04.06.2012

Monatsgedicht im Juni: “lepanto” von Werner K. Bliß – eine Hommage an Cy Twombly

Als Werner Bliß mir bei einem München-Besuch erzählte, dass er im Museum Brandhorst Cy Twomblys Zyklus “Lepanto” (Bild 11 bis 22 anklicken) anschauen wolle, bat ich ihn, ein Gedicht dazu zu schreiben. Ich hatte gerade mit meinem eigenen Lyrikkurs im Museum die ersten Erfahrungen gemacht und war neugierig auf alle Art von Lepanto-Gedichten.
Zur damals schon in sich runden Version schickte Werner Bliß nun gut ein Jahr später zum Monatsgedicht eine neue Fassung. Das passt genau zur folgenden Stelle aus Klaus-Peter Busses neu erschienenem Band “o.T. Über Cy Twombly” (Athena Verlag): “Der Umgang mit dem Bild ist von Beginn seiner Entstehung bis zu seiner Rezeption [...] selbst eine fortwährende Übermalung oder eine Schichtung. Der Betrachter malt gewissermaßen an dem Bild mit, das ihn beschäftigt.” (S. 22)
Um wieviel mehr gilt dies noch für einen Betrachter, der schreibt und das Ergebnis seiner Mitarbeit auch für andere sichtbar festhält:

lepanto

am anderen morgen diese
farbenpracht beinahe ein
bild des friedens
wären da
nicht

fahnenteile
holzplanken
ruderschaufeln
lederriemen
blutrot begrenzt
ein arm der nicht
fuß fassen will
haarbüschel

ein stück kommandobrücke
im lichten dunst
landeplatz einer lachmöve
.
© Werner K. Bliß

“Die Entscheidung ist klar für mich. The winner is: 8, lepanto”, schrieb die Wiener Verlagsleiterin und Philosophin Viktoria Frysak, in der Antwortmail mit ihrem Urteil:

Ein Kunstwerk erscheint mir immer dann gelungen, wenn es neue Gedanken anstößt, einen Eindruck hinterlässt, irgendeine Art der inneren Beschäftigung nach sich zieht.
Das aktuelle Monatsgedicht war diesbezüglich doppelt spannend: Zunächst muss ein gegenständliches Kunstwerk einen Menschen derart in seinen Bann schlagen, dass er bereit ist, in Anlehnung daran ein literarisches Kunstwerk zu schaffen. Das Geschriebene muss dann seinerseits als eigenständiges Kunstwerk existieren und seine Wirkung entfalten können. Darüber hinaus muss es jedoch auch irgendeine Art der Rückbindung an das Ausgangswerk enthalten.

“Lepanto” hat mit seiner Eigenständigkeit ebenso überzeugt wie mit seinem Zusammenhang. Der Text eröffnet einen interessanten Blick auf die Bilder Cy Twomblys, er lenkt die Aufmerksamkeit auf ungesehene Aspekte. Zugleich enthält das Gedicht eine ganz eigene Aussage.
Seine Sprache ist unaufdringlich und nachdrücklich: Gewaltige Worte, die sofort Bilder erstehen lassen, deren Eindringlichkeit subversiv wirkt, ohne damit in die Nähe der Platitüde zu kommen.
Der Rhythmus des Gedichts trägt zur Wirkung der Worte bei. Die Wahrnehmung wechselt von der beschaulichen Szenerie zur Dissektion. Dieser Umbruch ist sprachlich, rhythmisch und inhaltlich konzipiert. Im dritten Schritt wird die Wahrnehmung zurück in eine – nur vermeintliche? – Beschaulichkeit geführt.
Die Dreiteilung des Gedichtes zeichnet einen Weg, der vielleicht die Dialektik aller Veränderung im Feld von Vergänglichkeit und Neubeginn zum Thema hat …

Der glückliche Gewinner dieser Runde weiß noch gar nichts von seinem Erfolg. Telefonbeantworter und Mailbox warten noch auf die Heimkehr des Urlaubers. Dennoch: einen herzlichen Glückwunsch in den Schwarzwald!

