10.12.2011

Marlies Blauth stellt mit „Nachts“ das Monatsgedicht für Dezember

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 08:33

‚Nachtgedanken’ lautete das Thema der fünften Monatsgedicht-Runde. Was sich mit wachen Sinnen im Dunkel – sei es außen oder innen – alles vernehmen lässt und Schauer erzeugt, macht Marlies Blauth mit ihrem Gedicht deutlich.

Nachts

Psst!
Sie sind wieder da.
Hörst du ihr leises Husten?
Das schlurrende Zirpen
wenn sie ihre winzigen Glaskrallen wetzen?

Spürst du das Flirren und Schlappen
mit dem ihre Lufthäute deinen Nacken streifen
riechst du den Hauch
den sie giftig hecheln?

Mit schmatzendem Schwall
werfen sie ihre Gewölle auf Teller und Tisch!

Kannst du die krausen Linien sehen
die sie so wild durch die Zimmer tanzen
bevor ihre Flügelknochen fletschend zerbrechen?
Hörst du nicht dieses rohe Krachen?
.
.
Was sagst du da –
alles ist still?

-
© Marlies Blauth

Als Juror dieser Runde wählte der Journalist und Literaturkritiker Günter Ott den Favoritentext aus:

Stille Nacht – von ihr wird in diesen Tagen wieder gesungen. Doch die Nacht ist nicht still. Wer dies erfahren will, muss allerdings still sein („Psst!“), denn nur dann schärfen sich die Sinne für die Nacht draußen, mehr noch für die Nacht drinnen, für die Nacht im Menschen. Wer in seine Nacht hineinhört, in sein Dunkel geht, den überkommen Ahnungen, gespensterhafte Erscheinungen – Dinge, die vorüberwischen, vorüberzischen; die einen schrecken („deinen Nacken streifen“), die Sinne verwirren („krause Linien“, „wild … tanzen“), Abgründiges öffnen.
Natürlich lässt einen dieses Gedicht an Fledermäuse denken, zunächst. Doch es geht den entscheidenden Schritt weiter ins bedrohliche Dunkel, in eine Schattenwelt, derer wir nicht mehr Herr sind. Uns wird mitgespielt! Wir sind ausgesetzt, just da, wo wir uns unserer Häuslichkeit sicher wähnen („Gewölle auf Teller und Tisch!“).
Nachts ist der Wechsel, auch der Wechsel von Fragezeichen und Ausrufezeichen. Die Sicherungen sind durchgebrannt …
Da gibt es tatsächlich noch welche, die nichts hören, nichts sehen, nichts erahnen, die weiter von der stillen Nacht singen. Mag sein, dass sie das Lied eine Zeitlang über die Abgründe hinwegführt, aber irgendwann wird auch ihnen Hören und Sehen vergehen, wenn sie den Mut fassen, in ihr Dunkel hinabzusteigen.

Als ich den Link zu Marlies Blauths Blog zum ersten Mal anklickte, war ich fasziniert von der Klarheit, mit der sie ihre Kunst wie auch ihre Gedichte präsentiert. Inzwischen ist es immer eine besonderer Moment, dort vorbeizuschauen: KUNST Marlies Blauth

Marlies Blauth (*1957 in Dortmund; aufgewachsen in Dortmund, Vater war Musiker) ist Künstlerin, studierte bei Anna Oppermann und Wil Sensen an der Universität Wuppertal
(1981 Staatsexamen Kunst/ Biologie; 1988 Diplom Kommunikationsdesign),
seit 1988 Ausstellungen im In- und Ausland (Malerei, Druckgrafik, experimentelle Techniken)
seit 2006 literarische Beiträge in Anthologien und Zeitschriften, mehrere regionale Auszeichnungen

Die sechste Runde der Monatsgedichte dauert noch bis Heiligabend. Die Germanistin und Lektorin Katrin Greiner (Halle) wählt aus diesen Posts im Blog Monatsgedichte dann den Siegertext für Januar. Thema sind Film- und Kinogedichte

10 Kommentare »

  1. Herzliche Glückwünsche zum Siegergedicht!!! Es hat auch mich schon gleich nach dem Posten im Forum durch seine schlichte Klarheit, dem Wechselspiel von Frage – Antwort “hellhörig” gemacht.
    Wortklänge fließen, Schauerbilder beleben die nächtliche Atmosphäre und füllen mit feinsinnigen Gedanken das Leserherz. Es sagt DANKE!

    Warme Wintergrüße aus Worms…

    Gerda

    Comment by Gerda Steger — 10.12.2011 @ 10:57

  2. Auch ich gratuliere herzlich, ein faszinierendes, sinnliches, ver – und betörendes Gedicht.

    Adventsgrüße
    Johanna Klara Kuppe

    Comment by Johanna Klara Kuppe — 10.12.2011 @ 15:15

  3. Ich bin sehr glücklich, dass meine nächtlichen Gestalten so viel Sympathie gewinnen konnten (obwohl sie doch ziemlich unsympathisch sind)! Allen herzlichen Dank!

