24.09.2010

13. Monatsgedicht: “unter dem stein die pumpe” von Ingritt Sachse

Filed under: Autor/innen,Monatsgedichte,Wettbewerb — Tags: , , — Michaela Didyk @ 00:32

Dreimal ausgewählt von jeweils unterschiedlichem Juror bzw. Jurorin, das spricht für die Autorin: Ingritt Sachse hat die Monatsgedichte mehr zu ihren Favoriten gemacht als umgekehrt. Ihre Version eines Paradiesgartens beschließt nun den ersten Zyklus der 13 Monatsgedichte, die im vergangenen September starteten.

unter dem stein die pumpe
springt der bach hell
über die kiesel silber
rispen auf hohen halmen
schaukeln leise im wind die
seerosen aus dem garten
center die goldigen
fische im teich nebenan
so ein räuber
hat schon der reiher die
gehören doch uns

© Ingritt Sachse

Juror war in dieser Runde Klaus Seufer-Wasserthal, Leiter der renommierten Rupertus Buchhandlung und Mitbegründer des Salzburger Literaturfestes. Er kam zu folgendem Urteil:

Paradise lost?
Unser Garten(teich) ist unser Paradies.
Paradies wo? Paradies wie? Gibt es dieses?
Die Natur scheint bezwungen, doch Einbrüche gibt es. Räuber? Bedrohen sie uns oder doch nur das (kleine) Paradies, das wir uns erträumen, auch schaffen?
Die Dichterin erzählt uns in diesem Gedicht auf ganz wunderbare Weise eine Geschichte von unserem kleinen Paradies (so wir denn einen Gartenteich haben). Sie bricht ironisch die reine Naturbeschreibung, pumpt Worte aus dem ökonomischen Gartenleben ins Gedicht.
Und doch ist auch diese Idylle bedroht, wir haben keine “Sicherheit”, die Natur kommt unweigerlich wieder, zu Beginn holt sie sich nur die goldigen Fische. Doch was kommt noch auf uns zu?
Ich finde, dass dieses Gedicht ganz viele Fragen aufwirft und keine Antworten sucht und doch gibt.
Wir haben keinen Anspruch auf Besitz. Wir dürfen zuschauen und betrachten, ein bisschen kommentieren, ein bisschen empört sein, aber das eigentlich Bestimmende ist was anderes!

Aufs Neue also herzlichen Glückwunsch nach Bonn! Und wer ist die Autorin? Da gibt es schon einige Information:

Die Vita Ingritt Sachses finden Sie beim Monatsgedicht April. Was ihr das Schreiben bedeutet, lesen Sie bei den “kirschrosen” im Juli. Und über die 13. Runde hinaus? Da ist (nicht nur) eine neue Lesung geplant. Es ist gerade auch ein Buch im Erscheinen. Bis dieses im Januar auf dem Markt ist, können Sie weitere Texte von Ingritt Sachse auf ihrer Website lesen und hören. Dann entgeht Ihnen auch nicht, wenn ihr neuer Gedichtband dort oder hier in den Beiträgen aktuell angekündigt wird.

Nachtrag: Ingritt Sachses Gedichtband “in schattengängen streut licht” ist inzwischen erschienen. Die Lektüre lohnt!

Wie geht es bei den Monatsgedichten weiter? Ein zweiter Zyklus, leicht variiert, ist geplant. Doch bis zum Frühjahr ist nun erst einmal Pause. Näheres erfahren Sie unter www.unternehmen-lyrik.de

13.09.2010

Schreiben im “Dirndlgwand”

Filed under: Rund ums Schreiben — Tags: , — Michaela Didyk @ 01:45

Bald überschwemmt es München wieder mit Lederhosen und Dirndl, Wiesnkluft ist in. Vielleicht ist es nur Neid, weil mir das entsprechende Holz vor der Hütte fehlt, wahrscheinlicher ist, dass mir das zwangsweise Tragen eines solchen “Schürzenkleides” in Jugendtagen die Lust daran gründlich verdorben hat.
Doch was haben Trachtenmode und Wiesn im Lyrikblog zu suchen? Sie passen als Einleitung zu einem Artikel über Mundartdichtung, möglicherweise findet auch eine internationale Lesung im Bierzelt statt. Karl Valentin und Liesl Karlstadt haben in ihren Couplets immerhin bewiesen, dass Bayrisch sehr chinesisch klingen kann:

