Jörg Wiedemann: “Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung” – Monatsgedicht Juni
Jörg Wiedemann ist Gewinner in der Runde der Juni-Gedichte. Seine “Sommernacht” hat es in sich. Hitze paart sich mit Kalkül. Vorstellungen und Werte haben sich verschoben. Bereits der Titel ist Programm.
Kreditunwürdige Farbspritzer auf einer Kohlezeichnung
Sterne zwinkern zwielichtig
Trügerisch wie Börsenspekulanten
Die mit hochriskanten Anleihen
Von Liebe und co. handelnUnd du
Du liegst wie immer nackt
Im feuchten Gras eines Sommers
Bereits überwuchert
Von dessen kurzer LaufzeitWillst dich an einen Kuss ketten
Seine hormonelle Rendite gleich
Eisgewürfelt auf der Zunge einfriern
(Ach so´n Geschmack wie der Stadt-
Schweiß in aller Munde diese Nacht ):Häuser gehen wieder mit Balkonen schwanger
Leibesfrüchte schwellen dir entgegen
Das Dunkel operiert hier mit unzähl´gen
Lichten Schnitten Stimmen zerlaufen
Und fast verblühte Anästhesisten
Zerstäuben Düfte in viel zu hohen DosenMag der Morgen schon
Silberne Skalpelle wetzen
Aus herzförmigen Blättern
Helle Formen ritzen
Du liegst da
Noch unberührt ungerührt
Bar jeder Unterschrift
Die Zungenspitze purpurn verfärbt© Jörg Wiedemann
Barbara Wettstein, Journalistin, Lektorin und Autorin, hatte die Jury der zehnten Runde inne. Ihre Begründung macht die Vielschichtigkeit des Gedichtes deutlich:
Die patentierbare Überschrift ist die erste Überraschung. Ich empfinde dieses Gedicht als ein Konglomerat mehrerer Sommer und wie eine Bilanz unseres modernen Lebens, in der Sehnsucht, Liebe, Körperlichkeit offene Posten sind, Gewinn und Verlust ablesbar werden. Erotik, Finanzwesen, Medizin und Natur verschmelzen zu einer Einheit, die Mischung schmeckt bitter und ein wenig nach gegorener Süße. Die visuelle Sprache verführt zum Erinnern, weckt Assoziationen, Vorahnungen. Die Vergänglichkeit des Sommers, der Reiz der Überreife und der Überdruss werden sinnlich erfahrbar, gebrochen von nüchternen Wörtern, die uns in den Medien anfallen. Die Balance zwischen Ratio und Emotion erweist sich als trügerisch, Wissenschaft und Wirtschaft werfen sich brutal in die Waagschalen, erzeugen Gefühle von Ohnmacht und Skepsis, übertragen sich auf die Art, wie wir andere Menschen betrachten, unsere Liebespartner eingeschlossen. Der Sprachduktus ist melodisch und trotz der analytischen Aussage dem verlangsamten Tempo, der Trägheit der Nacht entlehnt.
Herzlichen Glückwunsch an den neuen Monatsgedicht-Sieger! Aus dem Urlaub noch Murmeltierpfeifen und Gämsengemecker im Ohr (“gute angenehme lautmalerische Poeme!”), schickte Jörg Wiedemann seine “biografischen Sentenzen”.
1970 bin ich in Berlin geboren. Habe Biologie, Germanistik, Sozialpädagogik und Erzieher studiert, auf Bauernhöfen gearbeitet, bin im praktischen Umweltschutz aktiv gewesen.
Unterwegs zu sein in Worten, Gedanken und Taten ist wie der rote Faden, der aus meiner Hosentasche schaut. Im Moment arbeite ich mit Kindern und beziehe daher die existenzialistischen, manchmal minimalistischen oder auch ironisch gebrochenen Sprachfetzen meiner Lyrik (schreibe ebenso gern Gedichte mit/für Kinder) wie auch aus dem aktiven Lauschen des Großstadtstimmengewirrs. Lesen und Schreiben ist wie Ein- und Ausatmen für mich … ja und der Humor, besonders der schwarze, bevölkert überbordend mein etwas wirres “Köpfchen”.
Habe an verschiedenen Lyrikwettbewerben teilgenommen und noch nichts veröffentlicht.
In der elften Runde entscheidet der Schweizer Literaturkritiker Paul Schorno, wessen “Vorbild” – das neue Thema der Monatsgedichte im Juli – zu Ehren kommt.


Wenn ich anfangs auch etwas mit “gemischten Gefühlen” vor diesem Sommernachtsbild stand, meine Sinne “verwöhnt” etwas mehr vom Zauber einer Sommernacht einfangen wollten, füllen dennoch gekonnte Pinselstriche diesen:
“Und du / Du liegst wie immer nackt / Im feuchten Gras eines Sommers”…..
Gemalte Verse mit Erlebniszeit – Erinnerungsfäden oft als einzige Lichtquelle in dunklen Zeiten.
Eine bildhafte Sprache, facettenreich im Ausdruck! Ein schönes Bild, das ins Auge leuchtet:
“Häuser gehen wieder mit Balkonen schwanger”…
Herzliche Glückwünsche!!!
Gerda Steger
Comment by Gerda Steger — 26.06.2010 @ 09:19
Herzlichen Glückwunsch!
Carla Capellmann
Comment by Carla Capellmann — 28.06.2010 @ 09:55
Vielen Dank für die beiden Glückwünsche im Moment gehen wir wohl alle mit der Hitze “schwanger”
Liebe Grüße vom schwitzenden Jörg Wiedemann
Comment by Jörg Wiedemann — 30.06.2010 @ 13:50
[...] der bereits in der ersten Monatsgedicht-Serie unter den Favoriten war, erfahren Sie in der Vita an früherer [...]
Pingback by “Unflugfähig” von Jörg Wiedemann – Monatsgedicht für November | Unternehmen Lyrik — 10.11.2011 @ 17:11
[...] Dinge drei sind. Seine “dritte Vita” besteht daher in den Verweisen auf seine frühere Favoritengedichte, mit denen er zwei andere Jurorinnen schon überzeugte. Dort finden Sie auch sein Statement zum [...]
Pingback by “Hey Ariadne” – Jörg Wiedemann stellt das Monatsgedicht für April | Unternehmen Lyrik — 07.04.2012 @ 14:36