12.09.2011

Auf ein Neues: Johanna Klara Kuppe stellt mit ihrer Übersetzung auch das Monatsgedicht im September

Glück ist verschwenderisch und lässt sich gerne dort nieder, wo es schon einmal war. Zumindest verhält es sich so bei den Monatsgedichten. Vier Favoriten hatte Jurorin Barbara Yurtdas für ihre abschließende Entscheidung “feinsortiert”. Johanna Klara Kuppe machte mit ihrer Übersetzung eines “Chanson Populaire” aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts das Rennen.
Ein schlichtes Lied bekam vor anspruchsvolleren Vorlagen Vorrang. Die waren in Teilen zwar außergewöhnlich übersetzt, aber der eine oder andere Übertragungsfehler hatte sich dabei eingeschlichen. In ihrer Beurteilung, die Sie weiter unten lesen können, macht Barbara Yurtdas deutlich, warum sie Johanna Kuppe und ihrer Übersetzung den Lorbeer zusprach.

Volkslied

O Gott, wie Liebe bringt doch Leid
Weiß gut, wovon ich rede:
Kommt in mein Herz Erinnerung
An die, für die ich lebe

Ich traf Sie eines Tages:
“Mein Lieb, wie geht es dir?”
“Mir geht es gut so ohne dich,
Ganz kurz gesagt, ich lieb dich nicht!”

Die Schiffe auf der Seine
Gehören nicht nur einem
Und ich gehör nicht mehr zu dir
Vergeude meine Leiden

Ade du weißer Majoran,
Ade auch Rosmarin,
Gepflückt hab’ ich euch Tag und Nacht
Hab auf die Liebste nur gewart’

Wie Liebende doch leiden
.

Übersetzung © Johanna Klara Kuppe

.

Chanson Populaire

Vrai Dieu, qu’amoureux ont de peine!
Je sai bien à quoi m’en tenir:
Au cuer me vient un souvenir
De la belle que mon cuer aime

Je la fus veoir l’autre semaine:
“Belle,comment vous portez vous?”
“Je me porte tres bien sans vous;
A bref parler, point ne vous aime.

Tous les bateaux qui sont sur Seine
Ne sont pas tout à un seigneur;
Aussi ne suis je pas à vous:
Qui bien vous aime y pert sa peine.

Adieu la blanche marjolaine,
Aussi la fleur de romarin,
Que j’ai cueuilli soir et matin
En attendant celle que j’aime.
.
.
Aus einer Liedersammlung, zweite Hälfte des 15.Jahrhunderts

 

Barbara Yurtdas, selbst Übersetzerin, Roman- und Sachbuchautorin sowie Lyrikerin, war angetan von den hochkarätigen Vorlagen sowie der Übersetzungsleistung und den “kreativen poetischen Lösungen” der Teilnehmer/innen. Von Sir Philip Sidney und William Shakespeare über Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Elisabeth Barrett Browning, Robinson Jeffers, David Allen Evans und Sylvia Plath zu Yves Bonnefoy, Denise Desautels, schließlich Gonca Özmen reichte die Reihe der übertragenen Originalautor/innen, um nur einige von ihnen zu nennen.
Lesen Sie hier nun Barbara Yurtdas’ Begründung ihrer Monatsgedicht-Auswahl:

Mein Favorit ist die Übersetzung des französischen Volkslieds VraiDieu, qu’amoureux ont de peine eines unbekannten Verfassers, aus einer Sammlung des 15. Jahrhunderts. Die Aufgabe, in der deutschen Übersetzung die Balance zwischen Textreue und kreativer Gestaltung zu wahren und ein in Form und Ton stimmiges Gedicht zu schaffen, wird im vorliegenden Beispiel gut gelöst. Der Text liest sich wie ein deutsches ‚Volkslied’ und erinnert nur durch die Erwähnung der „Schiffe auf der Seine“ an die Verankerung des Originals im französischen Sprachraum.

Die Übersetzung bedient sich in freier Form der sogenannten ‚Volksliedstrophe’. In den vierzeiligen Strophen wechseln viertaktige und dreitaktige Verse mit männlichen und weiblichen Versenden ab, jedoch nicht regelmäßig. Am ehesten entspricht noch die erste Strophe dem Schema. Anstatt der im Original vorherrschenden Reime werden Assonanzen und Waisen verwendet. Diese Freiheit ist im Volkslied durchaus erlaubt, sie ermöglicht eine größere Freiheit der Wortwahl, so dass sich zum Beispiel nicht „Herz“ auf „Schmerz“ reimen muss. Regelmäßiger als im französischen Original ist im deutschen Text hingegen der Wechsel zwischen betonten und unbetonten Silben, so dass – trotz des tragischen Themas – ein Plauderton entsteht, der an Heine erinnert. Der Dialog der Liebenden in der zweiten Strophe klingt in seiner Knappheit und Ironie geradezu modern. Durch Zeichensetzung am Ende der zweiten Strophe (Gänsefüßchen fehlen im Original) hat die Übersetzung entschieden, dass hier die Rede der Frau endet, so dass die dritte und vierte Strophe, ebenso wie die erste, den Kommentar des ‚lyrischen Ich’, d.h. des Mannes darstellt.