Werner K. Bliß kennt beides: das Schreiben, ob Lyrik oder Erzählwerk, und das Malen, Zeichnen oder auch Herstellen von Collage und Skulptur. Immer im regen Austausch mit anderen finden sich viele seiner veröffentlichten Gedichte in Katalogen. Seine Texte ergänzen u.a. Kunstwerke von Armin Göhringer oder Marianne Hopf.
Werner Bliss, 1950 geboren und von Beruf Pädagoge in Hausach/ Schwarzwald, ist in Theo Breuers siebenter handgeschriebener Anthologie Vulkan Obsidian genauso vertreten wie digital bei Lyrikmail oder Fixpoetry.
Sein Gedicht “restposten” war übrigens auch hier im Blog bereits Monatsgedicht im Januar 2010.

“Mondhelle Nächte” laden Sie zum Schreiben und Posten für das Monatsgedicht im Juli ein. Als Jurorin steht Annette Bitsch zur Verfügung, die als Privatdozentin im Bereich Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt.
Die Ausschreibung finden Sie als Download, zur generellen Erstanmeldung, wenn Sie beim “Projekt Monatsgedichte” neu mitmachen wollen, führt Sie dieser Link.

7 Kommentare

  1. Herzlichen Glückwunsch, Werner, zum Siegergedicht!!! Aus den Verszeilen spricht – wie schon mal bei anderer Gelegenheit erwähnt – der Blick des Malers. Ein Wort – Pinsel – Tanz, ein bewegendes Gedicht mit flackernden Bildern! Ein lyrischer Text besticht durch seine Leichtigkeit.

    Comment by Gerda Steger — 04.06.2012 @ 21:12

  2. Auch von mir herzliche Glückwünsche! Ich liebe den Lepanto-Zyklus und das Gedicht ist ein eigenes und gehört doch dazu. Wunderbar!

    Comment by Marion Röckinghausen — 05.06.2012 @ 10:49

  3. herzlichen Glückwunsch auch von mir,ein wunderbares Gedicht.

    Comment by Johanna Klara Kuppe — 06.06.2012 @ 20:54

  4. Kam gestern am späten Abend vom Meer, vom Atlantik, von der Bretagne, mit “Bildern des Friedens” zurück und erfuhr, zuerst hörend über AB, von meinem Glück, las dann Michaelas einführende Worte, die wunderbar treffenden Zeilen von Viktoria Frysak, sowie all die Glückwünsche.

    Besten Dank.

    Freue mich und grüße
    herzlich aus Hausach

    Werner Bliß

    Comment by Werner Bliß — 10.06.2012 @ 10:41

  5. Congratulations, Werner, my dear.
    So hab ich dich kennengelernt. Danke, du alter Poet.
    Ich hoffe, eine solche Farbenpracht, aber vor allem solch einen Frieden in meiner neuen Heimat zu finden.
    Verwöhn uns weiter mit deiner Poesie.
    See you.
    Sabine K.

    Comment by Sabine Köllner — 27.06.2012 @ 17:37

  6. Werner, endlich angeschaut, gelesen und mich soooo gefreut für Dich! Wenn ich an den Odenwald denk, an Dich, an Michaela, wo alles angefangen hat, lang ist’s her, freue ich mich doppelt. Ich bewundere Deine Beharrlichkeit (dran zu bleiben an dem, was Dir wichtig ist), Deine minimalistische Wahl der Worte, die so maximal das Wesen einer Sache trifft. Obrigada und Servus. hannelore

    Comment by hannelore biricz — 13.07.2012 @ 16:39

  7. P.S. Werner, ich hoffe, ich kann Dich bald in der Alten Schmiede lesen hören (dann zeig ich Dir Wien!).

    Comment by hannelore biricz — 13.07.2012 @ 16:52

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