Nein, nichts davon. Lyriker (und nicht nur sie) brauchen Schreibzeug, sprich Notizbücher. Denn Geistesblitze wollen sofort festgehalten werden. Beim Papierhersteller Gmund sind bis ins feinste Detail abgestimmt und in fünferlei Farben Dirndl Bücher “zum Oktoberfest neu eingetroffen”. Vielleicht wäre bei solchem Angebot doch auch eine Schreibnacht vorm Maßkrug oder in der Geisterbahn nicht verkehrt.
Auf die Dirndl-Rarität hat mich das Notizbuchblog aufmerksam gemacht. Hier sammelt “Notizbuchfanatiker” Christian Mähler Interessantes zum Thema. Wer sich über Notizbücher aus Italien oder Indien, über Bände mit Dünndruckpapier wie bei kirchlichen Gesangsbüchern oder über Holzbücher informieren will, wird im Blogarchiv mit derzeit 231 Herstellern schnell fündig. Ein exzellenter Ratgeber auch für Geschenke – und nach dem Oktoberfest ist es bis zum Advent nicht mehr weit.

11.09.2010

Spoken Word & Poetry Slam

Filed under: Autor/innen,Poetry Slam,Veranstaltung — Tags: , , — Michaela Didyk @ 02:24

Poetry Slam heißt es verstärkt in den nächsten Tagen. Ob in Salzburg oder München, die Meister des Faches stehen auf der Bühne, unter ihnen – am kommenden Montag im Lyrik Kabinett - Matthew “Cuban” Hernandez aus Jacksonville/ USA und Philipp Scharri (Stuttgart/ München). Letzterer kämpfte sich mit Spitzenerfolgen hierzulande auch als Vertreter Deutschlands bei den Weltmeisterschaften in Paris bis ins Finale. Seine Wortkunst können Sie hier genießen:

Matt ‘Cuban’, in Florida geboren, begann mit 13 Jahren seine Laufbahn in Spoken Word und Hiphop. Mit 17 gründete er eine eigene “youth poetry organization” (Shattered Thought). Das Jahr darauf war er mit seinem Team, für das er auch Schreibkurse gab (und sich auch heute noch für solche Förderung einsetzt) jüngster Gewinner des Southern Fried Poetry Slam.
Seitdem reist Matt Cuban Hernandez quer durch die USA von Universitäten über Clubs zu Festivals, hat vier Alben veröffentlicht und startet nun seine Welttournee. Ob er dabei, wie es heißt, auch schon seinen Gedichtband “Cuban Shorts” im Gepäck hat, ist noch offen. Wer beim Live-Auftritt nicht vor Ort ist, kann sich bei dieser “Vorstellung” von Cuban ein (Hör)bild machen:

Wenn Sie Lust auf einen Live Poetry Slam haben, hilft Ihnen dieser Veranstaltungskalender im deutschsprachigen Raum weiter.

10.09.2010

Lyrikspiele zum Vergnügen

Filed under: Digitale Kunst,Lyrikspiel,Projekt — Tags: , , — Michaela Didyk @ 21:35

Als ich vor etwa zwei Jahren das Web nach Spielen rund um Sprache und Vers durchsuchte -  zugegebenermaßen Hans Magnus Enzensbergers anspruchsvollen “Poesieautomat” im Hinterkopf – entdeckte ich Stephan Karschs maquina poetica. Sofort war ich begeistert: Nicht nur die Ästhetik, sondern der Geistesblitz, der dahinter steckt, haben es mir seitdem angetan. Da erscheinen keine banalen Verse auf Knopfdruck, sondern die Texte können sich gut unter lyrischem Maßstab sehen lassen.

© Stephan Karsch 'maquina poetica'

In den verschiedenen Gestaltungsstufen sind individuelle Eingriffe des Spielers möglich. “Man könnte also von einer Kooperation zwischen Autor und Maschine sprechen,”  kommentiert es der Erfinder, der die maquina poetica 2003 als Abschlussarbeit für seinen Bachelor of Media Design erstellte und damit für mehrere Preise nominiert wurde.

© Stephan Karsch 'poetica visual'

Eine zweite lyrische ‘Spielwiese’ ist nun 2010 hinzugekommen. Mit der poetica visual betont Stephan Karsch in Anlehnung an die Konkrete Poesie visuelle und filmische Aspekte. Mit dieser poetica lassen sich Textbilder oder -filme generieren, sobald ein Wort oder Satz auf der Seite eingegeben wird und durch das Tippen auf der Tastatur Bewegung dazukommt. Am besten steigen Sie gleich selber ins Spiel ein. Das Vergnügen ist garantiert.