Eine Besonderheit der Übersetzung ist die angefügte Schlusszeile, die sich auf den Anfang bezieht – eigentlich eine genauere Übersetzung der Aussage der ersten Zeile (ohne die Anrufung Gottes). Die Übersetzung schafft so einen Rahmen, der durch die im Volkslied gebräuchliche Alliteration ‚Liebe/Leid’ betont wird.

Eine geglückte, kreative, in sich stimmige Übersetzung.

Da kann ich nur mit einem Bravo und Hoch auf  Dich, Johanna, anschließen :-)
Da Sie einiges über die Gewinnerin schon beim Monatsgedicht für August nachlesen können, stellt sich die Autorin im September nun mit Buch und Projekten vor:

“Projekte mit anderen Künstlern finde ich sehr spannend, da sie ‘lebendig’ sind und ganz neue Einblicke gewähren, sowohl in die Arbeit der Anderen als auch in die eigene, anders ausgedrückt … mit Augen und Worten wie eine Gemse die Grenzen überspringen.”

Mit diesem Statement nimmt Johanna Klara Kuppe auf ihren Band “Cassiopeia” Bezug, in dem sie ihre Gedichte mit Graphiken von Sven Oliver Wangemann paart. Doch diese Einstellung gilt für Johanna Kuppe ganz allgemein, sei es dass sie seit vielen Jahren mit ihrem Mann Andreas Kuppe Lyrik und Fotografie in Ausstellungen und Leseveranstaltungen kombiniert, sei es dass sie nun in ihrem nächsten Lyrikprojekt gemeinsam mit vier anderen Autorinnen – genannt “HandvollReim” – auf “Schwarz – Weiss” setzt und diesem Thema einen Lesungsabend in Waiblingen (25. November 2011) und Esslingen (Februar 2012) widmet.
Intensivieren will Johanna Kuppe auch ihre Lyrikerfahrungen mit Jugendlichen. Am 23. September liest sie vor Gymnasiasten und will ihnen in ihrer Performance den Zugang zu Gedichten erschließen. Die Planung und Organisation für Lesungen und lyrische Projekte laufen auch für 2012 bei Johanna Kuppe auf Hochtouren.

Ein Lesungshinweis für München schließt sich noch an: Wer – ortsnah – Barbara Yurtdas live erleben möchte, hat am Donnerstag, den 29. September 2011, um 19.30 Uhr Gelegenheit:

In der Reihe TEXTE & TÖNE stellt Barbara Yurtdas zusammen mit Angela Kreuz eigene Texte vor, unter anderem ein gemeinsames Projekt mit zweisprachiger Lyrik. Janine Schrader improvisiert auf dem Saxophon. So entsteht ein spannender Austausch zwischen den Generationen genauso wie zwischen Musik und Dichtung.

Veranstaltunsort ist die Seidlvilla in München.

Das Monatsgedicht für Oktober wird ein Liebesgedicht sein. Sarah Ines Struck hat die Jury dieser dritten Wettbewerbsrunde übernommen.

12.08.2011

“sterne fallen nicht” – Johanna Klara Kuppe ist Favoritin für das Monatsgedicht im August

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , , — Michaela Didyk @ 21:19

Johanna Klara Kuppe eröffnet als Siegerin die neue 13er-Reihe der Monatsgedichte. Unter dem Motto “Berge über Berge” gelingt ihr, wie Juror Richard Mayr (Literaturspezialist und Kulturredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung) in seiner Urteilsbegründung weiter unten ausführt, bei aller Knappheit der Sprache ein dichter Bildbogen.

sterne fallen nicht
auf dächer aus
gneis brennt
unter den füßen
der kalte fels blick
gesenkt auf das
wesentliche im
fenster der
berg

