08.05.2008

Lyriklesungen, inspiriert und klassisch Loriot

Abgelegt unter: Buchtitel, Lesung — Tags: , — Michaela Didyk @ 17:09

© Raffaela / PIXELIO

Tisch und Stuhl, eine Lampe, ein Glas Wasser unbedingt – das sind die ersten Assoziationen beim Wort Lesung. Die Einsamkeit des Dichters ist hinter dem Tisch zu spüren, oft auch die Einsamkeit in Form leerer Stuhlreihen davor, zumindest wenn Lyrik angesagt ist. Doch Lesungen sind im Aufwind. Das gesprochene Wort hat in den letzten Jahren mehr Gewicht bekommen. Der immer noch anhaltende Trend der Hörbücher zeigt es.
Der Klang der Stimme, der unmittelbare Kontakt zwischen Lesendem und Publikum setzt eine andere Wahrnehmung frei. Ein Gedicht zu hören und – das zeigt auch ein Experiment in meinen Lyrikkursen – beispielsweise darauf ein Antwortgedicht zu schreiben, lässt dieses viel emotionaler ausfallen, als wenn der Ausgangstext zuvor in einem Buch gelesen wird. Das Hören zieht uns in das Geschehen, während wir über das Sehen mehr Distanz aufbauen. Ein spannendes Kapitel der Philosophie ließe sich hier anschließen, in dem deutlich wird, wie sehr wir auf das Auge und seinen Blick ausgerichtet sind und dadurch unsere Weltsicht oder Weltanschauung ordnen.

Doch zurück zur Lesung. Autoren/ Autorinnen sind oft froh, überhaupt lesen zu dürfen, und verlieren darüber teils ihr Publikum aus dem Blick. Sich seiner Leserschaft bewusst zu werden, auch hier Zielgruppen wie bei beruflichen Erfolgsstrategien ausfindig zu machen und den Auftritt entsprechend auszurichten, ist ein wichtiger Faktor für die gelungene Veranstaltung. Neben der Frage, wen will ich ansprechen, ist aber auch das Wie zu klären. Stimmen die klassischen Rahmenbedingungen – siehe oben -, bietet sich eher eine Performance an, gar ein Event? Lesungen zu organisieren und zu gestalten, ist in der Vielfalt ein weites Feld. Wer hier Anregungen braucht, kann im Sammelband Auf kurze Distanz. Die Autorenlesung: O-Töne, Geschichten, Ideen fündig werden, den Thomas Böhm, Programmleiter im Literaturhaus Köln, herausgegeben hat. Dichter, Rezitatoren und Literaturveranstalter reflektieren in den diversen Beiträgen das Thema.
Damit sich die Lektüre gleich mit Anschaulichkeit verbindet, sind Sie zum Schluss zu einer ganz besonderen Dichterlesung eingeladen. Man muss wohl mit Loriot im Bunde sein, um lyrische Erhabenheit so vergnüglich zu inszenieren.

07.05.2008

Autoren im Selbstgespräch

Abgelegt unter: AutorInnen, Buchtitel, Veranstaltung / Sendung — Tags: — Michaela Didyk @ 08:40

Welche Fragen stellt ein Journalist einem Schriftsteller? Kann er ihn alles fragen? Wollen Schriftsteller vielleicht auf andere Fragen Auskunft geben als auf die gerade gestellten?
In seinen Interviews mit circa hundert Autorinnen und Autoren macht es sich Tobias Wenzel am Schluss eines Gesprächs zur Gewohnheit, den Spieß umzudrehen: Die Autoren befragen sich – gleichsam in offizieller Anrede – selbst.
“Warum sind Sie nicht unglücklich?”, “Sind Sie mit Ihrem Leben zufrieden?”, “Warum lernst Du nicht mal richtig Deutsch?” Ob Hans Magnus Enzensberger, Imre Kertész, Donna Leon, Paul Auster oder Umberto Eco – namhafte Literaten steigen bei Wenzels “Fragespiel” ein.
30 dieser “Selbstkundgebungen” sind bis zum 3. Juni jeden Abend in Fazit zu hören, der Kultursendung von Deutschlandradio: entweder gegen 23.05 Uhr (00.05 Uhr als Wiederholung im Deutschlandfunk) oder für einen begrenzten Zeitraum als Audio on Demand, wie hier die Auftaktsendung mit Hans Magnus Enzensberger bzw. Tobias Wenzel im Gespräch über sein Projekt.
Wer die Lektüre vorzieht, muss sich noch bis 16. Mai gedulden. Dann sind die – nun 77 – Selbstgespräche der Schriftsteller unter dem Titel Was ich mich immer schon fragen wollte nachzulesen. Die Schwarzweiß-Aufnahmen von Carolin Seeliger ergänzen Wenzels Radio- und Buchprojekt.

06.05.2008

Lyrik, die vom Himmel fällt

Abgelegt unter: AutorInnen, Buchtitel, Poetik — Tags: , , , — Michaela Didyk @ 20:48

Lyrik zwischen Inspiration und Handwerk – in seinem Interview in der Zeit (27.3.08) bestimmt Altmeister Peter Rühmkorf Einfälle und Aha-Erlebnisse als Ausgangspunkt eines Textes. Gedichte sind seines Erachtens nicht, wie Gottfried Benn im Anschluss an Stéphane Mallarmé formuliert, “aus Wörtern gemacht”, sondern ein “Gedicht besteht aus mehreren Grundeinfällen”: Halbsätze, flüchtig Notiertes, Beobachtungen, die Assoziationen auslösen und den poetischen Funken zünden, gehören in diesen Fundus. Was bei alledem direkt vom Himmel komme, so Rühmkorf, nämlich “die guten Zeilen, die herabregnen wie Sterntaler”, könne man in der Qualität sofort erkennen.
Heißt das, dass das alte Genie wieder aufersteht? Eher nein, denn auch bei Rühmkorf lässt sich die Wichtigkeit des Handwerks nicht leugnen. Das “Selbstgemachte” muss dem “vom Himmel Gefallenen” entsprechen. Genau darin besteht die Kunst, die – so Rühmkorfs vernichtendes Urteil – die meisten nicht beherrschen.
Es geht zunächst um Wörter. Die muss ein Dichter, eine Dichterin finden. Ein Stapel Lexika gehört daher unverzichtbar zur Grundausstattung eines Lyrikers: Mit dieser Empfehlung steht Rühmkorf nicht allein. Die dänische Lyrikerin Inger Christensen überwand eigener Aussage nach eine schwere Schreibkrise, indem sie Einzelbegriffe auf leeren Blättern zusammenfasste und in diesem intuitiven Tun zufällig das Wachstumsprinzip der Fibonacci-Reihen entdeckte. Ihr bekanntes Gedicht alphabet ist das Resultat. Auch Paul Celan zog wie kein anderer Dichter Wörterbücher und Fachlexika zu Rate.
Ohne Inspiration kein gelungenes Gedicht – aber auch keines ohne Können, Handwerk und Zuarbeit. Nur so entsteht jener Zauber, der sich bei Peter Rühmkorf oft mit Ironie verbindet – auch in seinem jüngsten Band Paradiesvogelschiß:

Ich zog die Wörter auf Zeilchen, / da schwebten sie locker ein Weilchen. (S. 84)