Lyrik, die vom Himmel fällt
Lyrik zwischen Inspiration und Handwerk – in seinem Interview in der Zeit (27.3.08) bestimmt Altmeister Peter Rühmkorf Einfälle und Aha-Erlebnisse als Ausgangspunkt eines Textes. Gedichte sind seines Erachtens nicht, wie Gottfried Benn im Anschluss an Stéphane Mallarmé formuliert, “aus Wörtern gemacht”, sondern ein “Gedicht besteht aus mehreren Grundeinfällen”: Halbsätze, flüchtig Notiertes, Beobachtungen, die Assoziationen auslösen und den poetischen Funken zünden, gehören in diesen Fundus. Was bei alledem direkt vom Himmel komme, so Rühmkorf, nämlich “die guten Zeilen, die herabregnen wie Sterntaler”, könne man in der Qualität sofort erkennen.
Heißt das, dass das alte Genie wieder aufersteht? Eher nein, denn auch bei Rühmkorf lässt sich die Wichtigkeit des Handwerks nicht leugnen. Das “Selbstgemachte” muss dem “vom Himmel Gefallenen” entsprechen. Genau darin besteht die Kunst, die – so Rühmkorfs vernichtendes Urteil – die meisten nicht beherrschen.
Es geht zunächst um Wörter. Die muss ein Dichter, eine Dichterin finden. Ein Stapel Lexika gehört daher unverzichtbar zur Grundausstattung eines Lyrikers: Mit dieser Empfehlung steht Rühmkorf nicht allein. Die dänische Lyrikerin Inger Christensen überwand eigener Aussage nach eine schwere Schreibkrise, indem sie Einzelbegriffe auf leeren Blättern zusammenfasste und in diesem intuitiven Tun zufällig das Wachstumsprinzip der Fibonacci-Reihen entdeckte. Ihr bekanntes Gedicht alphabet ist das Resultat. Auch Paul Celan zog wie kein anderer Dichter Wörterbücher und Fachlexika zu Rate.
Ohne Inspiration kein gelungenes Gedicht – aber auch keines ohne Können, Handwerk und Zuarbeit. Nur so entsteht jener Zauber, der sich bei Peter Rühmkorf oft mit Ironie verbindet – auch in seinem jüngsten Band Paradiesvogelschiß:
Ich zog die Wörter auf Zeilchen, / da schwebten sie locker ein Weilchen. (S. 84)