© Johanna Klara Kuppe

Richard Mayr kennt sich nicht nur als Kritiker in der Literatur aus, sondern ist selbst auch Autor. Für seine Erzählung “Feltys Berg” erhielt er 2010 den Schwäbischen Literaturpreis. Richard Mayr ist außerdem häufig in den Bergen unterwegs; Theorie und Praxis kommen bei seinem Urteil also zusammen.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, aus Wörtern Sätze zu bilden. Und wenn man es sich richtig überlegt, geht die bloße Zahl der Wörter gegen unendlich, auch wenn die Wortzähler behaupten, dass es so um die 40000 wären, die wir im Deutschen benutzen. Aus der unüberschaubaren Fülle hat der Dichter/ die Dichterin dieses Gedichts lediglich 21 benutzt, wobei zwei doppelt verwendet werden. Aus der Beschränkung erwächst aber die Fülle. Das Gedicht hebt an mit den Sternen, es endet mit dem Berg, der thematischen Klammer dieser Monatsgedichte. Von den Sternen zum Berg in 23 Wörtern. Dazu die Verben: fallen, brennen und gesenkt. Die Sterne fallen nicht auf Dächer aus Gneis. Sie bleiben bestehen, sie bleiben stabil. Wohingegen die Dächer aus Gneis unter dieser Optik zu einem fragilen Gebilde werden. Der Gneis brennt denn auch unter den Füßen. Da läuft also ein Mensch. Oder handelt es sich vielmehr um eine Frage: Brennt unter den Füßen der kalte Fels? Auch in diesem Satz löst sich das scheinbar Feste auf. Wo die Sterne nicht fallen, der Fels aber brennt oder wenigstens brennen könnte, wird der Blick auf das Wesentliche gesenkt. Nicht in der Höhe, weder an den Sternen, noch an den Dächern aus Gneis kann er sich halten. Im Fenster dieses Blicks, der nun ja der Bewegung nach nach unten gerichtet ist, im Fenster aber dieses Blick findet sich der Berg. Oder kann man das Ganze viel einfacher und weniger hochtrabend lesen? Wandert hier schlichtweg jemand einen Berg hinauf. Brennen die Fußsohlen vom vielen Laufen? Kann man es nicht mehr ertragen, nach oben zu blicken, weil der Weg so lang ist? Bleibt der Berg aber trotzdem noch im Fenster? Wird der Wanderer oben ankommen? Er wird, wünschen wir ihm. Und schon wird deutlich, dass hier mit wenigen Worten etwas eingefangen ist, das nicht mehr nur eindeutig gelesen werden kann, dass hier Sprache im besten Sinne verdichtet wurde, zur Dichtung wurde.

Herzlichen Glückwunsch an Dich, Johanna! Wer die Autorin kennt, ist oft verblüfft über ihre Ideenfülle, sei es beim Schreiben, sei es in der Ausrichtung ihrer zahlreichen Lesungen. Bei Johanna Klara Kuppe ist Dichtung sinnlich und lebendiges Wort, mit dem sie – sensibel und aus der Erfahrung ihrer beruflichen Tätigkeit – auch die flüchtigen Grenzbereiche zum Tod in einer mitunter fast ätherischen Sprache vermittelt.

Johanna Klara Kuppe – geboren in Wuppertal, lebt seit 1992 in Waiblingen (B.-W.), Erzieherin und Musikalienhändlerin, zuletzt (und noch zeitweise) in der Demenz – und Alzheimerarbeit tätig. Lesungen,  Literaturprojekt “Schwarz-Weiss” der Gruppe “Handvollreim”, Gedichte erschienen in Anthologien und Online-Magazinen.
Ihre Lyrik möchte die Türen zu Klangräumen öffnen und einladen, “Zwischenraum-Blicke” zu riskieren, um dann eigene Wege anhand der Texte zu gehen.

In der zweiten Runde der Monatsgedichte 2011/12 geht es um Übersetzung und Nachdichtung. Barbara Yurtdas trifft als neue Jurorin die Auswahl für das Monatsgedicht im September.

31.07.2011

Fundstück: Richard Burton liest John Donne – “The Good Morrow’

Filed under: Autor/innen,Fundstücke,Lesung — Tags: , , — Michaela Didyk @ 13:01

Dass es in den Tiefen des Web Schätze in Hülle und Fülle gibt, ist nichts Neues. Doch es erstaunt mich immer wieder, wie plötzlich auf einem zufällig genommenen Umweg ein Juwel aufblitzt. Mich führte die Suche nach Anschaungs- bzw. Hörmaterial auf eine Lesung Richard Burtons. Ich wollte in meinem Sonettenkurs die englischen Originaltexte durch Audiodateien ergänzen, um dem oft erzwungenen Reim oder der reimlosen Version der deutschen Übersetzung das ursprüngliche Klangbild entgegenzusetzen. Dabei fande ich Burtons Vortrag eines Gedichtes von John Donne (1572-1631), auf den der erste Sonettenkranz mit ineinander verflochtenen Zeilen zurückgeht. Es ist nun nicht das gesuchte Gedicht aus “La Corona”, geschweige das eigentlich anvisierte Sonett 18 von William Shakespeare. Aber auch “The Good Morrow” ist ein Hörgenuss, in den ich gerne weiterhin eintauche und der mich dazu anregte, in Zukunft eine Blogrubrik mit Entdeckungen dieser Art zu bestücken.
In der von Ulla Hahn herausgegebenen Reihe Liebesgedichte ist auch John Donne mit einer zweisprachigen Ausgabe vertreten.
.