    Marlies Blauth

    Comment by Marlies Blauth — 10.12.2011 @ 16:35

  4. Mir hat Ihr Gedicht sehr gefallen, weil es Stimmung schafft bei mir, ungewöhnliche, unverbrauchte Bilder hervorbringt… so dass im “geordneten Wirrwarr” Eindrücke gestanzt werden, die das “rohe Fleisch der Nacht” kurz bloßlegen, hörbar machen…
    Gerade die Steigerung der Strophen bis zum Krachen und die abschließende, doppelbödige Frage nach der Stille finde ich sehr gelungen und machen denReiz Ihrer Verse für mich aus…
    Nächtliche Grüße aus dem “dunkel-gefletschten” Berlin von Jörg Wiedemann

    Comment by Jörg Wiedemann — 10.12.2011 @ 23:25

  5. [...] das Thema für die Monatsgedichtrunde im Dezember. Gestern ist Marlies Blauth mit ihrem Gedicht "nachts " ausgezeichnet worden. Wohl verdient und herzlichen Glückwunsch! Ich habe auch wieder mitgemacht. [...]

    Pingback by Das Monatsgedicht im Dezember | Sophie Paulchen bloggt — 12.12.2011 @ 05:40

  6. Wie kann Schwall schmatzen? Das Gedicht klingt nur wider von zu viel Adjektiven. Das ganze Gedicht heuchelt. Aber das ist vielleicht dann auch wieder eine Verhöhnung von Heiligabend. Und alle Verhöhnung von Heiligabend ist gut.

    Comment by Oliver Füglister — 12.12.2011 @ 21:08

  7. 1 Doch, Schwall kann schmatzen

    2 Ja, Adjektive – das habe ich inzwischen auch gelernt kritisch zu sehen, ich habe den Text dennoch so gelassen

    3 Nein, das Gedicht heuchelt nicht – wem sollte es was vorheucheln wollen?

    4 Und nein, ich hatte nie die Absicht, den Heiligen Abend zu verhöhnen, auch wenn mein eigener Standpunkt dazu eher ein kritischer ist. Damit hat dieser Text aber wirklich nichts zu tun

    Comment by Marlies Blauth — 13.12.2011 @ 09:30

  8. @ Oliver Füglister
    “mit schmatzendem Schwall” – warum sollte im Sinne eines Auswurfs das Geräusch nicht möglich sein, zumal auch poetische Bilder bis zum Paradox ihre Freiheit ausnützen können? Der Bezug auf Weihnachten liegt dem Gedicht fern, Ihre Assoziation zu Heiligabend macht sich hier wohl eher am Einstieg des Kommentars fest, der dennoch den Text in keinen Bezug zu Weihnachten setzt!
    Beste Grüße, M. Didyk

    Comment by Michaela Didyk — 13.12.2011 @ 09:36

  9. Herr Füglister, ich kann nachvollziehen, dass man ein Gedicht nicht mag oder es nicht gelungen findet, selbstverständlich…und dies auch zum Ausdruck bringt…
    Ich finde es aber ziemlich despektierlich und einseitig von Ihnen so apodiktisch Feststellungen zu treffen.
    Gerade der gelungene Einsatz von Adjektiven kann in Gedichten ein hohes Maß an Präzision, Spannung, klanglicher Form und nicht zu Letzt auch Opposition widerhallen lassen.
    Und synästhetische und kühne Metaphern sind in der modernen Lyrik sehr präsent (das wissen Sie wahrscheinlich?).
    Ich finde bei dem Gedicht von Marlies Blauth unverbrauchte und gelungene Beispiele dieser Art, die auch der Thematik und Grundform des Gedichtes adäquat sind.
    Genauso schwierig empfände ich es zum Beispiel, das recht hohe Maß an Genitivierung in Ihren Gedichten so einseitig zu beleuchten…
    Wie Sie allerdings auf Heuchelei kommen, erschließt sich mir überhaupt nicht????
    Ich hätte mir persönlich gewünscht, dass Sie mit diesem Text differenzierter und auch
    (bei aller Kritik und subjektivem Befinden) etwas wertschätzender und sorgsamer umgegangen wären.
    Mit freundlichen Grüßen
    Jörg Wiedemann

    Comment by Jörg Wiedemann — 14.12.2011 @ 18:21

  10. Ihre unfaire bzw. auch unberechtigte Kritik, Herr Füglister, hat auch mich heftig bewegt, fast sprachlos gemacht. Da kann ich mich all dem Gesagten von Michaela und Jörg nur anschließen und freu mich, in meiner Meinung bestätigt zu wissen: keine Spur von Heuchelei – im Gegenteil – noch von Verhöhnung. Ihr Fantasie spielte da gewaltig mit – “was sagst du da / alles ist still?” – wo bitte ist da etwas von Heiligabend die Rede?
    Die hier benutzten Adjektive haben einen Stellenwert, geben dem Nachtbild auch etwas Atem, unterstreichen die Bildhaftigkeit der Nachtgedanken.
    Gruß aus Worms….

    Gerda Steger

    Comment by Gerda Steger — 14.12.2011 @ 20:28

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