicht wird dieses Prinzip Ingritt Sachses auch sichtbar.

im Abendzug
durch das Gesicht im
weichen Spiegel
ziehn Wolken Bäume
Drähte ziehn
Geschichten
durch das Gesicht es
schaut auf mich er-
kennt mich nicht
neben mir
der Blick reist mit dem
Abendzug im
weichen Spiegel

© Ingritt Sachse

Ursula Haeusgen, Gründerin des Lyrik-Kabinett München, nimmt in ihrer Begründung das Spiel mit dem Spiegelbild auf:

Zwei reisen im Zug durch den Abend. Ich und Ich. Immer, wenn das Ich aus dem Zugfenster schaut, erblickt es ein Gesicht, sein Gesicht, gespiegelt im Fenster. Sein Gesicht? Nicht ganz. Ein zweites Gesicht? Vielleicht. Geisterhaft durchsichtig wie ein surreales Bild, ziehen hinter seiner Stirn die Wolken vorbei, hinter den Wangen und Augen Bäume und Drähte. Es spricht nicht. Aber es erzählt – Geschichten und Gedanken huschen vorbei und werden vom Ich aufgefangen. Das Spiegelgesicht erkennt das Ich nicht – aber das Ich erkennt sich. Das Ich schaut weg, aber es weiß, dass das andere Ich da ist, auch wenn es nicht angeschaut wird. Es reist mit – nicht nur im Zug – immer. Ein tröstlicher Gedanke? Das kommt darauf an. Sie haben so eine Situation sicher auch schon erlebt.

Ich konnte mit Ingritt Sachse zusammen schon einige Lesungen bestreiten; daher die mir so vertraute Stimme. Ich freue mich nach diesen Begegnungen umso mehr über Ursula Haeusgens Wahl. Herzliche Glückwünsche, Ingritt, nach Bonn.

Ingritt Sachse (*1946 in Bremen) lebt und arbeitet als Psychotherapeutin in freier Praxis in Bonn. Dichten bedeutet ihr Freiraum und Eintauchen in immer wieder neue Welten.
1999 Veröffentlichung von Prosatexten; 2003 bis heute Lyrikveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und Jahrbüchern.
Seit 2004 kontinuierlich öffentliche Lesungen mit Musik (Einzellesungen und Gemeinschaftslesungen) in Köln, Bonn, Ratingen bei Düsseldorf, in Winterkasten und Meißen, zuletzt im März 2010 in der Parkbuchhandlung Bad Godesberg. Die nächste Lesung am 27. Juni 2010 ist in Vorbereitung. Die Lyriklesungen Ingritt Sachses sind teilweise als Live-Mitschnitt oder als Studioaufnahme auf CD erhältlich.

In der Mai-Runde der Monatsgedichte lautet das Thema “Spiel mit Sinn, Wort und Form”. Carmen Winter ist die neue Jurorin.

30.03.2010

“Wüstenstadt” von Dietlind Frieling – Monatsgedicht März

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:34

Keine Oliven oder Zitronen, kein Meer. Dietlind Frieling malt ein anderes Bild vom Süden. Sie lässt Hitze aufsteigen, reibt die Wörter in Alliteration und Stilfigur aneinander. Neun Zeilen, die es in sich haben und – Favorit für März wurden: Herzlichen Glückwunsch!.

wüstenstadt

wo der wind
weiß weht die luft
aber die luft
rot brennt
wo ich schlafe die
augen alle
alle augen offen weit weit
weiter ich
suche dich

© Dietlind Frieling

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Ulrike Budde, in vielfältiger Weise engagiert für Wort und Bild, fällte die Entscheidung und begründet sie so:

In einer unwirtlichen, fast lebensfeindlichen Umgebung beharrt ein Mensch auf der Suche nach einem anderen Menschen. Süden ist hier eine Wüstenlandschaft, in der das Ich schläft, und trotz – oder angesichts – der offenen Augen ringsum die Suche fortsetzen muss. Die Dopplungen – luft alle augen weit – fokussieren die Leserin auf das Wesentliche: das Atmen, das Schauen, die Perspektive. Die äußere Landschaft spiegelt die innere, es entsteht ein starkes Bild für eine tief empfundene Einsamkeit, die allerdings nicht als ausweglos hingenommen wird: Das Du existiert irgendwo, die fortgesetzte Suche verbindet und hält das Ich am Leben.

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Klar, zielgerichtet, zugleich offen für Neues, für Spiel auch und ausgestattet mit einer guten Portion Humor – so habe ich Dietlind Frieling im Lauf unsrer Zusammenarbeit kennengelernt. Diese Eigenschaften bringt sie auch in ihrer Kurzvita zum Ausdruck:

Geboren 1959. Lebt in Hamburg mit Kindern, Mann, Kater, Hund, Garten, Wind, Stift und Papier. Vormittags Prosa und Lyrik, nachmittags Backoffice, abends Feuer, Familie, Freunde. Reist furchtbar gern und viel zu selten.

Nachtrag: Inzwischen hat Dietlind Frieling Gedichte in “Tentakel” 2/2010 und 3/2010 veröffentlicht.

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Thema der neuen Runde sind “Spiegelbilder”. Beim Monatsgedicht April übernimmt Ursula Haeusgen, die Gründerin des Lyrik Kabinett München, die Jury. Allgemeine Informationen finden Sie unter Lyrikprojekt Monatsgedichte.