24.09.2010

13. Monatsgedicht: “unter dem stein die pumpe” von Ingritt Sachse

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:32

Dreimal ausgewählt von jeweils unterschiedlichem Juror bzw. Jurorin, das spricht für die Autorin: Ingritt Sachse hat die Monatsgedichte mehr zu ihren Favoriten gemacht als umgekehrt. Ihre Version eines Paradiesgartens beschließt nun den ersten Zyklus der 13 Monatsgedichte, die im vergangenen September starteten.

unter dem stein die pumpe
springt der bach hell
über die kiesel silber
rispen auf hohen halmen
schaukeln leise im wind die
seerosen aus dem garten
center die goldigen
fische im teich nebenan
so ein räuber
hat schon der reiher die
gehören doch uns

© Ingritt Sachse

Juror war in dieser Runde Klaus Seufer-Wasserthal, Leiter der renommierten Rupertus Buchhandlung und Mitbegründer des Salzburger Literaturfestes. Er kam zu folgendem Urteil:

Paradise lost?
Unser Garten(teich) ist unser Paradies.
Paradies wo? Paradies wie? Gibt es dieses?
Die Natur scheint bezwungen, doch Einbrüche gibt es. Räuber? Bedrohen sie uns oder doch nur das (kleine) Paradies, das wir uns erträumen, auch schaffen?
Die Dichterin erzählt uns in diesem Gedicht auf ganz wunderbare Weise eine Geschichte von unserem kleinen Paradies (so wir denn einen Gartenteich haben). Sie bricht ironisch die reine Naturbeschreibung, pumpt Worte aus dem ökonomischen Gartenleben ins Gedicht.
Und doch ist auch diese Idylle bedroht, wir haben keine “Sicherheit”, die Natur kommt unweigerlich wieder, zu Beginn holt sie sich nur die goldigen Fische. Doch was kommt noch auf uns zu?
Ich finde, dass dieses Gedicht ganz viele Fragen aufwirft und keine Antworten sucht und doch gibt.
Wir haben keinen Anspruch auf Besitz. Wir dürfen zuschauen und betrachten, ein bisschen kommentieren, ein bisschen empört sein, aber das eigentlich Bestimmende ist was anderes!

Aufs Neue also herzlichen Glückwunsch nach Bonn! Und wer ist die Autorin? Da gibt es schon einige Information:

Die Vita Ingritt Sachses finden Sie beim Monatsgedicht April. Was ihr das Schreiben bedeutet, lesen Sie bei den “kirschrosen” im Juli. Und über die 13. Runde hinaus? Da ist (nicht nur) eine neue Lesung geplant. Es ist gerade auch ein Buch im Erscheinen. Bis dieses im Januar auf dem Markt ist, können Sie weitere Texte von Ingritt Sachse auf ihrer Website lesen und hören. Dann entgeht Ihnen auch nicht, wenn ihr neuer Gedichtband dort oder hier in den Beiträgen aktuell angekündigt wird.

Nachtrag: Ingritt Sachses Gedichtband “in schattengängen streut licht” ist inzwischen erschienen. Die Lektüre lohnt!

Wie geht es bei den Monatsgedichten weiter? Ein zweiter Zyklus, leicht variiert, ist geplant. Doch bis zum Frühjahr ist nun erst einmal Pause. Näheres erfahren Sie unter www.unternehmen-lyrik.de

11.09.2010

Spoken Word & Poetry Slam

Filed under: Autor/innen,Poetry Slam,Veranstaltung — Tags: , , — Michaela Didyk @ 02:24

Poetry Slam heißt es verstärkt in den nächsten Tagen. Ob in Salzburg oder München, die Meister des Faches stehen auf der Bühne, unter ihnen – am kommenden Montag im Lyrik Kabinett - Matthew “Cuban” Hernandez aus Jacksonville/ USA und Philipp Scharri (Stuttgart/ München). Letzterer kämpfte sich mit Spitzenerfolgen hierzulande auch als Vertreter Deutschlands bei den Weltmeisterschaften in Paris bis ins Finale. Seine Wortkunst können Sie hier genießen:

Matt ‘Cuban’, in Florida geboren, begann mit 13 Jahren seine Laufbahn in Spoken Word und Hiphop. Mit 17 gründete er eine eigene “youth poetry organization” (Shattered Thought). Das Jahr darauf war er mit seinem Team, für das er auch Schreibkurse gab (und sich auch heute noch für solche Förderung einsetzt) jüngster Gewinner des Southern Fried Poetry Slam.
Seitdem reist Matt Cuban Hernandez quer durch die USA von Universitäten über Clubs zu Festivals, hat vier Alben veröffentlicht und startet nun seine Welttournee. Ob er dabei, wie es heißt, auch schon seinen Gedichtband “Cuban Shorts” im Gepäck hat, ist noch offen. Wer beim Live-Auftritt nicht vor Ort ist, kann sich bei dieser “Vorstellung” von Cuban ein (Hör)bild machen:

Wenn Sie Lust auf einen Live Poetry Slam haben, hilft Ihnen dieser Veranstaltungskalender im deutschsprachigen Raum weiter.

24.08.2010

Sina Klein: “stadtbausteine” – das Monatsgedicht im August

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 15:07

Gedichte aus anderen Sprachen ins Deutsche zu übersetzen, ist nach Hans Magnus Enzensberger eine der besten Übungen für das eigene Dichten. Bei Sina Klein, der Gewinnerin des Monatsgedichtes zum heutigen August-Vollmond, gehört diese Praxis und Auseinandersetzung mit fremden Sprachen zum Schreiben dazu. Eine Kostprobe hierfür finden Sie über den Link am Ende des Blogbeitrags.
Doch zunächst hat Sina Klein mit dem Siegergedicht ihren Auftritt und zeigt, welche Inspiration auch ihrer eigenen Lyrik zugrunde liegt.

stadtbausteine

und wie wir umríssen des nachts,
mit weißer kreide umkreisten
die zwillinge von terrassen
ertastend sie auf den straßen
deren atem noch warm -

wie wir naschten an stillen fassaden
(selbst bloß noch silhouetten)
die einzelnen zuckerkristalle
von tischen die abzuwischen
sie vergessen hatten -

dann die nischen die uns tarnten
vor laternen denn wir eilten
zu zweit im schein uns
voraus.

© Sina Klein

Andreas Noga, selbst Lyriker sowie Lyrikredakteur der von Sandra Uschtrin herausgegebenen Zeitschrift “Federwelt” und von Theo Breuers “Faltblatt” hebt den besonderen Zugang hervor, den die Autorin zum Thema wählte:

Ein Schatten-Gedicht muss nicht das Wort „Schatten“ enthalten. Der Themenbezug kann sich auch durch indirekte Annäherung erschließen. Besonders überzeugt hat mich das Gedicht „stadtbausteine“, das auf die Benennung verzichtet. Ich hatte nicht den Vorsatz, ein Gedicht auszuwählen, in dem das Wort „Schatten“ fehlt. Schon nach der ersten Lektüre aller Gedichte kristallisierte sich allerdings „stadtbausteine“ als Favorit heraus. Als ich darüber nachdachte, warum das so ist, fiel mir auf, dass der Text Atmosphäre schafft, Empfindungen wachruft und Bilder im Kopf entstehen lässt, ohne die Vokabel der Themenstellung zu verwenden. Dies zudem mit sinnlich-poetischen Bruchstücken, die man nascht wie ein Lebkuchenhaus. „Show, don’t tell“ gilt auch für Gedichte. Wie beim Laternenspaziergang ist der Schatten in „stadtbausteine“ ein steter, aber unauffälliger Begleiter.

Im Kommentar ihres Postings im Monatsgedichte-Blog gab Sina Klein auch einen Bildhinweis, wie solche Zwillinge aussehen können. Ich finde den Bezug spannend, wie sich die “stadtbausteine” so auch in ein anderes Medium ausdehnen und die Idee weitertragen. Herzlichen Glückwunsch an die facettenreiche Autorin! Und wer steckt nun hinter so viel Sprach- und Bildkraft?

Sina Klein – geboren 1983 in Düsseldorf. Lebt, studiert und arbeitet dort in mit und an Sprache (Lyrik, Übersetzungen aus dem Englischen / Französischen; französische Literatur- und Sprachwissenschaften). Lesungen u. a. mit dem Autorenkollektiv Sonny Wenzel & friends. 2010 Nominierung für den Förderpreis der Stadt Düsseldorf für Literatur. Bisherige Gedicht-Veröffentlichungen im Literaturmagazin poet (8) und auf poetenladen.de

“Reif für Kirschen” heißt Sina Kleins eingangs erwähnte Übertragung des englischen Textes “Cherrie-ripe” von Robert Herrick (16. Jahrhundert). Das mag zugleich eine Anregung für die 13. und vorerst letzte Runde der Monatsgedichte unter dem Titel “Paradiesgarten” sein. Juror ist dieses Mal Klaus Seufer-Wasserthal. Er ist Leiter der renommierten Rupertus Buchhandlung Salzburg und Mitbegründer des Salzburger Literaturfestes.

25.07.2010

Das Monatsgedicht im Juli: “kirschrosen* / cento” von Ingritt Sachse

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 22:43

Beim Start der Monatsgedichte war die Überlegung auch, was geschieht, wenn ein/e Teilnehmer/in im Verlauf des Projekts von mehreren Juror/innen gekürt wird: Ausschluss, neuer Gewinn? Ich entschied mich damals für die zweite Variante, geht doch mit jeder Runde eine unabhängige Beurteilung der Texte einher und kommen damit unterschiedliche Maßstäbe zum Ausdruck.
Die Einleitung macht klar: Der Fall ist eingetreten. Ingritt Sachse, die im April bereits durch die Auswahl Ursula Haeusgens das Monatsgedicht bestritt, überzeugte beim Thema “Vorbilder” mit ihrem Cento, dem “Flickenkleid” aus Gedichtzeilen Sarah Kirschs und Rose Ausländers, nun auch den Schweizer Juror Paul Schorno.

kirschrosen* / cento

seit er fort ist fallen palmen
wie er mich jagt, sein schrei
in glitzernder luft
fliegen die elstern die
blumen waren
wohl lange verdorrt
meine worte
gehorchen mir nicht
was gibt es denn noch?

mit einer pappel /als feder
einen drachen reiten
schneewittchenweiß
dem apfelbaum gleicht
mein freund
und ich
eine helle sprache

*sarah kirsch & rose ausländer

© ATHENA-Verlag
Aus: in schattengängen streut licht. Gedichte. edition exemplum
Oberhausen 2011

Paul Schorno, der als Kritiker und vielseitiger Profi des Literaturbetriebs in Basel wirkt, leitet seine Entscheidung mit einer persönlichen Bemerkung ein:

Ich wählte nach intensivem Lesen das vielleicht schwierigste Gedicht, betitelt „kirschrosen*/cento“.

Wenn es so ist, dass ein gutes Poem die Essenz von Gelebtem ist, und manches zum Fliessen gebracht wird, so darf dieses hier ein gelungenes und ansprechendes Gedicht genannt werden. Dank etlichen Positionswechseln und verrätselten sprachlichen und gedanklichen Wendungen, braucht der Leser nicht zwingend den Sinn des Ganzen zu erspähen. Er soll beim Lesen selber zu Wort kommen und auf seine eigene Stimme hören. Dazu animieren die 7. und 8. Zeile der ersten Strophe, „meine worte/gehorchen mir nicht“. Überraschend und unvermittelt die darauffolgende Zeile: „was gibt es denn noch?“ Ich erahne dichterische Prozesse im Umfeld von Liebe, Zweifel, Verunsicherung, ein Sichaufbäumen und Weitergehen. In diesem Sinne meine Zuordnung der Zeilen der zweiten Strophe: „einen drachen reiten/ schneewittchenweiss“ und abschliessend „und ich/eine helle Sprache“. Eingeschwiegenes kann spürbar gemacht werden. Freiheiten der Poesie, die jeden Einzelnen einladen, sie zu subjektivieren.
*sarah kirsch & rose ausländer: Zu erspüren ist, dass die Autorin fasziniert und nicht ohne Gewinn für das Atmosphärische sich mit den Daseins- und metaphysischen und märchenhaften Sprachwelten der genannten Autorinnen beschäftigt hat.

Die Vita von Ingritt Sachse finden Sie bereits bei ihrem ersten Siegergedicht. Daher fragte ich dieses Mal nach, warum der Autorin das Schreiben so wichtig sei:

Im Alltag als Psychotherapeutin darauf ausgerichtet, anderen zuzuhören und präsent zu sein, schaffen die Gedichte, die in ihrer Kürze als Entwurf auch einmal zwischen zwei Sitzungen aufs Blatt fließen können, eine Gegenwelt. Lyrik schreiben heißt, mich zu sammeln und etwas vollkommen Anderes zu machen, mich sozusagen an völlig andere Orte zu begeben. Es bedeutet Entlastung und Herausforderung, bedeutet Glück und in besonderen Fällen besessen sein zu können von/mit einer Art kreativer Wut.

Die zwölfte Runde der Monatsgedichte lädt zu “Schatten”-Gedichten ein. Andreas Noga, selbst Lyriker und Lyrikredakteur bei Sandra Uschtrins “Federwelt” und Theo Breuers “Faltblatt”, ist der Juror des nächsten Monatsgedichtes. Bis 10. August – hier die notwendigen Informationen zum Projekt Monatsgedichte – können Sie posten, am 24. August ist die Veröffentlichung des Favoritengedichtes.

25.06.2010

Jörg Wiedemann: “Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung” – Monatsgedicht Juni

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 22:02

Jörg Wiedemann ist Gewinner in der Runde der Juni-Gedichte. Seine “Sommernacht” hat es in sich. Hitze paart sich mit Kalkül. Vorstellungen und Werte haben sich verschoben. Bereits der Titel ist Programm.

Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung

Sterne zwinkern zwielichtig
Trügerisch wie Börsenspekulanten
Die mit hochriskanten Anleihen
Von Liebe und co. handeln

Und du
Du liegst wie immer nackt
Im feuchten Gras eines Sommers
Bereits überwuchert
Von dessen kurzer Laufzeit

Willst dich an einen Kuss ketten
Seine hormonelle Rendite gleich
Eisgewürfelt auf der Zunge einfriern
(Ach so´n Geschmack wie der Stadt-
Schweiß in aller Munde diese Nacht ):

Häuser gehen wieder mit Balkonen schwanger
Leibesfrüchte schwellen dir entgegen
Das Dunkel operiert hier mit unzähl´gen
Lichten Schnitten Stimmen zerlaufen
Und fast verblühte Anästhesisten
Zerstäuben Düfte in viel zu hohen Dosen

Mag der Morgen schon
Silberne Skalpelle wetzen
Aus herzförmigen Blättern
Helle Formen ritzen
Du liegst da
Noch unberührt ungerührt
Bar jeder Unterschrift
Die Zungenspitze purpurn verfärbt

© Jörg Wiedemann

Barbara Wettstein, Journalistin, Lektorin und Autorin, hatte die Jury der zehnten Runde inne. Ihre Begründung macht die Vielschichtigkeit des Gedichtes deutlich:

Die patentierbare Überschrift ist die erste Überraschung. Ich empfinde dieses Gedicht als ein Konglomerat mehrerer Sommer und wie eine Bilanz unseres modernen Lebens, in der Sehnsucht, Liebe, Körperlichkeit offene Posten sind, Gewinn und Verlust ablesbar werden. Erotik, Finanzwesen, Medizin und Natur verschmelzen zu einer Einheit, die Mischung schmeckt bitter und ein wenig nach gegorener Süße. Die visuelle Sprache verführt zum Erinnern, weckt Assoziationen, Vorahnungen. Die Vergänglichkeit des Sommers, der Reiz der Überreife und der Überdruss werden sinnlich erfahrbar, gebrochen von nüchternen Wörtern, die uns in den Medien anfallen. Die Balance zwischen Ratio und Emotion erweist sich als trügerisch, Wissenschaft und Wirtschaft werfen sich brutal in die Waagschalen, erzeugen Gefühle von Ohnmacht und Skepsis, übertragen sich auf die Art, wie wir andere Menschen betrachten, unsere Liebespartner eingeschlossen. Der Sprachduktus ist melodisch und trotz der analytischen Aussage dem verlangsamten Tempo, der Trägheit der Nacht entlehnt.

Herzlichen Glückwunsch an den neuen Monatsgedicht-Sieger! Aus dem Urlaub noch Murmeltierpfeifen und Gämsengemecker im Ohr (“gute angenehme lautmalerische Poeme!”), schickte Jörg Wiedemann seine “biografischen Sentenzen”.

1970 bin ich in Berlin geboren. Habe Biologie, Germanistik, Sozialpädagogik und Erzieher studiert, auf Bauernhöfen gearbeitet, bin im praktischen Umweltschutz aktiv gewesen.
Unterwegs zu sein in Worten, Gedanken und Taten ist wie der rote Faden, der aus meiner Hosentasche schaut. Im Moment arbeite ich mit Kindern und beziehe daher die existenzialistischen, manchmal minimalistischen oder auch ironisch gebrochenen Sprachfetzen meiner Lyrik (schreibe ebenso gern Gedichte mit/für Kinder) wie auch aus dem aktiven Lauschen des Großstadtstimmengewirrs. Lesen und Schreiben ist wie Ein- und Ausatmen für mich … ja und der Humor, besonders der schwarze, bevölkert überbordend mein etwas wirres “Köpfchen”.
Habe an verschiedenen Lyrikwettbewerben teilgenommen und noch nichts veröffentlicht.

In der elften Runde entscheidet der Schweizer Literaturkritiker Paul Schorno, wessen “Vorbild” – das neue Thema der Monatsgedichte im Juli – zu Ehren kommt.

28.05.2010

“praep.spiele” von Carla Capellmann – das neue Monatsgedicht für Mai

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Projekt,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:38

Eine echte Sprachspielerin ist “themengerecht” zur Siegerin gekürt. Wer Carla Capellmanns Gedichte liest, wird immer wieder ihre Einfälle und den Sprachwitz entdecken und bestaunen. Ein Hoch auf die leichte, sprich: erfrischende Sprache, die sehr wohl das dafür entsprechende Know-how voraussetzt. Hallo, Carla, herzlich willkommen in der FavoritInnen-Runde!

praep.spiele

an.spiel
sie an der bar
er an der …
___ru
_____tsc
_______ht an sie
(engl.: her) heran
(hör mal) auch ein …?

zu.spiel
blicke : hin und
her und en
passant und weg und
hin (und him)
ein auge
(zwink.er.t)
auf ein …?

auf.spiel
(let’s go) zum
wo.[vor].spiel
(bei dir / bei mir)
bei.bye
__(hey!)

foul.spiel – das wird ein

nach.spiel
ha
_(ha!)
___ben …

© Carla Capellmann

Carmen Winter, Autorin, Publizistin und Leiterin von Schreibwerkstätten, gefällt die klare Sprache, die unkonventionell auch Satzzeichen, Fremdwörter einbezieht:

Spielerisch geht die Autorin des Gedichtes „praep.spiele“ mit dem Wort und mit den Zeichen um, die uns für Dichtung zur Verfügung stehen. Sie beschreibt ein Spiel, ein Liebesspiel, die Annäherung zwischen ihr (engl.: her) und ihm (engl.: him). Mit ganz wenigen Worten gelingt es ihr, eine ganze Geschichte zu erzählen. Zwei sitzen an der Bar, kommen einander näher, verabreden sich (bei dir/bei mir) und schon könnte alles vorbei sein, wenn nicht einer von beiden foul gespielt hätte und es nun ein nach.spiel geben wird. Vielleicht eine Schwangerschaft, vielleicht eine Dreiecksbeziehung.
So wie es auch im Leben manchmal nur weniger Worte und Blicke bedarf, um sich zu verabreden, braucht auch dieses Gedicht nur wenig Sprache. Sportlich ist hier der Ton mit an.spiel, zu.spiel, auf.spiel, foul.spiel und nach.spiel. Und modern sieht alles aus, internetgerecht mit Punkten und Klammern. Aber – das Ende ist klassisch und wird schon seit Jahrhunderten immer wieder bedichtet, aus dem Spiel wird Ernst. Beim Gedicht “praep.spiele” bleibt einem zum Glück nicht das Lachen im Halse stecken. Es behält seine spielerische Leichtigkeit von der ersten bis zur letzten Zeile. Und lockt ein Lächeln auf die Lippen, wenn es laut vor Publikum gelesen wird, bestimmt auch ein Lachen.

“Wie Du sehen wirst, kann ich einfach nicht ‘geradeaus schreiben’”, kommentierte Carla Capellmann ihre Vita in der Mail. Ich finde, sie passt bestens und macht in der Einheit mit dem Gedicht die Vorstellung rund.

carla capellmann

geboren 1963 / jülich / lebt in / königswinter / schreibt / veröffentlichungen in
literatur / zeitschriften & anthologien / dritter // preis // bei den literaturtagen
rheinland-pfalz 2009 / mitarbeit im: redaktionsteam der eXperimenta /
gemeinsamer // lyrik // band mit anne mai : wortlose // gedichte // die : von einem
losungswort / ausgehen / sich von ihm / entfernen es um / kreisen um / am ende
zu ihm zurückzukehren / athena-verlag 2010

Bis 12. Juni können die Gedichte für die aktuelle Runde “Sommernacht” gepostet werden. Barbara Wettstein, Journalistin in Hamburg, Lektorin und Autorin, wählt zum 26. Juni das zehnte Monatsgedicht. Weitere Infos finden Sie in der Projektbeschreibung der Monatsgedichte.

28.04.2010

Monatsgedicht April: “im abendzug” von Ingritt Sachse

Man sollte Ingritt Sachse hören, wenn sie ihre Gedichte liest. Ihre kraftvolle, etwas raue Stimme steht zum leicht singenden Ton im Gegensatz. Distanz teilt sich da im Vortrag mit, genaue Beobachtung und doch zugleich intensive Nähe. In solchem Oszillieren spürt man, dass beim Schreiben bereits die Antennen ausgefahren sind, Stimmungen, Eindrücke aufzufangen und ans Publikum weiterzugeben. Das Überblenden unterschiedlicher Wahrnehmungen – im neuen Monatsgedicht wird dieses Prinzip Ingritt Sachses auch sichtbar.

im Abendzug
durch das Gesicht im
weichen Spiegel
ziehn Wolken Bäume
Drähte ziehn
Geschichten
durch das Gesicht es
schaut auf mich er-
kennt mich nicht
neben mir
der Blick reist mit dem
Abendzug im
weichen Spiegel

© Ingritt Sachse

Ursula Haeusgen, Gründerin des Lyrik-Kabinett München, nimmt in ihrer Begründung das Spiel mit dem Spiegelbild auf:

Zwei reisen im Zug durch den Abend. Ich und Ich. Immer, wenn das Ich aus dem Zugfenster schaut, erblickt es ein Gesicht, sein Gesicht, gespiegelt im Fenster. Sein Gesicht? Nicht ganz. Ein zweites Gesicht? Vielleicht. Geisterhaft durchsichtig wie ein surreales Bild, ziehen hinter seiner Stirn die Wolken vorbei, hinter den Wangen und Augen Bäume und Drähte. Es spricht nicht. Aber es erzählt – Geschichten und Gedanken huschen vorbei und werden vom Ich aufgefangen. Das Spiegelgesicht erkennt das Ich nicht – aber das Ich erkennt sich. Das Ich schaut weg, aber es weiß, dass das andere Ich da ist, auch wenn es nicht angeschaut wird. Es reist mit – nicht nur im Zug – immer. Ein tröstlicher Gedanke? Das kommt darauf an. Sie haben so eine Situation sicher auch schon erlebt.

Ich konnte mit Ingritt Sachse zusammen schon einige Lesungen bestreiten; daher die mir so vertraute Stimme. Ich freue mich nach diesen Begegnungen umso mehr über Ursula Haeusgens Wahl. Herzliche Glückwünsche, Ingritt, nach Bonn.

Ingritt Sachse (*1946 in Bremen) lebt und arbeitet als Psychotherapeutin in freier Praxis in Bonn. Dichten bedeutet ihr Freiraum und Eintauchen in immer wieder neue Welten.
1999 Veröffentlichung von Prosatexten; 2003 bis heute Lyrikveröffentlichungen in verschiedenen Anthologien und Jahrbüchern.
Seit 2004 kontinuierlich öffentliche Lesungen mit Musik (Einzellesungen und Gemeinschaftslesungen) in Köln, Bonn, Ratingen bei Düsseldorf, in Winterkasten und Meißen, zuletzt im März 2010 in der Parkbuchhandlung Bad Godesberg. Die nächste Lesung am 27. Juni 2010 ist in Vorbereitung. Die Lyriklesungen Ingritt Sachses sind teilweise als Live-Mitschnitt oder als Studioaufnahme auf CD erhältlich.

In der Mai-Runde der Monatsgedichte lautet das Thema “Spiel mit Sinn, Wort und Form”. Carmen Winter ist die neue Jurorin.

Neuere Einträge »« Ältere Einträge